Ein Leben in Freiheit und Lüge – Über den Film „Himmelverbot“

Der Mörder ist gefasst und hinter Gittern gebracht. An dieser Stelle enden oft Filme. Oder sie steigen ein, wenn die Täter schon im Gefängnis sitzen und erzählen von dessen Knastalltag. Auch der Kontakt des Filmemachers Andrei Schwartz zu Gabriel begann auf diesem Weg: Für seinen Dokumentarfilm „Jailbirds – Geschlossene Gesellschaft“ besuchte Schwartz vor zehn Jahren das rumänische Hochsicherheitsgefängnis Rahova und begegnete während der Dreharbeiten Gabriel, einem zu lebenslanger Haft verurteiltem Mörder. Er hatte eine Frau und deren Ehemann in ihrer Wohnung erschossen. Aus Rache. Mit seinem Witz und seinen melancholischen Augen, seiner Geschichte voller Schatten und dunklem Humor verkörperte Gabriel damals Rumänen für ihn, gesteht der Filmemacher zu Anfang seines neuen Films und so bleiben sie über die Dreharbeiten hinaus in Verbindung. Dann erreicht ihn Gabriels Nachricht, dass nach dem Verbüßen von 20 Jahren Haft die Verhandlung über eine Freilassung auf Bewährung ansteht – eine Möglichkeit, die es erst seit Rumäniens EU-Beitritt 2007 gibt – und Andreis Anwesenheit mit Kamera dabei hilfreich könnte. Also reist Andrei Schwartz abermals nach Rumänen und begleitet Gabriel in „Himmelverbot“ bei seinem Weg zurück in die Freiheit.

(c) W-film / TAG/TRAUM Filmproduktion

(c) W-film / TAG/TRAUM Filmproduktion

„Himmelverbot“ erfüllt im Folgenden alle Erwartungen an einen Dokumentarfilm über die Rückkehr eines Mörders in die Freiheit. Es gibt ein tränenreiches Wiedersehen mit der Familie, erstes Erstaunen über eine Gesellschaft ohne Diktatur und einem Land in der EU. Doch es stellen sich auch Probleme ein. Gabriel findet keine Arbeit, ohnehin ist sein Leben in Rumänien von Arbeitslosigkeit und Armut geprägt. Außerdem hat er mit der Einsamkeit zu kämpfen – und der Erkenntnis, dass seine Familie nur teilweise zu ihm, dem verurteilten Mörder, Kontakt haben will. Findet er in seiner Mutter und seinem Bruder anfangs Unterstützter, zeigen andere Familienmitglieder ihre Ablehnung sehr deutlich. Auch seine Ex-Frau ist zwar einer erneuten Beziehung nicht abgeneigt, weigert sich aber anfangs, vor die Kamera zu treten, weil sie nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden wolle. Sie vertraue ihm nicht richtig, sagt Gabriel. Hier wird sehr deutlich, dass Gabriel auf das Leben außerhalb des Gefängnisses kaum vorbereitet ist. Es gibt keinen Bewährungshelfer, keine Einrichtungen, die ihm helfen können. Seine Mutter, sein Stiefvater und Bruder sind viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, befürchten bald, sie müssten ihn weiterhin durchschleppen. Mehr als einmal lässt Gabriel erkennen, dass er lieber im Gefängnis geblieben wäre, wenn er es vorher gewusst hätte.

Aber Himmelverbot ist auch ein Film über die Freundschaft eines Filmemachers zu seinem Protagonisten. Früh entscheidet Andrei Schwartz, sich selbst als Figur in seinen Film einzubringen. Seine Einschätzungen und Zweifel sind zu hören, er befragt Gabriel immer wieder zu seiner Wahrnehmung und insbesondere der Tat. Vor zehn Jahren hat Gabriel ihm erzählt, dass er eine Oberstaatsanwältin und ihren Mann getötet hat, weil sie ihn bei einer früheren Verhandlung als „lausigen Juden“ beschimpft hätte und nur aufgrund eines Verdachts für sechs Jahre hinter Gitter brachte. Doch Andrei ahnt, dass es nicht die ganze Geschichte ist, außerdem weicht Gabriel immer wieder aus. Schließlich erhält Andrei Einsicht in Gabriels Gerichtsakte – und dadurch wird die Freundschaft auf eine schwere Probe gestellt.

Gabriel im Zug (c) W-film / TAG/TRAUM Filmproduktion

Gabriel im Zug (c) W-film / TAG/TRAUM Filmproduktion

Die Enttäuschung über die Lüge, die Zweifel an Gabriel werden durch die Bilder und die ruhige Inszenierung übertragen, sie lassen erkennen, dass es hinter dieser Geschichte noch weitere gibt, die nicht zuletzt etwas über die Arbeit eines Filmemachers erzählen. Andrei hat niemals den Fehler begangen, Gabriel einzig als Opfer der Umstände zu sehen. Er hat ihm geholfen, ihm geglaubt, aber nicht die Widersprüche und Ambivalenzen übersehen und ist hartnäckig geblieben. Deshalb erforscht dieser gute Dokumentarfilm zu guter Letzt auch die Erfindung des Selbstbildes eines Mannes, der 21 Jahre im Gefängnis saß, und eines Fremdbildes, das bereitwillig vom Regisseur übernommen wurde, bis er endgültig zurück auf die andere Seite der Kamera wechselte.

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