Die Entdeckung des Hugo Cabret – Brian Selznicks Buch und Martin Scorseses Film

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Kann ein Buch über den Zauber des Films besser sein als ein Film? Diese Frage habe ich mir beim Lesen von Brian Selznicks „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ oft gestellt. Fraglos ist Martin Scorseses Verfilmung dieses Jugendbuches eine Hommage an das Kino und insbesondere an die frühen Filme von George Mélies. Dabei nutzt Scorsese seine 3D-Bilder für wunderbare Einstellungen und zieht einen schönen Bogen von der Entstehung visueller Effekte am Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Aber schon in meiner Kritik für spielfilm.de habe ich vor allem einen Punkt bemängelt: Bei aller technischen Perfektion dieses schön anzusehenden Films fehlt ihm das Herz.

Brian Selznick (c) David Serlin

Nun habe ich – mit Kenntnis des Films – das Buch von Brian Selznick gelesen. Er erzählt im Grunde die gleiche Geschichte: Der Junge Hugo Cabret lebt am Anfang der 1930er Jahre im Pariser Bahnhof. Sein Vater starb bei einem Brand in einem Museum, danach hat ihn sein versoffener Onkel aufgenommen, ist selbst aber bald verschwunden. Deshalb ist Hugo nun auf sich gestellt. Er sorgt dafür, dass die Uhren im Bahnhof richtig gehen, damit niemand das Verschwinden seines Onkels bemerkt und ihn entdeckt. Hauptsächlich will Hugo aber einen Automatenmenschen reparieren, in dem er eine Botschaft von seinem verstorbenen Vater vermutet.

Das Besondere an dem Buch ist die Erzählweise: Immer wieder wird der Text durch die schwarzweißen und atmosphärisch dichten Zeichnungen unterbrochen, die die Handlung dann weiter erzählen und einen spannenden Sog erzeugen. Es ist diese berückende Verbindung aus Text und Bild, die dem Buch seinen Zauber verleiht und die Faszination für erzählende Bilder deutlich macht.

Vom Buch zum Film

(c) Paramount Pictures

Es hat mich sehr erstaunt, wie originalgetreu Martin Scorsese die Kulissen dieses Romans – den Bahnhof, die Uhr, den Blick auf das nächtliche Paris – umgesetzt hat. Jedes Uhrwerk wird präzise dargestellt. Und allein diese visuelle Adaption ist schon sehenswert. Der größte Unterschied zwischen Buch und Film besteht in der Ausweitung der Geschichte, die ausnahmsweise im Film geschieht. Brian Selznick konzentriert sich auf seine Hauptfigur Hugo Cabret, daher spielt Isabelle eine weniger zentrale Rolle als im Film. Und das wirkt sich wohltuend auf die Geschichte aus. Die Isabelle aus dem Buch hat eine besondere und wichtige Fähigkeit: Sie kann mit ihrer Haarnadel Türen öffnen. Insgesamt tritt sie aber weniger besserwisserisch auf, so dass in Brian Selznicks Geschichte der pädagogische Gestus nicht so offensichtlich ist wie in Scorseses Film.

(c) Paramount Pictures

Dazu trägt auch bei, im Buch deutlicher wird, warum Hugo daran glaubt, dass der Automat eine Botschaft seines Vaters für ihn beinhaltet. Sein Tod ist für ihn geheimnisvoller, außerdem war der Automat ebenfalls im Museum und nicht bei Hugo zu Hause. Dadurch war sein Vater bei seinem Tod mit ihm zusammenm, so dass es in der Fantasie eines zwölfjährigen Jungen recht logisch erscheint, dass ihm der Vater in dem Automaten etwas hinterlassen hat. Auch die Nebenhandlungsstränge um den Stationsvorsteher und die Blumenverkäufer gibt es im Buch nicht, dadurch wird die Geschichte wohltuend entschlackt und auch spannender. Es steht von Anfang fest, worauf sie hinauslaufen wird – während Scorseses Film keinen erzählerischen Höhepunkt hat.

Der Zauber des Films – bei Brian Selznick und Martin Scorsese

(c) Paramount Pictures

Insgesamt lässt das Buch dem Leser mehr Raum, um den Zauber der auch besser erzählten Geschichte und die Bilder zu genießen. Er hat mehr Freiheiten, dadurch entfaltet sich eine größere Wirkung. Scorseses Film nimmt hingegen schon fast selbstverständlich an, dass der Zuschauer die Faszination für den Film teilt. Hier ist Selznicks Geschichte zurückhaltender.

Aber eines ist bei beiden Werken identisch: Sie laden dazu ein, sich mit der Frühgeschichte des Films zu beschäftigen – auch wenn in Scorseses Version diese Einladung etwas deutlicher ausgesprochen wird.

Ein Gedanke zu „Die Entdeckung des Hugo Cabret – Brian Selznicks Buch und Martin Scorseses Film

  1. Mr. Rail

    Der Film steht noch aus… das Buch liebe ich, da es so erfreulich anders ist – und bald kommt Wunderlicht von Selznick… wieder eine Hommage an das frühe Kino an der Schwelle zum Tonfilm…

    Ein fundierter Vergleich, den du hier angestellt hast… es ist schön, dass Bücher Raum lassen – und manchmal ist es schön, dass dieser Raum durch einen Film gefüllt wird. 😉

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