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Kurzkritiken zu den Filmen der Nordischen Filmtage 2015, Teil 2

Und nach dem ersten Teil folgt hier die Fortsetzung der Kurzkritiken:

„Kapgang“ („Speed Walking“) von Niels Arden Oplev

©Photo: Rasmus Videbaek

©Photo: Rasmus Videbaek

Coming-of-Age-Gescichte eines 14-jährigen Jungen, dessen Mutter kurz vor seiner Konfirmation stirbt und der fortan gleichzeitig mit seiner Trauer und aufkeimenden Gefühlen sowohl für eine Klassenkameradin als auch seinen besten Freund konfrontiert wird. Durchaus ergreifend, aber insgesamt zu lang. Außerdem werden wie bei „Itsi Bitsi“ komische Szenen eingestreut, die den Film auflockern sollen – und auch hier geht es dabei meist um Sex.

„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ von Roy Andersson

(c) Neue Visionen

(c) Neue Visionen

Ein wunderbar skurriler Film über die Absurditäten des Alltags, der großartige Momente und Tableaus schafft und den lustigsten running gag des Kinojahres hat. Dabei bleibt einem am Ende bei manchen Szenen das Lachen doch sehr im Halse stecken – und Roy Andersson vermag dem Geschehen und den Bildern immer eine Wendung zu geben. Das ist Film als Kunst! (Und selten habe ich im Nachhinein zu einem Film derart unterschiedliche Meinungen gehört.)

„Mein Leben unter der Regie von Nicolas Winding Refn“ von Liv Corfixen

©Photo: Tiberius

©Photo: Tiberius

Mit ihren zwei Kindern hat Liv Corfixen ihren Ehemann Nicolas Winding Refn zu den Dreharbeiten zu „Only God Forgives“ nach Thailand begleitet und ihre Aufenthalt dort gefilmt, um sich selbst mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sie fortan nur die „Ehefrau von …“ sein will. Der Film liefert aber vor allem interessante Einblicke in die Arbeit von Winding Refn – und somit stellt sich leider durchaus die Frage, ob dieser Film nicht doch eher Selbstvermarktung denn Auseinandersetzung mit Rollenbildern ist.

„Turist“ („Höhere Gewalt“) von Ruben Östlund

©Photo: Fredrik Wenzel

©Photo: Fredrik Wenzel

Durch eine Lawine wird eine gut situierte schwedische Familie in ihren Grundfesten erschüttert. Formal strikter, streng durchdachter Film über moderne Rollenbilder, der nach dem Abspann zu Diskussionen führt – und einige beeindruckende Bilder bietet. Dabei bietet der Filme verschiedene Ansatz- und Interpretationspunkte, die einen noch lange beschäftigen.

„Morgen ist auch noch ein Tag“ von Johan Carlsson und Pehr Arte

Roy Andersson (c) SFI

Roy Andersson (c) SFI

Johan Carlsson und Pehr Arte haben die Dreharbeiten zu Roy Anderssons „Das jüngste Gewitter“ begleitet und geben mit ihrer Dokumentation sehr aufschlussreiche Einblicke in die Arbeitsweise des schwedischen Regisseurs, dessen Filmproduktionen immer mehrere Jahre dauern. Dabei fängt der Film Anderssons Akribie, den kunstvollen Setbau seiner Filme, die begrenzten Mittel und nicht zuletzt die Arbeit im Team sehr interessant ein und ist somit ein sehr guter Einstieg in die Welt des Roy Andersson.

„Brev til kongen“ („Brief an den König“) von Hisham Zaman

(c) NFI

(c) NFI

Flüchtlinge aus einem Heim machen einen Tagesauflug nach Oslo und nutzen die Zeit für Rendezvous, Abrechnungen und Hilfsgesuchte. Das Drehbuch ist nicht ganz ausgereift, die schauspielerischen Leistungen differieren sehr und der Rhythmus stimmt nicht immer. Aber Hisham Zaman gewinnt seinem Thema interessante Aspekte ab, außerdem ist in den Bildern sein Talent oft zu erkennen. Ich bin auf weitere Filme von ihm gespannt.

„Blind“ von Eskil Vogt

(c) NFI

(c) NFI

Ein kunstvoll erzählter Film über eine Frau, die erblindet ist und ist nun mit ihrer neuen Situation abfinden muss. Das Spiel mit den Ebenen und Bildern ist gelungen, zumal Eskil Vogt dabei stets sehr nah bei seinen Figuren ist. Dabei bleibt er die ganze Zeit in einem hermetischen Ort – und schafft doch eine gute Atmosphäre. Auch seine Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie.

„Beatles“ von Peter Flinth

(c) NFI

(c) NFI

Die Verfilmung des Buches „Yesterday“ erzählt die Geschichte vierer Jungs im Norwegen der 1960er Jahre, die gerne genauso wie die Beatles wären. Viele Szenen sind zu lang, so dass die Lauflänge von 120 Minuten mühelos hätte gekürzt werden können. Hier fehlt eine klare Handschrift, dennoch ist der Film überraschend unterhaltsam. Dazu trägt sicherlich die Spielfreude aller Beteiligten bei. Allerdings bleibt stets der Eindruck, der Filme versuche zu sehr die Zeit wieder lebendig werden zu lassen.

„Fasandræberne“ („Schändung – Vergessene Spuren“) von Mikkel Nørgaard

© Christian Geisnaes

© Christian Geisnaes

Gut dreiviertel des Films macht Mikkel Nørgaard in seiner Verfilmung von Jussi Adler-Olsens Krimi vieles richtig, doch dann verliert er sich in der oberflächlichen Darstellung von Gewalt und Klischees. Dadurch geht die Spannung verloren – und man stellt sich die Frage, ob traumatisierte Rächerinnen grundsätzlich dunkle Kapuzenpullis tragen und dunkelhaarig sind.

„Klumpfisken“ („Mondfisch“) von Søren Balle

Kesse (Henrik Birch) (c) DFI

Kesse (Henrik Birch) (c) DFI

Fast eine Stunde lang ein erstaunlich unterhaltsamer und dank pointierte Dialoge lustiger Film über einen Fischer, der sich in eine Wissenschaftlerin verliebt und gegen den finanziellen Ruin kämpfen muss. Leider folgen unnötige, vorhersehbare Verwicklungen, so dass der Film seinen Charme verliert.

Kurzkritiken zu den Filmen der Nordischen Filmtage 2015, Teil 1

Jedes Jahr will ich zu den Filmen, die ich während der Nordischen Filmtage sehe, wenigstens kurz etwas schreiben. Allerdings bleibt während des Festivals nur wenig Zeit, da ich beständig in irgendeiner Schlange stehe oder im Kino sitze und auf den nächsten Film warte. In diesem Jahr habe ich es aber immerhin geschafft, mir zu allen gesehenen Filmen ein paar Notizen zu machen.

„1001 Gramm“ von Bent Hamer

Marie (Ane Dahl Torp) © BulBulFilm JohnChristianRosenlund

Marie (Ane Dahl Torp) © BulBulFilm JohnChristianRosenlund

Eine Tragikomödie über eine Wissenschaftlerin beim norwegischen Eichamt, die ihr eigenes Leben neu kalibrieren muss. Gut gespielt insbesondere von Hauptdarstellerin Ane Dahl Torp, unterhält „1001 Gramm“ mit typischen Bent-Hamer-Humor und vielen gut komponierten Einstellungen. Insgesamt ist die Geschichte aber zu vorhersehbar – und das Ende zu einfach.

„Miss Julie“ (Fräulein Julie) von Liv Ullmann
Warum verfilmt man ein Theaterstück, wenn man kaum filmische Mittel einsetzt? Liv Ullmanns Strindberg-Adaption ist statisches Theaterkino, viel zu lang und trotz der guten Hauptdarsteller langweilig. Lediglich am Anfang und Ende ist zu erkennen, was mit dieser Geschichte möglich gewesen wäre – vor allem, wenn sie inhaltlich abgewichen und es dadurch modernisiert hätte.

„Svenskjævel“ („Schwedenbastard“, „Underdog“) von Ronnie Sandahl

© Photo: Ita Zbroniec-Zajt

© Photo: Ita Zbroniec-Zajt

Viele gute Ansätze sind in diesem Debüt über eine Schwedin zu finden, die in Norwegen arbeiten will. Leider entscheidet sich Regisseur und Drehbuchautor Ronnie Sandahl aber dann die letztlich weniger interessante (Liebes-)Geschichte, statt dem Verhältnis der weiblichen Figuren zueinander nachzuspüren. Abgesehen davon bietet „Svenskjævel“ aber einen frischen Blick auf Jugendalkoholismus und das Verhältnis der Schweden und Norweger.

„Paris nordursins“ („Paris des Nordens) von Hafsteinn Gunnar Sigurdsson

Hugi (Bjorn Thors) joggt in den Westfjorden ©Photo: IFC

Hugi (Bjorn Thors) joggt in den Westfjorden ©Photo: IFC

Man hat nur ein Leben – mit dieser simplen Botschaft lässt sich Hafsteinn Gunnar Sigurdssons Film über einen Alkoholiker zusammenfassen, der sich in ein isländisches Dorf geflüchtet hat und dort Besuch von seinem Vater bekommt. Die Vater-Sohn-Beziehung ist wenig interessant, die Treffen der Anonymen Alkoholiker in einem Ort, in dem jeder jenen kennt, schon eher. Die Musik ist ebenfalls gut, insgesamt aber fehlt dem Film Struktur und Originalität.

„Itsi Bitsi“ von Ole Christian Madsen

Eik (Joachim Fjelstrup) und Iben (Marie Tourell Søderberg) (c) DFI

Eik (Joachim Fjelstrup) und Iben (Marie Tourell Søderberg) (c) DFI

Ole Christian Madsen („SuperClásico“) ist einer der kommerziell erfolgreichsten Regisseure Dänemarks und mit „Itsi Bitsi“ wird er zumindest in seinem Heimatland wohl großen Erfolg haben. Er erzählt die Geschichte des Rebellen Eik (Joachim Fjelstrup), der sich im Dänemark der 1960er Jahre unsterblich in Iben (Marie Tourell Søderberg) verliebt, mit Drogen und Sex experimentiert und schließlich den titelgebenden Rocksong schreibt. Durch die Beschränkung auf Eiks Perspektive bleibt der Film unausgeglichen und die Liebe eher Behauptung, außerdem will Madsen der Düsternis der Geschichte mit komischen Szenen entgegensteuern, in denen es meist um Sex geht, der dadurch zum Slapstick wird. Hier hätte dem Film ein wenig mehr Ernsthaftigkeit gut getan.

„Hallåhallå“ („Hallohallo“) von Maria Blom

Disa (Maria Sid) © Photo: Peter Widing/Memfis Film

Disa (Maria Sid) © Photo: Peter Widing/Memfis Film

Eine Frau wird von ihrem Mann verlassen – und es folgt eine Coming-of-Age-Geschichte einer rund 40-jährigen, die Maria Blom mit Witz, Charme und einer tollen Hauptdarstellerin erzählt. Insgesamt ist der Film ein wenig zu weichgespült, aber dank einiger schöner Genre-Abweichungen und seiner Bodenständigkeit unterhält er gut. Daher war es wenig überraschend, dass er bei den Nordischen Filmtagen den Publikumspreis erhält.

„Lev stærkt“ („Im roten Bereich“) von Christian E. Christiansen

Martin (Jakob Oftebro), Nikolaj (Cyron Melville) und Signe (Danica Curcic) (c) DFI

Martin (Jakob Oftebro), Nikolaj (Cyron Melville) und Signe (Danica Curcic) (c) DFI

Zwei Kindheitsfreunde fahren Autorennen, an einem Unfall und einer Frau droht ihre Freundschaft zu zerbrechen. Christian E. Christiansen konnte sich in seinem Film nicht entscheiden, ob er einen Actionfilm oder ein Sozialdrama drehen will und dadurch stimmt die Atmosphäre nicht. Außerdem werden seine beiden Hauptdarsteller mühelos von Danica Curcic mühelos an die Wand gespielt, so dass man an ihr weit mehr Anteil nimmt als an den beiden Jungen.

„Vonarstræti“ („Life in a Fish Bowl“) von Baldvin Z

Eik (Hera Hilmarsdottir) (c) IFC

Eik (Hera Hilmarsdottir) (c) IFC

Klarer Höhepunkt bei den Nordischen Filmtagen. Authentisch, aufrichtig und ergreifend erzählt Baldvin Z von drei Menschen in Island vor der Finanzkrise. Großartig gespielt insbesondere von Hera Hilmarsdóttir und Thorsteinn Bachmann zeigt dieser Film, dass gute Musik, großartiges Licht und gute Schauspieler fantastische Momenten schaffen können.