Schlagwort-Archiv: Thomas Glavinic

„Wie man leben soll“ – Der Trailer zu der Verfilmung

Ab 7. Oktober ist in österreichischen Kinos zu Verfilmung von Thomas Glavinics „Wie man leben soll“ zu sehen. In dem Roman erzählt der österreichische Schriftsteller von Karl „Charlie“ Kolostrum, einem eher lebensunfähigen Heranwachsenden, der eben nicht weiß, wie er leben soll. Seine Familie ist ihm auch keine Hilfe: Die Mutter hat eine Neigung zum Alkohol, der Vater ist lange nicht mehr da. Also sucht er in Ratgebern Hilfe – und flüchtet sich in Tagträume, in denen er ein Rockstar ist. Doch auch im Leben eines Charlie Kolostrum passiert etwas, das alles verändern wird …

Die Hauptrolle in dem Film von Regisseur David Schalko spielt Axel Ranisch, außerdem wirkt Robert Stadlober mit. Einen deutschen Starttermin habe ich bislang noch nicht herausgefunden, aber hier gibt es schon einmal den Trailer:

Heinrich Steinfest, Thomas Glavinic und die Leipziger Buchmesse

Bislang steht diese Buchmesse für mich im Zeichen der Österreicher. Über Clemens Johann Setz habe ich gestern schon geschrieben, Arno Geiger ist ohnehin allgegenwärtig (und sieht sich stets einem nickenden Publikum gegenüber) und die Höhepunkte meines zweiten Buchmessetages verdanke ich ebenfalls zwei Österreichern: Heinrich Steinfest und Thomas Glavinic.

Heinrich Steinfest im Gespräch mit Denis Scheck (c) Sonja Hartl

Besser als mit einem Gespräch von Denis Scheck und Heinrich Steinfest kann ein Tag kaum starten. Sie sprachen bei der ARD über Steinfests neues Buch „Wo die Löwen weinen“, Stuttgart 21 und Engagement, es war witzig, kurzweilig und unterhaltsam. Darüber hinaus hat Steinfest aber unter Beweis gestellt, dass ein Autor zu politischen Themen Stellung nehmen kann, vielleicht sogar sollte. Über sein Buch, das auch den nächsten Beitrag in der Reihe „Steinfest und der Film“ bilden wird, habe ich bereits in dem Blog von LovelyBooks recht ausführlich geschrieben. Daher will ich mich hier kurz fassen: „Wo die Löwen weinen“ ist ein guter, amüsanter und herrlich parteiischer Roman über das mörderische Vorhaben Stuttgart 21.

Thomas Glavinic in Leipzig über "Das Leben der Wünsche" (c) Sonja Hartl

Wer den Tag mit einem österreichischen Autor beginnt, sollte ihn auch mit einem beenden! Daher habe ich mich gegen die dtv-Lesenacht und für die Lesung von Thomas Glavinic entschieden – und ich glaube, es war eine gute Wahl. Obwohl diese Veranstaltung in den wenig gemütlichen Räumen der Buchhandlung Lehmann stattfand und die Stühle viel zu eng standen, waren Lesung aus und Gespräch über „Lisa“ sehr kurzweilig. Besonders bemerkenswert war, dass mir „Lisa“ beim Hören fast besser gefallen hat als beim Lesen. Ich bin zwar alles andere als ein Hörbuch-Freund, aber bei diesem Roman würde ich eher zu dem Hörbuch raten.

Thomas Glavinic nach der Lesung (c) Sonja Hartl

Die Konzeption von „Lisa“ bietet diese Rezeption eigentlich ideal an: Der Roman ist ein Monolog des Ich-Erzählers, der sich in einer Berghütte vor der vermeintlichen Killerin „Lisa“ versteckt. Dort spricht er jeden Abend seine Internet-Radiosendung, um nicht völlig dem Wahnsinn anheim zu fallen. (Auch wenn man das – wie ich unlängst ausgeführt habe – auch anders deuten könnte.) Beim Hören dieses Monologes fallen sofort die Vorzüge auf: der Witz, die kurzweiligen Beobachtungen, der markante Stil. Kritikpunkte rücken hingegen in den Hintergrund, dazu gehören vor allem die kaum ausgeführten Nebenfiguren und die vielen Blindstellen in der Handlung, die durch den Abbruch der Mikrofon-Verbindung hervorgerufen werden. Beim Hören konzentrierte ich mich aber voll auf den Erzähler, so dass mir diese Aspekte weniger auffielen. Dadurch lag meine Aufmerksamkeit auch weniger auf der Krimihandlung als auf den Ansichten des Erzählers. Das hat Thomas Glavinic nach eigenem Bekunden intendiert, allerdings hatten mich beim Lesen vor allem die Auswirkungen des vermeintlich reinem Bösen, das dem Ich-Erzähler begegnet, interessiert. Dem Willen des Autors, der – so sagte er – in seinen Geschichten die Wirklichkeit abbilden wolle, kommt das Hörbuch also näher.

Für den zweiten Buchmesse-Tag war diese Lesung ein runder Abschluss, der dritte Tag wird dann aber ganz und gar unösterreichisch. Dazu aber morgen mehr …

Thomas Glavinic – „Shining“, „Lisa“ und das Overlook-Hotel

(c) Hanser

Zur Vorbereitung meines Besuchs bei der Leipziger Buchmesse habe ich unter anderem „Lisa“ von Thomas Glavinic gelesen und bin gleich im Umschlagtext über eine denkwürdige Parallele gestoßen. Dort wird aus dem Buch zitiert, dass sich der Ich-Erzähler „wie Jack Nicholson in diesem Film (fühle), wo er durchdreht, allein im Hotel mit der Frau und dem Kind, nur dass hier heißer Sommer ist und keine Frau und ich nicht durchdrehe.“ Denkwürdig ist dieses Zitat nun in dem Sinne, dass ich vor kurzem erst „Gewitter über Pluto“ las, in dem Heinrich Steinfest eine seiner Figuren in die „Timberline Lodge“ reisen lässt. Jenes Hotel, das Vorbild für das „Overlook Hotel“ in dem King-Roman bzw. Kubrick-Film „Shining“ war. Nun ist „Shining“ sicherlich kein filmischer Geheimtipp und auch das „Overlook Hotel“ zählt eher zu bekannten Orten der Filmgeschichte, daher ist es an sich nicht so verwunderlich, dass sich beide Autoren auf dieses Hotel beziehen. Interessant ist aber, welch unterschiedliche Assoziationen in dem Roman damit verbunden sind – und wie verschiedenen dadurch auch die Interpretationen dieser Anspielung ausfallen.

(c) Piper

Für Steinfest ist das Hotel vor allem ein populärer Ort, an dem schon einmal merkwürdige Dinge geschehen sind – und nun wieder stattfinden. Darüber hinaus erweitert Steinfest mit diesem Ort aber auch die Interpretationen für seinen Roman und den Film, indem er mit dem Wahnsinn der Hauptfigur, dem vermeintlich rationalen Erklärungen und Weltsichten spielt. Dazu habe ich gestern einen Beitrag veröffentlicht, deshalb nun zu Glavinic.

Bei ihm liegt der Fall anders: In „Lisa“ verbindet der Ich-Erzähler mit seinem Vergleich weniger den fiktiven bzw. realen Ort, sondern um das Hotel als Sinnbild der Vereinsamung und daraus resultierendem Wahnsinn. Der Ich-Erzähler hat sich mit seinem Sohn aus Angst vor der Serienmörderin Lisa in eine einsame Berghütte zurückgezogen, sein einziger „Kontakt“ zur Außenwelt besteht in der Sendung, die er per Internet überträgt und deren Zeuge wir werden. Aber der Ich-Erzähler ist nicht nur notorisch unzuverlässig, sondern seine Erzählströme reißen aufgrund eines wackligen Mikrofonkabels ständig ab. Dadurch gibt es viele Lücken und Blindstellen in der Erzählung, die der Leser füllen muss. Die Geschichte wirkt – und nicht nur aufgrund des maßlosen Koks- und Alkoholkonsums des Erzählers – wahnhafter, daher schwebt stets die Frage mit, ob der Ich-Erzähler seinen Verstand verloren hat. Zumal es keinen weiteren Zeugen gibt. Sein Sohn, die einzig angeblich anwesende Nebenfigur, tritt kaum in Erscheinung, bleibt blass und wird nicht weiter ausgeführt. Der Ermittler, mit dem er Lisas Taten verfolgt, ist unauffindbar. Selbst das Schicksal der Frau des Erzählers bleibt ungewiss. Daher bleibt der Leser nach dem abrupten Ende mit seinen Interpretationen zurück.

Auch bei „Shining“ gibt es viele Erklärungen für den Jack Torrances Wahnsinn: Einsamkeit, eine dämonische Macht des Hauses, eine Zeitschleife etc. Ist der Erzähler in „Lisa“ ist nun ebenfalls eine Jack-Torrance-Figur, ergäben sich einige Gemeinsamkeiten: Anstatt immer denselben Satz in die Schreibmaschine zu tippen, verbreitet er fast wahnhaft seine Lebensweisheiten. Um seinen Sohn sorgt er sich anfangs, später wird er zunehmend zu einer Belastung. Auch merkt er, dass ihm seine Einsamkeit nicht gut bekommt, er ist aber nicht gewillt, diese Isolation zu durchbrechen. Der Grund wäre einfacher auszumachen als bei Torrance: Vermutlich hat den Ich-Erzähler sein Wissen um den Verlust der Sicherheit und der Existenz des Bösen in den Wahnsinn getrieben. Vielleicht mache ich es mir aber mit dieser Interpretation auch zu einfach. Wäre der Ich-Erzähler nicht wahnsinnig, müsste ich ja die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es derart abgrundtief Böses überhaupt gibt.