Keinen Sonntag ohne Krimi – Über die Stuttgart-Tatorte von Dietrich Brüggemann und Dominik Graf

Der Tatort. Das alte Lieblingskind, das alte Sorgenkind. Nachdem Axel Ranisch und David Wnendt im Frühjahr jeweils eine Tatort-Folge inszenierten, folgten nun Dietrich Brüggemann und Dominik Graf. Tatort-Neuling und Tatort-Altmeister sozusagen, die interessanterweise beide mit demselben Ermittlungsteam zu Werke gingen – den Stuttgarter Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) – und die als Folgen nacheinander ausgestrahlt wurden. Dabei könnten sie von Stimmung und Tonfall unterschiedlicher kaum sein, aber sie verbindet, dass hier endlich mal wieder zu erkennen, was und wie der Tatort sein kann.

Eine der schönsten Sequenzen von Stau steht am Anfang. Dort werden in einer Musiksequenz die wichtigsten Personen vorgestellt und durch das Lied charakterisiert, das gerade in ihrem Auto läuft. Der Angestellte, der von seinem Chef auf einen Botengang geschickt wird und die Nase voll hat, hört Metallica; der Vater, der seinen Sohn aus der Kita abgeholte, Fatboy Slim, das Ehepaar in Paartherapie Reality aus La Boum. Und Peter Lichts Wettentspannen läuft bei der genervten Mutter, die ihre anstrengend-überdrehte Tochter vom Ballett abgeholt hat und schon jenseits von entspannt bei gleichgültig angekommen scheint. Sie alle landen auf der Weinsteige, einer wichtigen Stuttgarter Ausfallstraße, im titelgebenden Stau. Dort muss sich aber auch der Fahrer befinden, der kurz vorher auf einer anderen Straße ein Mädchen angefahren und liegen gelassen hat. Deshalb macht sich Lannert auf den Weg in den Stau, um die Fahrer zu befragen, während Bootz versucht, von dem einzigen Zeugen – einen Dreijährigen – Hinweise zu bekommen und auf die Spurensicherung wartet.

© SWR/Alexander Kluge,

Im Stau entwickeln sich nun in den jeweiligen Autos auf begrenztem Raum kleine und größere Dramen des Alltags, sie sind fein beobachtet und inszeniert, mit elegantem Gespür und treffsicheren Pointen. Dabei ist die Folge grundsätzlich wie ein Agatha-Christie-Rätselkrimi angelegt: Es gibt zahlreiche Verdächtige, die sich allesamt an einem Ort befinden – und am Ende wird der Schuldige auch gefunden werden. Aber in Ordnung ist damit noch lange nichts – vielmehr sind zwei Familien zerstört.

Dominik Graf nimmt sich indes in Der rote Schatten anhand eines fiktiven Falls dem „Roten Herbst“ des Jahres 1977 an. In der Nacht vom 18. Oktober 1977 sind Andreas Baader, Gundrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stammheim gestorben – und hier werden nun die Möglichkeiten durchgespielt, ob es ein Selbstmord als Inszenierung oder ein als Selbstmord inszenierter Mord war. Ausgangspunkt ist dafür der Tod einer Frau, die in der Badewanne ertrunken sein soll, aber auf Drängen des Verfassungsschutzes wurden die Ermittlungen dazu eingestellt. Lannert und Bootz stoßen auf den Ex-Mann der Toten, der überzeugt ist, ihr neuer Freund Wilhelm Jordan (Hannes Jaennicke) habe sie ermordet – und sie entdecken einige Widersprüche. Also ermitteln sie weiter und stoßen schon bald darauf, dass Jordan offenbar in den 1970er Jahren als V-Mann für den Verfassungsschutz tätig war.

© SWR/Sabine Hackenberg

Mit Montagen aus dokumentarischem und fiktivem Material sowie Dialogen sorgt Dominik Graf sowohl für das nötige Hintergrundwissen als auch Tempo und inszeniert kein Gedenkfernsehen, sondern einen hochaktuellen Krimi, in dem alle Möglichkeiten der damaligen Ereignisse ebenfalls nachinszeniert sind. Denn noch heute stellt sich die Frage, wie sinnvoll der Einsatz von V-Leuten ist, ob der Staat mit seinen Feinden überhaupt gemeinsame Sache machen sollte – und wie hoch der Preis ist, denn er mit der Vertuschung von Straftaten bezahlen muss. Außerdem zeigen die verschiedenen nachinszenierten Passagen der damaligen Ereignisse sehr eindrucksvoll, dass es die Wahrheit nicht gibt, sondern auch in der Rückschau Geschichte immer noch zersplittert sein kann.

Gerade bei Tatorten wird ja oftmals die Originalität und die „Kinotauglichkeit“ einzelner Folgen herausgestellt, Dietrich Brüggemann und Dominik Graf gelingt indes etwas anderes: Sie nutzen das Format und seine Vorgaben für hochaktuelle, spannende und gesellschaftsrelevante Kriminalfilme. Für beide spielt der Handlungsort eine zentrale Rolle. Stuttgart hat massive Verkehrsprobleme, eben nicht nur S21, sondern auch Feinstaubbelastung, und übervolle Ausfallstraßen, die aber in dieser Autobauerstadt auf eine große Hingabe an die Autoindustrie treffen. Nun wird ein Stau zu einem Kammerspielort, an dem sich Menschen treffen, deren Leben von Mobilität bestimmt wird – vielleicht bisweilen schon zu schnell geworden sind – und nun verlangsamt werden. Dagegen braucht Dominik Graf Stuttgart allein schon wegen Stammheim, aber auch wegen der Verwicklung der damaligen Behörden in die Ereignisse – und das Trauma, das sie hinterlassen haben.

© SWR/Stephanie Schweigert

In Stuttgart treffen Brüggemann und Graf auf ein ideales Ermittlerteam. Lannert und Bootz ermitteln bereits seit 2008 in Stuttgart, dennoch lebt diese Reihe weit weniger von den Charakteren als bspw. die Münster-Tatort. Die Kommissare erweisen sich als ideale Hauptfiguren: Bei Brüggemann darf der sympathische Bootz ein wenig flirten, während Lannert stoisch im Stau ermittelt. Dabei wird Polizeiarbeit durchaus realistisch dargestellt: Bootz ist nebenbei noch mit anderen Ermittlungen beschäftigt, Lannert klopft immer wieder an Scheiben, fragt, ob er sich ins Auto setzen darf und wiederholt vor jeder Befragung mantraartig die Rede vom Anfangsverdacht. Bei Dominik Graf läuft dann Lannert zu Hochform auf: als desillusionierter, ehemaliger verdeckter Ermittler schaut er den Vertuschungen aus der Distanz aber mit Kennerblick zu. Und zugleich erweist er sich nicht nur als Zeitzeuge, sondern auch ehemaliger Sympathisant der RAF. Er war auch dieser Langhaarigen, dessen „Sehnsucht dann weggebombt“ wurde. Das würde man nur schwerlich einem anderen Tatort-Ermittler – selbst denen, die altersmäßig passen würden – abnehmen.

Deshalb zeigen diese beiden Beispiele, dass man manchmal gar nicht die große Revolution suchen muss, sondern sich vielmehr auf seine Tugenden besinnen sollte. Deshalb finde ich es sehr erfreulich, dass auch Dietrich Brüggemann zum Wiederholungstäter wird: Er dreht mit Ulrich Tukur den Murot-Tatort und ein weiterer Stuttgart-Fall ist in Planung. Weiterhin hat der Tatort nämlich einiges Potenzial, auch ohne gesuchten Skandale, auch ohne Provokationen ist innerhalb der Reihe noch viel möglich.

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