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Humbert Humbert in Florida – Über „Tampa“ von Alissa Nutting

Celeste Price ist 26 Jahre alt, wunderschön, Lehrerin an einer Junior-Highschool, verheiratet mit dem Polizisten Jack Ford und lebt in Florida. Ihr Mann sieht gut aus und ist reich, befriedigen kann er sie aber nicht. Denn Celeste ist pädosexuell: Sie giert nach 14-jährigen Jungen, nach deren schlaksigem Körperbau und Unschuld. Deshalb ist sie Lehrerin geworden und hält ihren Mann mit gelegentlichem, meist unter Alkohol- oder Tabletteneinfluss geschehenen Sex bei Laune. Sie behilft sich mit Teenagerpornos und dem Ansehen von Jungs im Einkaufszentren, vor allem aber wartet sie auf das neue Schuljahr. Dann wird sie mit ein wenig Glück einen Jungen finden, der ihr Verlangen stillt.

(c) Hoffmann und Campe

(c) Hoffmann und Campe

In Ich-Perspektive lässt Alissa Nutting in ihrem Romandebüt „Tampa“ die Lehrerin Celeste von ihrem Trieb erzählen. Von der ersten Seite an ist man ihrem Verlangen ausgeliefert, blickt mit ihren Augen auf ihre Umgebung und ihr Leben, folgt ihren Blicken und Empfindungen, steht mit ihr vor dem Haus des 14-jährigen Jack, auf den sie ein Auge geworfen hat, erfährt ihre Gedanken bei der Selbstbefriedigung, bei ihrer Annährung und schließlich dem Missbrauch von Jack. Der Skandal ist bei diesem Buch einkalkuliert: Es geht auf nahezu jeder Seite des Buches um Sex. Sicher gibt es Verweise auf Celestes Jugendwahn, mit Sport, Cremes, Kuren und Sex mit 14-Jährigen will sie jung bleiben, allerdings darf trotz aller gesellschaftskritischen Ansätze, die hier anklingen, nicht übersehen werden, dass sie vor allem jung aussehen will, damit junge Teenager mit ihr Sex haben wollen.

Über Celestes Sexleben ist daher viel zu erfahren, über ihre Vergangenheit und ihren Alltag hingegen nur wenig. Vielmehr wird man in eine Welt gezogen, in der sich jeder Gedanken darum dreht, den passenden Jungen zu finden – und nicht erwischt zu werden. Dass Celeste eines Tages auffliegen wird, ist von vorneherein klar. Außerdem wurde das Buch von dem Fall der Lehrerin Debra Lafave inspiriert, die vor knapp zehn Jahren wegen einer „Beziehung“ zu einem Schüler verurteilt wurde und zum Medienstar wurde. Sie wählte die Verteidigungsstrategie der engelsgleich aussehenden Unschuld, der kein Teenager widerstehen könnte – und auch Celeste sieht sich in erster Linie als verführerisch. Sie glaubt nicht, dass sie den Jungs schadet und würde nicht auf die Idee gekommen, dass der Sex, den sie mit ihrem minderjährigen Schüler Jack hat, Vergewaltigungen sind. Auch Jack glaubt, er sei in seine Lehrerin verliebt. Dennoch schließt sich das Buch dieser Verteidigungsstrategie, die sexuelle Übergriffe entschuldigt, keinesfalls an. Vielmehr schleichen sich Zwischentöne ein, in denen das Machtgefüge sehr deutlich wird. Celeste jammert darüber, dass Jack nicht so gefügig ist, wie er es sein sollte, oder sich nicht durch Sex beruhigen lässt – weder durch ihre Brüste noch Analverkehr. Mit der Dauer ihrer „Beziehung“ beklagt sie, dass er nicht mehr so unschuldig sei, außerdem ist ihr sehr bewusst, dass er bald zu alt sein wird. Und wenngleich Jack nur aus ihrer Perspektive zu erleben ist, sind Folgen des Missbrauchs zu bemerken: Jacks Noten werden schlechter, er wird fahriger, unkonzentrierter, seine Verzweiflung und Überforderung mit der Situation sind zu spüren. Obwohl sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Jungen weiterhin von vielen unterschiedlich bewertet werden – auch wäre die Rezeption dieses Buches vermutlich anders ausgefallen, wäre Celeste ein Mann und Jack ein 14-jähriges Mädchen –, sind die Folgen indes gleich. Dieser Missbrauch hat Jacks Leben zerstört, und die Täterin wird weitermachen, solange sie es geht.

Alissa Nutting: Tampa. Übersetzt von Verena von Koskull. Hoffmann und Campe 2014.

Krimi-Kritik: „Rotzig & Rotzig“ von Jörg Juretzka

„Der Mann war noch nicht ganz aufgeschlagen, noch nicht ganz tot, als am Kellergeschoss eine Stahltür aufsprang und zwei rotznasig und unterernährt wirkende Jungs von vielleicht neun oder zehn Jahren herausstürmten, sich auf den Leichnam stürzten und ihm ebenso ungerührt wie routiniert die Taschen auf links zogen. Ich hatte instinktiv ein paar Schritte rückwärts gemacht und stand nun da, schockgefroren, die Flanke meines Toyotas im Kreuz, Katzenkorb an der Hand, Pappkarton mit CDs, Dosenbier, Rasierzeug und anderem Lebenswichtigem unterm Arm, und fühlte mich von einer Sekunde auf die andere geradezu wundervoll eingestimmt auf den Job, den ich da angenommen hatte.“

Nein, Kristof Enrico Kryszinski hat nicht wirklich den Job gewechselt, sondern ermittelt mal wieder verdeckt. Er soll im Auftrag einer Mülheimer Wohnungsbaugesellschaft einen Mietstreik in der Hochhaussiedlung Wohnpark Nord verhindern, der sich aufgrund fortgesetzter Einbrüche und Vandalismus abzeichnet. Als Hausmeister hat er mehr oder weniger uneingeschränkten Zugang zu allen Räumlichkeiten, deshalb erscheint dieser Job als ideale Tarnung. Nachdem ihm sein Vorgänger nun vor die Füße gefallen ist, macht er sich mit der Umgebung vertraut. Es ist eine Siedlung, wie sie in fast jeder Großstadt zu finden ist. Hier gibt es die rotznasigen Zwillinge Üffes und Sien (eigentlich Yves und Sean), einige einsame Frauen, Möchtegern-Gangster namens Nordpark Hoodies und die unvermeidlichen Blockwarte, die für Recht und Ordnung sorgen wollen. Da er mit Scuzzi in einer ähnlichen Siedlung aufgewachsen ist, ist dieser Job für Kryszinski fast ein Heimspiel. Er kennt die meisten Tpyen und Tricks und versucht vor allem, Üffes und Sien das Handwerk zu legen. Als er sich aber deren Familie genauer ansieht, stößt er nicht nur auf eine medikamentenabhängige Mutter und einen merkwürdigen Stiefvater, sondern auch auf eine äußerst desinteressierte Dame von Jugendamt. Das stimmt ihn misstrauisch, außerdem hat Kryszinski bekanntermaßen ein gutes Herz, deshalb kann er diese Jungs nicht einfach so aufgeben – so sehr sie ihm auch auf die Nerven gehen.

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

„Rotzig & Rotzig“ beginnt wie ein typischer Kryszinski-Roman, in dem insbesondere Üffes und Sein einen witzigen Kontrapunkt zu Kryszinskis Gegrummel setzen. Ungefähr nach der Hälfte nimmt die Geschichte jedoch eine Wendung, die für schreckliche Zwischenfälle und unschöne Wahrheiten sorgt. Und es ist Juretzkas große Kunst, diese ernsthaften und grausamen Momente hervorragend in die gewohnt lustigen und deftigen Szenen einzufügen. Mit Kinderhandel und Kinderpornographie nimmt er sich abermals brisante Themen vor und zeigt inmitten von Kryszinskis turbulenten und gefährlichen Nachforschungen, wie verzweigt und einflussreich ein Netzwerk von Kindervergewaltigern sein kann. Diese Ermittlungen treiben Kryszinski an den Rand des Erträglichen und sie werden weitreichende Folgen haben. Für ihn – und die Reihe.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Juretzkas Schreibstil ist fraglos Geschmackssache – ich schätze ihn sehr und kann bei seinen Büchern viel lachen, andere werden damit nichts anfangen können. Wer aber vor Juretzkas Büchern zurückschreckt, weil „Rotzig & Rotzig“ bereits der neunte Band einer Reihe ist und er die Vorgänger nicht alle lesen möchte, dem sei dieser Band als Einstieg empfohlen. Denn es wäre schade, diesem eigenwilligen Privatdetektiv keine Chance zu geben.

Jörg Juretzka: Rotzig & Rotzig. Rotbuch 2010. Taschenbuchausgabe im Unionsverlag.