Geiselnahme auf hoher See: „Kapringen“ von Tobias Lindholm

(c) TrustNordisk

(c) TrustNordisk

Anscheinend sind zwei Filme über somalische Piraten den meisten Filmverleiher zu viel, daher startet Paul Greengrass’ „Captain Phillips“ hierzulande in den Kinos, während der eindringliche „Kapringen“ von dem dänischen Regisseur und Drehbuchautor („Jagten“) Tobias Lindholm leider nicht zu sehen ist. Das ist bedauerlich, da Tobias Lindholm eine psychologisch dichte und packende Geschichte über eine Geiselnahme auf hoher See erzählt, die weitaus näher an der Realität sein dürfte – und außerdem die Frage beantwortet, wie die Geschichte von Captain Phillips ausgegangen wäre, wenn er kein US-Amerikaner auf einem us-amerikanischen Schiff gewesen wäre.

Die Geiselnahme

Mikkel und ein somalischer Pirat (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

Mikkel und ein somalischer Pirat (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

Kein einziges Mal verlässt die Kamera von Magnus Nordenhof Jønck die zwei Handlungsorte des Films: das gekaperte Schiff und den Sitz der dänischen Reederei. Dadurch fehlen sämtliche Action-Elemente, das Kapern ist nicht zu sehen, auch die Abwehrversuche des Schiffes sind lediglich durch einen Ausdruck des Satellitenbildes zu erkennen. Vielmehr lernt der Zuschauer erst den Schiffskoch Mikkel Hartmann (Pilou Asbæk) durch eine Telefonat mit seiner Frau kennen, das er von der Schiffsbrücke aus führt, dann den CEO Peter C. Ludvigsen (Søren Malling), der im Hauptsitz der Reederei gerade eine Verhandlung für seine Firma erfolgreich zu Ende geführt hat und nun ein Interview gibt. Dann wird er von seinem Mitarbeiter Lars Vestergaard (Dar Salim) unterrichtet, dass ein Schiff vermutlich von Piraten gekapert wurde.

Die Verhandlungen

Peter bei den Verhandlungen (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

Peter bei den Verhandlungen (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

In der Folge wechseln die Sequenzen zwischen dem Schiff und der Konzernzentrale, so dass die Dynamik in dieser Beziehung sehr deutlich wird. Während die Piraten anfangs Schiffskoch Mikkel, den Kapitän (Keith Pearson) sowie Maschinisten Jan (Roland Møller) von den vier übrigen Besatzungsmitgliedern separieren, engagiert Peter den Berater Connor Julian (Gary Skjoldmose Porter, der diesen Job auch im wahren Leben macht) und richtet eine Verhandlungszentrale ein. Connors erster Rat ist es, einen Berater für die Verhandlungen zu engagieren, da jegliche Emotionen schädlich sein könnten. Doch der kontrollierte Peter lehnt ab, er will die Verhandlungen selbst führen, ja, er sieht es als seine Aufgabe an. Die Piraten haben hingegen den Verhandlungsführer Omar (Abdihakin Asgar) mit an Bord gebracht, der darauf besteht, nicht als Pirat gesehen zu werden.

Schleppend gehen die Verhandlungen voran, anfangs fordern die Piraten 20 Millionen Dollar, Peter bietet 250.000 Dollar. Geschickt nutzt Omardie zunehmende Verzweiflung der Besatzung sowie Mikkels Familie, um den Druck zu erhöhen. Pete hält diesen Manipulationsversuchen weitgehend stand, obwohl es ihm zusehends schlecht damit geht. Schließlich hätte seine Firma das Geld, das die Geiselnehmer fordern. Es geht lediglich darum, nicht zu schnell einzulenken, um die Forderungen nicht noch weiter in die Höhe zu treiben.

Klaustrophobische Spannung

Tobias Lindholm (c) Lærke Posselt/TrustNordisk

Tobias Lindholm (c) Lærke Posselt/TrustNordisk

Monatelang sitzen Mikkel, der Kapitän und Jan daher in der Kabine fest, während sich Peter immer mehr vor der Umwelt verschanzt. Er isoliert sich, wie die Gefangenen isoliert werden. Doch Zeit – so betont Connor – spielt für die Piraten keine Rolle, während sie im Westen umso wichtiger ist. Dabei macht Tobias Engholm durch die fast schon dokumentarische Bildsprache und Handkamera die klaustrophobische Anspannung während dieser andauernden Verhandlungen deutlich. Daneben zeigt Hauptdarsteller Pilou Asbæk eine beeindruckende Wandlung, die die psychischen Auswirkungen dieser Situation sehr deutlich macht. Er magert ab, sein Blick wird starr und er wird schließlich völlig apathisch. Das ist schmerzhaft mit anzusehen. Auch Peter leidet unter dem Druck, wird unbeherrscht – und mit kleinen Nuancen in Mimik und Gestik lässt Søren Malling erkennen, welche Veränderungen sein Charakter durchlebt.

Wenn dann nach erfolgter Einigung Musik erklingt, wird die Stille, die in diesem Film geherrscht hat, um so lauter. Wenn die Kamera schließlich am Ende des Films die Welt außerhalb des Gebäudes zeigt, wird erst klar, wie sehr man beim Zusehen ebenfalls gefangen war. „Kapringen“ ist ein sehr sehenswerter Film!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.