Über „Sleeping Beauties“ von Stephen und Owen King

Ein Buch wie eine überlange Netflix-Serie: In „Sleeping Beauties“ erzählen Stephen und Owen King von dem Ort Dooling in den Appalachen in den USA, der – wie der Rest der Welt – von einem seltsamen Phänomen heimgesucht wird: Sobald Frauen einschlafen, werden sie von einem Kokon umhüllt. Sie atmen weiter, sie schlafen weiter. Falls man aber versucht, den Kokon zu entfernen, werden sie zu Furien, die töten. Nur eine Frau scheint gegen diese Seuche, die bald „Aurora“ genannt wird, immun zu sein: Evie Black, die kurz zuvor in Dooling aufgetaucht ist.

(c) Heyne

Die Handlung entwickelt sich langsam, sehr vieles wird bis ins kleinste Detail, gerne auch mit Wiederholungen, beschrieben, dazu gibt es eine Vielzahl von Personen, damit auch jeder mögliche Aspekt dieser Geschichte beleuchtet werden kann. Dabei scheint hinter diesem Buch eine durchaus lobenswerte Absicht zu stecken: Es erzählt von der Gewalt und den Benachteiligungen, denen Frauen ausgesetzt sind, und zwar jede Frau, wenngleich in verschiedenen Ausmaßen und Graden. Das wird auch sorgsam behandelt, schließlich gibt es praktischerweise in Dooling ein Frauengefängnis, das eine Vielzahl von Frauenfiguren und – schicksalen bereitstellt: Also gibt die Drogensüchtige, die ihren Partner erstach, die Meth-Prostituierte, die von ihrem Cousin sexuell missbraucht wurde, süchtig wurde und sich weiter von ihm misshandeln lässt. Es gibt die geschlagene Ehefrau, die frustrierte Ehefrau, die ihren Mann verlassen hat, bevor er gegen sie und nicht mehr nur gegen Gegenstände gewalttätig wird. Es gibt aber den Sheriff, eine toughe Frau, die glaubt, ihr Mann habe ein Kind mit einer anderen und erkennt, dass in ihrem Leben vielleicht doch nicht alles gut. Und die Gefängnisdirektorin, deren Tochter als erfolgreiche Reporterin arbeitet, sich dafür aber hat das Gesicht operieren lassen. Das Problem hier ist nur, dass gerade die Gefängnisinsassinnen weitgehend Beispiele bleiben; nur wenige werden zu Charakteren, die sich entwickeln – und noch dazu (Achtung: Spoiler!) sind die Probleme und Traumatisierungen der Frauen beseitigt, sobald sie in der anderen Welt aufwachen, in die gelangen, sobald sie eingeschlafen sind. Ohne Männer ist also alles in Ordnung, alles vergessen – und das ist dann doch zu simpel gedacht.

Parallel zu dem Verschwinden der Frauen sind auch die Männer immer mehr sich selbst überlassen und es treten bei ihnen immer primitivere Instinkte zutage – und schließlich entbrennt ein Krieg, als sich herausstellt, dass es einen Weg gibt, die Seuche zu beenden und Frauen aufwachen zu lassen. Die eine Seite glaubt, aus Evie ein Elixier gewinnen zu können, aber die andere Seite weiß, dass Evie überleben muss, obwohl ein Mob Männer sie ermorden will. Auch das ist in Zeiten, in denen das Wort „Hexenjagd“ gebraucht wird, ohne dessen historische Implikationen auch nur im Ansatz zu bedenken, natürlich ein gesellschaftskritischer Kommentar. Jedoch ist es am Ende dann eben doch wieder so, dass die Männer eine Frau retten müssen, dass Männer die Kämpfer und Frauen die Mütter und Heilerinnen sind, dass sie diejenige sind, die Gutes tun. Und aus einer Krise gehen natürlich auch alle als bessere Menschen hervor.

„Sleeping Beauties“ ist ein daher Gesellschaftsroman mit ein wenig Horror und Mystery, allein, es fehlt ihm die Dringlichkeit. Es ist einfach alles viel zu auserzählt, zu sehr auf Absicht hin geschrieben, so dass man über weite Strecken das Gefühl hat, hier trifft „Orange is the new black“ auf „Stranger Things“. Zudem greift es zu kurz, die Handlung allein auf die USA zu beschränken. Am Ende müssen sich die Frauen entscheiden, ob sie in die Welt zurückkehren wollen – und hier entscheiden die amerikanischen Frauen in Dooling für den Rest der Welt, ohne dass die Folgen für Frauen im Rest der Welt auch nur im Ansatz mitbedacht wurden. Was wäre wohl, wenn sie die Chance auf einen Neuanfang bekämen?

Stephen King/Owen King: Sleeping Beauties. Übersetzt von Bernhard Kleinschmidt. Heyne 2017.

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