Schlagwort-Archiv: New Orleans

Women in Crime: Mississippi von J.M. Redmann

Es ist ein klassischer hardboiled-Beginn: Eine hübsche Frau sucht einen Privatdetektiv auf, um ihm einen Auftrag zu geben, der ihn in die Bredouille bringen wird. Denn natürlich ist diese Frau ebenso hübsch wie falsch. Bei J.M. Redmann ist der Privatdetektiv allerdings eine Frau – und lesbisch noch dazu. Michele Knight ist ihr Name, an der Tür steht nur M. Knight, ihre Freundinnen nennen sie Micky. Sie lebt und arbeitet in New Orleans, kommt aus den Bayous und ist gerade noch hell genug, um als weiß durchzugehen. Der Auftrag, den sie von der hübschen Fremden erhält, bringt sie in Kontakt mit einer reichen Familie, auf deren Grundstück mit Drogen gehandelt werden soll – und natürlich in große Gefahr.

(c) Ariadne

Nicht nur im Plot, auch im Stil lehnt sich J.M. Redmann an Chandler an: Klare, knappe Sätze, lakonische Bemerkungen und Sprüche. Dabei wirken die fiebrigen, sumpfigen, genauen Beschreibungen zugleich fast wie Vorläufer von Sara Grans Bild von New Orleans in „Die Stadt der Toten“. Auch in ihrem Verhalten, lieber zu trinke als sich den Problemen zu stellen, passt Redmanns Mick gut zu den Marlowes und Spades dieser Krimi-Welt. Jedoch stellt sich schnell heraus, dass sie weitaus mehr psychologisches Potential hat – und ohne dass es allzu sehr ausgestellt wird, zeigt sich nach und nach, wie sehr sie in ihrer Vergangenheit traumatisiert wurde und von ihr zu der gemacht wurde, die sie heute ist. Mit all den Fehlern und Vorzügen. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Sturm über New Orleans“ von James Lee Burke

(c) Pendragon

(c) Pendragon

Mit „Regengötter“ hat im letzten Jahr eine kleine James-Lee-Burke-Renaissance eingesetzt, die in diesem Frühjahr mit „Sturm über New Orleans“ fortgesetzt wird – „Glut und Asche“, die Fortsetzung von „Regengötter“ wurde von Heyne Hardcore für Oktober abgekündigt, auch der Pendragon Verlag wird nachlegen. „Sturm über New Orleans“ ist der 16. Teil mit Dave Robicheaux und mein Einstieg in diese Reihe. Wie es bei Serien ist, werden mir sicher einige Anspielungen entgangen sein, aber ich hatte keinerlei Probleme, in dieses Buch hineinzufinden.

„Sturm über New Orleans“ ist ein wütendes Buch, in dem sich James Lee Burke mit den Folgen des Hurrikans Katrina auseinandersetzt. Seine Position macht er im Vorwort sehr deutlich: „Was damals in New Orleans geschah, das war nicht nur eine Naturkatastrophe, das war das größte Versagen einer Regierung, der denkbar größte Verrat an der eigenen Bevölkerung. Es war ein Verbrechen. Eine nationale Schande. Eine Wunde, die in den Geschichtsbüchern auf immer festgehalten bleiben wird. Manche sagen, dies sei mein politischstes Buch. Sicher ist es mein wütendstes. Nichts davon habe ich zurückzunehmen.“

(c) Frank Veronsky

(c) Frank Veronsky

Tatsächlich blitzt die Wut der Hauptfigur, Sheriff Dave Robicheaux, (und des Autors) immer wieder auf, er stürzt sich inmitten der verwüsteten, von der Regierung allein gelassenen Stadt in die Suche nach einem verschwundenen Priester, einem Serienmörder und den Vergewaltigern eines Mädchens. Dabei überzeugen die bedrohlich-stickige Atmosphäre und die Charaktere. Wie in „Regengötter“ gibt es einen altgedienten Helden mit vernarbter Seele und geschundenem Körper, fiese Psychopathen und Kriminelle, denen James Lee Burke mehr Facetten zugesteht als viele andere Autoren. Deshalb gelingt es ihm, die Reue eines Vergewaltigers überzeugend zu schildern, ohne dessen Taten zu relativieren. Auch die Frauenfiguren des 1936 geborenen Autors sind stärker und moderner als in vielen anderen Kriminalromanen. Auch sie haben Verletzungen erlitten, wissen sich aber selbst zu helfen und treffen eigene Entscheidungen.

Alles in allem ist „Sturm über New Orleans“ daher trotz der gelegentlichen metaphysischen Überhöhungen ein gutes Buch. Jedoch folgt es in meiner Lese-Erfahrung zwei Büchern über New Orleans, die mich weitaus mehr gepackt, durchgerüttelt, ja, fast überwältigt haben: Sara Grans „Die Stadt der Toten“ und Dave Eggers „Zeitoun“. In ihnen waren der Sturm und seine Folgen unmittelbarer und wuchtiger, sie waren mutiger in ihrer Form und ihrem Umgang mit dem Wahnsinn der Ereignisse. Und dagegen ist „Sturm über New Orleans“ schlichter, ja, konservativer.

James Lee Burke: Sturm über New Orleans. Übersetzt von Georg Schmidt. Pendragon 2015.

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New Orleans und Katrina – „Zeitoun“ von Dave Eggers

(c) Kiepenheuer & Witsch

„Zeitoun“ von Dave Eggers steht schon eine ganze Weile auf meiner Leseliste. Nach jeder Folge „Treme“ denke ich, dass ich es lesen wollte. Nun ist Dave Eggers aktuelles Buch „Ein Hologramm für den König“ recht präsent in den Medien und er saß – so meine ich jedenfalls – auf dem Flug zur Leipziger Buchmesse hinter mir. Also habe ich über die Osterfeiertage endlich „Zeitoun“ gelesen. Es hat mich nach der Lektüre fassungslos zurückgelassen. Als ich anschließend im Internet ein wenig zu Dave Eggers und seinem Buch las, kam jedoch eine weitere Frage hinzu, die wohl jeden Kulturinteressierten immer wieder beschäftigt: Welche Rolle spielt die Wirklichkeit bei der Bewertung von Kunst. Aber zunächst zu dem Buch – und meinem Entsetzen. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Die Stadt der Toten“ von Sara Gran

Claire de Witt ist die beste Privatdetektivin der Welt – zumindest nach eigener Aussage. Ihre Methoden sind ungewöhnlich, ihr Charakter mehr als eigenwillig und sie hatte bereits einen Nervenzusammenbruch, den sie aber vor ihren Auftraggebern als Wellness-Seminar im Ashram ausgibt. Nun beauftragt Leon Salvatore sie, das Verschwinden seines Onkels Vic aufzuklären, der in New Orleans Staatsanwalt war. Eigentlich dachte Leon, Vic gehöre zu den Vermissten durch den Hurrikan Katrina, aber nun hat er erfahren, dass er nach dem Sturm noch gesehen wurde. Für Claire bedeuten die Ermittlungen eine Rückkehr nach New Orleans, der Stadt, in der sie ihr Handwerk von ihrer Mentorin Constance Darling gelernt hat und durch deren Tod einen schweren Verlust erlitten hat. Aber Claire weiß, dass sie die Zeichen deuten muss. Darauf weist Jacques Silette, dessen Buch „Détection“ ihre Bibel ist, immer wieder hin.

Eine eigensinnige Ermittlerin mit sonderbaren Methoden

Sara Gran © Deborah Lopez

Mit „Die Stadt der Toten“ hat Sara Gran einen ungewöhnlichen Kriminalroman geschrieben, der voller überzeugender Eigenarten steckt. Trotz anfänglicher Redundanzen – wie beispielsweise der mehrmalige Verweis, dass sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft gerade in New Orleans nicht zusammenarbeiten und korrupt sind oder auch das Alter von Vic – lohnen die leichten Mühen bei dem Einstieg in die Handlung. Sara Gran hat einen dichten Plot entwickelt, in dem sich manche anfangs störende Eigenheiten wie die wiederholende Zusammenfassung am Beginn mancher Kapitel als Griff erweisen, die verschiedenen Ebenen der Handlungen im Überblick zu behalten. Claire de Witt untersucht nicht nur Vics Verschwinden, sondern wird in New Orleans von ihren Erinnerungen an ihre Mentorin heimgesucht. Weiterlesen