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Filmnotizen 01

Die Zeit zwischen den Jahren habe ich genutzt, um endlich einige aktuelle Filme zu sehen, die ich unbedingt sehen wollte.

Sentimental Value (2025, Joachim Trier)

Im Jahr 2011 habe ich „Oslo, 31. August“ bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck gesehen und dann direkt Joachim Triers Debüt „Reprise“ nachgeholt. Seitdem habe ich alles gesehen, was er gemacht hat. Keiner seiner Filme hat mich jemals wieder so gepackt wie „Oslo, 31. August“. Das muss nicht zwangsläufig an den Filmen liegen, das kann einfach an mir liegen. Aber ich musste einige Male an „Oslo, 31. August“ denken, weil er dort auch von einem Selbstmord erzählt – aber aufgrund der Begrenzung erschien es mir dort viel stärker.

Vordergründig erzählt „Sentimental Value“ die Geschichte komplizierter Vater-Töchter-Beziehungen, viel stärker fand ich indes die Andeutung der Rolle eines transgenerationalen Traumas, die sich von der Großmutter auf den Vater wenigstens auf die eine Tochter übertragen. Es geht um Verletzungen, psychische und emotionale Ausnahmesituationen, immer aber mit einer gewissen Leichtigkeit. Bei wenigen Filmemachern liegt die Melancholie so nah an der Komik.

Ich mag diese Stimmung, diesen leicht mäandernden Stil, der immer auch Kunst an sich verhandelt. Und sogar die nicht sonderlich originelle Metapher eines Hauses, das für eine Familie steht, bekommt am Ende einen schönen Dreh: Denn das Haus ist anfangs viel schöner, als es noch all seine Macken und Risse hat. Am Ende ist lediglich eine austauschbare Immobilie im Skandinavien-Chic. Für die Familie aber ist es ein Schritt noch vorne.

Wie immer ist der Soundtrack großartig. Die Besetzung mit Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas und Stellan Skarsgård ist großartig. Und ich bin mal gespannt, ob Reinsve den Alicia-Vikander-Weg geht oder doch in Europa bleibt, um Filme zu drehen.

One Battle After Another (2025, Paul Thomas Anderson)

Ein Film, eine Show – hier ist alles mit großer Geste inszeniert: Vom Anfang, bei dem Abschiedecamp unterlegt mit expressiver Musik (ohnehin großartig, der Soundtrack von Jonny Greenwood) in die Luft gesprengt wird, bis zur großen finalen Steve-McQuuen-Western-Verfolgungsjagd über kurve, steile, schwindelerregende Straßen. So flirrend heiß inszeniert, dass sich mein Mann, der meinen Hang zur Übelkeit beim Autofahren kennt, hinterher erkundigte, ob mir schlecht geworden sei.

Paul Thomas Anderson gelingt es, Thomas Pynchons „Vineland“ aus den 1990er gut in die Gegenwart zu übertragen, so dass ich am Ende das paradoxe Gefühl, dass der Film einerseits auf Widerstand hoffen lässt – und es ist zweifellos inspirierend zu sehen, dass Menschen zu kämpfen bereit sind, – aber dann doch die Aussichtslosigkeit zeigt. Denn letztlich hat der Staat gewonnen, haben die white supremacist gewonnen, auch wenn ein einzelner Schurke nicht mehr lebt.

Anders als die gewollt-konzentrierte Eleganz von „Phantom Thread“ setzt Paul Thomas Anderson hier auf Übertreibung. Das funktionierte oft, hinterließ bei der Hypersexualisierung von Perfidia (großartig: Teyana Taylor) aber einen schalen Nachgeschmack – auch wenn Sean Penns comic-hafte ausgestellte Hypermaskulinität natürlich als Gegenstück zu der Hypersexualität gesehen werden – mehr als einmal kam mir Popeye in den Sinn – kann. Diese grotesken Überzeichnungen sind alle gewollt – aber ich weiß nicht, ob sie dem Film wirklich helfen oder ihm eher im Weg stehen.

Sinners (2025, Ryan Coogler)

Vorweg: Ich habe es weder mit Horror noch mit Zombies oder Vampiren. Aber Filme wie „Get out“ oder Romane wie der grandiose „Die Bäume“ von Percival Everett haben bereits bewiesen, wie kraftvoll, grausam und wahrhaftig mit diesen popkulturellen Mitteln vom Rassismus erzählt werden kann. Und Ryan Cooglers „Sinners“ ist in diesem Sinne fast wie die Popcorn-Variante von „Die Bäume“.

Sicherlich darf man über manches bei diesem Film nicht allzu lange nachdenken – aber im Moment des Sehens funktioniert er als sehr unterhaltsamer, oftmals sehr gemeiner Kommentar auf die Südstaaten in den 1930er Jahren.

Dazu auch hier: Großartiger Soundtrack.

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