Schlagwort-Archiv: Zoe Beck

Buchpremiere „Berlin Noir“

Eigentlich gehe ich recht selten zu Lesungen, alleine schon, weil ich mir nicht so gerne vorlesen lasse. Aber gestern war ich dann doch bei der Buchpremiere von „Berlin Noir“, einer Kurzgeschichtensammlung, die verbindet, dass sie alle einen tinge of noir haben und in Berlin spielen. „Berlin Noir“ ist Teil der Anthologie von Akashic Books, die Noir-Erzählungen von Städten versammeln. Im vorigen Jahr ist hier in deutscher Übersetzung auch schon „Paris Noir“ erschienen.

Gestern nun versammelten sich also zwölf der 13 Autor*innen im Kreuberger Wasserturm, lasen jeweils einen kurzen Ausschnitt aus ihrer Geschichte und beantworteten Fragen von Herausgeber (und Moderator des Abends) Thomas Wörtche. Und das war ein sehr abwechslungsreicher Abend mit Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger und Miron Zownir – wenngleich meine Fotos von gestern das nicht unbedingt ausdrücken:

Auch das Buch verspricht bisher abwechslungsreiche Lektüre – sechs der 13 Geschichten habe ich schon gelesen.

Thomas Wörtche (Hrsg.): Berlin Noir. Culturbooks 2018. 15 Euro.

Krimi-Kritik: „Schwarzblende“ von Zoë Beck

Manchmal ist Kriminalliteratur sehr nah an der Wirklichkeit. Als Zoë Beck ihren Roman „Schwarzblende“ geschrieben hat, waren die Anschläge in Paris noch nicht geschehen. Und doch stellt sie die Frage, die seither viele beschäftigt: Was passiert mit einer westeuropäischen Gesellschaft, wenn der Terror auf einmal vor der eigenen Haustür stattfindet?

(c) Heyne

(c) Heyne

Eigentlich wollte Dokumentarfilmer Niall nur Recherchen für einen Film über die unterirdischen Flüsse Londons betreiben, als ihm auf einer Brücke zwei Männer mit Macheten auffallen. „Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen.“ Niall kann kaum glauben, was er sieht – und da es anscheinend niemandem anders auffällt, zweifelt er schon an seiner Wahrnehmung. Also geht er den jungen Männern hinterher, filmt sie und verfolgt sie bis in einen Park. Gerade als er glaubt, alles sei ganz harmlos und weggehen will, hört er Angstschreie. Niall sieht – und filmt – wie beiden Männer einen anderen jungen Mann mit der Machete malträtieren, schließlich auf ihn einhacken. Sie nehmen es bewusst in Kauf, dass Niall sie dabei filmt, sie sprechen sogar mit ihm und bekennen sich in seinem Film als Angehörige des Islamischen Staats. Schließlich kommen Sicherheitskräfte zum Tatort, überwältigen die beiden Attentäter und Niall. Es dauert über 24 Stunden, bis er wieder frei gelassen wird. In dieser Zeit hat er nicht nur erlebt, wie England Terrorverdächtige behandelt, sondern sein Video hat sich längst im Internet verbreitet. Er kommt zu seinen 15 Minuten Ruhm – und erhält das Angebot, einen Dokumentarfilm über die Attentäter zu drehen. Und bei seinen Recherchen stößt Niall auf unangenehme und gefährliche Wahrheiten.

Gleich drei Themen widmet sich Zoë Beck in ihrem Kriminalroman: den innenpolitischen Folgen der Angst vor dem Terror und den Fragen, wie aus Engländern Islamisten werden bzw. welche Verantwortung ein Einzelner trägt. Dabei findet sie überzeugende Szenarien, in denen die Wirkung von Frustrationen, Desillusionierungen und Angst bis hin zur bloßen Machtgier spürbar werden. Aber sie macht es sich niemals zu einfach: Nicht alle Polizisten in diesem Roman sind böse, nicht alle Medienleute gierig nach Schlagzeilen, nicht alle Gläubige verblendete Radikale. Vielmehr zeigt sie sehr eindringlich, wie schwierig es gerade für die gemäßigten Gläubigen ist, zu ihrer Religion zu stehen, aber beständig Ablehnungen ausgesetzt zu sein; wie schwierig es ist, über die Vergewaltigungen von englischen Mädchen durch pakistanische Männer zu berichten, ohne dass Hass zu schüren oder die Vorfälle zu ignorieren; und wie schwierig es ist, das Richtige zu tun, wenn man selbst von Angst erfüllt ist. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Brixton Hill“ von Zoë Beck

Gerade noch hat Eventmanagerin Em mit ihrer Kollegin und Freundin Kimmy Rasmussen ein Gespräch in deren Büro geführt, nun liegt diese tot auf dem Fußweg. Nachdem sich Rauch in der Büroetage gebildet hatte, glaubte Kimmy, das einzig richtige zu tun und sprang aus dem 15. Stock. Weder Em noch ihre Mitarbeiter konnten sie daran hindern. Dann wird Em verhaftet: Sie soll die Gebäudetechnik manipuliert und die Katastrophe ausgelöst haben. Damit beginnt für sie ein lebensbedrohlicher Kampf um ihre Unschuld, in dem sie auf Immobilienspekulanten, Hacker und ihre eigene Familie trifft.

Gentrifizierung als Thema im Kriminalroman

(c) Rotbuch

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(c) btb

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Ems Nachforschungen konfrontieren sie mit hässlichen Wahrheiten über ihre Familie und das dreckige Geschäft mit Immobilien, das sich in London sowohl an dem ersten Tatort Canary Wharf als auch im titelgebenden „Brixton Hill“ zeigt: überteuerte Bürogebäude werden ohne Rücksicht auf die Umwelt hochgezogen, alteingesessene Bewohner werden vertrieben, damit wohlhabende Möchtegern-Hipster in einem ‚alternativen‘ Umfeld wohnen können.Auch in den neuen Romanen von Rob Alef („Immer schön gierig bleiben“) und Ulrich Ritzel („Trotzkis Narr“) ist Gentrifizierung der Hintergrund des Krimi-Plots. Die Fälle sind indes grundverschieden: Bei Alef ermittelt sein Kommissar Paschulke in dem Mord an einer Immobilienmaklerin, bei Ritzel stößt Privatdetektiv Hans Berndorf bei der Untersuchung einer Beschattung auf einen Bestechungsskandal und bei Zoë Beck gerät nun eine Eventmanagerin unschuldig unter Mordverdacht.Die Ermittlungen in allen drei Büchern führen in die Aktivisten-Szene – und bei Beck und Ritzel zum Linksterrorismus der 1970er Jahre. Weiterlesen