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Harper Lee und True Crime – Casey Caps „Grimme Stunden“

Im Jahr 1978 saß die amerikanische Schriftstellerin Harper Lee im Gerichtssaal von Alexander City, Alabama, um der Verhandlung gegen Robert Burns zu folgen. Er war angeklagt, Reverend Willie Maxwell erschossen zu haben. Über diesen Fall wollte Harper Lee ein Buch schreiben, eine True-Crime-Erzählung, die sich an die Fakten hält – als Gegenbeispiel zu „Kaltblütig“ von ihrem Kindheitsfreund Truman Capote, bei dessen Recherchen sie geholfen hatte. Aber „The Reverend“ wurde nie fertigstellt. In „Grimme Stunden“ erzählt nun Casey Cep von dem Maxwell-Fall und Harper Lees Arbeit an dem Buch.

Es ist offensichtlich, warum sich Lee für diesen Fall interessiert hat: Reverend Maxwell Williams wurde verdächtigt, fünf Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld ermordet zu haben. Aber ihm konnte nie eine Beteiligung nachgewiesen werden. Bei der Beerdigung seines letzten vermutlichen Opfers – seiner Stieftochter – wurde er von Robert Burns erschossen. Burns Verteidigung übernahm der Anwalt Tom Radney, der auch Maxwell mehrfach vertreten hatte: im Mordprozess wegen des Todes seiner ersten Ehefrau und bei zahlreichen Prozessen gegen Lebensversicherungen, die sich weigerten, Policen auszuzahlen.

In den ersten beiden Teilen von „Grimme Stunden“ rekonstruiert Cep den Fall und Prozess, erst im dritten Teil rückt Harper Lee in den Mittelpunkt. Cep nähert sich biografisch an, markiert aber auch die vielen Leerstellen hinsichtlich Lees Leben und vor allem Schreiben. Angeblich habe Lee jeden Tag geschrieben. Dennoch ist kein Buch von ihr erschienen. Cep führt mögliche Gründe an – Alkoholismus, Perfektionismus, Depressionen und Selbstzweifel –, legt sich aber klugerweise nicht fest.

Sehr deutlich wird indes, warum Harper Lee Schwierigkeiten mit „The Reverend“ hatte: Bis heute nicht bewiesen, dass Maxwell tatsächlich ein Mörder war und wie er es getan hat. Außerdem ist es letztlich die Geschichte zweier Schwarzer Männer in Alabama – der eine vermutlich ein Serienmörder, der andere tötet ihn –, die von demselben weißen Anwalt verteidigt werden, der bereits vorher von getöteten Schwarzen finanziell profitiert hat. Einen „Helden“ wie Atticus Finch gibt es hier nicht.

„Grimme Stunden“ versucht die Geschichte zu erzählen, die „The Reverend“ sein sollte. Dank der Offenlegung der Schwierigkeiten und Leerstellen ist es eine interessante Studie über die Arbeit an True-Crime-Geschichten – und ein einnehmendes Porträt von Harper Lee.

Casey Cep: Grimme Stunden. Sechs Morde, ein Prediger und Harper Lees letzter Roman. Übersetzt von Claudia Wenner. Ullstein 2021. 480 Seiten. 24 Euro.

Dies ist die Urfassung des Beitrags bei DLF Kultur. Mein Rezensionsgespräch lässt sich hier nachhören.

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