Women in Crime: „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi

(c) Unionsverlag

„Dies ist die Geschichte von Bella, die eines Morgens beim Erwachen merkte, daß sie es satt hatte.“ Ein Satz brauchte „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und schon hatte mich das Buch. Ein Satz, er mag schlicht erscheinen, aber er trifft das genau das Gefühl, dass ich an manchen Morgen habe. Und hier geht es nicht um eine identifikatorische Lesart, hier geht es darum, dass mit diesem Satz ein Buch anfängt, das stark, provokativ und kompromisslos das Leben einer Frau in der Gesellschaft einfangen wird. Eine Gesellschaft, die sie ständig sexualisiert und bewertet, eine Gesellschaft, in der sie verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt ist. Deshalb ist der Titel auch eine fiese Abwandlung dessen, was er verspricht: Ein ‚schmutziges Wochenende’ meint für viele zwei Tage voller Sex. Hier aber umfasst es 48 Stunden, in denen sich eine Frau gegen die Gewalt zur Wehr setzt, die ihr angetan wird.

Anfangs will Bella einfach nur ihre Ruhe haben. Sie hat sich in eine Kellerwohnung in Brighton zurückgezogen, will nicht gesehen, nicht wahrgenommen werden, am liebsten will sie verschwinden, nicht mehr gesehen werden. Aber dann bemerkt sie, dass die beobachtet wird. Also zieht sie die Vorhänge zu. Aber der Mann hört nicht auf damit, erst ruft er sie dann, dann spricht er sie auf der Straße an. Er bedroht und beschimpft sie, sie sei eine Schlampe und würde bekommen, was sie verdiene. Säure über ihren Körper zum Beispiel, nachdem er sie vergewaltigt hat. Und dann kommt der Morgen, an dem Bella es satthat – sie begehrt auf. Sie sucht einen Wahrsager auf und der ihr sagt, dass es im Leben drei Möglichkeiten gibt: man könne Opfer, Täter und Beobachter sein. Bella will am liebsten Beobachterin sein, aber das geht nicht mehr, weil der Mann sie bereits entdeckt hat. Nun hat sie nur noch die Wahl zwischen Opfer und Täter, also schreitet Bella zur Tat.

Helen Zahavi (c) Unionsverlag

Der Mann von gegenüber ist ihr erstes Opfer – es werden weitere folgen. Dabei werden Bellas grausamen Taten mit derselben Direktheit und brutalem Witz geschildert, mit der ihre Raserei und Wut erzählt. Und diese Wut ist sehr nah an den Erfahrungen jeder Frau gelagert: „Was Bella sich wünscht, kann sie nicht haben. Sie wünscht sich offene Fenster in Sommernächten. Einsame Spaziergänge am Strand. Keine Angst bei der Panne auf der Autobahn. Keine Angst vor der Dunkelheit. Keine Angst vor der Meute. Keine Anmache auf der Straße. Keine verstohlenen Berührungen in der Untergrundbahn. Ihnen nicht mehr das Ego massieren zu müssen aus Angst vor der Faust im Gesicht, der gebrochenen Nase, dem Blut und dem Rotz, die einem in den Mund rinnen. Bella ist frei geboren und ist überall in Ketten.“ Auf jeder Seite in diesem Buch werden die Machtverhältnisse deutlich: Bella ist den Männern körperlich unterlegen, so wie fast alle Frauen ihnen körperlich unterlegen sind. „Er fürchtete ihren Spott. Sie fürchtete seine Wut. Sie könnte ihn womöglich auslachen. Er könnte sie womöglich umbringen.“

Aber „Schmutziges Wochenende“ ist nur ein zorniges Buch, es ist auch zutiefst komisch – in der Darstellung der Gewalt und der Wut, in den Beobachtungen, dass die meisten Frauen ihr eigenes Blut nicht sehen könnten. Es ist diese Verbindung aus Komik, Wut und Gewalt, die aus dem Buch bei Erscheinen 1991 ein Skandal werden ließen – und es ist auch genau diese Mischung, die es heute zu einer unfassbar zufriedenstellenden Lektüre macht. So viel Wut würde ich mir jedenfalls von manchen AutorInnen wünschen.

Helen Zahavi: Schmutziges Wochenende. Übersetzt von Mechthild Sandberg-Ciletti. metro im Unionsverlag. 2001. (Dirty Weekend, 1991)

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Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer neuen Reihe in meinem Blog, in der ich mich mit fast vergessenen feministischen Krimiautorinnen befasse – in der zutiefst idealistischen Hoffnung, sie dadurch wieder präsenter zu machen.

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