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Ein paar Sätze zu „Ruf mich bei meinem Namen“

Mein Faible für Literaturverfilmungen reicht schon ziemlich weit zurück. Wann genau es begann, weiß ich nicht, aber es war dieses Gefühl des Wiedererlebens, des erneuten Erfahrens der Geschichte aus anderer Perspektive, das mich damals dazu getrieben hat, die Bücher von Filmen zu lesen oder Filme zu sehen, deren Romanvorlagen ich schon kannte. Mit zunehmenden Alter und größerer Professionalisierung veränderte sich diese Einstellung, aber nun fühlte ich mich während der Berlinale unversehens in diesen Zustand zurückversetzt. Wegen Call me by your name. Der Film hat mich völlig unvorbereitet sehr tief getroffen – vor allem, weil er so aufrichtig und ehrlich von einer großen Liebe erzählt. Gänzlich ohne Kitsch, ohne die Haltung, alles zu wissen, sondern mit einer Mischung aus Offen- und Unsicherheit ist mitzuerleben, wie sich Elio in einem Sommer in Italien in Oliver verliebt und sich einem unendlichen Verlangen nach Nähe hingibt. Als ich dann las, dass in der Romanvorlage von André Aciman die Geschichte einen größeren Zeitraum umfasst, kaufte ich mir sofort das E-Book und fing noch während der Berlinale an zu lesen.

(c) Kein & Aber

Und was soll ich sagen: es ist tatsächlich eine Art Wiedererleben und Wiedersehen, die dieses Buch ermöglicht, verbunden mit einer noch größeren Wertschätzung des Drehbuchs von Luca Guadagnino, James Ivory und Walter Fasano, das es perfekt vermag, die schwierige Ich-Erzählhaltung als auch die Annäherung der Protagonisten umzusetzen. Dabei ist das Buch dazu eine Ergänzung: es gibt weitere Episoden in diesem einen Sommer – und es geht tatsächlich darüber hinaus. Dieses Weitergehen jedoch hat den Schmerz des Films nur noch vertieft. Es gibt nämlich auch im zunehmenden Alter keine größere Deutlichkeit und Erfüllung für Elio und Oliver, sondern es bleibt vielmehr die Erinnerung an einen Sommer und eine vollendete Liebe. Dabei fasst Aciman diese Sehnsucht, die Melancholie, dieses Parallelleben in vortreffliche Wörter und Sätze, in denen nicht alles auserzählt werden muss. Da leider immer noch offen ist, ob dieser Film seinen Weg in die deutschen Kinos findet, kann ich solange schon einmal das Buch empfehlen.

André Aciman: Ruf mich bei Deinem Namen. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Kein & Aber Verlag 2008.

„Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng

„Lydia ist tot.“ Mit dieser Gewissheit beginnt Celeste Ngs Buch „Was ich euch nicht erzählte“ und auf sie folgt eine 282-seitige Suche nach den Umständen des Todes eines 16-jährigen Mädchens in einer Kleinstadt in Ohio in den 1970er Jahren. Lydia Lee war eine gute Schülerin, ihr älterer Bruder hat gerade die Zulassung für Harvard bekommen, ihre kleine Schwester ist ein liebes Mädchen, ihr Vater unterrichtet am örtlichen College und ihre Mutter ist Hausfrau. Eigentlich unterscheidet diese Familie nur eines von ihren Nachbarn: Lydias Vater ist das Kind chinesischer Einwanderer. Je weiter das Debüt indes voranschreitet, desto tiefere Risse zeigen sich in Lydias Leben: Kurz vor ihrem Tod wurden ihre Noten schlechter und sie verbrachte viel Zeit mit einem rebellischen Herumtreiber. Als weitaus schlimmer erweisen sich jedoch die Schmerzen, die sich die Familie selbst beigebracht hat.

(c) dtv

(c) dtv

Mit klarer Prosa spürt Celeste Ng den unzähligen Verletzungen nach, die die Außenwelt Lydias Eltern zugefügt hat, ihrer Mutter, die immer anders sein wollte, und ihrem Vater, der nur nicht anders sein wollte. Sie setzen sich im inneren Kreis der Familie fort – unbewusst und ungewollt projizieren die Eltern Erwartungen und Enttäuschungen auf ihre Kinder. Nur die jüngste Tochter scheint die Unsicherheiten und Schmerzen zu sehen, kann sie aber nicht aussprechen. Deshalb stellt sich irgendwann kaum mehr die Frage, wer Schuld an dem Tod von Lydia habe, sondern ob diese Familie den Tod jemals verkraften wird.

„Was ich euch nicht erzählte“ ist ein schmerzhaftes, ein großes Buch, das psychologisch komplex von dem Tod eines jungen Mädchens erzählt – und dabei sehr deutlich vor Augen führt, welchen Schaden Schweigen und Erwartungen anrichten können.

Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte. Übersetzt von Brigitte Jakobeit. dtv 2016.

Ach, Onno

Im Frühjahr 2012 verfiel ich dem legendären „Charisma für Arme“ des Noppensocken tragenden Privatdetektivs Onno Viets, den Frank Schulz in „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ auf ein brutales Abenteuer mit eben diesem Irren schickte. Seither hoffte ich auf ein Wiedersehen. Nun hat sich diese Hoffnung erfüllt, aber – wie soll ich es anders sagen – mein Herz wurde gebrochen. Nicht etwa, weil „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ ein schlechtes Buch sei, nein, es ist sogar ein sehr gutes Buch. Aber ausgerechnet Onnos Seele baumelt weniger als sie taumelte, geradewegs in ein düsteres Nichts.

(c) Galiani

(c) Galiani

Seit seiner Begegnung mit dem „Irren vom Kiez“ sind sechs Jahre vergangen, die damaligen Erlebnisse haben indes Spuren bei Onno hinterlassen. Er leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung und hat die für ihn lebensnotwendige Ruhe verloren. Sein zweitbester Freund und Erzähler des Romans, Christoph Dannewitz, fühlt sich dafür mitverantwortlich, immerhin hat er Onno diesen ersten Auftrag vermittelt. Also will er ihm helfen und beschafft ihm abermals einen Auftrag, dieses Mal als Leibwächter seines Vetters Donald Jochemsen, der auf dem Kreuzfahrtschiff Flipper IV die von ihm verehrte Bordsängerin überraschen will. Aber Donald plagt – neben vielen anderen Erkrankungen – eine ausgeprägte Viktimophobie, er hat Angst, Opfer einer Straftat zu werden, und deshalb soll Onno ihn beschützen.
Diese zwei Kauze gehen also auf eine Kreuzfahrt – und damit hat Frank Schulz eine grundkomische Situation geschaffen. Onno und Donald sind beide fehl am Platze inmitten dieser feierwütigen Meute. Wenigstens ist der eine anpassungsfähig, freundlich und selbstlos, der andere jedoch misanthropisch, hypochondrisch und paranoid. Deshalb gibt es lustige Situationen und großartige Dialoge, in denen sich Frank Schuz bitterböse mit der Konsumkultur und Maßlosigkeit auseinandersetzt. Kaum Ort eignet sich besser zu einer bitterbösen Gesellschaftskritik als ein Kreuzfahrtschiff. Hier wird der Zwang zum Konsum, Erlebnis und Rausch, zur Party und Unterhaltung auf kleinen Raum gepresst, passend untermalt vom Sommerhit des Jahres „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“. Darüber hinaus steht am Ende eines jeden Aktes ein Nachspiel mit Kasper Spackennacken, einer satirischen Figur in bester Hanswurst-Tradition, die für derbe Witze und Wahrheiten sorgt und zugleich erneut auf die Bedeutung von Vulgarität, Exhibitionismus und Voyeurismus aufmerksam macht. Weiterlesen

Auf der Suche nach dem Ich – „Wie sollten wir sein?“ von Sheila Heti

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Allein der Titel ist ungemein ansprechend – wer hat sie sich noch nie gestellt, die Frage, wie wir, wie er, wie sie sein sollte. Nun kann ein solcher Roman zur peinlichen Seelenbeschauung werden, egozentrisch bis zur Selbstverliebtheit eigene Befindlichkeiten thematisieren und dabei nur eine große Leere enthüllen. Aber Sheila Heti hat nicht versucht, einen „Generationenroman“ zu schreiben (wenngleich die New York Times über den Roman schrieb, er sei die Momentaufnahme einer Generation) noch ist „Wie sollten wir sein?“ ein literarisches Selbstporträt – obwohl die Hauptfigur ebenfalls Sheila heißt. Vielmehr wird von einer Frau erzählt, die ihren Weg zu sich selbst sucht, und von einer Frauenfreundschaft: Sheilas beste Freundin ist die Malerin Margaux, die – man hört es schon an ihrem Namen – schön, begabt und selbstbewusst ist. Margaux weiß, was sie von ihrem Leben will und ist unabhängig, Sheila hingegen vergleicht sich mit anderen, ist auf der Suche danach, wie sie sein will, und glaubt, Entscheidungen treffen zu müssen, ohne zu erkennen, dass sie sie nicht wirklich trifft. Nun hat Sheila den Auftrag einer feministischen Gruppe angenommen, ein Theaterstück zu schreiben, und schafft es nicht, dieses Stück zu Ende zu bringen. Sie hadert mit sich, ihren Worten und Gedanken, gefesselt von der Angst, dass die ganze Welt ihre tiefe Schlechtheit erkennt. Sie fürchtet, dass sich die Prophezeiung ihrer ersten Liebe bewahrheitet, sie werde als zahnlose Nutte auf der Straße enden, einem Nazi einen blasen und dann zusammengeschlagen werden.. Dabei weiß sie noch nicht einmal, ob dieses schlechte Ich auch ihr wahres Ich ist.

In „Wie sollten wir sein?“ stehen neben altbekannten Weisheiten – beispielsweise dass es kaum berühmte Frauen gibt, die als Genies gepriesen werden – viele kleine Erkenntnisse: Wie sehr wir (und mit diesem „wir“ meine ich uns Frauen) uns von männlichen Vorstellungen leiten lassen, ja, sie oftmals übernehmen und dann zu eigenen werden lassen; wie wichtig es ist, einfach mal eine Sache zu Ende zu bringen – und wie leicht es ist, eine Sache einfach zu beenden, aber nicht zu einem Ende zu bringen, sondern davon zu laufen. Vielleicht klingt es für manche banal, aber Sheila Heti webt diese Überlegungen und Gedanken in tagebuchartige Aufzeichnungen, Mails, Mitschriften von Gesprächen zwischen Sheila und ihrer Freundin Margaux sowie theaterhafte Szenen ein und lässt in allem erkennen, dass es diesen einen Weg zum Ich nicht gibt, ja, dass es das eine Ich womöglich nicht gibt. Nun würde ich den Roman nicht wie der Klappentext als „formal wagemutig“ bezeichnen, aber diese Form verhindert, dass das Ich von Sheila zu sehr in den Mittelpunkt gestellt wird, obwohl der Roman letztlich von ihr handelt. Außerdem wird im Gegensatz zu anderen Romanen und Filmen die materielle Situation der jungen Künstler auf der Suche nach ihrem Ich nicht ganz ausgespart. Deshalb wohnen sie nicht in hippen Lofts, sondern arbeiten wie Sheila nebenbei als Hilfskräfte in einem Friseurladen oder unterrichten. Und das ist tatsächlich mal erfrischend.

Am Ende bleibt dann aber vor allem eine Methode hängen, die bereits ganz am Anfang vorgestellt wird: Man solle bei jedem Problem und in jeder schwierigen Lebenssituation einfach die Hände in die Luft werfen und „was soll’s!“ rufen. Und vielleicht ist das ja wirklich die Antwort auf alle Fragen. Denn letztlich ist es doch auch egal, wie wir sein sollten. Oder?

Sheila Heti: Wie sollten wir sein? Übersetzt von Thomas Überhoff. Rowohlt 2014.

Humbert Humbert in Florida – Über „Tampa“ von Alissa Nutting

Celeste Price ist 26 Jahre alt, wunderschön, Lehrerin an einer Junior-Highschool, verheiratet mit dem Polizisten Jack Ford und lebt in Florida. Ihr Mann sieht gut aus und ist reich, befriedigen kann er sie aber nicht. Denn Celeste ist pädosexuell: Sie giert nach 14-jährigen Jungen, nach deren schlaksigem Körperbau und Unschuld. Deshalb ist sie Lehrerin geworden und hält ihren Mann mit gelegentlichem, meist unter Alkohol- oder Tabletteneinfluss geschehenen Sex bei Laune. Sie behilft sich mit Teenagerpornos und dem Ansehen von Jungs im Einkaufszentren, vor allem aber wartet sie auf das neue Schuljahr. Dann wird sie mit ein wenig Glück einen Jungen finden, der ihr Verlangen stillt.

(c) Hoffmann und Campe

(c) Hoffmann und Campe

In Ich-Perspektive lässt Alissa Nutting in ihrem Romandebüt „Tampa“ die Lehrerin Celeste von ihrem Trieb erzählen. Von der ersten Seite an ist man ihrem Verlangen ausgeliefert, blickt mit ihren Augen auf ihre Umgebung und ihr Leben, folgt ihren Blicken und Empfindungen, steht mit ihr vor dem Haus des 14-jährigen Jack, auf den sie ein Auge geworfen hat, erfährt ihre Gedanken bei der Selbstbefriedigung, bei ihrer Annährung und schließlich dem Missbrauch von Jack. Der Skandal ist bei diesem Buch einkalkuliert: Es geht auf nahezu jeder Seite des Buches um Sex. Sicher gibt es Verweise auf Celestes Jugendwahn, mit Sport, Cremes, Kuren und Sex mit 14-Jährigen will sie jung bleiben, allerdings darf trotz aller gesellschaftskritischen Ansätze, die hier anklingen, nicht übersehen werden, dass sie vor allem jung aussehen will, damit junge Teenager mit ihr Sex haben wollen.

Über Celestes Sexleben ist daher viel zu erfahren, über ihre Vergangenheit und ihren Alltag hingegen nur wenig. Vielmehr wird man in eine Welt gezogen, in der sich jeder Gedanken darum dreht, den passenden Jungen zu finden – und nicht erwischt zu werden. Dass Celeste eines Tages auffliegen wird, ist von vorneherein klar. Außerdem wurde das Buch von dem Fall der Lehrerin Debra Lafave inspiriert, die vor knapp zehn Jahren wegen einer „Beziehung“ zu einem Schüler verurteilt wurde und zum Medienstar wurde. Sie wählte die Verteidigungsstrategie der engelsgleich aussehenden Unschuld, der kein Teenager widerstehen könnte – und auch Celeste sieht sich in erster Linie als verführerisch. Sie glaubt nicht, dass sie den Jungs schadet und würde nicht auf die Idee gekommen, dass der Sex, den sie mit ihrem minderjährigen Schüler Jack hat, Vergewaltigungen sind. Auch Jack glaubt, er sei in seine Lehrerin verliebt. Dennoch schließt sich das Buch dieser Verteidigungsstrategie, die sexuelle Übergriffe entschuldigt, keinesfalls an. Vielmehr schleichen sich Zwischentöne ein, in denen das Machtgefüge sehr deutlich wird. Celeste jammert darüber, dass Jack nicht so gefügig ist, wie er es sein sollte, oder sich nicht durch Sex beruhigen lässt – weder durch ihre Brüste noch Analverkehr. Mit der Dauer ihrer „Beziehung“ beklagt sie, dass er nicht mehr so unschuldig sei, außerdem ist ihr sehr bewusst, dass er bald zu alt sein wird. Und wenngleich Jack nur aus ihrer Perspektive zu erleben ist, sind Folgen des Missbrauchs zu bemerken: Jacks Noten werden schlechter, er wird fahriger, unkonzentrierter, seine Verzweiflung und Überforderung mit der Situation sind zu spüren. Obwohl sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Jungen weiterhin von vielen unterschiedlich bewertet werden – auch wäre die Rezeption dieses Buches vermutlich anders ausgefallen, wäre Celeste ein Mann und Jack ein 14-jähriges Mädchen –, sind die Folgen indes gleich. Dieser Missbrauch hat Jacks Leben zerstört, und die Täterin wird weitermachen, solange sie es geht.

Alissa Nutting: Tampa. Übersetzt von Verena von Koskull. Hoffmann und Campe 2014.

Amerika und Afrika – Über „Americanah“ und „Nairobi Heat“

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Was bedeutet es, schwarz zu sein? In dem großartigen Roman „Americanah“ erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von der Nigerianerin Ifemelu, die in die USA geht und dort zum ersten Mal erfährt, was es bedeutet, schwarz zu sein, in einer Welt, in der weiße Haut das Ideal und erstrebenswerte Ziel ist. In dem Moment, in dem sie in den USA ankommt, spürt sie, dass fortan nicht mehr wie in Nigeria die Klasse über ihr Fortkommen entscheidet, sondern die Rasse. Ifemelu – und mit ihr der Leser – erlebt die Allgegenwärtigkeit einer Hautfarbe, die jede Fremd- und bald auch schon Selbstwahrnehmung bestimmt – abhängig von dem Land und der Gesellschaft, in der man sich befindet. In „Nairobi Heat“ geht Mukoma wa Ngugis Protagonist Ishmael gewissermaßen den umgekehrten Weg: Er ist ein afroamerikanischer Cop, der das erste Mal nach Afrika reist und dort in einem Fall ermitteln will. Im Gegensatz zu Ifemelu kennt er die Diskriminierungen in den USA, er kennt die sprachlichen und gesellschaftlichen Codes, denen man sich unterwirft oder gegen die man sich auflehnt. In Kenia erlebt er nun andere Reaktionen auf seine Erscheinung: „Die Leute hier waren klein und schlank, und ich fühlte mich maßlos schwer, als hätte ich einige Körperteile zuviel.“ Die Afrikaner rufen ihn, den „afrikanische(n) Amerikaner, (…) schwarze(n) Amerikaner“ „Weißer Mann“. Anfangs macht es ihm nichts aus, je länger er jedoch in Kenia bleibt, desto mehr empfindet er die Geringschätzung, die damit verbunden ist. Während nun Ifemelu in Adiches Roman mit sich selbst hadert und sich selbst (er-)finden muss, scheint sich bei Ishmael eine Sehnsucht zu erfüllen, die er zuvor nicht gekannt hat. Er wollte nie einer der Schwarzen sein, die sich wie Weiße verhalten, zugleich hat er aber kein Problem damit, dass Schwarze ihn für einen Verräter halten, weil er als Polizist andere Schwarze verhaftet. In Afrika findet er daher auch nicht zu selbst, sondern verbringt Tage voller Leidenschaft, Hass, Liebe und Gewalt. Es ist ein „anderes Leben, ein Leben am Limit, wo es immer um alles oder nichts ging, und in dem man vielleicht nebenbei auch noch was Gutes tun konnte“. Auch Ifemelu geht schließlich nach Nigeria zurück, getrieben von großem Heimweh und der Sehnsucht nach ihrer großen Liebe Obinze, „der einzige Mensch, bei dem sie nie das Bedürfnis verspürt hatte, sich zu erklären“.

(c) Transit Verlag

(c) Transit Verlag

„Americanah“ ist ein globaler Gesellschaftsroman, in dem Chimamanda Ngozi Adichie ihre scharfsinnigen Analysen und Überlegungen in eine Liebesgeschichte einbettet und zugleich von dem Leben der Nigerianer in ihrer Heimat, in England (dorthin geht Obinze) und den USA erzählt. Sehr unterhaltsam und gut zu lesen, hat dieser Roman meinen Blick auf die Welt verändert und zählt für mich zu den besten Büchern des Jahres. Die thematischen Parallelen zu „Nairobi Heat“ sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich stilistisch um zwei grundverschiedene Bücher handelt. „Nairobi Heat“ ist ein hardboiled-Roman, in dem Ishmael den Mord an einer hübschen jungen weißen Frau aufgeklärt, die eines Nachts vor dem Haus eines schwarzen Professors gefunden wird. Der Verdächtige ist Joshua Hakizimana, der 1994 beim Massaker in Ruanda tausende Flüchtlinge gerettet hat und als „der schwarze Schindler“ gilt. Er beteuert seine Unschuld, dennoch hat der Fall allein schon aufgrund der Hautfarbe des Opfers sowie des Verdächtigen politische und gesellschaftliche Brisanz. Ein anonymer Tipp führt Ishmael schließlich nach Nairobi und dort beginnt er, mehr über Joshua herauszufinden. Dadurch verbindet Mukoma wa Ngugi die Detektivgeschichte mit Überlegungen zum Leben in den USA und in Kenia, zu den Folgen des Völkermordes in Ruanda und den Umgang mit Schuld. Daneben geht es in diesem rund 180 Seiten langen Roman um die komplexen Beziehungen zwischen Afrika und den USA, um Verrat und Korruption – und inmitten der Kneipenschlägereien und Toten immer auch um Hoffnung. Deshalb ist „Nairobi Heat“ ein sagenhaftes Debüt – und ebenso wie „Americanah“ sehr gute Literatur.

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat. Übersetzt von Rainer Nitsche. Transit Verlag 2014.
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Übersetzt von Anette Grube. S. Fischer 2014.

Über die Autoren

Foto: Africanwriter.com

Foto: Africanwriter.com

„Nairobi Heat“ ist der Debütroman von Mukoma wa Ngugi, der 1971 als Sohn von Ngugi wa Thiong’o in Evanston, Illionis/USA geboren wurde, in Kenia aufgewachsen ist und zum Studium zurück in die USA ging. Er arbeitet als Literaturprofessor an der Cornell University und schreibt als Journalist und Kolumnist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Sein zweiter Roman „Black Star Nairobi“ ist gerade in den USA erschienen.

(c) Beowulf Sheehan/PEN American Center

(c) Beowulf Sheehan/PEN American Center

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren und ging im Alter von 19 Jahren in die USA. „Americanah“ ist ihr dritter Roman, zuvor erschienen „Blauer Hibiskus“ und „Die Hälfte der Sonne“ (beide im Luchterland Literaturverlag), außerdem ist ihre Kurzgeschichtensammlung „Heimsuchungen“ beim S. Fischer Verlag erhältlich. Für „Americanah“ wurde sie mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet. Sie lebt in Lagos und in den USA.

Chimamanda Ngozi Adichie wird im Mai auf Lesereise in Deutschland und in die Schweiz gehen.

12. Mai 2014
Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, 60311 Frankfurt. Beginn 19:30 Uhr
13. Mai 2014
Rautenstrauch-Joest-Museum f.Völkerkunde, Bibliothek 2. OG, Cäcilienstraße 29-33, 50678 Köln
14. Mai 2014
Kaufleuten Restaurants AG, Pelikanplatz, 8001 Zürich
15. Mai 2014
Literaturhaus Basel, Theaterstr. 22, 4001 Basel
16. Mai 2014
Kulturbrauerei Palais, Knaackstr. 97, 10435 Berlin
17. Mai 2014
Universität Hannover, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover

Einige Anmerkungen zu „Sechzehn Frauen“ von Rafael Cardoso

7 Millionen Menschen leben im Stadtgebiet von Rio de Janeiro, der zweitgrößten Stadt Brasiliens. Berühmt für seine Sambaschulen und den Karneval, berüchtigt für seine Favelas. Um über diese Stadt zu erzählen, greift der brasilianische Autor Rafael Cardoso in seinem Buch „Sechzehn Frauen“ auf die Stimmen der titelgebenden 16 Frauen zurück, die in kurzen Geschichten von ihrem Leben erzählen.

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Sie leben in 16 verschiedenen Stadtteilen Rios, sind reich, arm, jung, alt, glücklich und verzweifelt. Einige kennen sich, andere werden miteinander bekannt, viele treffen einen geheimnisvollen jungen Mann namens Rafael. Sie sind Schauspielerinnen, Verkäuferinnen, Studentinnen und Rentnerinnen. Ein sechsjähriges Mädchen erzählt von einem Ausflug, eine ältere Frau von ihrem Haus. Im Idealfall entstünde aus ihren Geschichten ein buntes, flirrendes Panoptikum der Stadt, jedoch hat Rafael Cardoso nicht für jede eine eigene Stimme gefunden. Dadurch erscheinen sie mitunter austauschbar und leblos.

So unterschiedlich ihre Biographien und Lebensumstände auch sind, scheinen ihre Hoffnungen allzu oft an den Männern zu hängen – insbesondere an dem verführerischen Rafael. Dadurch werden die Erzählungen häufig klischeehaft. Indes klingt in den besten Momenten des Erzählungsbandes die Zuneigung durch, die der Autor für seine Erzählerin empfindet. Dann zeigt sich, wie reizvoll die Form des Buches ist – und welches Potential sie hatte. Insgesamt bleibt es jedoch bei kurzen Einblicken und wenigen Höhepunkten.

Rafael Cardoso: Sechzehn Frauen. Übersetzt von Peter Kultzen. S. Fischer 2013.

Lesenotizen zu „Straße der verlorenen Schritte“ von Lyonel Trouillot

In einer Nacht verbreitet sich in Port-au-Prince in Windeseile das Gerücht, dass etwas passieren wird – wieder einmal. Die Anhänger der Opposition wollen mit Gewalt die Macht erringen, und die Miliz des „großen Verblichenen Ewiglebenden Diktators“ könnte abermals ein Blutbad unter der Bevölkerung anrichten. In dieser Situation fährt ein Taxifahrer durch die nächtliche Stadt, erinnert sich eine alte Prostituierte und Bordellbesitzerin an vergangene Nächte und flüchtet sich ein junges Paar in das Haus eines Freundes. Sie werden mitgerissen in einen Strudel aus Erinnerungen und Gedanken, Vermutungen und Träumen.

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

„Das hier ist kein Land, sondern eine Fabrik des epischen Scheiterns“ – gemeint ist Haiti, Handlungsort von Lyonel Trouillots poetisch-düsterem Roman „Straße der verlorenen Schritte“. In eindringlicher Sprache schildert Lyonel Trouillot Schreckensszenarien, die in der beschriebenen Grausamkeit schön zu lesen ist. Eindrucksvoll wird dabei deutlich, wie sich in einer Gesellschaft Hass verbreitet, jedoch ist es nicht immer leicht, diesem Buch zu folgen. Fast zwingt Lyonel Trouillot seine Leser, sich mit der Geschichte Haitis auseinanderzusetzen. Nur dann sind seine oft bitterbösen Verweise zu verstehen und entfaltet sich das Leid dieses Landes vollständig. Auch muss man sich auf den Rhythmus einlassen, die Poesie auf sich wirken lassen und sehr langsam, am besten ein zweites Mal lesen. Dann entfaltet „Straße der verlorenen Schritte“ seine einzigartige Wirkung.

Zum Autor
Lyonel Trouillot wurde 1956 in Port-au-Prince geboren und verließ das Land in den 1980er Jahren, um in die USA ins Exil zu gehen. Heute lebt er wieder in Haiti und lehrt als Professor Kreolische und Französische Literatur. Er zählt zu den wichtigsten Autoren Haitis und wurde für „La belle amour humaine“ für den Prix Goncourt nominiert. Sein Debütroman „Straße der verlorenen Schritte“ erschien im Jahr 1998, seither hat er sechs weitere Romane veröffentlicht.

Lyonel Trouillot: Straße der verlorenen Schritte. Übersetzt von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz. Liebeskind 2013.

„Flut“ von Daniel Galera

„Er hat das Gefühl, als wollte das Meer etwas von ihm, kann sich aber nicht vorstellen, was. Als gäbe es da etwas, das er vergessen hat, oder von dem er nicht mal weiß, dass er es weiß. Das Meer fragt ihn danach und scheint immer kurz davor, die Geduld zu verlieren, aber er verlässt es gerade noch rechtzeitig, bevor es einen Wutanfall bekommt.“

Ein letztes Mal wird der 33-jährige Erzähler von Galeras Roman „Flut“ zu seinem Vater gerufen, der ihm die Geschichte seines Großvaters erzählt, der einst in dem Küstenort Garopaba bei einem Tanzfest erstochen wurde. Die Tat wurde niemals aufgeklärt. Seine Geschichte schließt der Vater mit der Ankündigung, dass er sich das Leben nehmen werde. Er bittet seinen Sohn lediglich, seine Hündin Beta einschläfern zu lassen. Er selbst bringe es nicht übers Herz und Beta würde ohne ihn zugrunde gehen. Widerwillig stimmt der Erzähler zu, entscheidet sich nach dem Selbstmord des Vaters aber dagegen. Stattdessen nimmt er Beta zu sich und begibt sich auf der Suche nach Wahrheit und Läuterung nach Garopaba. Dort lebt er zurückgezogen in einem Haus am Strand, arbeitet als Lauf- und Schwimmtrainer, beginnt eine Beziehung mit Dália, freundet sich mit einem Pensionsbesitzer an und stellt den Dorfbewohnern Fragen über seinen Großvater. Sie antworten nicht, sondern werden misstrauisch und wollen nicht über ihn reden. Auch sein Großvater war ein Fremder, der erst die Neugier und dann den Hass der Bewohner erregte, und dem Erzähler scheint es nun ganz ähnlich zu ergehen. Weiterlesen

„Abschied von Atocha“ von Ben Lerner

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Wer kennt ihn nicht, den typischen Protagonisten vieler amerikanischer Ostküsten-Romane: ein mehr oder minder erfolgreicher Schriftsteller, im Disput mit sich selbst oder seiner Umgebung, der in New York lebt und sich an seine Zeit im europäischen Ausland erinnert. Im Gegensatz zu diesen Protagonisten ist der jungen amerikanische Lyriker Adam Gordon noch ganz am Anfang seines literarischen Lebens, ja, er versteht sich selbst noch nicht einmal als Lyriker, sondern ist überzeugt, er gebe nur vor, ein Lyriker zu sein. Mit einem vermeintlichen Projekt über den spanischen Bürgerkrieg hat er ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt in Madrid erhalten und lebt nun ein Jahr lang in einer kleinen Wohnung an der Plaza Santa Ana. Sein Tag beginnt mit einem Kaffee und einem Joint, dann sieht er sich Bilder im Prado an, schlendert durch den Park, nimmt beständig Tabletten und durch seine anfangs geringen Spanischkenntnisse versteht er nicht immer, was seine Freunde ihm erzählen. Weiterlesen