„Glückskind“ von Steven Uhly

(c) Secession Verlag

Hans D. verlässt die Wohnung nur, um seinen Verlängerungsantrag für Hartz IV pünktlich zur Post zu bringen. Und wenn er sowieso schon einmal auf dem Weg ist, rafft er sich noch auf, wenigstens einige der vollen Müllsäcke aus seiner verwahrlosten Wohnung zu den Mülltonnen zu bringen. Dort macht er eine erschreckende Entdeckung: In den Mülltonnen liegt ein Säugling. Ein kleines Mädchen, das in den Müll geworfen wurde und das anscheinend niemand wollte. Sofort handelt Hans, holt das Kind aus der Mülltonne, wärmt es und bastelt notdürftig eine Flasche, damit es etwas trinken kann. Er fühlt sich dem Kind nahe. Schließlich ist er ebenso wenig gewollt wie das Baby.

Der Anfang von Steven Uhlys Roman klingt bedrückend, doch in „Glückskind“ erzählt er eine warme Geschichte über Einsamkeit, Verzweiflung und Veränderung. Hans D. beschließt, dass er sich um das Kind kümmern will – und spürt, dass es womöglich seine letzte Chance ist, sein Leben doch noch in den Griff zu bekommen. Er räumt seine Wohnung auf, wäscht sich und bekommt Kontakt zu seinen Nachbarn, die er notgedrungen einweiht. Auch der Kioskbesitzer von gegenüber und ein Kinderarzt wissen von dem Kind. Sie vereint die Sorge um Felicitas – so hat Hans das Mädchen genannt – und auch die Hoffnung, ihrem Leben eine Wendung zu geben. Doch dieses neue Glück hätte einen hohen Preis: Die Mutter des Kindes ist in Polizeigewahrsam, ihr wird die Tötung ihres Kindes vorgeworfen. Können sie unter diesen Umständen das Kind – und damit die Wahrheit – für sich behalten?

Steven Uhly (c) Michael Herdlein

Mit sehr viel Empathie erzählt Steven Uhly von den Entscheidungen, die wir treffen – und die manchmal in die falsche Richtung führen. Hans D. hat sein Leben an die Wand gefahren, seine Frau betrogen und seine eigenen Kinder aufgegeben. Seither schleppt er sich durch den Tag, und erst Felicitas offenbart ihm die Gelegenheit zu einem Neuanfang. Ohne moralischen Zeigefinger weist Steven Uhly auf die Angewiesenheit seiner Hauptfigur auf die Hilfe anderer hin – erst war es der Staat, nun seine Nachbarn. Jahrelang hat er sich aus der Welt zurückgezogen und aufgegeben, nun wagt er einen zweiten Versuch. Diese Erfahrung ermöglicht Hans D. auch, die Mutter des Kindes nicht einfach zu verurteilen. Er erahnt ihre Verzweiflung, die sie zu diesem schrecklichen Schritt geführt hat. Hier ermöglicht der Roman eine andere, eine neue Sicht auf die Dinge – und manche Leben.

Dank des feinen Gespürs für Situationskomik, dem leisem Humor und den Charakteren ist „Glückskind“ keine Erbauungsliteratur, sondern eine Sozialreportage aus der Gegenwart. Dieses Buch sagt viel aus über das Leben und die Einsamkeit. Lesenswert.

Eine kleine Bemerkung zum Schluss: „Glückskind“ ist nicht nur ein empfehlenswerter Gegenwartsroman, sondern auch ein außergewöhnlich gut ausgestattetes Buch. Alleine die Haptik des Einbands und des Papiers ist auffallend angenehm.

Steven Uhly: Glückskind. Secession Verlag 2012. Empfehlen kann ich auch seine Geheimdienstgroteske „Adams Fuge“, die spannend, witzig, unterhaltsam und angesichts der Meldungen um die Zwickauer Terrorzelle auch erschreckend aktuell ist.

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