Krimi-Kritik: „Aisha“ von Jesper Stein

(c) Kiepenheuer & Witsch

Nachdem es mit Vizekommissar Axel Steen in den vorherigen drei Romanen „Unruhe“, „Weißglut“ und „Bedrängnis“ konstant bergab ging, ist er – man mag es kaum glauben – zu Beginn von Jesper Steins „Aisha“ auf dem Weg der Besserung. Clean, in Therapie und erfüllt von dem Versuch, ein besserer Mensch zu werden. Er hält die Verabredungen mit seiner Tochter Emma ein, kontrolliert sein Temperament, versucht, kollegial zu sein und hat eine neue Freundin. Allerdings wartet nun seit erster Mordfall seit über einem Jahr auf ihn und der hat es gleich in sich: Ein ehemaliger Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET wurde gefoltert und getötet, Axel soll herausfinden, wer dahintersteckt, aber der PET ist nur vordergründig hilfsbereit. Und so stößt Axel bald auf einen Anti-Terroreinsatz, der vor einigen Jahren äußerst schiefgelaufen ist.

Jesper Stein hat sich in den vorherigen Bänden redlich bemüht, den kaputtesten aller kaputten skandinavischen Ermittler zu schaffen und verschafft seiner Hauptfigur – und auch dem Lesepublikum – mit „Aisha“ anfangs eine kleine Auszeit. Weiter bergab ging es kaum mehr, daher tut dieser Rehabilitierungsversuch sowohl der Glaubwürdigkeit seiner Figur als auch der Reihe gut. Zumal er allerhand Anlass zu einigen wohlgesetzten Spitzen gegen die Kultur des positiven Denkens und Selbstoptimierung gibt. Aber natürlich wird Axel Steen kein anderer Mensch und deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles wieder bergab geht – und leider ist es auch dieses Ende, an dem Jesper Stein dann wieder in allzu bekannte Muster verfällt.

Vorher liefert er, was er wirklich gut kann: Einen tiefen Einblick in die dänischen Sicherheitsorgane, in die unheilvolle Verstrickung von Polizei und Geheimdienst, in die Last von Geheimnissen. Aufgrund der Aufteilung der Kapitel, die in 2011 und 2007 spielen und sowohl von den gegenwärtigen Ermittlungen als auch dem zurückliegenden Terroreinsatz berichten, ahnt man sehr schnell, dass alles zusammenhängt. Es gibt aber auch noch die Perspektive seiner Tochter Emma, in der zunächst sehr deutlich wird, was Steens Leben für sein Kind bedeutet, bei der aber ebenfalls schnell zu ahnen ist, dass wieder einmal sein privates Umfeld von dem Fall betroffen ist. Dadurch wird die Last, die Steen zu tragen hat, natürlich noch größer – und ist am Ende dann doch alles wieder ein allzu vorhersehbarer Verlauf.

Außerdem ist allein der Titel schon ein, wenn man so will, Spoiler. Sicherlich heißt das Buch im Dänischen genauso, er nimmt aber stets vorweg, dass es da noch etwas geben muss. Und das ist eigentlich schade, denn die ersten zwei Drittel dieses Buches sind spannend und aufschlussreich.

Jesper Stein: Aisha. Übersetzt von Patrick Zöller. Kiepenheuer & Witsch 2018.

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