Krimi-Kritik: „Schleierwolken“ von Regina Nössler

„Schleierwolken“ von Regina Nössler ist ein kleines, feines, gemeines Buch. Im Mittelpunkt steht Elisabeth Ebel, sie lebt in Berlin und arbeitet für ein Schreibbüro als Korrektorin. Eigentlich ist sie mit ihrem Leben auch ganz zufrieden, sie hatte in paar Beziehungen, kann aber auch ganz gut alleine sein. Ihre einzige Plage sind die Besuche bei ihrer 84-jährigen Mutter in Wattenscheid. Mittlerweile verwitwet, wäre es eigentlich an der Zeit, dass sie in ein Heim zieht. Aber Elisabeths Mutter weigert sich beharrlich, daher fährt ihre Tochter alle paar Wochen ins Ruhrgebiet – und sie hasst diese Fahrt, wenn die „Porta Westfalica auf der schlechten Seite, der rechten liegt. Dann ging es unaufhaltsam Richtung Westen und zwar nicht ins gelobte Land, sondern in die kleine Hölle.“

(c) konkursbuch Verlag

Doch dann kommt zu dieser bekannten Hölle eine weitere: Als sie in Berlin unterwegs ist, hat sie das Gefühl, dass sie verfolgt wird. Vielleicht weil sie einen Mord beobachtet hat. Vielleicht versucht aber auch jemand, sie zu ermorden, indem er sie vor den Bus schubst. Sie kann es nicht belegen, sie kann es nicht wirklich scharf fassen. Denn Elisabeth ist eine Meisterin des Verdrängens und Vergessens. Während sie sich aber nun mit diesem Gefühl des Verfolgtwerdens beschäftigt, drängen Erinnerungen hoch an damals, als sie noch in Wattenscheid lebte und immer eine Gartenlaube besuchte, obwohl die anderen Kinder dort sie gehänselt und gedemütigt haben. Immer wieder blendet die Erinnerungen ins Unscharfe, aber nach und nach kommen verschleierte Andeutungen hoch: sie hatte eine Affäre mit der Ehefrau eines Kunden, es gab einen „Zwischenfall“ als sie ihre Mutter gebadet hat, auch in ihrer Jugend ist etwas passiert, in dieser Gartenlaube.

Immer mehr zieht die Spannung an, dazu wird von Martin erzählt, einem Mann, der seit Monaten seine Wohnung nicht mehr verlassen hat. Nicht mehr verlassen kann, weil er Angst hat. Man ahnt, dass diese Geschichten irgendwie zusammenhängen – aber ich werde natürlich nicht verraten, ob und wie.

„Schleierwolken“ ist ein Buch, dass sehr nahegeht, weil es an eigene Erfahrungen anschließt. Genau das ist die Qualität von Regina Nössler, die man gerade in diesem oftmals lauten, brutalen, blutigen Thrillerwelten allzu leicht übersehen kann – und sie wird ja auch übersehen: Sie schreibt Psychothriller, die ganz leise daherkommen, scheinbar alltäglich und banal. Deshalb liest man in diesem Roman, der immer wieder auch in Berlin spielt, vom Mehringdamm, vom 140er Bus, von der Gneisenaustraße und all den bekannten Orten, die jemand, der in dieser Ecke lebt, allzu genau kennt. Man liest von einem unaufregenden Alltag, von Elisabeths Kolleginnen, einer Barbekanntschaft, gelegentlichen Selbstzweifeln. Doch in diesem Normalen, in diesen kleinen Beschreibungen des Alltags findet Regina Nössler kleine Abweichungen und einen Schrecken, der umso eindringlicher wird, weil man such in diesen Beschreibungen, in den durchaus gemeinen Gefühlen, den kleinen fiesen Gedanken, in den Situationen wiederfinden kann. Damit ist keine identifikatorische Lesart gemeint, denn man möchte sich überhaupt nicht mit Elisabeth identifizieren, man fiebert auch nicht mit ihr mit. Aber es gibt immer wieder diese Momente, in denen man sich ertappt fühlt, weil man etwas wiedererkennt.

Und das alles kommt aber so subtil, so unterschwellig daher, so gemein und fies, dass „Schleierwolken“ ungemein spannend zu lesen ist – und einen noch dazu tieftraurig macht. Denn letztlich steckt in dieser Geschichte auch eine Erzählung über psychische und physische Gewalt, über Außenseitertum und Verlorenheit.

Regina Nössler: Schleierwolken. konkursbuch Verlag 2017.

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