Schlagwort-Archiv: Kritik

„black heart“ und die „Rache“-Trilogie von Mike Nicols

Es gibt Bücher, die stehen eine ganze Weile auf meiner Leseliste oder liegen hier in meinem Regal – ohne besonderen Grund, es kommt einfach immer ein Buch dazwischen, so dass mancher Titel nach und nach weiter nach hinten wandert. Bei einer Trilogie kommt dann irgendwann der zweite Teil, der einen daran erinnert, dass man den ersten Teil ja schon lesen wollte. Aber nun müsste ich ja erst den ersten Teil lesen, um den zweiten zu lesen – und schwupps! erscheint schon der dritte Teil. In einem glücklichen Fall bekomme ich dann für diesen einen Rezensionsauftrag. Als gewissenhafte Rezensentin lese ich daher nicht nur den dritten Teil, sondern auch die ersten beiden und so griff ich eines Nachmittags endlich nach hinten in mein Regal und begann mit Mike Nicols „payback“.

„payback“ ist der erste Teil der Rache-Trilogie über die ehemaligen Waffenhändler Mace Bishop und Pylon Buso, die ab 1994 in Kapstadt ein neues Leben in der Legalität einer Sicherheitsfirma anfangen wollen. Schon bald merken sie, dass im neuen Südafrika die Trennlinien nicht mehr zwischen schwarz und weiß, sondern arm und reich verlaufen – was oftmals, aber nicht immer gleichbedeutend ist – und dass alte Pfründe sowie neue Seilschaften weiterhin die Politik und Geschäftswelt korrumpieren. In den drei Bänden sind Verbrechen an der Tagesordnung, sie werden vom Staat, von Politikern, Polizisten und gewöhnlichen Gaunern verübt. Im Hintergrund spinnt zudem die Anwältin Sheemina February ihre Fäden. Sie hat noch eine Rechnung mit Mace Bishop offen, und er verfängt sich von „payback“ über „killer county“ bis hin zu „black heart“ beständig in ihrem unnachgiebig-intriganten Netz. Unaufhaltsam geht es daher mit ihm bergab, selbst bei kurzen Erfolgen ist zu ahnen, dass sie nicht von Dauer sein werden. Und am Ende offenbart sich dann das dem dritten Teil seinen Titel gebende düstere Herz.

(c) btb

(c) btb

Mike Nicols „Rache“-Trilogie wird von Teil zu Teil besser – und insbesondere „black heart“ hat mich mit voller Wucht getroffen. Am Ende habe mich deshalb vor allem eines gefragt: Warum habe ich mit dem Lesen solange gewartet?

Verlosung

Ich freue mich sehr, dass mir der btb Verlag ein Exemplar von „black heart“ zur Verlosung zur Verfügung gestellt hat. Wer also in die finstere Wirklichkeit Südafrikas eintauchen will, hinterlasse hier einfach bis zum 4. September 2014 einen Kommentar. Der Gewinner wird ausgelost, pro Haushalt nur eine Teilnahme.

Krimi-Kritik: „Wanted“ von Jörg Juretzka

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Ein Fremder kommt nach sechs Tagen hektischem Ritt in Buttercup, North Carolina an. „Es war Mittagszeit, heiß wie nur je ein Augusttag in dieser dumpf brütenden Ebene, und wer sich leisten konnte, ritt seine Mätresse oder lag sonst wie japsend im Schatten.“ Der Fremde bringt also sein Pferd („Erst das Pferd und dann der Reiter. Eine meiner kleinen Regeln. Man sollte nie vergessen, wer wen auf seinem Rücken trägt und warum eine Umkehrung dieses Arrangements keine gute Idee wäre.“) in einen Mietstall und begibt sich dann in den örtlichen Saloon.

Ja, „Wanted“ ist ein Kryszinski-Roman. Wenngleich der Privatdetektiv aus Mülheim an der Ruhr schwer verletzt im Krankenhaus in der „Perle des Ruhrgebiets“ liegt und sich ein Zimmer ausgerechnet mit Hauptkommissar Menden teilen muss, „mein Schatten an der Wand, mein Schwert des Damokles, mein Antipod, meine Nemensis“, gibt es doch Verbindungen zwischen Buttercup und Mülheim. Zwischen diesen Orten wechseln die Abschnitte des Buchs und so zeigen sich Parallelen und Überschneidungen, die sich allmählich zu einer Interpretation des Geschehens zusammenfügen. Dadurch ist „Wanted“ ein Roman, in den man erst einmal hineinfinden muss – und in dem es nicht immer simpel ist, die einzelnen Figuren und ihre Gegenparts zu identifizieren. Sobald man sich aber auf diese Geschichte und das Vorgehen eingelassen hat, macht es sehr viel Spaß, die Verbindungen aufzudecken. Dabei findet Juretzka für jede Figur ein passendes Wild-West-Gegenstück, was zu allerlei Amüsement führt. Und dass sich Journalisten als Zombies entpuppen, passt dann nicht nur gut ins Bild dieses eigenwilligen Romans. 😉

Dennoch ist „Wanted“ mehr als eine Genrespielerei des Autores: Die jeweiligen Plots um Grundstücksspekulationen, Bestechung, Korruption sowie Bedrohungen zeigen, dass es einige Vorgänge und Typen bereits seit über 100 Jahren gibt – und manchmal eine Stadt im Heute genauso vorgeht wie ein skrupelloser Großgrundbesitzer im Wilden Westen. In diesem Sinn: Reite weiter, einsamer Fremder!

Jörg Juretzka: Wanted. Ullstein 2004.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Platinblondes Dynamit“

Humbert Humbert in Florida – Über „Tampa“ von Alissa Nutting

Celeste Price ist 26 Jahre alt, wunderschön, Lehrerin an einer Junior-Highschool, verheiratet mit dem Polizisten Jack Ford und lebt in Florida. Ihr Mann sieht gut aus und ist reich, befriedigen kann er sie aber nicht. Denn Celeste ist pädosexuell: Sie giert nach 14-jährigen Jungen, nach deren schlaksigem Körperbau und Unschuld. Deshalb ist sie Lehrerin geworden und hält ihren Mann mit gelegentlichem, meist unter Alkohol- oder Tabletteneinfluss geschehenen Sex bei Laune. Sie behilft sich mit Teenagerpornos und dem Ansehen von Jungs im Einkaufszentren, vor allem aber wartet sie auf das neue Schuljahr. Dann wird sie mit ein wenig Glück einen Jungen finden, der ihr Verlangen stillt.

(c) Hoffmann und Campe

(c) Hoffmann und Campe

In Ich-Perspektive lässt Alissa Nutting in ihrem Romandebüt „Tampa“ die Lehrerin Celeste von ihrem Trieb erzählen. Von der ersten Seite an ist man ihrem Verlangen ausgeliefert, blickt mit ihren Augen auf ihre Umgebung und ihr Leben, folgt ihren Blicken und Empfindungen, steht mit ihr vor dem Haus des 14-jährigen Jack, auf den sie ein Auge geworfen hat, erfährt ihre Gedanken bei der Selbstbefriedigung, bei ihrer Annährung und schließlich dem Missbrauch von Jack. Der Skandal ist bei diesem Buch einkalkuliert: Es geht auf nahezu jeder Seite des Buches um Sex. Sicher gibt es Verweise auf Celestes Jugendwahn, mit Sport, Cremes, Kuren und Sex mit 14-Jährigen will sie jung bleiben, allerdings darf trotz aller gesellschaftskritischen Ansätze, die hier anklingen, nicht übersehen werden, dass sie vor allem jung aussehen will, damit junge Teenager mit ihr Sex haben wollen.

Über Celestes Sexleben ist daher viel zu erfahren, über ihre Vergangenheit und ihren Alltag hingegen nur wenig. Vielmehr wird man in eine Welt gezogen, in der sich jeder Gedanken darum dreht, den passenden Jungen zu finden – und nicht erwischt zu werden. Dass Celeste eines Tages auffliegen wird, ist von vorneherein klar. Außerdem wurde das Buch von dem Fall der Lehrerin Debra Lafave inspiriert, die vor knapp zehn Jahren wegen einer „Beziehung“ zu einem Schüler verurteilt wurde und zum Medienstar wurde. Sie wählte die Verteidigungsstrategie der engelsgleich aussehenden Unschuld, der kein Teenager widerstehen könnte – und auch Celeste sieht sich in erster Linie als verführerisch. Sie glaubt nicht, dass sie den Jungs schadet und würde nicht auf die Idee gekommen, dass der Sex, den sie mit ihrem minderjährigen Schüler Jack hat, Vergewaltigungen sind. Auch Jack glaubt, er sei in seine Lehrerin verliebt. Dennoch schließt sich das Buch dieser Verteidigungsstrategie, die sexuelle Übergriffe entschuldigt, keinesfalls an. Vielmehr schleichen sich Zwischentöne ein, in denen das Machtgefüge sehr deutlich wird. Celeste jammert darüber, dass Jack nicht so gefügig ist, wie er es sein sollte, oder sich nicht durch Sex beruhigen lässt – weder durch ihre Brüste noch Analverkehr. Mit der Dauer ihrer „Beziehung“ beklagt sie, dass er nicht mehr so unschuldig sei, außerdem ist ihr sehr bewusst, dass er bald zu alt sein wird. Und wenngleich Jack nur aus ihrer Perspektive zu erleben ist, sind Folgen des Missbrauchs zu bemerken: Jacks Noten werden schlechter, er wird fahriger, unkonzentrierter, seine Verzweiflung und Überforderung mit der Situation sind zu spüren. Obwohl sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Jungen weiterhin von vielen unterschiedlich bewertet werden – auch wäre die Rezeption dieses Buches vermutlich anders ausgefallen, wäre Celeste ein Mann und Jack ein 14-jähriges Mädchen –, sind die Folgen indes gleich. Dieser Missbrauch hat Jacks Leben zerstört, und die Täterin wird weitermachen, solange sie es geht.

Alissa Nutting: Tampa. Übersetzt von Verena von Koskull. Hoffmann und Campe 2014.

Ein Mafiagangster in Norwegen – Über die Serie „Liliyhammer“

Die schönste Überraschung enthält die letzte Folge der Serie „Lilyhammer“: Dort sitzt Ingrid Olava („Oslo, 31. August“) am Klavier und spielt ihr „Back to love“. Ohnehin ist die Musik ein Pluspunkt der Serie, und ihr wurde auf der Blu-ray sogar ein zugebenen kurzer Menüpunkt gewidmet. Aber von der Titelmelodie bis zu den gespielten Liedern sind die gute gemischten jazzigen und poppigen Töne weitaus origineller und einprägsamer als viele Handlungselemente dieser Serie.

Die Geschichte

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

Nachdem sein Boss gestorben ist und dessen Sohn und Nachfolger ihn umbringen lassen wollte, entscheidet sich Frank Tagliano (Steven Van Zandt) gegen dessen Organisation auszusagen und mithilfe des Zeugenschutzprogramms des FBI ein anderes Leben zu beginnen. Und da ihm seit der Übertragung der Olypmischen Spiele 1994 die norwegische Stadt Lillehammer wie das Paradies auf Erden erscheint, will er dort hin. Also bekommt er mit dem Namen Giovanni „Johnny“ Henriksen eine neue Identität, den guten Rat, nicht bei der Polizei aufzufallen, und geht nach Norwegen. Dort lebt er sich dank seiner alten „Überzeugungsmethoden“ überraschend schnell und kommt mit Erpressungen, Drohungen und vor allem Gefälligkeiten zu einer Kneipe, einem Führerschein, einer schicken Wohnung und schließlich sogar einer hübschen blonden norwegischen Freundin. Nach nur einer Nacht wird sie schwanger – denn wer denkt schon an Verhütung oder Schutz! –und nun scheint er sich endgültig in seinem neuen Dasein eingerichtet zu haben. Aber bald ist ihm ein übereifriger Polizist auf den Fersen und alarmiert durch seine tollpatschigen Nachforschungen auch alte Feinde in den USA.

Ein Amerikaner in Lillehammer

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

Ein Großteil der Unterhaltung entsteht durch den Zusammenprall der toleranten und liberalen Norweger mit dem knallharten Ex-Mafioso, für den Prügel eine stärkere Waffe als Worte sind. Anfangs sorgen diese Zusammenstöße für durchaus komische Momente, jedoch nutzt sich dieses Konzept ab und schon bald entsteht der Eindruck, die armen Norweger hätten nur auf einen starken Mann gewartet, der ihnen entweder den Mut gibt, selbst durchzugreifen, oder ihnen zeigt, wo es langgeht. Leider wurde auch in der deutschen Version die Serie komplett synchronisiert, während in den USA die norwegischen Teile untertitelt wurden. Und so bleiben nicht nur einige der Gags auf der Strecke, sondern die Einfachheit der Verständigung erstaunt über alle Maßen.

Johnny mit Freundin (c) Studiocanal

Johnny mit Freundin (c) Studiocanal

Aber auch im Original ist die Handlung vorhersehbar, außerdem bleiben die Nebenfiguren blass. Polizistin Laila Hovland (Anne Krigsvoll) ist durch ihr Äußeres und schrullig-schroffes Auftreten offensichtlich an Marge Gunderson aus „Fargo“ angelehnt, aber ihr fehlt sowohl Entfaltungsspielraum als auch der grimmige Humor. Johnnys Freund und Geschäftspartner Torgeir (Trond Fausa) ist erschreckend einfach gestrickt, Arbeitsamtsmitarbeiter Jan (Fridtjov Såheim) verspricht einiges, aber er bleibt kleinlaut und widerlich. Erst in der letzten Folge zeichnet sich eine Entwicklung ab, so dass aus seiner Rolle in der zweiten Staffel mehr gemacht werden könnte. Das bleibt auch für Johnnys Freundin Sigrid (Marian Saastad Ottesen) zu hoffen, die bis zur letzten Folge lediglich ein blondes love interest ist, das den Nachtclub, Johnnys plötzlichen Reichtum und seine neuen Freunde mit einem leicht staunend geöffneten Mund und erstaunlicher Naivität hinnimmt. Hier wäre es weitaus unterhaltsamer, wenn sie erkennt, wer er ist – und im Zweifelsfall einfach mitmischt. Und selbst Steve van Zandt greift mit der schiefen Körperhaltung und ‚coolen‘ Sprüchen auf seine Rolle des Silvio Dante aus den „Sopranos“ zurück.

Weder Drama noch Komödie

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

Insgesamt vertraut die Serie zu sehr darauf, dass die Grundidee eines Mafioso in Norwegen in Verbindung mit Steve van Zandt zwangsläufig eine Mischung aus typischen skandinavischen Krimikomödien und den „Sopranos“ ergeben muss. Einen eigenen Ton sucht man daher vergebens, vielmehr schwankt die Serie zwischen Drama und Komödie. Deshalb hadert Johnny mehr mit der plötzlichen Schwangerschaft seiner Freundin als seiner Situation, kommt es im Zweifelsfall zu einem Gag und nur wenigen bemerkenswerten Momenten. Das ist schade und sorgt dafür, dass „Lilyhammer“ wohl lediglich als erste Netflix-Serie in Erinnerung bleiben wird.

Anmerkungen zu der dritten Staffel von „Sherlock“

Hinweis: Dieser Artikel behandelt die komplette dritte Staffel von „Sherlock“ und enthält daher viele Spoiler!

Wie weit darf man es mit dem Zuschauer treiben? Diese Frage habe ich mir während der dritten Staffel von „Sherlock“ einige Male gestellt. Ich mag „mindfucking“ Filme und Serien, ich liebe es, in die Irre und auf falsche Fährten gelockt zu werden. Jedoch gibt es auch innerhalb der Serienfiktion Grenzen und die Gefahr, dass alles nur noch zum Spiel wird.

Folge 1 – Der leere Sarg

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Die erste Folge beginnt mit der erwarteten Wiederkehr von Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch), im Mittelpunkt steht daher das Wiedersehen mit seinen Mitstreitern und insbesondere John Watson (Martin Freeman). Insbesondere die erste halbe Stunde ist sehr unterhaltsam: Es werden mögliche Szenarien abgehandelt, wie Sherlock sein Ableben inszeniert haben könnte, immerhin gibt es nach seiner eigenen Sherlocks Aussage 16 Varianten – allein, wie er es letztlich getan hat, wird nicht aufgelöst, vielmehr reichen die verschiedenen Möglichkeiten. Hier reflektiert die Serie sehr schön die vielen Spekulationen, die es nach dem Ende der zweiten Staffel gab, außerdem vereint diese erste Folge alle Qualitäten der ersten beiden Staffeln: Sie ist temporeich, steckt voller Anspielungen und unterhält sehr gut.

Die offensichtlichste Quelle für diese Folge, auf die auch der Titel anspielt, ist die Kurzgeschichte „Das leere Haus“, in der Sir Arthur Conan Doyle die Umstände von Sherlocks vorgetäuschtem Tod enthüllt und er nach London zurückkehrt, um Moriartys Kompagnon zu überführen. Johns Verlobung mit Mary Morstan findet bei Doyle indes in dem Roman „The Sign of the Four“ statt (in dieser Folge Mary zu sehen, wie sie in Johns Blog eine Geschichte liest, die ein Auszug aus diesem Buch ist), der in der nächsten Episode aufgegriffen wird. Daneben gibt es weitere kleinere Anspielungen auf Geschichten von Arthur Conan Doyle, insgesamt deutet sich aber an, dass die ‚bromance‘ zwischen Sherlock und John größeren Raum einnehmen wird.

Folge 2: Im Zeichen der Drei

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bereits der Titel verweist auf die offensichtliche Inspiration der Folge – „The Sign of the Four“ – und im Mittelpunkt steht Marys (Amanda Abbington) und Johns Hochzeit. Nun hätte ich kaum gedacht, dass ich jemals über eine „Sherlock“-Folge sagen werden, dass sie langweilig ist. Aber in dieser Episode wird sehr viel Zeit darauf verwendet, abermals Sherlocks und Johns Verhältnis zu beschreiben, bekannte Charakterzüge noch einmal deutlich zu machen, es gibt viele Anekdoten und kleine Witzeleien, die mit einem letztlich wenig interessanten Fall und vielen kleineren Fällen kombiniert werden. Vielleicht hätte mir diese Folge besser gefallen, wenn ich eine große Sherlock/Cumberbatch-Aficionada wäre. Fraglos spielt er diese Rolle großartig, harmoniert mit Martin Freeman nahezu perfekt und ist seine Rede auf der Hochzeit wirklich amüsant – aber die Figuren und Schauspieler allein tragen nicht eine ganze Folge. Dass es zu einem Vorfall auf der Hochzeit kommt, ist natürlich klar, einzig überraschend sind hier abermals Marys Qualitäten, die energisch zur Tat schreitet. Jedoch stimmt insgesamt das Erzähltempo nicht, außerdem wird auf die Ereignisse der vorgehenden Episode nicht Bezug genommen. Weder Johns Kidnapping wird erwähnt, noch gibt es weitere Entwicklungen mit Charles Magnusson, der anscheinend in dieser Staffel der große Bösewicht sein soll. Stattdessen werden weiterhin Sherlocks Seelenleben und Persönlichkeit erkundet, auch wird sein Bruder Mycroft – der ohnehin immer breiteren Raum einnimmt – immer mehr zu einem Verbündeten und zugleich einem Widersacher. In Verbindung mit einer stärkeren Handlung wäre es eine sehr interessante Entwicklung gewesen, aber so bleibt doch der fade Nachgeschmack, dass in einer Serie, die pro Staffel aus drei Folgen besteht, viel Zeit verschwendet wurde.

Folge 3: Sein letzter Schwur

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Der Plot der Folge basierten im Wesentlichen auf Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Adventure of Charles August Milverton“, auf die bereits der Name Charles August Magnussen (Lars Mikkelsen) anspielt. Er ist hier ein Zeitungsmogul, der über ein umfangreiches Archiv voller belastender Materialien verfügt (die Verweise auf Rupert Murdoch sind mehr als deutlich). Sherlock und John Watson wollen einige der Briefe zurückholen, zumal Magnussen auch Mary erpresst. Und was bereits für John Watson galt, trifft auch auf seine Frau zu: Wer sich mit dem Ehepaar Watson anlegt, bekommt es mit Sherlock Holmes zu tu!

Die Anspielungen auf Sherlocks Heroinsucht und andere Fälle sind gelungen, auch ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, dass er mit Charles August Magnussen wieder einen ebenbürtigen Gegenspieler hat. Allerdings wird diese Figur nahezu verheizt: In der ersten Folge der Staffel erwähnt, in der zweiten vergessen, wird er nun innerhalb einer Folge zu dem Mann, der Sherlock am meisten hasst, stilisiert, dann wird aber seine Überlegenheit dramaturgisch nicht ausgenutzt, sondern er verschwindet dank eines soziopathischen Anfalls von Sherlock von der Bildfläche. Dafür bleiben viele Fragen offen: Magnussons „mind-palace“ ist eine raffinierte Idee, wie konnte er aber so viele Menschen erpressen, ohne physische Beweise zu haben? Reicht tatsächlich eine Behauptung schon aus? Falls ja: Warum sollte ich mich auf die Glaubwürdigkeit der Behauptung verlassen? Ohnehin verlangt Drehbuchautor Steven Moffat, dass man vieles hinnimmt – allein weil es eine weitere Wendung verspricht. Es gibt so viele abgerissene und wieder aufgegriffene Erzählstränge, dass es fast schon wahllos wirkt. Und dass Mary sich plötzlich als Auftragsmörderin entpuppt, mag sicher zum Teil mit Johns Faible für gebrochene Menschen zusammenhängen, ist aber selbst für John schwer zu glauben. Und wie konnte sie anfangs auch Sherlock täuschen? Sogar bei der überraschenden Wiederkehr von Moriarty zumindest der schale Nachgeschmack, dass er ein wenig zu früh zurückkehrt. Gerade wenn ich mich auf die Tendenz einlasse, dass es mehr im Sherlocks Seelenleben geht, wäre es doch spannender, wenn Moriarty noch eine Staffel einfach nur in Sherlocks Kopf weitergelebt hätte. Zumal er mit Magnussen einen vielversprechenden Nachfolger gehabt hätte. Abgesehen davon halte ich es durchaus für möglich, dass das Video bereits vor seinem Tod entstanden ist und nun einem Masterplan folgend von einem seiner Schergen benutzt wird. Schließlich ist ein Kopfschuss nicht so leicht vorzutäuschen – es sei denn, wir erfahren nun, dass Sherlock damit die ganze Zeit gerechnet hat, schließlich war er der einzige, der den Selbstmord mit angesehen hat.

Fazit

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Insgesamt steht in dieser Staffel der Charakter von Sherlock viel mehr im Mittelpunkt als die Fälle, die Jagd nach den Bösewichtern. Indem die Serie zunehmend die soziopathische Seite des Detektivs erkundet, bleibt weniger Zeit für die Einführung von Gegenspielern und Ermittlungen, so dass die Aufklärung allein Sherlocks ‚Superkräften‘ anzulasten ist. Außerdem wird seine Involvierung in die Geheimdiensttätigkeiten seines Bruders beständig betont, daher wird er immer mehr zum ‚Agenten seiner Majestät’, wird zu einem Helden, der gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss. Vom Detektiv aus der Baker Street bleibt somit immer weniger übrig und ich frage mich, ob er durch die ständige Betonung seiner Genialität sowie Exzentrik nicht auch seine Individualität einbüßt. Es mag zunächst widersprüchlich klingen: Aber ist dieser Sherlock, der insbesondere durch die Fähigkeiten seines Gehirns beeindruckte, nicht längst eine so entrückte Figur geworden, dass diese Talente nicht mehr besonders gefragt sind? Ist er mehr Geheimagent denn Privatdetektiv? Mir hat jedenfalls das Geheimnisvolle gefehlt, die Neugier und die Spannung. Sicher war „Sherlock“ niemals eine „detective show“, sondern eine Serie über einen Detektiv (so hat es Mark Gatiss selbst einmal formuliert), aber auch eine Serie über einen Detektiv braucht mehr als immer noch eine Wendung, noch eine Drehung und noch ein überraschendes Moment. Und hier läuft die Serie meiner Meinung nach trotz der guten Schauspieler, der vielen tollen und originellen Szenen Gefahr, den Bogen schlichtweg zu überspannen.

„Im Zeichen der Drei“ und „Sein letzter Schwur“ werden am 8. und 9. Juni um 21:45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Verbrechen in Glasgow – „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“ von Malcolm Mackay

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Glasgow ist Schauplatz von Malcom Mackays „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“, Auftakt seiner Trilogie um ein schottisches Verbrechersyndikat. Im Mittelpunkt steht Calum MacLean, freischaffender Auftragskiller mit gutem Ruf und Hang zur Einsamkeit. Deshalb arbeitet er am liebsten alleine und hat sich bisher keiner Organisation angeschlossen. Als nun aber der beste Auftragskiller der Branche, Frank MacLeod, aufgrund einer Hüftoperation verhindert ist, bekommt e vom aufstrebenden Gangsterboss Peter Jamieson den Auftrag, Lewis Winter zu ermorden – und damit auch die Gelegenheit, sich ihm anzuschließen.

Aus verschiedenen Perspektiven entfaltet sich im Folgenden die Handlung, in deren Mittelpunkt der titelgebende unvermeidliche Tod des Lewis Winter steht. Calcums Vorbereitungen des Mordes, die letzten Tage des Lewis Winters und schließlich die Ermittlungen von DI Michael Fisher werden gut und spannend geschildert. Besonders interessant ist dabei, dass Malcolm Mackay nicht von den großen Bossen, sondern aufstrebenden Partizipierenden des Verbrechens erzählt: Jamieson und seine rechte Hand Frank Young leiten zwar bereits eine Organisation, aber sie gehören noch nicht zu den ganz Großen, sondern haben sich erst einigen Respekt und ein eigenes Revier erarbeitet. Calum MacLean weiß, dass er in seiner Arbeit gut ist, er sucht und akzeptiert die Einsamkeit als Teil des Jobs und schätzt am meisten seine Freiheit: Jedoch wäre eine Bindung an eine Organisation der nächste Schritt. DI Fisher ist ein erfahrener und integerer Cop, ein ehrgeiziger Ermittler, der die großen Bosse gerne überführe würde, sich aber mit den Realitäten und somit den kleinen Fischen abfinden muss. Daneben gibt es weitere Nebenfiguren, die sich allesamt auf unterer bis mittlerer Ebene befinden und somit ist in diesem ersten Teil vor allem das Wachsen der Organisation, das Entstehen der Verbindungen zu erkennen, die – so lässt es die Leseprobe am Ende hoffen – in den weiteren Teilen ausgebaut wird.

Bemerkenswert ist zudem die Unaufgeregtheit – nicht zu verwechseln mit Lakonie, denn Mackas Sätze sind zwar kurz, aber er erzählt äußert detailliert –, mit der von der Welt des Verbrechens erzählt wird. MacLean ist ein typischer Selbständiger, der sich fragen muss, ob er lieber freischaffend mit allen Risiken bleibt oder sich in Festanstellung in die Absicherung eines Syndikats begibt, unterdessen ist MacLeod etwas weiter und denkt nach seiner Hüftoperation über den Ruhestand nach. Außerdem sind Mackays Figuren allesamt rational in ihren Handlungen, hier gibt es keine Psychopathen oder geniale Verbrecher, sondern Amateure, Einsteiger und Profis, die ihr Handwerk beherrschen. Die guten Akteure des Verbrechensmarktes überdenken ihre Handlungen und deren Folgen, die Ungeschickten ignorieren sie – und die Tragischen nehmen sie in Kauf. Denn Verbrechen, so erscheint es letztlich bei Mackay, ist ein Geschäft wie jedes andere.

Malcolm Mackay: Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter. Übersetzt von Thomas Gunkel. S. Fischer 2014. Der zweite Teil folgt nach Verlagsangaben im Frühjahr 2015.

Den Haag und Serbien – Über „Tribunal“ von André Georgi

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Die besten Krimis blicken über den eigenen Rand hinaus, sind – auf verschiedenste Weise – gesellschaftskritisch und regen zum Nachdenken an. Auf den ersten Blick scheint das alles auf „Tribunal“ von André Georgi zuzutreffen. Seine Hauptfigur ist die Polizistin Jasna Brandic, die seit zwei Jahren für den Schutz des Serben Marco Kovac zuständig ist. Kovac soll in Den Haag beim Kriegsverbrechertribunal der Prozess wegen des Massakers von Višegrad (dort führt Ivo Andrc’ „Brücke über die Drina“) gemacht werden, bei dem er mit 15 Mitgliedern seiner paramilitärischen Einheit „Die Wölfe“ über 4000 Moslems vergewaltigt und ermordet haben soll. Aber die Beweislage schwierig: Noch vom Gefängnis aus hat Kovac gute Verbindungen, wird vermutlich von Teilen der serbischen Regierung geschützt, viele Zeugen sind eingeschüchtert und haben Angst, gegen Kovac auszusagen. Außerdem droht ständig ein Anschlag, deshalb sind die Sicherheitsvorkehrungen sehr hoch. Dennoch kommt es zu einem Attentat und einem Zwischenfall im Gerichtssaal. Daraufhin droht der gesamte Prozess zu platzen. Jasna muss noch einmal nach Serbien reisen, um dort einen von Kovac‘ Komplizen zu finden, der angeblich bereit ist, gegen ihn auszusagen.

Der erste Teil von „Tribunal“ ist mit kurzen Sätzen, schnellen Perspektivwechsel und viel Action sehr temporeich. Durch diesen filmischen Erzählstil wird auch die Spannung langsam aufgebaut – hier schreibt also fraglos jemand, der sein Handwerk versteht. Allerdings bleibt es bei dieser oberflächlichen Spannung, denn André Georgi in seinem Thrillerdebüt nicht in die Tiefe, sondern entscheidet sich im Zweifelsfall immer für Action statt Psychologisierung. Nun könnte das im Thriller prinzipiell funktionieren, wenn nicht Jasna zunehmend persönlich in den Fall involviert wäre. Ohnehin bin ich keine große Freundin von persönlichen Verwicklungen ermittelnder Staatsbeamter in die Fälle. Als Motivation für private Ermittler mag ein persönliches Motiv notwendig sein, aber Jasna Brandic macht in erster Linie ihren Job, den sie bereits mit Besessenheit erfüllt. Außerdem stammt ihre Familie aus Serbien und so hat sie eine zusätzliche Motivation, diese Verbrechen aufzuklären. Dann stellt sich jedoch heraus, dass sie nicht nur mit einem, sondern mit zwei gesuchten Kriegsverbrechern verwandt ist. Hieraus ergeben sich viele spannende Fragen, die im Rahmen dieses Thrillers zu verhandeln möglich gewesen wäre. Wenn ich mir vorstelle, ich riskierte mein Leben, damit ein Massenvergewaltiger und -mörder vor Gericht kommt, ich habe so viele Zeugenaussagen über begangene Gräueltaten gelesen, dass mein eigenes Sexualleben darunter mehr als leidet, und erfahre, dass mein totgeglaubter Vater und Bruder an diesen Taten beteiligt waren, dann wäre ich verstört, würde mich fragen, was mit ihnen nicht stimmt – und ob mit mir vielleicht auch etwas nicht stimmt. Die Erklärung, dass sie nach dem Aufdecken der Vertreibung und Ermordung ihrer Großmutter und Tante Selbstjustiz geübt haben und sich einer Miliz angeschlossen haben, mag damals in der Situation dem Bruder und Vater als Rechtfertigung ausgereicht habe, aber auch der Tochter, die ihr Leben dem Kampf gegen solche Männer gewidmet hat? In „Tribunal“ anscheinend ja. Deshalb wird diese komplexe psychologische Situation nicht erkundet, sondern André Georgi bleibt bei äußeren Ereignissen, bei Folter und einer minutiös geschilderten Verfolgungsjagd, deren Ende bereits Seiten vorher verraten wurde. Dadurch wird weder die Identifikation mit Jasna erhöht – ein Hauptgrund für persönliche Verwicklungen – noch wird sie als Figur komplexer. Dazu hätte André Georgi zusätzlich zu den spannenden äußeren Handlungen den Figuren auch ein ausgefeiltes Innenleben geben müssen. Damit ist „Tribunal“ als Pageturner dank der handwerklichen Fertigkeiten des Autors solide. Er ist spannend, durchaus unterhaltsam und eignet sich als Vorlage für einen Fernsehfilm. Aber leider steckt dieses Buch auch voller verschenkter Möglichkeiten.

André Georgi: Tribunal. Suhrkamp 2014.

Krimi-Kritik: „Sense“ von Jörg Juretzka

Im April erscheint Jörg Juretzkas neues Buch „TaxiBar“, ich werde ihn demnächst interviewen und ein Porträt über ihn schreiben. Deshalb lese ich derzeit fast ausschließlich seine Bücher und sehe mich von Seite zu Seite in meiner Überzeugung bestätigt, dass er einer der besten und leider viel zu unbekannten deutschsprachigen Krimi-Autoren ist. Deshalb werde ich hier im Zeilenkino eine kleine Reihe starten über ihn starten.

Biographische Angaben in aller Kürze

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Geboren 1955 in Mülheim an der Ruhr schreibt er nach eigener Aussage seit er denken kann („also seit meinem 35. Lebensjahr“). Er ist gelernter Tischler, war Blockhüttenbauer in Kanada, hat eine Weile Drehbücher u.a. für die Fernsehserie „Was nicht passt, wird passend gemacht“ geschrieben und liest angeblich nie Bücher von Frauen (naja). Kristof Enrico Kryszinski ist die Hauptfigur seiner zehn bisher erschienenen Kriminalromane, außerdem hat Jörg Juretzka noch zwei Bücher über den erfolglosen Schundautor Folkmar „Folle“ Windell, eine Krimi mit Jörg Fiedler sowie einen Kinderkrimi geschrieben.

Gestatten: Kryszinski, Kristof Enrico Kryszinski

Ex-Häftling Kristof Kryszinski ist Privatdetektiv in Mühlheim an der Ruhr, der „Perle des Ruhrgebiets“, war mal heroinsüchtig, nimmt seit dem kalten Entzug im Gefängnis aber nur noch Drogen, die er nicht spritzen – davon allerdings jede Menge. Er trinkt, wohnt in den ersten Romane der Reihe über seiner Lieblingsbar „Endstation“ und hat eine Katze – ein „fieses Aas“. In „Prickel“ dem ersten Buch der Reihe verhilft er einem jungen Mann aus der Patsche, sucht den verschwundenen Doberman des Schrottplatzsbesitzer Heiner und gerät – wie eigentlich immer – in ziemlich großen Schlamassel. Ohnehin ist es neben dem Aufspüren von vermissten Personen eine besondere „Begabung“ von Kryszinski, sich selbst möglichst tief in die Sch*** zu reiten.

„Sense“ – Der zweite Fall

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

In „Sense“ wird er von der schicken Anwältin Veronika zu einer ihrer wichtigsten Mandantinnen geschickt. Die Duisburger Spielautomatenkönigin vermisst ihren „Prinzgemahl Sascha „Pascha“ Sentz“, der Tage zuvor wie immer die Einnahmen der Spielhallen eingesammelt hat, seither aber verschwunden ist. Bereits im ersten Kapitel des Buchs wird er gefunden – und zwar tot in Kryszinsikis Wohnung. Daraufhin wird der Privatdetektivk zum Hauptverdächtigen und in den folgenden Kapiteln springt die Handlung beständig zwischen dem Verlauf der Suche und Kryszinskis Verhören durch seine alten Erzfeinde auf Seiten der Polizei, die Komissare Menden und Hufschmidt. Später kommen noch Kryszinskis eigene Nachforschungen hinzu, in denen er mehrfach verprügelt wird, aber dank einiger Zufälle alles aufklären kann.

„Sense“ liest sich temporeich und ist vor allem sehr lustig. Kryszinski hat einen schnodderigen Humor, den Juretzka in rotzige und lakonische Sprache packt. Außerdem bevölkern eine Reihe von wiederkehrenden Nebenfiguren die Romane, so dass es beständig ein Wiedersehen mit beispielsweise Pierfrancesco Scuzzi gibt, Dealer mit dem schlimmsten Musikgeschmack der Welt und Kryszinskis bester Freund. Außerdem gibt es noch Charlie, einer von Kryszinski besten Kumpels und Chef der „Stormfuckers“, einer Motorradgang, zu der Kryszinski mehr oder weniger gehörte (davon erzählt der dritte Band „Der Willy ist weg“). Sowohl ihnen als auch den nur in den einzelnen Teilen auftauchen Figuren verleiht Juretzka mit wenigen Sätzen und vor allem ihrer Sprechweise ein sehr eigenes Profil, darüber hinaus wirken sie trotz gelegentlicher Zuspitzungen äußerst lebendig. Darüber hinaus trägt der Ich-Erzähler Kryszinski sehr zu dem sehr originellen Stil dieser Romane bei.

„Sense“ ist sicher nicht der beste Teil der Reihe, dazu greift allzu oft der Zufall ein, auch ist der Plot nicht allzu raffiniert. Aber neben den Sprüchen steckt in scheinbar genretypischen Passagen wie beispielsweise einer Verfolgungsjagd sehr viel psychologische Raffinesse, außerdem verweist Juretzka mit seinen Außenseiterfiguren auch immer auf gesellschaftliche Probleme.

Jörg Juretzka: „Sense“. Neuauflage vom Unionsverlag 2012 (erstmals 1998 erschienen).

Reihenfolge:

Bei kaliber.38 gibt es Interview mit Jörg Juretzka, in dem er auch auf die Reihenfolge seiner Romane zu sprechen kommt: „Die Reihenfolge der Entstehung ist eigentlich nicht wichtig, da ich den Inhalt von „Sense“ bei der Überarbeitung zeitlich hinter den zuerst erschienenen „Prickel“ gepackt habe. Die Reihenfolge der Kryszinski-Romane ist daher:

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Prickel
Sense
Der Willy ist weg
Fallera
Equinox
Wanted
Bis zum Hals
Alles total groovy hier
Rotzig & Rotzig
Freakshow
TaxiBar (erscheint im April 2014)

Jörg Juretzka im Zeilenkino:

Über „Prickel“
„Platinblondes Dynamit“ (1. Band mit Volkmar Windell)
„Der Willy ist weg“
„Fallera“

„Downton Abbey“ – Die vierte Staffel

Seit jeher habe ich eine Schwäche für den Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Weimarer Republik war stets meine Lieblingsepoche, ich liebe die Literatur aus dieser Zeit – und Filme, die in diesen Jahrzehnten bis in die 1930er Jahre spielen. Deshalb bin ich auch bei „Downton Abbey“ eine Seherin der ersten Stunde, ich mochte das Betuliche der Serie, die Upper-Class-Probleme, die drei stereotypen Töchter und konnte mit den Intrigen unter den Hausangestellten als notwendiges Handlungsbeiwerk leben. Aber spätestens mit der dritten Staffel zeichnete sich immer deutlicher ab, dass dieser Serie eine klare Richtung fehlt und auch den Drehbuchautoren die Ideen ausgehen. Das ohnehin schon langsame Erzähltempo wurde weiter verschleppt, manche Handlungsstränge waren so ausführlich und zeitraubend aufgebaut, dass es eine Wohltat war, als sie beendet waren. Doch nach dem Schock aus dem Weihnachtsspecial, in dem mit Matthew einer der Protagonisten starb, war ich gespannt, wie die Serie weiter gehen würde. Immerhin bot dieses Ausscheiden einige Möglichkeiten: der Fokus könnte von Mary auf die weitaus interessantere Edith gelenkt werden, deren Potential bislang nicht ausgeschöpft wurde, oder Mary könnte jenseits der Erwartungen, den richtigen Mann zu heiraten, neue Perspektiven entwickeln. Allein die Besetzung könnte verändert werden, außerdem könnte es nach den vielen Liebesverwicklungen wieder andere Konflikte geben.

(c) ITV

(c) ITV

Jedoch geschah nur wenig. Marys Trauer wurde kurz abgehandelt, so dass sogleich ein neues Verehrer-Duo, bisweilen -Trio ihr den Hof machte. Das eigentlich interessantere Thema – Marys Versuche der Mitbestimmung – wurde zugunsten der Liebeshandlung zurückgeschraubt. Die bereits in der letzten Staffel allzu präsenten Anna und Bates müssen eine weitere Prüfung bestehen, insbesondere ihnen hätte eine Pause gut getan – und das gleiche Thema hätte auch mit einer anderen Hausangestellten behandelt werden können. Aber insbesondere bei den Angestellten bekommt niemand Raum für Weiterentwicklung, stattdessen werden bekannte Handlungselemente einfach wiederholt: Anna ist so gut, Bates ist so undurchsichtig, Mrs. Hughes ist weise, Butler Carlson konservativ (er erinnert mich immer an Sam aus der „Muppet Show“) und die Footmen sowie Küchenangestellten sind hauptsächlich als komische Figuren in der Serie. Sicher ist es angesichts der Einschaltquoten riskant, beliebten Charakteren weniger Handlung zu geben. Für die Serie wäre es aber besser. Vielleicht würde den Autoren dann auch einfallen, was sie mit Cora machen könnten, die in acht Folgen und einem Special eigentlich immer die gleiche Kopfbewegung und Betonung zeigte. Ohnehin war ich von dem Special enttäuscht. Nachdem es dort in den letzten Staffeln immer wichtige Entwicklungen gab, war es dieses Mal eine nahezu slapstickhafte Sonderepisode, in der es außer dem Gastauftritt von Paul Giamatti wenig zu sehen gab – gut, die Anspielung auf die Affären des Prinzen von Wales sind amüsant. Immerhin hat Edith insgesamt mehr Raum in der Serie bekommen. Ausgerechnet sie, die sich stets an die Konventionen halten und Erwartungen erfüllen wurde, hadert nun am meisten mit ihnen und lehnt sich – mit zunehmendem Mut – gegen sie auf.

Als ich bei Twitter meinen Unmut äußerte, wies mich Lena auf den begrenzten Kosmos dieser Serie hin. Sicherlich gibt das enge Setting Grenzen vor, aber zumindest örtlich könnten es die Autoren durch eine Erweiterung des Handlungsortes umgehen – das haben andere Serien vorgemacht. Allerdings wäre das noch nicht einmal nötig, würden Figuren nicht allzu plump und gleichartig ersetzt: Als die hübsche, rebellische Sibyl starb, kam die ebenso hübsche und ebenfalls rebellische Rose, von der bereits in der letzten Staffel schändlich wenig zu sehen war. Sicher ist ihre Rebellion nicht politisch und gesellschaftlich, sondern infantiler gegen die Mutter gerichtet, aber vielleicht hätte man sie erwachsen werden lassen können. Nachdem die intrigante O’Brien gegangen ist, kommt zunächst eine andere undurchsichtige Hausangestellte, die immerhin dann recht schnell abermals ersetzt wird. Somit bleibt erstaunlicherweise Robert Crawley einer der wenigen Charaktere, von dem im Lauf der Serie ein anderes Bild entsteht. Ist er in der ersten Staffel ein äußerst verständnisvoller Vater und Ehemann, wird mit zunehmendem Fortgang und zeitlicher Veränderung immer deutlicher, wie reaktionär und konservativ er tatsächlich ist.

Insgesamt gibt es daher nur wenig Positives: eine Szene, in der Mary gerade noch gelöst mit einem ihrer Verehrer in der Küche isst und dann sofort in die gesellschaftlich erwartete Rolle fällt, als das Küchenmädchen Ivy hinzukommt; dass Violet weiterhin die hellsichtige, knurrige alte Dame bleibt und einige lustige Dialoge hat; dass die Autoren langsam mit Ex-Chauffeur Tom etwas anfangen zu können – und sich die veränderten Zeiten durchaus gut in den Haltungen und Positionen abzeichnen. Ob das alles reicht, damit ich die Serie weiterhin gucke, habe ich noch nicht entschieden. Für sie spricht, dass sie mit acht Episoden überschaubare Staffeln hat – und ich hin und wieder auch ein wenig Soap ganz gut vertragen kann.

Krimi-Kritik: „Hinterher ist man immer tot“ von Eoin Colfer

„Der großartige Elmore Leonard hat gesagt, man sollte eine Geschichte niemals mit dem Wetter anfangen lassen. Das ist schön und gut – und leicht gesagt. Ihre Anhänger werden es sich brav in ihre Moleskine-Notizbücher geschrieben haben. Trotzdem beginnt eine Geschichte manchmal mit dem Wetter, und dann ist ihr scheißegal, was irgendein Genre-Genie empfiehlt, auch wenn es sich um den großen EL handelt. Fängt also alles mit dem Wetter an, so sollte es auch am Anfang stehen, sonst dröselt sich alles auf, die Einzelteile fliegen einem nur so um die Ohren, und man hat keine Ahnung mehr, wie man sie zusammenbekommt.“ In diesem großartigen ersten Absatz von Eoin Colfers „Hinterher ist man immer tot“ ist bereits alles enthalten, was seinen Kriminalroman zu einem großen Spaß werden lässt: der reflektierte Erzähler, der beständig auf sich selbst und Genreregeln verweist, eine deutliche Haltung gegenüber diesen Regeln sowie der trockene Stil, der bestens unterhält. Außerdem ist dieser Beginn mehr als ein amüsanter Aufhänger: Der Anfang von Daniel McEvoys zweitem Abenteuer hängt in der Tat ursächlich mit einer besonderen Wetterlage zusammen – und Eoin Colfer kommt im weiteren Verlauf mehrmals auf Elmore Leonard zurück (dass dieser tatsächlich großartig ist, muss ich wohl nicht erwähnen).

(c) List

(c) List

Mit „Hinterher ist man immer tot“ knüpft Eoin Colfer nahtlos an „Der Tod ist ein bleibender Schaden“ an: Ex-Soldat und Ex-Türsteher Dan findet allmählich in seine neue Rolle als Barbesitzer hinein, kümmert sich um seine ehemalige Nachbarin Sophia und versucht, die Ereignisse der letzten Zeit zu verdauen. Dann ereilt ihn die Hiobsbotschaft, dass Little Mikes Mutter gestorben ist. Dadurch droht der ohnehin fragile Frieden zwischen ihnen zu zerbrechen. Prompt ordert Mike ihn zu sich und beauftragt ihn mit einem scheinbar harmlosen Botengang: Er soll in New York ein Paket mit Schuldverschreibungen abliefern. Ehe sich Dan versieht, wird er von zwei Cops entführt, die ihn in einem Snuff-Video zu Geld machen wollen, gerät in tödliche Auseinandersetzungen und trifft seine Stiefgroßmutter. Noch wendungsreicher als im ersten Teil schlägt die Handlung in beachtlichem Tempo abenteuerliche Haken. Dazu trägt vor allem bei, dass Dans Ritterlichkeit und seine absurd anmutende Weigerung, selbst den fiesesten Gangster zu töten, ihn beständig in die Bredouille bringen. Über weite Strecken ist das sehr amüsant zu lesen, zumal Dan dadurch auch den Charme eines liebenswerten Verliererverbrechers behält. Allerdings bewegt sich Eoin Colfer in diesem zweiten Buch auch beständig an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Sicher hat ein Mann, der in der Kindheit misshandelt wurde, als Soldat in der irischen Armee im Libanon war und dann als Türsteher gearbeitet hat, eine andere Toleranzgrenze als beispielsweise eine Journalistin, allerdings prasselt die Gewalt in so schneller Folge auf Dan ein, so dass eine Veränderung in seinem Charakter selbst mit seinem Hintergrund notwendig erscheint. Immerhin muss er einige Male mit sich hadern, fast erklärt er sich sogar bereit, einen Menschen zu töten.

Ein großer Reiz dieses Kriminalromans liegt darin, dass Dan der Erzähler seiner Geschichte ist. Dadurch legt sich über die Handlung ein Filter – beispielsweise erscheinen fast alle Frauen in diesem Roman auf den ersten Blick als beschützenswert, ja, nahezu angewiesen auf Dans Ritterlichkeit, allerdings zeigt sich alsbald, dass sich einige von ihnen sehr gut selbst helfen können. Zudem ermöglichen Dans Präsenz und Selbstreflektion als Erzähler inmitten der abenteuerlichen Krimi-Handlung Einschübe und Überlegungen, Verweise aufs Genre und mögliche Verwicklungen. So steht am Anfang eines Kapitels: „In jedem Noir-Krimi, den ich je gelesen habe, gibt es eine Stelle, wo der Detektiv nach einer Prügelei wieder zu sich kommt. Diese Stellen haben mir nie gefallen, weil manche Schriftsteller ihre Sachen viel zu gut machen und die diese Szenen einem Mann wie mir, der so häufig Prügel bezogen hat, dass man ihm was vom IQ abziehen müsste, viel zu sehr unter die Haut gehen.“. Was folgt ist ebenso offensichtlich wie amüsant: Dan wacht nach einer Prügelei auf – und gerät prompt in einen noch viel größeren Schlamassel.

War es im ersten Teil vor allem der irische Kriminalroman, der von Eoin Colfer mit allerhand Seitenhieben behandelt wurde, erweitert er den Rahmen nun auf den noir. Dadurch wird „Hinterher ist man immer tot“ wie sein Vorgänger zu einer sehr vergnüglichen Krimilektüre.

Eoin Colfer: Hinterher ist man immer tot. Übersetzt von Conny Lösch. List 2014.