Krimi-Kritik: „Lady Bag“ von Liza Cody

„Ihr denkt, ich kenne mich mit dem System nicht aus? Ich hab nicht immer so ausgesehen wie jetzt, wisst ihr. Ich bin nicht hier draußen geboren. Wenn ihr euch zu schnell ein Bild von mir macht, seid ihr genauso bigott wie dieser miese Vogel.“ Klare Worte von der Baglady, Hauptfigur und Ich-Erzählerin in Liza Codys großartigem Kriminalroman „Lady Bab“. Einst geboren als Angela May Sutherland, lebt sie seit einer Gefängnisstrafe mit ihrem geliebten Greyhound Elektra auf der Straße. Meist hat sie eine Flasche Roten dabei, bettelt und schlägt sich eben so durch. Gleich im ersten Kapitel begegnet sie dem Teufel, einem Mann namens Gram Atwood, der sie einst überzeugte, für ihn ins Gefängnis zu gehen. „Ja, ich war Hausbesitzerin und Angestellte einer Bausparkasse. Ich hatte eine Vertrauensposition inne, und genau das wurde mir zum Verhängnis – ich hatte so viele Erwartungen enttäuscht. Ich war noch viel schlimmer als ein Dieb: Ich war eine schlechte Frau. Es gibt nichts Schändlicheres.“ Nun sieht sie den Teufel wieder und noch dazu in Begleitung einer Frau – so wie sie einst begleitet hat. Deshalb folgt sie ihm, hört eine Adresse, die er einem Taxifahrer nennt und ist überzeugt, sie müsse die Frau warnen. Als sie sie jedoch nach einem Theaterabend anspricht, versteht die Frau nichts – und hier durchbricht erstmals die Erzählperspektive. Bisher erschien alles Geschehen in Anbetracht der Trunkenheit der Erzählerin mehr oder weniger klar, als sie nun aber versucht, mit der Frau an des Teufels Seite Kontakt aufzunehmen, hört diese nur Genuschel. Damit wird eindrucksvoll deutlich, in welchem Zustand sich die Baglady befindet, sie ist eine alkoholkranke Obdachlose, eine betrunkene Pennerin, die in der Gosse lebt – und zugleich eine betörende Ich-Erzählerin.

(c) Ariadne

(c) Ariadne

Nachdem ihr erster Versuch der Kontaktaufnahme gescheitert ist, muss sie andere Wege finden, also sucht sie die Adresse auf, stolpert über eine Leiche, wird zusammengeschlagen, lernt die hinreißende Transsexuelle Schmister kennen, überlebt nur knapp einen Brand und ist doch stets überzeugt davon, dass sie den Teufel nicht zur Strecke bringen kann. Dem Erzählfluss kann man sich ebenso schwer entziehen wie den Wahrheiten, die die Baglady zwischendurch äußert. So etwas wie „Hass ist Liebe mit Maden, die ihr bei lebendigen Leib das Fleisch von den Knochen fressen. Er ist umgestülpte Liebe, das Innerste nach außen gekehrt, so dass Eingeweide und Weichteile offen daliegen, leichte Beute für die Maden und den sauren Regen. Das habe ich im Gefängnis gelernt. Hübsch, oder?“ Oder etwas schlichter und prägnanter: „Hoffnung ist die große Blenderin.“

„Lady Bag“ verlässt sich stark auf die Persönlichkeit der Ich-Erzählerin und ihren berauschenden Stil. Dadurch reflektiert dieser Roman aber auch die heutige Gesellschaft. Hier gibt es zum einen das Leben einer Obdachlosen auf der Straße und das Verhalten der ‚anderen’ Menschen, die sie um Geld bittet, denn „die meisten Leute (sehen) nicht ein, warum sie einer Erwachsenen, die immerhin noch aufrecht gehen kann, überhaupt was geben sollen – weshalb sich die meisten von uns auf den Boden setzen, so dass wir klein und verletzlich wirken. Man sollte nie größer sein als die Leute, die man um Geld bittet.“ Angesichts der Obdachlosen, die man tagtäglich in den Straßen sieht, trifft diese Beobachtung zu. Aber die Baglady will kein Mitleid und sie ist auch nicht bemitleidenswert, sondern man leidet mit ihr – mit ihrem Kampf, ihren Wahrnehmungen und der Ignoranz, die ihr entgegengebracht wird. Zum anderen gibt es einen größeren Kontext, der ihr Verbrechen einordnet: „Also wurde ich gut in dem, was ich bei der Arbeit tat. Banken lieben emsige kleine Arbeitsbienen. Jedenfalls bis die Bienen sich auch mal am Honig bedienen. Eine Bank toleriert Diebstahl erst ab dem Rang des Direktors. Ja, wenn man ungestraft stehlen will, muss man in großem Stil stehlen. Ganze Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds abgreifen.“ Und auch diese Beobachtung ist schlichtweg wahr.

„Lady Bag“ war mein erster Roman von Liza Cody – und am liebsten würde ich nun alles andere von ihr lesen. Denn dies ist ein hinreißender Kriminalroman, der berührt, unterhält und nachdenklich stimmt.

Liza Cody: Lady Bag. Übersetzt von Else Laudan. Argument 2014. (Als eBook bei CulturBooks.)

Nachsatz: Ich begann „Lady Bag“ Mitte November, musste es dann aber beiseite legen, weil fünf Bücher mit Redaktionsschluss gelesen und rezensiert werden wollten. Ungefähr bei der Mitte machte ich daher eine Pause. Am ersten Adventssamstag ging ich dann durch Hannover und auf einmal fielen mir die vielen Obdachlosen mit Hunden auf. Sicher habe ich sie vorher auch wahrgenommen, aber es war vermutlich ein beiläufiges zur Kenntnis nehmen, so als gehörten sie zum Innenstadtbild. Doch nun sah ich sie tatsächlich. Wenn mich jemand fragt, was für mich ein gutes Buch ausmacht, antworte ich immer, dass es meine Wahrnehmung der Welt ein wenig verändert – und auf „Lady Bag“ trifft das voll und ganz zu.

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