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Schächte, „Alphaville“ und schlafende Kriegerinnen – Heinrich Steinfest und der Film, Teil VI

Von „A.I. – Künstliche Intelligenz“ und „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ über „Galaxy Quest“ und „Alien 1-4“ bis hin zu Fernsehserien wie „Star Trek“ oder „Raumschiff Orion“ zitiert Heinrich Steinfest in seinem Roman „Wo die Löwen weinen“ vor allem Science Fiction. Aber schon in meinen ersten beiden Beiträgen ist deutlich geworden, dass die Funktion dieser Referenzen meist über ein Motto oder Zitat hinausgehen. Ein gutes Beispiel ist hierfür meines Erachtens „Galaxy Quest“.

Galaxy Quest (c) Kinowelt Home Entertainment

Die Science-Fiction-Komödie liefert nämlich nicht nur die prominent und passend zitierte Aussage „Schächte, immer sind es Schächte“, sondern auch eine Pointe bei der Betrachtung der Pläne für den Bahnhofsumbau. Als der Archäologe Mach die Modelle für Stuttgart 21 sieht, fühlt er sich in eine Serie wie „Raumschiff Enterprise“ oder „Orion“ zurückversetzt. In „Galaxy Quest“ geht es nun gerade darum, dass eine Fernsehserie für die Wirklichkeit, ja, für ein historisches Dokument gehalten wird. Vielleicht sind die Macher von Stuttgart 21 also auch der Versuchung erlegen, fiktionale Möglichkeiten als realistisch zu sehen? Denn anscheinend wollen sie „alles und jeden durch eine Computeranimation“ ersetzen – womit darüber hinaus erneut die Vision von „A.I.“ angesprochen wäre. Bevor ich mich nun aber weiter mit den Anspielungen beschäftige, sei erneut die Warnung wiederholt: Ich werde auf wichtige Teile der Handlung inklusive des Endes des Romans eingehen. Wer Steinfests „Wo die Löwen weinen“ also noch nicht kennt, sollte das Buch besser vorher lesen!

(c) Kinowelt Home

Wird aus Stuttgart „Alphaville“?
Der Roman ist sehr filmisch in drei Teile, einen Vor- sowie Abspann eingeteilt. Jedem Teil sind mehrere Zitate als Motto vorangestellt, die – wie das oben zitierte „Schächte …“ – die Handlung pointieren, aber auch konnotieren. Der zweite Teil des Romans wird unter anderem mit einem Zitat aus Jean-Luc Godards Science-Fiction-Film „Alphaville“ aus dem Jahre 1965 eingeleitet. In dem Film sucht der Geheimagent Lemmy Caution die futuristische Stadt Alphaville auf, die von einem Computersystem namens Alpha 60 gesteuert wird. Als oberstes Prinzip regiert in Alphaville die Logik, Emotionen und Poesie sind hingegen verboten. Wer gegen die Regeln verstößt, wird eliminiert. Nun trifft mit Lemmy Caution ein Agent aus den kapitalistischen und noch freien Außenbezirken in dieser kalten Stadt ein und sorgt mit seinem regellosen Verhalten für Unruhe – er bringt Liebe und Durcheinander in die Stadt.

Geheimagent Lemmy Caution (c) Kinowelt Home

In „Wo die Löwen weinen“ kehrt Kommissar Rosenblüt aus München in seine Heimat Stuttgart zurück und steigt in dem Hotel am Schlossgarten ab, das zwischen dem Oberen Schlossgarten und der Königsstraße, in der Nähe des Planetariums gelegen ist. In diesem Hotel wird er mit dem Satz „Mir geht es ausgezeichnet, danke, bitte!“ begrüßt – ebenso wie Lemmy Caution in seinem Hotel in Alphaville. Beide erhalten das Zimmer mit der Nummer 344. Und fraglos bringt auch Kommissar Rosenblüt Unruhe nach Stuttgart – wenngleich auch keine Liebe. Obwohl er mit Teska Landau eine an Lemmy Cautions Geliebte Natascha dank der traurigen Augen erinnernde mögliche Liebschaft an seiner Seite hätte. Stuttgart könnte also auf dem Weg sein, ein zweites Alphaville zu werden – wenn das S 21-Projekt nicht jeglichen Regeln der Logik widerspräche.

Francis Ford Coppola und „Der Pate“ oder: Abtrünnige und der Oberbürgermeister
Das Hotel kehrt als Handlungsort am Ende von „Wo die Löwen weinen“ wieder. Nach dem Anschlag auf einen seiner Mitarbeiter ist auch Palatin, der im Auftrag der Stadt Stuttgart die Beseitigung des Schloßgarten-Mechanismus beaufsichtigen soll, dorthin gezogen. Eines Abends begegnet er Kommissar Rosenblüt in der Hotellounge. Keiner weiß, warum der andere dort wohnt, sie kennen sich nicht, sondern unterhalten sich einfach über Francis Ford Coppolas „Apokalypse Now“ – ein durchaus vieldeutiger Titel in ihrer Situation. Darüber hinaus handelt der Antikriegsfilm unter anderem davon, dass ein vermutlich wahnsinnig gewordener abtrünniger Soldat in Kambodscha liquidiert werden soll. Auch Palatin muss sich bald mit einem – aus seiner Sicht – Abtrünnigen auseinandersetzen, der nach landläufiger Meinung ebenfalls als verrückt angesehen werden wird. Aber die „Man on Wire“-Aktion von Wolf Mach wird ebenfalls die Absurdität des Stuttgart-21-Baus und vor allem das sinnlose Sprengen des Schloßgarten-Mechanismus entlarven.

Ungeachtet dessen hat Palatin den Abend genossen, schreckt aber mitten in der Nacht aus einem Traum auf. Einen kurzen Moment lang glaubt er, neben ihm auf dem Kopfkissen läge der abgeschnittene Kopf eines Tieres oder vielleicht auch Menschen. Nach dieser Anspielung auf Coppolas „Der Pate“ bemerkt er, dass er von einem Anruf von dem Stuttgarter Oberbürgermeister geweckt wird, der manchmal an einen „schlaksigen Paten“ erinnert.

Die Kraft der Poesie (c) Kinowelt Home

Die Kraft der Poesie
Damit hören an diesem filmischen Ort die Anspielungen nicht auf. Denn Palatin erhält nach dem Anruf und einem Blick aus dem Fenster von einer jungen Hotelangestellten ein Buch, Robert Burtons „Anatomie der Melancholie“, mit einer Widmung von Wolf Mach. Durch dieses Buch hat Mach die schlafende Kriegerin entdeckt – und womöglich hat es ihn zu seiner Aktion am Planetarium inspiriert. Selbst Hans Tobiks finale Entscheidung ist für ihn ein „Akt der Poesie. Denn die Poesie hat Tobik gefangengenommen, wie das die Poesie mitunter tut, wenn ihr danach ist“. Daher wartet er vorerst den Verlauf der Ereignisse in Stuttgart ab und sinniert, dass man das Wort Liebe nicht erklären kann. Die Menschen in „Alphaville“ hingegen wissen schon gar nicht mehr, was Liebe ist. Dort ist es ebenfalls ein Buch („La capitale de la douleur“), das eine Veränderung bewirkt hat – und es ist die Poesie, die Alpha 60 letztendlich zerstört. So bleibt allen Filmzitaten und Anspielungen zum Trotz am Ende die Erkenntnis: „Nach dem Theater ist das Leben“!

(c) Theiss Verlag

Fraglos gibt es in „Wo die Löwen weinen“ noch weitere Filmzitate und Anspielungen, die ich bislang nicht entdeckt habe – oder noch nicht ausreichend interpretieren kann. Dazu gehören beispielweise die Morlocks aus „Der Zeitmaschine“. Hier kenne ich weder Roman noch Film, daher erkenne ich zwar die Anspielung auf Wells, aber nicht mehr. Ähnlich ist es mit der schlafenden Kriegerin, die von „Metropolis“ bis zu „Alien“ gleich eine ganze Reihe Assoziationen hervorruft. Ihr werde ich einen eigenen Beitrag widmen, sobald ich die „Alien“-Filme nochmals gesehen habe. Bis dahin bleibt für mich die Erkenntnis, dass es bei diesem Buch bei jeder Lektüre etwas Neues zu entdecken gibt. Für alle Hinweise und Anregungen bin ich daher sehr dankbar …

Lynch in „Wo die Löwen weinen“ – Heinrich Steinfest und der Film, Teil V

Auch vor meinem zweiten Beitrag zu „Wo die Löwen weinen“ möchte ich nochmals kurz darauf hinweisen, dass ich auf wichtige Teile der Handlung inklusive des Endes des Romans (und auch von „Mulholland Drive“) eingehen werde. Wer den Roman also noch nicht kennt, sollte ihn besser vorher lesen!

Heinrich Steinfest (c) Konrad Theiss Verlag

In einem Podcast zu „Wo die Löwen weinen“ hat Heinrich Steinfest gesagt, dass sich seiner Meinung nach viele Menschen über das Verhalten von Filmfiguren definierten. Fraglos stimmt diese Einschätzung für seine Romanfigur Lynch, einen türkischen Händler und Filmfan. Auf seine Spur kommt Kommissar Rosenblüt – wie könnte es anders sein – durch ein Filmzitat aus „Mulholland Drive“ von David Lynch, das die Romanfigur Lynch gegenüber dem Geologen Uhl als Drohung äußert: „You will see me one more time, if you do good. You will see me two more times, if you do bad“. Zwar tauschte Lynch sehen gegen hören, aber er will – wie der Cowboy in dem Film – einen anderen Mann dazu bringen, etwas Bestimmtes zu tun und sich dem Willen undurchsichtiger Mächte zu beugen.

Steckt er hinter allem? (c) Concorde Home Entertainment

„Mulholland Drive“ und „Wo die Löwen weinen“ – Der Cowboy und Lynch
Im Roman wird der Geologe Uhl keinen weiteren Anruf von Lynch erhalten. Indes auf die Frage, wie oft der Cowboy in „Mulholland Drive“ zu sehen ist, gibt es unterschiedliche Antworten. Bei fast allen Filmen von David Lynch sind zahllose Interpretationen möglich, so ist beispielsweise auch nicht eindeutig, ob der Cowboy tatsächlich im Auftrag der geheimnisvollen Strippenzieher arbeitet oder eher als (vielleicht sogar imaginierter) Beschützer der fragilen Betty/Diane fungiert. Doch in der konkreten Sequenz, in der er den vom Roman-Lynch zitierten Satz äußert, geht der Zuschauer davon aus, dass er im Auftrag der mysteriösen mafiaähnlichen Organisation handelt. Daher glaube ich, dass auch das Zitat in „Wo die Löwen weinen“ auf diese Hintergründe anspielt. Und tatsächlich ist es äußerst vergnüglich, die Runde um den Geologen Fabian als Parallele zu jenen seltsamen älteren Herren aus „Mulholland Drive“ zu sehen.

(c) Concorce Home Entertainment

Daneben könnte eine weitere Aussage des Roman-Lynchs eine zweite Anspielung auf „Mulholland Drive“ sein. Als Rosenblüt auf Lynch vor dessen Laden trifft, entgegnet er auf dessen Frage nach seinem Hund Kepler, ob er ihn kaufen wolle – betont aber schon im nächsten Satz, dass Kepler unverkäuflich sei. Dieser Rückzieher wird von Lynch mit dem Satz kommentiert, dass er sich wie jemand von den Leuten verhalte, „die einen Killer anheuern und es sich dann anders überlegen“. In „Mulholland Drive“ heuert Betty/Diane einen Killer an, der sie explizit fragt, ob sie sich auch sicher sei. Zwar betont sie in dem Gespräch ihre Entschlossenheit, letztendlich scheint sie an ihrer Entscheidung aber zu verzweifeln.

In diese Richtung weist auch ein weiteres Filmzitat vom Roman-Lynch, das allerdings nicht von seinem namensgebenden Lieblingsregisseur stammt: „Gott ist ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann“. Diesen Satz sagt der zynische Judah Rosenthal in Woody Allens „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“, in dem ebenfalls ein angeheuerter Killer eine Rolle spielt – in dem es aber auch um Moral, Religion und Ideale, um gute und schlechte Taten und die Reue nach der Anheuerung eines Profikillers geht. Hier besticht schon die Qualität des Zitats – es gibt schlechtere One-Liner! – und der passende Titel.

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Die leeren Räume in „Wo die Löwen weinen“
Scheinbar leere Räume spielen in „Wo die Löwen weinen“ eine große Rolle – in einem „schuhschachtelgroßen leeren Raum“ entdeckt Mach letztlich die schwangere Kriegerin, Kommissar Rosenblüt verschwindet für kurze Zeit in einem aus Spiegel konstruierten unsichtbaren Raum. Auch hier musste ich an „Mulholland Drive“ denken, da eine blaue Schachtel eine zentrale Rolle spielt. Es ist nicht eindeutig festzulegen, ob diese Schachtel leer ist oder lediglich die Zeitsprünge symbolisieren soll. Einmal scheinen sogar zwei wichtige Figuren aus dieser Schachtel zu fliehen. Letztendlich bleibt diese Schachtel ebenso mysteriös wie die vermeintlich leeren Räume in „Wo die Löwen weinen“.

Richard III. (c) Kinowelt

Film-Figuren als Modelle
Dass sich Menschen über Filmfiguren definieren, wird aber auch an zahlreichen anderen Stellen des Romans deutlich. Als Hans Tobik über den Niedergang der Sozialdemokratie sinniert, der völlig unkünstlerisch ist und sich daher nicht zur Verfilmung eignet, moniert der Erzähler auch das Fehlen von Helden wie Bruce Willis oder gar Heinz Rühmann, ja, es gebe noch nicht einmal eine „vom Alkohol lädierte und dennoch zauberhafte Simone Signoret“. Für den verachteten Projektsprecher findet Tobik den Namen Ratcliffe, den Getreuen von Shakespeares Richard III., aber er denkt dabei an die Verfilmung von Richard Loncraine mit Ian McKellen in der Titelrolle. Er selbst wird später von Kommissar Rosenblüt in Ermangelung der Kenntnis des wahren Namens als Cady bezeichnet, jener Antagonist aus „Kap der Angst“. Dieser Name verstärkt auch Bedrohlichkeit von Tobik, da auch Cady am Anfang von Scorseses Films unschuldig wirkt – es aber ganz und gar nicht ist.

Ohnehin werden die Hauptfiguren mit Film-Charakteren respektive Schauspielern charakterisiert. Kommissar Rosenblüt sieht aus wie Robert Redford und die neben ihm und Hans Tobik dritte Hauptfigur, Wolf Mach, ist „(m)eilenweit von einem sogar ungeküssten George Clooney entfernt (…) sein Äußeres (entsprach) viel eher dem Woody Allens“.

Und zum Schluss: „Psycho“
Daneben gibt es eine Stelle in „Wo die Löwen weinen“, an der ich mich fragte, ob ich mit dem Gedanken an „Psycho“ wohl alleine stehe. Als Mach mit Palatin, der für die Beseitigung des Schloßgarten-Mechanismus zuständig ist, das erste Mal den Keplersaal betritt, gelangen sie an „einen durchsichtigen Plastikvorhang“, den sie beiseiteschieben müssen. Hier fiel mir eine Stelle aus Steinfests „ Der Umfang der Hölle“ ein, in der der Protagonist Reisiger in einem Restaurant folgende Assoziation hat: „Die mit Reispapier unterlegten gläsernen Tischplatten und dünnhäutigen Kellner besaßen dieselbe vage Transparenz wie im Falle von Objekten, die sich unter einem Duschvorhang abzeichnen (darunter immerhin auch Mörder, wie man weiß)“. Nun ist es erneut ein durchsichtiger Vorhang, eine „vage Transparenz“, hinter der sich – zumindest aus der Perspektive der Maschine – ein Mörder verbirgt. Selbst ohne den Verweis auf den „Umfang der Hölle“ und ungeachtet der Tatsache, dass dieser Vorhang aus Lamellen besteht, hat seit „Psycho“ das Beiseiteschieben eines Vorhangs immer etwas Bedrohliches. Aber vielleicht interpretiere ich auch zu viel hinein …

Im nächsten Teil zu „Wo die Löwen weinen“ geht es dann vor allem um die Frage, ob Stuttgart allmählich zu „Alphaville“ wird …

„Wo die Löwen weinen“ und Spielberg oder: Steinfest und der Film, Teil IV

Schon vor einiger Zeit habe ich die Fortsetzung meiner Reihe „Steinfest und der Film“ angekündigt, in der es um „Wo die Löwen weinen“ gehen sollte. Je mehr ich mich jedoch mit den filmischen Anspielungen befasste, desto dringender musste ich mir einige Filme noch einmal ansehen. Schnell wurde mir zudem bewusst, dass dieser Roman mehr als einen Beitrag erfordert. Heute mache ich den Anfang mit dem auffälligsten Zitat – dem Titel. Allerdings will ich vorher eine kleine Warnung aussprechen – neudeutsch auch Spoiler-Alert genannt: Ich werde in den Beiträgen wichtige Teile der Handlung inklusive des Endes verraten. Wer den Roman also noch nicht kennt, sollte ihn besser vorher lesen!

(c) Warner Home Video

Auf der Suche nach der blauen Fee
„Wo die Löwen weinen“ ist ein Zitat aus Steven Spielbergs Film „A.I. – Künstliche Intelligenz“, einer der Filme, die ich aus Anlass dieses Beitrags nochmals gesehen habe. In dem Film sucht das Roboter-Kind David nach der blauen Fee, die ihn – wie in dem Märchen Pinocchio – in einen richtigen Jungen verwandeln soll. Mit Hilfe des Sex-Roboters Gigolo Joe reist David in die Sündenstadt Rouge City, um Dr. Know nach dem Weg zur blauen Fee zu fragen. Von ihm erfährt David, dass die blaue Fee „am Ende der Welt, wo die Löwen weinen“ lebt, an dem Ort, „wo Träume geboren werden“. Das Ende der Welt, davon ist Gigolo Joe überzeugt, kann nur das von polaren Wassermassen überflutete Manhattan sein. Mit einem gestohlenen Helikopter machen sie sich auf den Weg dorthin und entdecken im Überflug ein Gebäude, das von bronzenen Löwenstatuen umgeben ist. Wasser flutet aus deren Mündern und Augen – die Löwen weinen. Durch einen Schacht fliegen sie in das Gebäude. Dort entdecken sie eine Tür, auf der folgender Spruch steht: Come away O human child / To the waters of the wild / with a fairy hand in hand / for the world’s more full of weeping / Than you can understand. Diese Zeilen stammen aus dem Gedicht „The Stolen Child“ von Willam Butler Yeats, in dem Kinder durch Märchen an einen besseren Ort gelangen.

Für David erfüllt sich dieses Versprechen nicht. Statt der blauen Fee begegnet er seinem Schöpfer Prof. Hobby, der ihn nach dem Abbild seines verstorbene Sohnes geschaffen hat und als erfolgreichen Modellversuch sieht. Mittlerweile hat er eine ganze Baureihe von Kinder-Robotern produziert, die einsamen Elternpaaren Liebe schenken sollen. An dem Ort, an dem die Löwen weinen, verlieren die Menschen also ihre Individualität – und wird Liebe käuflich.

(c) Theiss Verlag

Das Weinen der Löwen bei Steinfest
In Steinfests Roman ist der Satz zunächst ein wichtiger Hinweis für Kommissar Rosenblüt (bekannt aus „Ein sturer Hund“), der zu dem Ort gehen soll, an dem die Löwen weinen. Nun dürfte es auch weniger cineastischen Lesern nicht allzu schwer fallen, hierbei an einen Brunnen mit Löwenfiguren zu denken. Tatsächlich erweist sich der Ort, an dem in Stuttgart die Löwen weinen, als ein Brunnen im Garten der Adiunctus-Burschenschaft. Er besteht aus einem ovalen Becken, das auf einer Fläche steht, die beinahe gleich groß wie der unterirdische Raum unter dem Planetarium ist, in dem der Schloßgarten-Mechanismus (ein geheimnisvolles, unbewegliches Artefakt, das dem Antikythera-Mechanismus ähnelt) steht. Das Becken wird von fünf wasserspeienden Löwen umgeben, denen das Wasser aus Mündern und Augen fließt. Woher der Brunnen stammt, ist unbekannt. Er hatte dort bereits gestanden, bevor die Adiunctus ihren Stammsitz errichtete, und ist „ohne Datierung, ohne Historie, ohne Namen, tief im Gestrüpp, verwildert, rätselhaft“. Ebenso mysteriös ist die Mitte des Brunnens. Dort steht eine Skulptur, ein kastenförmiges Objekt, das aufgrund einer optischen Täuschung zu schweben scheint und mit der Gravur „Deus ex machina“ versehen ist.

Die Parallelen zu jenem geheimnisvollen Raum, in dem die Maschine schläft, sind offensichtlich. Zumal der Adiunctus-Senior und Geologe Thiel, der von der unterirdischen Maschine weiß und sie beseitigen will, von diesem Brunnen ebenso wenig angetan ist. Damit ermöglicht dieser Brunnen schon ohne den filmischen Hintergrund vielfältige Interpretationen. Die meisten Leser werden wohl durch die Gravur ebenso wie Rosenblüts Kollegin Teska Landau an den Theatertrick denken, bei dem ein „deus ex machina“ eine unerwartete Wendung hervorruft. Dieses könnte andeuten, dass allein das Auftauchen des Schloßgarten-Mechanismus ein deus ex machina ist, der die Macher von Stuttgart 21 daran hindern soll, den Bau fortzusetzen. Allein, verfehlt er seine Wirkung. Die Löwen könnten zudem (und wie Heinrich Steinfest in den hörenswerten Podcasts zu seinem Roman erzählt) ein Hinweis auf den später angesprochenen Leoninischen Vertrag (societas leonina) sein, der nach Meinung des Archäologen Wolf Mach in Stuttgart droht. Bei diesem Gesellschaftsvertrag tragen alle Gesellschafter das Risiko und die negativen Folgen, aber nur einer erhält den Gewinn. So kann auch Stuttgart 21 gesehen werden: alle Bürger tragen die Nachteile und nur eine kleine Gruppe profitiert davon. Daher weinen diese Löwen auch angesichts des deus ex machina, der ihr Vorhaben verhindern kann.

Heinrich Steinfest (c) Bernhard Adam

Vor dem Hintergrund des Spielberg-Films eröffnen sich weitere Interpretationen. In Spielbergs-Film finden sich die weinenden Löwen an dem Ort, an dem Menschen aus Hochmut und aufgrund der Machbarkeit sämtliche moralische und ethische Bedenken außen vor lassen. In Steinfests Roman versammeln sich im Garten der Adiunctus-Burschenschaft auch jene Menschen, denen moralische Skrupel fremd sind und die schon dem Namen nach als Erfüllungsgehilfen taugen. Sie wollen ihr Vorhaben um jeden Preis umsetzen – und haben noch nicht einmal einen Grund dafür. Mit der Anspielung auf „A.I.“ verweist Steinfest darüber hinaus auf die Empfindsamkeit der Maschinen und den Hochmut der Menschen. Nach deren Meinung könnten Maschinen nicht lieben, sie sehen sich ihnen übergeordnet. Aber der Archäologe Mach vermutet, dass die Maschinen vor den Menschen auf der Erde existierten, ja, dass sogar Gott eine Maschine war. In diesem Zusammenhang erhält eine Wendung wie deus ex machina eine weitreichende Bedeutung: der Gott aus der Maschine, der schon in der Antike die Menschen an höher stehende Mächte erinnern sollte, könnte auch ein wundersames Geschöpf in der Maschine sein. In diese Richtung deutet auch der Epilog des Romans, in dem die schwangere Kriegerin, die der Schloßgarten-Mechanismus beherbergt, die Menschen belächelt, weil sie sich „ausschließlich selbst die Fähigkeit zu lieben zuordnen“. Aber schon in „A.I.“ wird deutlich, dass diese Ausschließlichkeit nicht zwangsläufig gegeben ist.

Die guten Maschinen
Ohnehin sind in Steinfests Buch die Maschinen überwiegend gut. Daher steht vor dem dritten Teil des Buches auch ein Zitat aus „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“. In diesem erkennt Sarah Connor, dass der Terminator in einer „wahnsinnig gewordenen Welt“ der beste Vater ist, den sie für ihren Sohn finden könnte. Auch die maschinenhafte Kriegerin in dem Roman versucht, ihr Kind zu beschützen. Maschinen können also die besseren Menschen sein, so wie David in A.I. ein perfektes liebendes Kind war und der Terminator besser als jeder Vater sein könnte, weil ihnen die menschlichen Schwächen fehlen. Doch selbst in Kubricks „2001“ ist es der bedrohliche Computer HAL, der sich ein wenig Emotionalität bewahrt und erst besiegt wird, als er sich menschlich zeigt.

(c) Warner Home Video

Stanley Kubricks „2001“ ist in „Wo die Löwen weinen“ gleich auf mehreren Ebenen präsent. Zunächst legt die schwangere Kriegerin eine Parallele zu dem berühmten letzten Bild von „2001“, dem im All schwebenden Embryo, nahe. Dieses Bild wurde – wie Kubricks Film insgesamt – vielfach interpretiert und kann unter anderem als Unvergänglichkeit des Menschen sowie als Wiedergeburt und Rückkehr aus der Entfremdung gedeutet wurde. Auch in „Wo die Löwen weinen“ bietet dieses ungeborene Kind die Chance, ein Vorhaben zu beenden und aus der Entfremdung zurückzukehren – obwohl diese Gelegenheit zumindest erst einmal verstreicht.
Darüber hinaus spielt „2001“ zu Beginn des Romans eine Rolle. In den Ausführungen zu dem Namen S 21 werden „2001“, die Fortsetzung „2010“ und Orwells „1984“ mit den Realitäten in den jeweiligen Jahren in Verbindung gebracht. Und hier zeige sich, „daß die Eroberung des menschlichen Geistes um einiges leichter zu sein scheint als die Eroberung jener «unendlichen Weiten»“. Angesichts des Antikythera-Artefakts stelle sich aber die Frage, „wieso die Menschheit in weiterer Folge in so viele dunkle Löcher gefallen war, anstatt, wie es eigentlich ihrer Natur hätte entsprechen müssen, die Erkenntnis fortzuführen und aus der einen genialen Maschine die nächste geniale Maschine herauszuziehen.“ Diese mögliche Evolution beschreibt „2001“: Der Monolith taucht stets auf, wenn die Menschheit einen Entwicklungssprung vollzieht – und führt letztendlich wieder zu dem Embryo am Schluss. Denn selbst wenn das Antikythera-Artefakt zu dieser Entwicklung geführt hätte, wäre „das seelische Unglück (…) noch genau so gewesen, wie es heute ist.“

Schon dieser erste Beitrag zeigt meines Erachtens, warum ich Steinfests „Wo die Löwen weinen“ für seinen filmischsten Roman halte. In dem nächsten Teil geht es dann um den Einfluss von David Lynch – und die Frage, ob auch „Psycho“ eine Rolle spielt.

Pinocchio goes Sciences Fiction – Spielbergs „A.I. – Künstliche Intelligenz“

(c) Warner Home Video

Vor Jahren habe ich im Zuge eines Stanley-Kubrick-Seminars an der Uni bereits „A.I. – Künstliche Intelligenz“ auf DVD gesehen – und fand den Film mäßig. Nun habe ich ihn für einen weiteren Beitrag für das Zeilenkino erneut gesehen – und finde ihn immer noch mäßig. Die Gründe sind recht schnell aufgezählt: 1. Nach einem guten Anfang und ansprechenden Mittelteil ist der Schluss viel zu lang und rührselig geraten. 2. Die Musik ist oftmals zu kitschig. Und 3. Verschenktes Potential!

Die Gründe für die starken Unterschiede zwischen den drei Teilen des Films habe ich stets in der Produktionsgeschichte gesucht, die bis in die 1970er Jahre zurückreicht. Damals hat Stanley Kubrick Brian Aldiss, den Autor der Kurzgeschichte „Super Toys Last All Summer Long“, angeheuert, eine Filmversion seiner Geschichte zu schreiben. Aber die Produktion des Films ließ auf sich warten. Anfangs war Kubrick mit Aldiss‘ Arbeit nicht einverstanden und feuerte ihn 1989, dann wollte er warten, bis die Spezialeffekte, die er sich vorstellte, auch umzusetzen sind. Mal wollte Kubrick selbst Regie führen, dann schlug er Steven Spielberg vor – der von ihm bereits 1985 ins Produktionsteam geholt wurde. Nach Kubricks Tod 1999 nahm Steven Spielberg auf Bitten von Kubricks Witwe die Umsetzung des Films in die Hand. Er schrieb das Drehbuch, übernahm die Regie und brachte den Film in die Kinos.

David mit Teddy (c) WHV

Nun war für mich beim erstmaligen und auch heutigen Sehen eigentlich klar, dass das kitschige Ende, die Flüssigkristallwesen und das märchenhafte Happy End nur von Steven Spielberg stammen könnte. Ich war überzeugt, dass es bei Kubrick weitaus düsterer, verklärter und auch mehrdeutiger ausgefallen wäre. Doch dann stolperte ich im Internet über ein Interview, in dem Steven Spielberg sagt, dass „all the parts of A.I. that people accuse me of sweetening and softening and sentimentalizing were all Stanley’s. The teddy bear was Stanley’s. The whole last 20 minutes of the movie was completely Stanley’s. The whole first 35, 40 minutes of the film – all the stuff in the house – was word for word, from Stanley’s screenplay. This was Stanley’s vision“. Sicherlich stellt sich weiterhin die Frage, wie man diesen sentimentalen Schluss filmt – dennoch hat mich dieses Statement überrascht. Meine Kritik bleibt bestehen, aber nun schiebe ich es nicht mehr Spielberg in die Schuhe.

Das verschenkte Potential des Films ärgert mich ohnehin weitaus mehr. Stanley Kubrick hat von diesem Film immer als „Pinocchio“ gesprochen und tatsächlich erinnert „A.I.“ an eine futuristische Version des Kinderbuches von Carlo Collodi. „A.I.“ erzählt die Geschichte des kleinen Roboter-Kindes David, das gerne ein richtiger Junge werden will, damit er die Liebe seiner Mutter gewinnt. Inspiriert durch das Märchen macht er sich – nachdem er von seinen Test-Eltern verstoßen wurde – auf die Suche nach der blauen Fee, die er am Ende der Welt, dort wo die Löwen weinen, finden soll. Anders als Pinocchio muss das Mecha-Kind David nicht erst lernen, ein fleißiger und ehrlicher Junge zu sein. Stattdessen ist er ein vorbildlicher Sohn, der seiner Mutter in unendlicher Liebe zugetan und stets um ihr Wohlbefinden besorgt ist. Vermutlich ist es diese Überlegenheit und die Fixierung auf Monica, die David auch für seinen Test-Vater Henry und den echten Sohn Martin so bedrohlich machen. Denn die Familie und die Gesellschaft sind nicht darauf eingestellt, dieses Gefühl der bedingungslosen Liebe zu erwidern. Monica ist ihrem Mecha-Kind fraglos zugetan – aber auch für sie ist der eigene Sohn wichtiger.

Die bunte Welt von Rouge City (c) WHV

Im Anfangsteil sind die wichtigen Fragen filmisch gut ausgearbeitet. Die heile Welt der Familie Swinton ist derart artifiziell, dass sie bedrohlich wird. Auch die kalte Hybris der Forscher, Roboter mit Gefühlen zu entwickeln, wird gut entwickelt. Aber auf die wichtigste Frage verweigert der Film eine Antwort (obwohl sie zu Beginn von einer Forscherin gestellt wird!): Wenn wir Roboter erschaffen, die lieben können, müssen wir diese Gefühle dann nicht erwidern können? Statt dieser Frage nachzugehen, wird im Mittelteil mit einer Mischung aus märchenhaften Elementen und filmischen Referenzen an „2001“, „Clockwork Orange“, aber auch an „Blade Runner“ eine Gesellschaft dargestellt, in der die mechanischen Helfer, die für alle möglichen Belange geschaffen wurden, aufgrund ihrer Perfektion zunehmend zu einer Bedrohung werden. Anscheinend könnten gefühlsbegabte Roboter am Ende die besseren Menschen sein. Stattdessen wird aber am Ende des Films ein Loblied der menschlichen Fähigkeit zur Fantasie, Imagination und des Wünschens gefeiert. Und mit keinem Wort wird der Frage nachgegangen, warum sich der Mensch weigert, auch die moralischen Folgen seines Handelns abzusehen.