„Hinter der Tür“ – Ein Roman von Magda Szabó und ein Film von Istvan Szabó

(c) Suhrkamp

„Ich bin schuld an Emerencs Tod. Daran ändert auch nichts die Tatsache, daß ich sie nicht umbringen, sondern retten wollte“. Dieses Bekenntnis steht am Anfang des Romans „Hinter der Tür“ von der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó. Darin erzählt sie von ihrer schwierigen Beziehung zu der älteren Emerenc, die ihre Haushälterin und auch Freundin gewesen ist. Gerade erst wurde der Roman von Istvan Szabó mit Martina Gedeck und Helen Mirren verfilmt. Doch im Gegensatz zu dem Film zieht dieser Roman einen fast unmerklich in den Bann.

Fast 20 Jahre lang hat sich Emerenc um den Haushalt von Magda und ihrem Mann („die Herrschaft“) gekümmert. Sie ist eine eigensinnige Haushaltshilfe, die sich ihre Arbeitgeber selbst aussucht und nach ihren Regeln ihre Arbeit verrichtet. Im Verlauf der Jahre entsteht zwischen Magda und Emerenc ein ambivalentes Mutter-Tochter-Verhältnis, das eine Grenze kennt: die Tür von Emerencs Dienstwohnung. Dorthin hat sie bisher niemanden gelassen – und auch Magda erfährt erst zu einem späten Zeitpunkt, was Emerenc dahinter verbirgt.

Helen Mirren als Emerenc (c) Piffl Medien

In seinem Film drückt Istvan Szabó die verschiedenen Phasen der Freundschaft vor allem durch verschiedene Kameraeinstellungen aus, dennoch bleibt eine Distanz zu dem Geschehen auf der Leinwand erhalten. Im Gegensatz dazu ist in dem Roman alleine schon durch die Ich-Erzählsituation eine Nähe zu Magda gegeben. Sie erzählt die Geschichte als tagebuchartiges Bekenntnis, spart weder Reflexionen noch Gefühle aus. Diese Einblicke in ihre Emotionen stehen neben ihren Deutungen von Emerencs Verhalten, das dadurch nicht minder rätselhaft wird. Dennoch steht aber von vorneherein fest, dass es in dieser Geschichte keinen großen Clou geben wird, sondern lediglich einzelnen Episoden erzählt werden, die in Magdas Augen eine Bedeutung haben. Zwar behält Istvan Szabó den episodenhaften Charakter bei, aber er bricht die thematische Ordnung zugunsten einer Chronologie auf. Dadurch verlagert sich der Schwerpunkt: Der Film handelt nun nicht in erster Linie von Magdas schlechtem Gewissen, sondern von der schwierigen Beziehung der zwei Frauen. Dabei wird insbesondere der Schluss – an dem Emerenc nicht ihre Gruft bekommt, sondern Magda mit Evri Großmann das Grab besucht – deutlich abgeschwächt. Hier scheint es Emerenc zu sein, die noch aus dem Jenseits ihre Botschaft – den Wind – schickt. Im Buch wird ihr Tod hingegen letztlich zu einer Versöhnung.

Martina Gedeck als Magda (c) Piffl Medien

Interessant ist außerdem, welche Teile des Romans nicht Eingang in den Film gefunden haben. Dazu gehört ein Besuch Magdas und Emerencs an einem Filmset, an dem sich Emerenc über die Künstlichkeit der Illusion aufregt. Auch ihre Intelligenzfeindlichkeit wird in dem Film kaum deutlich. Dadurch werden aber die Gegensätze der Frauen abgeschwächt. Für Magda steht die Kunst, das Schöpferische über allem. Sie kann sich diesem nicht entziehen und ist deshalb auch keine praktische Frau. Nachdem sie fast zehn Jahre unterricht hat, widmet sie sich fortan ganz dem Schreiben. Darüber hinaus ist es als Schriftstellerin im Ungarn der 1960er Jahre ihre Aufgabe, den Staat zu repräsentieren. Für Emerenc hingegen spielen Staat oder Institutionen wie der Kirche keine Rolle. Sie hat ihre eigenen Definition von gut und böse, von richtig und falsch. In ihrem Leben sind Sauberkeit, Arbeit und Ordnung von Bedeutung. Deshalb wiegt der Verrat, den Magda begeht, auch so schwer: Magda hat es zugelassen, dass Emerenc in einem schmutzigen Zustand zu sehen ist. Darüber hinaus – so führt Eva Haldimann in dem sehr lesenswerten Nachwort zu dem Roman aus – lässt sie Emerenc nicht nach ihren eigenen Regeln sterben. „Hinter der Tür“ sei eine Trauerarbeit, in der sie diese „tragische Schuld“ verarbeite.

(c) Piffl Medien

Auch wenn das Buch nicht die Faszination und Zuneigung erklären kann, die diese Frauen aneinander fesselt, erlaubt es doch tiefe Einblicke und vor allem durch die Perspektive bedingt eine Bindung zu Magda. Dadurch entwickelt es fast unmerklich einen hypnotisierenden Sog – gerade auch für Leser, die den Film schon kennen.

Der Film läuft seit dem 5. April in den Kinos. Einen Überblick über die Spieltermine gibt es bei Piffl Medien Filmverleih.

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