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Spinnen die Finnen?

Aki Kaurismäki behauptet, der Tango komme gar nicht aus Argentinien, sondern aus Finnland. © Björn Knechtel

Aki Kaurismäki behauptet, der Tango komme gar nicht aus Argentinien, sondern aus Finnland. © Björn Knechtel

Normalerweise heißt es ja, dass der Tango aus Argentinien stamme. Das stimmt jedoch gar nicht. Vielmehr wurde der Tango im Osten Finnlands erfunden, in einem Teil des Landes, der mittlerweile zu Russland gehört. Dort ist folgendes geschehen: Um 1850 herum gingen die Menschen mit dieser Musik gegen Wölfe und Einsamkeit vor, bis 1880 verbreitete sich der Tango dann in den Westen des Landes und wurde von dort von finnischen Seeleuten über Uruguay nach Buenos Aires gebracht. Diese Geschichte erzählt zumindest am Anfang von Viviane Blumenscheins Film „Mittsommernachtstango“ der finnische Regisseur Ari Kaurismäki – und fügt hinzu, dass die Finnen es gewohnt seien, in der Weltgeschichte übergangen zu werden. Schließlich hätten sie auch den Walzer erfunden, obwohl alle Welt glaubt, das wären die Österreicher gewesen.

Suomi meets Argentina: Die drei Argentinier Pablo, Chino und Dipi dürfen mit der finnischen Tangolegende Reijo Taipale musizieren. © Björn Knechtel

Suomi meets Argentina: Die drei Argentinier Pablo, Chino und Dipi dürfen mit der finnischen Tangolegende Reijo Taipale musizieren. © Björn Knechtel

Als die drei argentinischen Tango-Musiker Walter „Chino“ Laborde“, Diego „Dipi“ Fvitko und Pablo Greco hören, dass ihre Musik angeblich aus Finnland stammt, wollen sie es nicht glauben. Deshalb machen sie sich von Buenos Aires aus auf den Weg nach Finnland, diese Geschichte zu widerlegen. In einem alten Auto reisen sie quer durch Finnland bis nach Lappland – doch selbst im entlegensten Winkel dieses voller entlegener Winkel steckenden Landes finden sie noch den Tango. Je weiter ihre Reise geht, desto mehr gerät ihr eigentlich Ziel ins Wanken. Sind sie anfangs noch überzeugt, dass die Finne spinnen würden und der finnische Tango kein richtiger Tango sei, entdecken sie schon bald die Schönheit und Stärke dieser Musik. Sie vergessen den Widerstreit der musikalischer Traditionen, sondern konzentrieren sich auf ihre Symbiose. Das zeigt sich sehr schön in der Szene, in der Chino von der finnischen Sängerin und Bauersfrau Sanna Pietäinen Gesangsunterricht erbittet.

Die Vorliebe der Finnen für ihre Schwitzhütten werden die drei Argentinier wohl nie verstehen. © Björn Knechtel

Die Vorliebe der Finnen für ihre Schwitzhütten werden die drei Argentinier wohl nie verstehen. Aber gesund soll es ja sein. © Björn Knechtel

Schon die Ausgangssituation des Films steckt voller Skurrilität, die Viviane Blumenschein mit ihrer Inszenierung noch verstärkt: Die drei Argentinier sind mit einem alten, an einen Lada erinnernden Wagen unterwegs, der gelegentlich liegen bleibt und der Gegenwart entrückt scheint. Sie staunen über eine mobile Sauna und die damit verbundenen Rituale, beständig werden nationale Eigenheiten betont. So sorgt sich jeder Finne, das er zu schweigsam sei – im Gegensatz zu den Argentiniern, die befürchten, sie seien zu leidenschaftlich. Mitunter wirkt es aufgesetzt, allerdings erlauben diese Szenen Viviane Blumenschein auch, mit den jeweiligen Klischees zu spielen. Außerdem werden sie in einer schönen Unterhaltung über die Rolle der Stille für die Musik aufgegriffen, die die Poesie und Melancholie des Tangos in den verschiedenen Ländern einfängt. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass letztlich die Quintessenz des Films lautet, dass die geographische Herkunft von Musik keine Rolle spielt. Entscheidend sei vielmehr, dass sie aus der Seele komme.

„Mittsommernachtstango“ ist somit weniger eine Dokumentation als ein Road Movie über den Tango in Finnland, in dem viel über das Land zu erfahren ist – und Finnland in wunderschönen Bildern gezeigt wird.

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