Krimi-Kritik: „Falscher Ort, falsche Zeit“ von Walter Mosley

Alphonse Rinaldo schlägt niemand einen Wunsch ab. Er ist einer der einflussreichsten Menschen in New York, residiert an einem geheimen Ort und lenkt die Geschehnisse der Stadt. Doch nun bittet er den Privatdetektiv Leonid McGill um einen Gefallen: Er soll nach einem verschwundenen Mädchen zu suchen. Als er an dem erwähnten Ort auftaucht, stößt er mitten in eine Mordermittlung und sieht sich abermals mit New Yorker Polizisten konfrontiert, die ihn zu gerne hinter Gittern bringen würden. Das ist jedoch nicht der einzige Fall, mit dem sich Leonid McGill in „Falscher Ort, falsche Zeit“ auseinandersetzen muss: Er versucht außerdem noch, seinem ehemaligen Opfer Ron Sharkey zu helfen, dem eigentlich nicht zu helfen ist – und sein Lieblingssohn Twill will mit seinem leiblichen Sohn Dimitri einen Frauenhändlerring bekämpfen, der Dimitris Freundin Tatjana nicht gehen lassen will.

Kampf gegen die Vergangenheit und mit der Gegenwart

Im Grund genommen aber erzählt Walter Mosley in dem zweiten Band seiner Leonid-McGill-Reihe von dem Leben des Privatdetektivs, von seinen Versuchen, ein sauberes Leben in einer heruntergekommenen Welt zu führen. Erzogen von einem kommunistischen Vater sind Leonid und sein jüngere Bruder Nikita mit revolutionären Parolen aufgezogen worden und so schwer es Leonid auch fällt, seinem Vater zu verzeihen, dass er die Familie verlassen hat, desto mehr muss er anerkennen, dass dessen Lehren Nachwirkung zeigen. Auch Leonid McGill ist mittlerweile ein Kämpfer – für das Gute in einer heruntergekommenen Welt. Ungerechtigkeiten muss er dafür in Kauf nehmen, aber wie schon im ersten Teil beweist er große Nehmerqualitäten.

Oftmals stehen Ermittlernamen wie ein Etikett auf dem Buchcover, selten aber ist diese Zuspitzung auf den Protagonisten so passend wie bei Walter Mosleys McGill-Romanen. Hier geht es weniger um den eigentlichen Kriminalfall, dessen Entwicklungen und Auflösung an klassische hardboiled-Geschichten denken lassen, sondern um die Hauptfigur und deren Leben. Einst war Leonid McGill ein Privatdetektiv, der hauptsächlich für Verbrecher gearbeitet. Nun bemüht er sich um ein sauberes Leben, aber seiner Vergangenheit kann er nicht entkommen. Alte Bekannte bitten ihn um Hilfe, Erinnerungen quälen ihn. Und obwohl Leonid McGill seinem kommunistischen Vater nicht verzeihen kann, dass er die Familie verlassen hat, muss er anerkennen, dass dessen revolutionären Parolen Nachwirkungen zeigen. Und so ist Leonid McGill ein Kämpfer – für das Gute in einer heruntergekommenen Welt.

Gute und schlechte Einfälle

Die Komplexität der Hauptfigur und die literarischen Qualitäten des Autors machen „Falscher Ort, falsche Zeit“ zu einer spannenden Lektüre. Dabei ist nicht jeder Einfall gelungen: Die neue Affäre von McGills Geliebten Aura und manche Volte in der Familie sind bemüht, außerdem können auch nicht alle Nebenfiguren mit der Entwicklung der Hauptfigur Schritt halten. Dazu zählt vor allem McGills selbst ernannter Lieblingssohn Twill, der weiterhin lediglich durch seinen schlitzohrigen Charme und an Naivität grenzendem Selbstvertrauen besticht. Da sein Abgleiten in die Kriminalität als wiederkehrendes Merkmal der Serie geplant zu sein scheint, muss hier noch etwas mehr kommen. Vielversprechend sind agegen sind die Einfälle, dass Mardi Bitterman aus dem ersten Teil McGills Sekretärin wird und Computerspezialist Bug sein Herz entdeckt.

Insgesamt ist der zweite Teil der Leonid-McGill-Reihe von Walter Mosley dichter und rhythmischer als „Manhattan Karma“. Und zweifellos zählen diese Privatdetektivgeschichten zu den besten, die der Krimimarkt derzeit zu bieten hat.

Über die Reihe

Die Leonid-McGill-Reihe besteht aus „Manhattan Karma“, „Falscher Ort, falsche Zeit“ und „Bis dass der Tod uns scheidet“. In den USA ist bereits ein vierter Band erschienen.

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