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Im Kino gewesen. „Harry und Sally“ geguckt.

Als Teenagerin habe ich Filme geguckt, weil ich überzeugt war, dass ich mit ihnen die Welt und das Leben besser verstehen werde. Deshalb entstammen noch heute einige meiner Lebenseinsichten aus Filmen, die ich in jenen Jahren gesehen habe. Und eine sehr zentrale Rolle spielt „Harry und Sally“. Der englische Titel „When Harry Met Sally“ ist natürlich viel schöner. Aber ich habe den Film das erste Mal in deutscher Synchronisation gesehen. Und dann jahrelang mit einer Freundin am 23. Dezember – ebenfalls in der deutschen Fassung. Vielleicht sagen wir beide deshalb auch heute noch „verheiratet“ mit derselben Verachtung in der Stimme wie die Synchronsprecherin von Marie oder betonen gelegentlich „Extrateller sind wichtig“.

In jenen Jahren entstand auch der Harry-und-Sally-Test: Lernten wir jemanden kennen, fragten wir ihn nach seiner Lieblingsszene. Es gibt unzählige richtige Antworten – und eine falsche: die Orgasmusszene. Ja, sie ist lustig. Aber sie ist weder die lustigste noch die beste Szene des Films, lediglich die berühmteste. (Mein Mann hat den Test übrigens bestanden.)

Wegen „Harry und Sally“ ist für mich „It had to be you“ ein Weihnachtslied. Es ist der Film mit der schönsten Liebeserklärung der Kinogeschichte – und er mich geprägt, wie es vermutlich nur Filme können, die man in jüngeren Jahren zum exakt richtigen Zeitpunkt guckt. Aber: Ich habe den Film noch nie im Kino gesehen. Er war damals ab 16 Jahren freigegeben, davon war ich 1989 noch ein paar Jahre entfernt. Dann sah ich Ende 2025, dass einige der Yorck-Kinos ihn ins Programm genommen haben. Und die letzte Vorstellung habe ich erwischt.

Im Yorck-Kino (c) Sonja Hartl

Im Kino einen Film zu sehen, den ich so gut kenne, war ein faszinierendes Erlebnis – zumal ich ihn seit einigen Jahren nicht mehr geguckt habe. Mir sind andere Dinge noch viel bewusster aufgefallen: Er ist perfekt getimt – in der Narration, in den Dialogen. Die Besetzung ist hervorragend, nicht nur in den Hauptrollen: Marie hat gar nicht viel Bildschirmzeit, aber Carrie Fisher spielt sie mit so viele Wärme (und einem charmant-unwiderstehlichen Hauch Verzweiflung), dass ich genau wusste, warum Sally mit ihr befreundet ist.

Obwohl viel über Sex geredet wird, ist erstaunlich wenig zu sehen. Damals hat man sich im Film noch anders geküsst. Intimer. Obwohl – und möglicherweise klinge ich nun wie eine alte Frau– ich es sehr wohltuend fand, dass nicht jeder Kuss damit endete, dass sie die Beine um seinen Körper schlingt, sie sich gegen etwas lehnen und Sex haben.

Die Klamotten entsprechend erstaunlich den heutigen Trends, es werden auch sehr viele Wollpullover getragen. Und die Kamera bleibt sehr nahe bei den Hauptfiguren, bei ihren Gesichtern. Das ist mir im Kino erstmals richtig bewusst geworden: Wie häufig sie zu sehen sind und wie wenig tatsächlich von New York zu sehen ist, obwohl all die Orte des Films mittlerweile ikonisch sind. Und natürlich – nun klinge ich nochmal wie eine alte Frau – war es großartig, mal wieder einen Film zu sehen, der seine Geschichte in 90 Minuten erzählt. Mit einem perfekten Ende. Nicht nur wegen der Liebeserklärung: Nachdem Harry diesen dramatischen, schönen Moment geschaffen hat, diesen Ausnahmemoment, erwähnt er etwas total Banales über das Lied, das gerade läuft. Und so etwas macht man nur in guten Freundschaften. Oder in einer guten Beziehung.

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