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Krimi-Kritik: „Gun Street Girl“ von Adrian McKinty

Zugegeben: Ich war skeptisch angesichts des vierten Teils der Sean-Duffy-Reihe von Adrian McKinty. Zum einen war diese Reihe mal als Trilogie angekündigt und der gesamte Aufbau lief auf drei Teile hinaus. Und zum anderen hatte McKinty in „Die verlorenen Schwestern“ ein hervorragendes Schlussbild gefunden. Darüber sprach ich sogar mit ihm im Interview – und er schien sich den Gefahren einer weiteren Fortsetzung und zu langen Reihe sehr bewusst zu sein. Tatsächlich ist „Gun Street Girl“ der bisher beste Teil der Sean-Duffy-Reihe. Hier stimmt fast alles: das Setting, die Entwicklung der Hauptfigur und der Fall.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Nach dem er gerade noch Margaret Thatcher das Leben gerettet hat, ist Sean Duffy in den alltäglichen Dienst in Belfast im Jahr 1985 zurückgekehrt. Spürbar lädiert, will er sich eine ruhige Zeit machen und überlässt den Doppelmord an dem wohlhabenden Ehepaar Kelly zunächst seinem Kollegen. Als sich ihr Sohn scheinbar das Leben nimmt und einen Abschiedsbrief hinterlässt, in dem er die Verantwortung für die Tat übernimmt, scheint der Fall geklärt zu sein – obwohl nicht alle Details stimmig sind. Doch dann kommt es zu weiteren Toten – und schon bald führen die Ermittlungen Duffy über England zu einem der größten Skandale der 1980er Jahre.

Niemals vergisst Sean Duffy, unter seinem BMW nach einer Bombe zu suchen, niemals lässt Adrian McKinty eine Gelegenheit aus, sich über Politiker, Duffys Vorgesetzte oder Popsongs lustig zu machen. Es ist die Mischung aus knappen Sätzen, Lakonie und trockenem Witz, die McKintys Reihe ausmacht und die im vierten Teil niemals aufgesetzt oder manieriert wird, sondern sich nahezu perfekt in den Zustand Duffys fügt. Denn fraglos ist er fertig – aber er macht weiter. Weil es das einzige ist, was er machen kann. ist er ausreichend selbstreflexiv, dass er weiß, wie sein Leben aussehen wird – und er sich damit abgefunden hat.

Glücklicherweise hat der vierte Teil nun auch den Originaltitel behalten, denn „Gun Street Girl“ ist nicht nur die Referenz auf den gleichnamigen und am Anfang zitierten Tom Waits’ Song, sondern passt auch perfekt auf die Frau, die damit beschrieben wird – und Duffys Beziehung zu ihr.

Adrian McKinty: Gun Street Girl. Übersetzt von Peter Torberg. Suhrkamp 2015.