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Krimi-Kritik: „Der Willy ist weg“ von Jörg Juretzka

„Holland! In dieser nach verklappter Schweinescheiße stinkenden, platten Ödnis möchte ich nicht tot überm Zaun hängen. Oh, ich war vergnügt. Von mir aus, dachte ich, soll sich die Nordsee das ganze Land zurückholen. Über Nacht. Sobald ich hier raus bin. Ah, ich war in trefflicher Stimmung. Ein Auge komplett dicht, die Zähne in, was man als ‚Zustand vor Tütensuppe‘ bezeichnen muss, beide Klöten dick wie Pampelmusen, so hockte ich bibbernd im eiskalten Fahrtwind und fühlte mich prächtig. Ich hätte ein Liedchen gepfiffen, wenn es meine verschwollenen Lippen zugelassen hätten. Mann, das hatte ich fein hingekriegt. Ein Prachtstück von einer Packung hatte ich mir da gefangen, eine nur schwer zu überbietende Niederlage eingefahren. Ich mochte zwar mit leeren Händen zurückkehren, doch die Fresse hatte ich ordentlich vollgekriegt. Dumm nur, dass ich nicht beauftragt worden war, buntschillernde Hämatome und von der Härte des Straßenpflasters durchdrungene Räuberpistolen nachhause zu bringen, sondern eine 18-jährige. Eine kleine, zierliche 18-jährige mit einem riesengroßen Appetit auf Opiat.“ (Einen Vorabdruck gibt es bei kaliber.38)

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Nach diesem ersten Absatz des Buchs „Der Willy ist weg“ von Jörg Juretzka steht außer Frage, dass Kristof Enrico Kryszinski mal wieder ordentlich vermöbelt wurde. Aber Kryszinski wäre nicht Kryszinski, würde er das erstens auf sich sitzen lassen und sich zweitens davon abhalten lassen, das 18-jährige Mädchen nach Hause zu holen. Zunächst aber fährt er in die Mülheimer Villa von Willy, dem Maskottchen der Stormfuckers, einer raubeinigen und schlagkräftigen Motorradgang, zu der Kryszinski mehr oder weniger gehört. Seit Willy das Anwesen in der vornehmen Wolfgang-von-Goethe-Allee geerbt hat, wohnt Kryszinski dort. Und da es kurz vor Weihnachten ist, findet in der Villa eine kleine Feier statt. Also tröstet sich Kryszinski mit jeder Menge Bowle – manche nennen sie „Schädelspalter“, andere „Weißer Stock“ oder auch „Chemische Keule –, der obligatorischen Reise nach Jerusalem und bricht wenig später mit Verstärkung wieder nach Holland auf. Schließlich hat er der Familie versprochen, dass das Mädchen bis Weihnachten wieder zu Hause ist („Ich habe mir einmal vorgenommen, sie Weihnachten nachhause zu bringen, und du weißt ja, wie das ist mit mir.“ „Ja“, nickte er (Charly), immer noch hustend. „Schlimm.“). Nebenbei sucht Krysziniski nach einem Unbekannten, der bei einer „großen amerikanischen Fastfoodkette, die wir hier und im Folgenden einmal McDagoberts nennen wollen“ Anschläge verübt – und dann ist auch noch Willy verschwunden.

Scuzzi und Kryszinski – Wie alles begann
Das ist ein munterer Beginn des dritten Kryszinski-Romans, der zeitlich vor seinen Vorgängern „Prickel“ und „Sense“ spielt. Dadurch lernt man die bekannten Charaktere zu einer früheren Zeit kennen. Charlie ist bereits Chef der Gang, der geborene Anführer, Pierfrancesco Scuzzi ist schon Dealer mit dem schlechtesten Musikgeschmack der Welt („Musik drang heraus in die Nacht. Ein Männerchor. Im Takt gehalten von stampfendem Disco-Beat. Eine schmissige Hymne auf die trefflichen Dienste, die der Christliche Verein Junger Männer einsamen, jungen Männern zu bieten hat. Und, ohne auch nur einmal Luftzuholen, folgte in direktem Anschluss eine Ode an die Vorzüge eines Lebens bei der Navy. Sie mussten Scuzzi an den Plattenteller gelassen haben. Nicht, dass wir uns hier missverstehen: Mein Freund Pierfrancesco ist nicht homosexuell. Er mag einfach solche Musik. Er mag, um es kurz zu machen, jegliche Musik. Einzige Voraussetzung ist, glaube ich manchmal, dass sie mir wider die Natur geht.“) Sogar Hauptkommissar Menden begegnet Kryszisnki in diesem Buch zum ersten Mal, und er kommt sowohl zu seiner Katze als auch seinem heiß geliebten Toyota Carina.

Daneben ist „Der Willy ist weg“ ein sehr witziges Buch, allein auf den ersten zehn Seiten von habe ich so viel gelacht wie bei wenigen Büchern. Dazu trägt sicher Juretzkas Sprachwitz und der etwas derbe Humor bei, vor allem aber gibt es in jedem seiner Bücher sehr viele originelle Einfälle – beispielsweise die bereits erwähnte Reise nach Jerusalem der Stormfuckers. Allein die Vorstellung, dass eine reichlich angetrunkene in Lederkluft gekleidete Gang dieses Spiel spielt, ist amüsant. Hinzu kommen noch die Regeln und die Erzählung: „Kaum rannten sie alle in eine Richtung um den Tisch, änderte ich mit zwei scharfen Pfiffen die Richtung. Kaum hatten sie das gemeistert, befahl ich mit einem langen Pfiff ‚Setzen!‘. Alles schmiss sich auf die Stühle. Wessen Sitzmöbel zusammenbrach, war draußen. Und hatte gewonnen. Denn wer es bis zum Schluss nicht schaffte, einen Stuhl zu ruinieren, musste die ganzen Bruchstücke aufsammeln und das Feuer damit füttern. Außerdem bekam er die spitze gelbe Mütze aufgesetzt und musste sich bis zum nächsten Durchgang ungestraft ‚Lusche‘ nennen lassen.“ Im Grunde genommen sind also die Stormfuckers anderen Vereinen recht ähnlich – höchstens etwas schlagkräftiger als beispielsweise ein Taubenzüchterverein. Auf die Fertigkeiten, die Kryszinski durch dieses Spiel erworben hat, greift er übrigens im fünften Roman „Equinox“ abermals zurück, als er sich plündernden Kreuzfahrtgästen im bordeigenen Supermarkt entgegen stellen muss. Und so zeigt sich auch an solchen Kleinigkeiten, dass Juretzkas Bücher eng verknüpft sind – und es meist noch eine weitere Ebene neben dem offensichtlichen gibt.

Ein bitterer Kern
Die Fälle, in denen Kryszinski in diesem Buch ermittelt, nehmen natürlich aberwitzige Wendungen, durch die er bald nicht nur Nazi-Biker, die Polizei und chinesische Zuhälter am Hals hat, sondern sich auch noch mit den Gangsterbossen des Ruhrpotts anlegt. Bei allem Humor steckt in „Der Willy ist weg“ jedoch auch bitterer Ernst. Durch Willys Entführung wird organisierte rechtsradikale Gewalt aufmerksam gemacht, auch offenbart Kryszinski schon auf der ersten Seite die schmerzhafte Erkenntnis über das Leben von Drogensüchtigen: Nachdem sich die Tochter aus wohlhabenden Haus geweigert hat, mit Kryszinski mitzugehen und bei ihren Zuhältern gelieben ist sowie sie angefeuert hat, als sie ihn verprügeln, überlegt er, ob ihren Eltern die Wahrheit sagen soll. Denn „(d)as, vor allem, könnte in einem jetzt den Eindruck erwecken, sie handele aus freien Stücken. Man könnte meinen, sie lebte dieses degenerierte Dasein als Ergebnis eines Entscheidungsprozesses, an dessen Ende die simple Maxime ‚Lieber arm und krank als reich und gesund‘ gestanden hätte. Selbst ich hatte im Wegfahren noch gedacht, lass sie, du siehst es doch, sie will nicht anders. Selbst ich, der ich es besser wissen müsste, besser wusste. Denn ich weiß es. Ich weiß, wie es ist, wenn die Angst, von der Droge getrennt zu werden so groß wird, dass sie allen anderen Ängsten den Raum nimmt. Wenn sie größer wird als die Angst vor dem Verlust der Existenz, der Gesundheit, der Würde, des eigenen Lebens. Das ist groß. Das ist Angst. Und nichts anderes.“ Und durch diese Mischung aus Humor und Bitterkeit, die aber frei ist von Zynismus, ist dieses Buch so gut.

Jörg Juretzka: Der Willy ist weg. Rotbuch 2002. Als Taschenbuch beim Unionsverlag 2010.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Platinblondes Dynamit“
„Fallera“