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Buchpremiere „Berlin Noir“

Eigentlich gehe ich recht selten zu Lesungen, alleine schon, weil ich mir nicht so gerne vorlesen lasse. Aber gestern war ich dann doch bei der Buchpremiere von „Berlin Noir“, einer Kurzgeschichtensammlung, die verbindet, dass sie alle einen tinge of noir haben und in Berlin spielen. „Berlin Noir“ ist Teil der Anthologie von Akashic Books, die Noir-Erzählungen von Städten versammeln. Im vorigen Jahr ist hier in deutscher Übersetzung auch schon „Paris Noir“ erschienen.

Gestern nun versammelten sich also zwölf der 13 Autor*innen im Kreuberger Wasserturm, lasen jeweils einen kurzen Ausschnitt aus ihrer Geschichte und beantworteten Fragen von Herausgeber (und Moderator des Abends) Thomas Wörtche. Und das war ein sehr abwechslungsreicher Abend mit Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger und Miron Zownir – wenngleich meine Fotos von gestern das nicht unbedingt ausdrücken:

Auch das Buch verspricht bisher abwechslungsreiche Lektüre – sechs der 13 Geschichten habe ich schon gelesen.

Thomas Wörtche (Hrsg.): Berlin Noir. Culturbooks 2018. 15 Euro.

Noir.Mastul

Am 14. September gibt es wieder eine Veranstaltung in Berlin zum Noir – dieses Mal zum Thema „Paranoia“. Der offizielle Veranstaltungstext:

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Paranoia stammt aus dem Griechischen. Wird mit wahnsinnig, verrückt, neurotisch, gestört übersetzt. Was treibt Autoren/Innen dazu, ihre Helden an Verschwörungen glauben zu lassen? Ist es allein die unsichere Welt da draußen? Sonja Hartl, Thomas Wörtche und Wolfgang Franßen besprechen an diesem Abend:

Ahmed Mourad „Vertigo“ (Lenos)
James Grady – Die letzten Tage des Condors (Suhrkamp)
Jon Bassoff – Zerrüttung (Polar Verlag).

Leben wir also schon in einem Überwachungsstaat und müssen uns sorgen? Ist der Wahn längst zum Normalzustand geworden? Oder sind Autoren und Autorinnen davon fasziniert, welche Möglichkeiten der Kriminalroman ihnen bietet, eine persönliche, wie gesellschaftliche Realität zu beschreiben, die ins Rutschen gekommen ist.

Ein Abend als Treffpunkt der Krimi-Szene, an dem jeder Leser, jede Leserin kräftig mitdiskutieren dürfen. Und die Frage: Wie weit sind wir selbst schon von einer Paranoia befallen?

14. September um 20.00 Uhr
Kunst- und Kulturverein Mastul e.V
Liebenwalder Str. 33
13347 Berlin
Eintritt frei

Wie sieht es aus, seid ihr dabei?

Krimi-Kritik: „Schwarzes Gold“ von Dominique Manotti

Auf dem Filmfest München lief im vorigen Jahr „La French“ (mittlerweile unter „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ auch auf DVD erschienen), in dem Jean Dujardin die „French Connection“ bekämpft, mittels der Heroin über Marseille in die USA geschmuggelt wird. Ich habe mir dann – gewissermaßen als Fortsetzung – noch einmal „French Connection“ von William Friedkin angesehen, der zwar rund 14 Jahre Jahre älter, aber spannender ist. Und zufällig waren diese Filme die perfekte Vorbereitung für „Schwarzes Gold“ von Dominique Manotti.

(c) Ariadne

(c) Ariadne

Ausnahmsweise beginne ich mal mit einem Wort zum Cover. Fast bin ich geneigt zu glauben, die grundsätzlich schwarze Covergestaltung der Ariadne Kriminalromanreihe habe nur auf diesen Buchtitel gewartet. Ein schwarzer Fleck auf dem schwarzen Hintergrund, der Autorinnenname wie immer weiß, der Titel dann orange-gold und hinzu kommt ein gleichfarbiges Lesebändchen. Sehr schön – und ebenso makellos schlicht wie das Äußere des Buches ist, geht es im Inneren weiter.

Mit „Schwarzes Gold“ geht Dominique Manotti im Marseille des Jahres 1973 an den Anfang der Karriere von Commissaire Théodore Daquin, um von den Anfängen einer kriminellen Verbindung zu erzählen, die noch heute Bestand hat. Dabei nutzt sie die Ereignisse um die „French Connection“ als Ausgangspunkt, um nicht über Drogen, sondern über Erdöl zu erzählen.

Trotz der kurzfristigen Ermittlungserfolge gegen den Drogenhandel wird alles in Marseille weiterhin von den alten Seilschaften aus korsischer Mafia, Marseiller Gangstern, korrupter Polizisten und Politiker bis in die höchsten Kreise bestimmt. In diesem Geflecht aus Geschäftsverbindungen, Feind- und Freundschaften ist der Pariser Daquin ein Außenseiter, der sogleich die Auswirkungen zu spüren bekommt. Sein erster Fall – tödliche Schüsse auf zwei Passanten – wird von dem zuständigen Ermittlungsrichter als Folge eines Bandenkrieges abgetan. „Wenn die Banditen sich gegenseitig umbringen wie in dem Fall, über den wir sprechen, schert die anständigen Leute das wenig. Sie fühlen sich nicht bedroht“. Also soll er lediglich die Identität der Opfer herausfinden, damit die Polizei den Bandenkrieg weiter nachvollziehen kann. Weiterlesen

Noir.Dude/s

Mittwochabend findet in Berlin zum ersten Mal eine Veranstaltung der Reihe Noir.Dude/s statt. Wolfgang Franßen vom Polar Verlag, Frank Nowatzki von Pulp Master und ich stellen drei Bücher vor – dieses Mal „Der Mann mit der Bombe“, „Die Toten schauen zu“ und „Exodus aus Libyen“ – und hoffen auf eine rege Diskussion über Literatur, Krimi und Politik.

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Krimi-Kritik: „Die sieben Leben des Arthur Bowman“ von Antonin Varenne

(c) C. Bertelsmann

(c) C. Bertelsmann

Vom Birma im Jahre 1852 bis in die Sierra Nevada des Jahres 1864 streckt sich die Handlung in Antonin Varennes „Die sieben Leben des Arthur Bowman“. Titelfigur Arthur Bowman ist der härteste Söldner in der Ostindienkompanie in Birma, später arbeitet er – alkohol- und opiumsüchtig – bei der Hafenpolizei in London. Inmitten einer großen Hitze und Trockenheit im Jahr 1859 wird er von einem Jungen zu einer Leiche geführt, die verstümmelt in der Kanalisation liegt. Die Narben und Spuren der Folter erkennt Bowman zu gut – sie wurden ihm selbst während der Gefangenschaft in Birma zugefügt. Überzeugt, dass er den Mörder kennt und er unter den Überlebenden seiner Truppe zu finden ist, macht er sich auf die Suche. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Dope“ von Sara Gran

Vor drei Jahren hat mich „Die Stadt der Toten“ von Sara Gran sehr begeistert, die Fortsetzung dann etwas weniger. Damals äußerte ich die Vermutung, dass dieser Band einfach noch nicht fertig war, er hätte mehr Zeit und Überarbeitung bedurft. Deshalb war ich nun sehr froh, dass mit „Dope“ kein weiterer Teil mit Claire DeWitt erschienen ist. Nach den ersten zwei Seiten des Buchs blätterte ich jedoch zum Anfang zurück – ich konnte nicht glauben, dass Sara Gran dieses Buch nach den DeWitt-Büchern geschrieben hat. Tatsächlich ist „Dope“ fünf Jahre vor „Stadt der Toten“ erschienen und man merkt es diesem Buch an. Es liest sich über weite Strecken wie die Stilübung einer Autorin, die ihren eigenen Ton noch festigen muss.

(c) Droemer

(c) Droemer

Erzählt wird die Geschichte von dem Ex-Junkie Josephine, die die süchtige Tochter eines vornehmen Ehepaars suchen soll. Joe kann das Geld gut gebrauchen, außerdem möchte sie sich gerne nützlich fühlen und so taucht sie in die Tiefen des New Yorks der 1950er Jahre ein. Die Handlung folgt dabei einer klaren Struktur: Joe klappert Menschen vornehmlich aus ihrer Vergangenheit ab, die ihr helfen sollen, das Mädchen zu finden. Nach ungefähr der Hälfte des Romans erfolgt eine erste große Wendung, der weitere folgen und die nicht alle überraschend sind. Die Fiebrigkeit und Dringlichkeit von „Stadt der Toten“ lässt sich in den besten Passagen erahnen, jedoch überwiegen nostalgische Momente, in denen Sara Gran das New York der 1950er Jahre heraufbeschwört. So isst Joe ein Pastrami-Sandwich, das noch vom alten Abe bei Katz’s zubereitet wurde und in der von ihr aufgesuchten Tanzbar kommen die Hoffnungen all der Figuren Cornell Woolrichs wieder hoch. Jedoch sind diese Passagen bisweilen zu ausführlich, es gibt viele Beschreibungen und Begegnungen, die hätten verdichtet und verkürzt werden müssen, zumal sich vieles an bekannte Noir-Elemente anlehnt. Außerdem liegt Sara Grans Stärke eindeutig in dem Unausgesprochenen, Angedeuteten, bei dem man selbst die Schlüsse ziehen muss.

Wäre dieses Buch zuerst erschienen, wäre ich wohl zu dem Schluss gekommen, dass ich auf weitere Bücher von Sara Gran gespannt bin. Denn bereits bei „Dope“ sind die Frauen entscheidende Charaktere, dürfen sie stark und manipulativ sein, ohne deshalb ihr Herz zu verlieren. Das ist für einen Roman, der sich deutlich an die noir- und hardboiled-Tradition anlehnt, durchaus bemerkenswert. Ohnehin kann Sara Gran Charaktere zeichnen, ihre Nebenfiguren erhalten mit wenigen Wesenszügen Lebendigkeit und werden dadurch haarscharf vom Klischee ferngehalten. Auch Joe ist eine gute Hauptfigur, sie ist widersprüchlich, mutig und zerrissen. Mit ihrer Schlaflosigkeit und ihrem Kampf gegen ihre Dämonen weist sie bereits auf Claire DeWitt hin, die in allem konsequenter sein wird. Das alles sind gute Ansätze. Jedoch hat Sara Gran ihr Meisterstück bereits vorgelegt.

Sara Gran: Dope. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer 2015.

Krimi-Kritik: „Abpfiff“ von Dominique Manotti

„Die erste Salve erwischt den Mann und die Frau von hinten, die Körper stürzen auf den menschenleeren Platz vor dem Einkaufszentrum.“ Mit diesem Satz beginnt Dominique Manottis grandioser Kriminalroman „Abpfiff“. Nach zwei Seiten steht fest, dass einer der Toten ein Polizist ist. Nach sechs Seiten sind die Täter überführt. Und nach 230 Seiten habe ich mehr über Drogenhandel, Geldwäsche, Korruption, Schwarzarbeit, Profifußball und, ach ja, einen Doppelmord erfahren als in manchen Büchern auf 500 oder 800 Seiten. Denn Dominique Manotti braucht keine Schnörkel, keine seitenlangen Ausführungen über politische Zustände oder die Seelenlage ihre Figuren. Ihr reicht ein kurzes sexuelles Intermezzo von Commissaire Daquin, um dessen Innenleben deutlich zu machen. Oder ein Moment des Aufwachens seines Kollegen im Kreis der Familie, um dessen Seelenzustand zu zeigen.

(c) Ariadne

(c) Ariadne

Schon immer hat Dominique Manotti eine klare Prosa geschrieben, aber in „Abpfiff“ sind ihre Sätze präziser und schnörkelloser als jemals zuvor. Sie spiegeln den Willen Daquins wider, diesen Fall unbedingt aufzuklären, das Adrenalin, das sein Körper antreibt – und die Anspannung, unter der alle Beteiligten stehen. Manottis Ermittler wollen das Richtige, akzeptieren aber, dass sie es nicht immer bekommen. Ihre Figuren werden von ihrem Ehrgeiz bis zur Impotenz getrieben, daneben wird viel Espresso gekocht, der der Ermittlungsarbeit dient und fast symbolisch die kurze, prägnante Arbeitsweise zusammenfasst, mit der die Drogenfahnder vorgehen. Aber Manotti braucht keine Symbole, denn sie hat diese Sprache, diesen Stil, diese Sätze, die einen unerbittlich voranjagen. „Apfiff“ ist ein bitterer, scharfsinniger Rausch, in dem nur kurze Stelldichein mit Daquins Geliebten für einen Moment der eruptiven Ruhe sorgen.

Die oben zitierte Ermordung von Daquins Lieblingskollegen Romero ist nämlich nur der Ausgangspunkt dieses Romans. Er wurde zusammen mit einer jungen Frau erschossen, die die Schwester des Platzwarts vom FC Lisle-sur-Seine ist, einem Club am Rand eines Banlieue, der gerade auf dem Weg zur französischen Meisterschaft ist. Zu verdanken hat der Club seinen Aufstieg dem ruchlosen Ehrgeiz des Präsidenten Monsieur Reynaud, zugleich Bürgermeisters des Orts und Bauunternehmer. Nach und nach enthüllen sich immer mehr schmutzige Verbindungen und Machenschaften, die nur Romantiker verschrecken, die immer noch glauben, es gebe kein Doping im Fußball und eigentlich seien dort elf Freunde auf dem Platz, die nur ein wenig kicken wollen. Dennoch würde ich „Abpfiff“ zu gerne das Etikett „Fußball-Krimi“ aufdrücken, wohlwissend, dass noch kürzer greift als Etiketten ohnehin. Aber vielleicht lesen diesen fantastischen Kriminalroman dann einige der Fußballfans da draußen oder bekommen ihn geschenkt. Das wäre großartig, denn dieses Buch ist eindeutig einer der Krimi-Höhepunkte des Jahres.

Dominique Manotti: Abpfiff. Übersetzt von Andrea Stephani. Ariadne 2015.

Krimi-Kritik: „Unter Brüdern“ von Pete Dexter

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

Bereits 1991 ist „Brotherly Love“ von Pete Dexter in den USA erschienen, nun liegt der Roman im Liebeskind-Verlag in deutscher Übersetzung von Götz Pommer vor. Die brüderliche Liebe ist denn auch zentrales Motiv dieses Romans. Er beginnt mit einem kurzen Zeitungsartikel, in dem der Tod der Protagonisten im Jahr 1986 gemeldet wird. Danach springt die Handlung zurück in das Jahr 1961. Der achtjährige Peter Flood ist mit seiner kleinen Schwester im Garten. Sie spielen und toben, aber er weiß, dass er auf seine Schwester aufpassen muss. Dann nähert sich ein Wagen, gerät auf einer Eisfläche ins Schleudern und Peter – aus Angst vor dem Hund des Nachbarn wie gelähmt – sieht mit an, wie seine Schwester von dem Wagen erfasst und durch die Luft geschleudert wird.

Mit dem Tod seiner Schwester verändert sich alles. Seine bereits vorher depressive Mutter wird in eine psychiatrische Klinik gebracht, sein Vater ist erfüllt von Zorn und Trauer. Er will den Nachbarn – den Fahrer des Autos – töten, erhält jedoch die Order, ihn zu verschonen. Denn Charley Flood ist wie sein Bruder Phil in der Gewerkschaft, die in Philadelphia das Sagen hat. Und Gewerkschaftsboss Constantine will nicht, dass der Nachbar getötet wird, weil er ein korrupter Polizist ist, der mit ihnen und den Italienern zusammenarbeitet. Jedoch kann Charley nicht loslassen – und handelt eines Tages. Darauf folgt das zweite Ereignis, das Peters Leben überschatten wird: Sein Vater fährt mit seinem Bruder weg und kehrt nicht mehr zurück. Weiterlesen

Einige Anmerkungen zu „True Detective“

Wenn man Serien erst nach dem Hype sieht, kann man bei dem Schauen auch die eigenen Erwartungen reflektieren. So hatte ich beispielsweise bei „True Detective“ zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, ich müsste nun unbedingt weitersehen, von dem viele anderen immer sprechen. Aber das ist kein Gradmesser für Qualität, im Gegenteil, gerade bei den Serien, die einen sehr langen Eindruck hinterlassen haben, brauchte ich zwischendurch immer Pausen, um das Gesehene zu verarbeiten und zu reflektieren – und bin doch immer wieder gerne in diese Welt zurückgekehrt.

(c) WHV

(c) WHV

Bei „True Detective“ gibt es einiges, was mir sehr gut gefallen hat: Die gesamte Erzählsituation der ersten sechs Folgen ist großartig. Die Detectives Marty Hart und Rust Cohle (Woody Harrelson und Matthew McConaughey) sind in den 1990er Jahren auf der Suche nach einem Serienmörder, der seine weiblichen Opfer tätowiert und mit kultischen Objekten zurücklässt. In der Gegenwart werden sie von zwei anderen Polizisten zu diesen Mordfällen befragt. Diese Gegenwartshandlung leitet eine Rückblende ein, die von den vergangenen Ermittlungen handelt, dabei sind einige von Rusts und Martys Aussagen zu hören, anderes ist im Bild zu sehen. Sehr schnell wird deutlich, dass nicht alles Gezeigte erzählt wird und nicht alles Erzählte im Bild zu sehen ist, es wird etwas ausgelassen, andere Aspekte betont oder falsch wiedergegeben. Dadurch ist das Erzähltempo sehr kontrolliert, zugleich durchzieht die Folgen eine Unzuverlässigkeit im Erzählen, die Raum für eigene Überlegungen lässt. An manchen Stellen – insbesondere bei der Actioneinlage mit Rustys Undercover-Einsatz – hätte ich mir gewünscht, dass Drehbuchautor Nic Pizzolatto und Regisseur Cary Fukunaga noch mehr Gebrauch von den Möglichkeiten dieser Erzählsituation macht, aber vermutlich musste er Eingeständnisse an die Serienkonventionen machen. Doch wie großartig wäre es gewesen, diesen Actionmoment nur erzählt und mit widersprüchlichen Bildern gezeigt zu bekommen.

Begeistert hat mich auch die Kameraarbeit von Adam Arkapaw. Seine Bilder schaffen ein distinktives Aussehen der Serie, das später auch im Cover von Pizzolattos Buch „Galveston“ (das hierzulande erst nach der Serie erschienen ist) wieder aufgegriffen wird, zugleich gibt es in ihnen vielen Subtexte und weitere Geschichten zu entdecken. Zusammen mit der Musik von T Bone Burnett entsteht sehr viel Atmosphäre, die gerade mit der stetigen leichten Überlichtung die in vielen anderen Filmen und Serien in dunkle Farben gefasste Sümpfe Louisianas anders, aber ebenso undurchdringbar darstellt.

Und natürlich sind auch die Hauptdarsteller zu erwähnen. Matthew McConaughey hat eine Paraderolle als leicht durchgeknallter Detective, aber – wie immer – ist er in den Szenen am besten, in denen er sich zurücknimmt. In meinen Augen hat der momentan leicht überschätzte McConaughey eine ausgeprägte Haltung zum Overacting, die insbesondere dann zum Tragen kommt, wenn er jemanden spielt, der bekifft oder sonst wie zugedröhnt ist oder sich eben besonders viel Mühe gibt. Dass er diese große Gestik und Mimik nicht nötig hätte, zeigen beispielsweise die Befragungsszenen. Woody Harrelson hat die auf den ersten Blick weniger spektakuläre, aber in meinen Augen interessantere Rolle, und er bringt den Mann, der eigentlich ein durchschnittliches Leben will, dafür allerdings denkbar schlecht geeignet ist, perfekt auf den Bildschirm.

„True Detective“ ist also sehr gutes, überdurchschnittliches Fernsehen. Dennoch gibt es einige Kritikpunkte, allen voran: die Frauenrollen. Alle weiblichen Figuren sind Heilige, Huren oder Opfer, gelegentlich – wie beispielsweise die von Michelle Monaghan toll gespielte Ehefrau – darf auch eine Heilige mal einen Fehler machen. Aber das war es. Ansonsten sind die minderjährigen Prostituierten, Stripperinnen, jungen Geliebten und Ehefrauen vor allem zu Sex- und Rettungsszenen da. Innenleben – Fehlanzeige. Und da stellt sich schon die Frage, warum nicht zumindest einer der ermittelnden Polizisten der Gegenwart eine Frau sein konnte. Und gerade weil „True Detective“ an sehr vielen anderen Stellen doch sehr clever und vielschichtig ist, finde ich das sehr schade.

Der zweite Hauptkritikpunkt ist das Ende, an dem es sich Nic Pizzolatto mit dem Irren und seiner debilen Ehefrau ein wenig zu einfach gemacht hat. Dass sich der ganze Fall in die Mardi Gras/Vodoo/Santaria-Ecke entwickelt, war abzusehen, und ist aufgrund des Settings auch zu verschmerzen, immerhin hat er einige Fäden aus den frühen Folgen sehr gut wieder aufgenommen. Sogar das nicht alle Schuldigen belangt und alles aufgedeckt wird, ist aufgrund der Situation der Ermittler realistisch. Etwas einfach bleibt die Auflösung dann aber doch – und dazu trägt das bemüht „helle“ Schlusswort noch bei.

Alles in allem lässt „True Detective“ aber hoffen, dass es in Fernsehserien noch mehr Mut zu innovativen Erzählweisen gibt – und damit meine ich nicht noch mehr Serien, in denen ein Fall über soundso viele Folgen verhandelt wird, sondern tatsächlich spannende Erzählsituationen geschaffen werden.

Andere:
Sehr empfehlen kann ich Lenas Beitrag zu „True Detective“, an dessen Ende sie auf weitere Artikel zu der Serie hinweist.

Ein paar Anmerkungen zu „Killer“ von Dave Zeltserman

Eigentlich hatte ich gestern mehr als genug zu tun. Doch in meiner Post war auch „Killer“ von Dave Zeltserman. Deshalb konnte ich nicht widerstehen, es wenigstens anzulesen, nach der Hälfte wollte ich es eigentlich zur Seite legen. Aber es ging nicht. Noch nicht einmal wegen der Spannung, sondern weil es einfach zu gut war. Genau das richtige Buch im richtigen Moment. Keine Schnörkel, keine langen, verwickelten Handlungen, unnötige Nebenfiguren oder leicht durchschaubare falsche Fährten, sondern einfach nur die Lebensgeschichte eines abgehalfterterten Ex-Profikillers, der gerade aus dem Knast kommt.

(c) Pulp Master

(c) Pulp Master

Leonard March hat vor 14 Jahren einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt: Er liefert ihnen den Bostoner Gangsterboss Salvatore Lombard und wird deshalb nur für die Taten belangt, wegen der sie ihn festgenommen haben. Dieser Versuchung kann kein Staatsanwalt widerstehen, und da March ein polizeilich unbeschriebenes Blatt ist, kommt es zur Absprache. Jedoch gesteht March daraufhin 28 Auftragsmorde, durch die er Lombard wie versprochen belastet; er selbst geht indes straffrei aus. Dann überlebt er sogar die 14 Jahre Gefängnis, zu denen er verurteilt wird, und ist nun in Boston wieder auf freiem Fuß. Auf ihn warten zahllose wütende Angehörige seiner Opfer, die ihn mit Zivilprozessen überschütten wollen, eine finanziell ungesicherte Zukunft und die Gewissheit, dass sich Lombards Organisation an ihm rächen wird.

Auf 262 Seiten erzählt Leonard March nun sein Leben, die Kapitel wechseln zwischen seiner Gegenwart, in der er sich mit einem Putzjob und den anklagenden Blicken auf der Straße auseinandersetzt, und seinen Erinnerungen an die Vergangenheit, in denen er nach und nach von den Taten erzählt. Hier wird psychologisch nichts verklärt, vielmehr lebt March sein Leben, wie es ist. Er begegnet Schurken, Cops und einer femme fatale, fast erscheint alles ein wenig zu sehr dem altmodischen amerikanischen noir zu entsprechen. Doch dann gibt es ein Ende, das schlichtweg hinreißend ist.

Dave Zeltserman: Killer. Übersetzt von Ango Laina & Angelika Müller. Pulp Master 2015.