Schlagwort-Archiv: Kritik

Fundstück vom 16. März 2017

Das Ende der Kritik und das Sterben des Kritikerberufs wird ja fast so regelmäßig ausgerufen wie Diskussionen über die Sinnhaftigkeit bzw. Notwendigkeit von Verrissen geführt werden. Ich bin (wenig überraschend) überzeugt, dass Kritik wichtig ist – und dann gestern von meinem Kollegen Joachim Kurz auf einen sehr schönen Text im New Yorker aufmerksam gemacht worden, der mit einer der schönsten Beschreibungen des Kritikerdaseins schließt:

Perhaps the profession is destined to fade away, but others will have to take up the critic’s simple, irritating, somehow necessary job: to stand in a public space and say, “Not quite.”

Der gesamte Text ist hier zu lesen.

Krimi-Kritik: „Gefrorener Schrei“ von Tana French

„The Trespasser“ heißt der Kriminalroman von Tana French im Original und tatsächlich passt dieser Titel ganz hervorragend: Da ist zunächst die aus Frenchs Romanen bereits bekannte Detective Antoinette Conway, die noch verhältnismäßig neu im Morddezernat in Dublin ist und sich ständig wie ein Eindringling fühlt: sie ist die einzige Frau, nicht irisch-weiß und noch dazu hat sie einen Kollegen gleich zu Anfang recht deutlich in die Schranken gewiesen. Seither – davon ist sie überzeugt – hat es mit Ausnahme ihres ebenfalls bereits aus Vorgängerbüchern bekannten Partners Stephen Moran so gut wieder jeder ihrer Kollegen auf sie abgesehen. Deshalb haben Moran und sie schon wieder Nachtschicht und bekommen kurz vor Feierabend von ihrem Chef einen Fall zugewiesen und noch dazu einen erfahrenen Kollegen zur Seite gestellt. Obwohl es doch mal wieder nach einer Beziehungstat aussieht: Aislinn Murray wurde tot in ihrem Haus aufgefunden, alles am Tatort deutet darauf hin, dass sie einen romantischen Abend geplant hatte und etwas schiefgelaufen ist. Hauptverdächtiger ist ihre Verabredung an diesem Abend. Aber nach Aussage von Aislinns Freundin hatte sie eine Affäre – und somit gibt es noch einen zweiten möglichen ‚Eindringling’, der für die Tat verantwortlich sein könnte. Weiterlesen

Über „Orange is the new black“ (Staffel 4)

(Zu sagen, es folgen Spoiler, wäre womöglich untertrieben. Wer über zentrale Handlungspunkte nichts erfahren will, sollte den zweiten Absatz dieses Textes nicht lesen.)

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„Orange is the new black“ hat schon immer einige Qualitäten gehabt: Die Vielzahl an Figuren, von denen in den einzelnen Folgen Hintergründe zu erfahren sind und die äußerst vielseitige Geschichten verbergen, die nicht nur in Hautfarbe, sexueller Orientierung, Körperform und Aussehen, sondern auch innerhalb der einzelnen „Gruppierungen“ äußerst diversifiziert sind. Die Entwicklung von Piper, die womöglich als Identifikationsfigur gedacht war und im Gefängnis im Grunde genommen erst richtig kriminell wird und mit dieser Veränderung immer wieder hadert. Die kleinen Wahrheiten, die man über die einzelnen Figuren erfährt, der Facettenreichtum von gut oder böse. Dennoch war die dritte Staffel trotz einiger dramatischer Themen fast ein wenig zu soapig und leicht. In der vierten Staffel holt nun Jenji Kohan ungefähr sechs Folgen lang aus, um einem dann die nächsten sieben Folgen langsam immer tiefer in den Magen zu bohren. Es sind herzzerreißende Momente, voller Tragik und Unvermeidbarkeit, voller Wut und Tränen (zumindest bei mir!). Weiterlesen

Eine Liebeserklärung an die Kritik

Regelmäßig kehren die Diskussionen zu Blog vs. Kritik wieder, wird der Untergang des Berufsstands der *bittebeliebigeKunstformeinsetzen*-Kritiker prophezeit, wird über vorhandene oder fehlende Professionalität debattiert. Daher habe ich die Ausgabe der Polar Gazette zum Thema Kritik zum Anlass genommen, über meine Auffassung zur Kritik zu schreiben. Vereinfacht gesagt: Kritik ist für mich Liebe. Leidenschaft und der Wunsch des Verstehens. Den gesamten Beitrag gibt es unter diesem Link zu lesen.

Ausgerechnet „The D-Train“

Beim Filmfest München 2015 habe ich zufällig kurz hintereinander drei amerikanische Komödien gesehen: „The Overnight“, „Dope“ und „The D-Train“ und schließlich mit Erstaunen festgestellt, dass weder die wunderbare Paar-Beziehungs-Sex-Komödie „The Overnight“ noch der wirklich gelungene Coming-of-Age-Ghettokid-Streifen „Dope“ einen Starttermin in Deutschland hat, sondern die unsympathische, menschenverachtende Looser-Komödie „The D-Train“. Vermutlich hängt damit zusammen, dass Jack Black die Hauptrolle spielt, eine andere Erklärung habe ich dafür jedenfalls nicht.

(c) Sony Pictures

(c) Sony Pictures

Jack Black spielt Dan Landsman, einen Typen, der schon in der High School ignoriert wurde, obwohl er sich stets um Aufmerksamkeit bemühte und zu den coolen Leuten gehören wollte. Mittlerweile ist er erwachsen, hat eine tolle Frau und einen fantastischen Sohn, aber das bedeutet ihm nichts. Er will immer noch beliebt und beneidet werden – insbesondere von den Leuten, mit denen er zur Schule gegangen ist. Also trumpft er bei der Organisation der 20-jährigen Highschool Reunion richtig auf und behauptet, er sei mit Oliver Lawless (James Marsden) befreundet und könne ihn zum Klassentreffen mitbringen. Lawless war nämlich der coole Außenseiter, in den alle irgendwie verliebt waren, der die Highschool abbrach und nach Los Angeles ging, um Schauspieler zu werden. Nun hat Oliver ihn in einer landesweiten Werbung gesehen und glaubt, mit Lawless an seiner Seite wird er endlich der coole Typ sein, der er immer sein wollte. Also betrügt und belügt er seinen sympathischen Chef und seine Familie, reist nach Los Angeles und drängt sich Lawless auf. Dabei ist für alle offensichtlich, dass Lawless den Durchbruch eben nicht geschafft hat, sondern einer der vielen gut aussehenden Kleindarsteller in Hollywood ist. Aber sie bieten einander dankbar die Projektionsfläche, die sie brauchen: Lawless kann sich bewundert und erfolgreich, Oliver beliebt und cool fühlen. Daher ziehen sie durch die Clubs, feiern und erleben die Nacht ihres Lebens, der schließlich in einem „One-Night-Stand“ mündet – zwischen Oliver und Lawless. Weiterlesen

Leider nicht sehr böse – „Die Kleinen und die Bösen“

Schwarze Komödien sind sicher nicht jedermanns Sache – so kann ich durchaus verstehen, dass manche Anders Thomas Jensens „Men & Chicken“ als geschmacklos empfinden, während ich mich königlich amüsiert haben. Deshalb lässt sich über Grenzen des Komischen wunderbar diskutieren, aber eines sollten schwarze Komödien auf jeden Fall sein: konsequent. Und ausgerecht daran fehlt es bei Markus Sehrs „Die Kleinen und die Bösen“.

(c) movienet

(c) movienet

Erzählt wird die Geschichte des erfahrenen Bewährungshelfers Benno Meurer (Christoph Maria Herbst), der seine Arbeit routiniert, aber gut erledigt und sich auch nach all den Jahren für seine Klienten interessiert. Zu ihnen gehört notorische Einbrecher Hotte Mazocha (Peter Kurth), der sich plötzlich um seine Kinder kümmern soll, die bisher bei der Großmutter aufwuchsen. Meurer ist entsetzt, Hotte allein schon wegen des Kindergeldes begeistert. Nun will Meurer ihm nachweisen, dass er ein schlechter Vater ist – aber Hotte gefällt seine neue Rolle eigentlich ganz gut.

Meurer und Hotte sind zwei gute Charaktere, die von zwei guten Schauspielern verkörpert werden: Herbst überzeugt als weicher Bewährungshelfer und drängt Stromberg schnell in den Hintergrund, Kurth lässt mit seinen knallbunten Hemden und schnoddrigen Auftreten keinen Zweifel daran, dass er zunächst an sich denkt. Doch zwei gute Charaktere machen noch keinen guten Film. Denn es ist in „Die Kleinen und die Bösen“ nicht zu viele lahme Gags, zu viele unnötige Nebenhandlungen und zu wenig Überraschungen. Es wäre nicht nötig, dass Bennos Frau besessen von ihrem Kinderwunsch ist und sich Benno in eine Kellnerin verliebt, zumal hier alles in vorhersehbaren Bahnen verläuft. Dadurch entsteht keine Bindung zu den Charakteren, so dass sogar nach einem plötzlichen Todesfall außer einem kurzen Schock kaum Emotionen bleiben. Und das ist schade, weil immer wieder aufblitzt, dass in dem Film gute Ideen und Szenen stecken – bspw. der Wiener, den man wirklich nicht versteht –, aber der Film aus ihnen nichts macht. Vielmehr entsteht dadurch der Eindruck, dass hier eine gute böse Ausgangsidee nach und nach aufgeweicht wurde, um den Film fernsehtauglich zu machen. Denn letztlich erinnert „Die Kleinen und die Bösen“ vor allem an standardisierte, mutlose Fernsehware.

Krimi-Kritik: „Dope“ von Sara Gran

Vor drei Jahren hat mich „Die Stadt der Toten“ von Sara Gran sehr begeistert, die Fortsetzung dann etwas weniger. Damals äußerte ich die Vermutung, dass dieser Band einfach noch nicht fertig war, er hätte mehr Zeit und Überarbeitung bedurft. Deshalb war ich nun sehr froh, dass mit „Dope“ kein weiterer Teil mit Claire DeWitt erschienen ist. Nach den ersten zwei Seiten des Buchs blätterte ich jedoch zum Anfang zurück – ich konnte nicht glauben, dass Sara Gran dieses Buch nach den DeWitt-Büchern geschrieben hat. Tatsächlich ist „Dope“ fünf Jahre vor „Stadt der Toten“ erschienen und man merkt es diesem Buch an. Es liest sich über weite Strecken wie die Stilübung einer Autorin, die ihren eigenen Ton noch festigen muss.

(c) Droemer

(c) Droemer

Erzählt wird die Geschichte von dem Ex-Junkie Josephine, die die süchtige Tochter eines vornehmen Ehepaars suchen soll. Joe kann das Geld gut gebrauchen, außerdem möchte sie sich gerne nützlich fühlen und so taucht sie in die Tiefen des New Yorks der 1950er Jahre ein. Die Handlung folgt dabei einer klaren Struktur: Joe klappert Menschen vornehmlich aus ihrer Vergangenheit ab, die ihr helfen sollen, das Mädchen zu finden. Nach ungefähr der Hälfte des Romans erfolgt eine erste große Wendung, der weitere folgen und die nicht alle überraschend sind. Die Fiebrigkeit und Dringlichkeit von „Stadt der Toten“ lässt sich in den besten Passagen erahnen, jedoch überwiegen nostalgische Momente, in denen Sara Gran das New York der 1950er Jahre heraufbeschwört. So isst Joe ein Pastrami-Sandwich, das noch vom alten Abe bei Katz’s zubereitet wurde und in der von ihr aufgesuchten Tanzbar kommen die Hoffnungen all der Figuren Cornell Woolrichs wieder hoch. Jedoch sind diese Passagen bisweilen zu ausführlich, es gibt viele Beschreibungen und Begegnungen, die hätten verdichtet und verkürzt werden müssen, zumal sich vieles an bekannte Noir-Elemente anlehnt. Außerdem liegt Sara Grans Stärke eindeutig in dem Unausgesprochenen, Angedeuteten, bei dem man selbst die Schlüsse ziehen muss.

Wäre dieses Buch zuerst erschienen, wäre ich wohl zu dem Schluss gekommen, dass ich auf weitere Bücher von Sara Gran gespannt bin. Denn bereits bei „Dope“ sind die Frauen entscheidende Charaktere, dürfen sie stark und manipulativ sein, ohne deshalb ihr Herz zu verlieren. Das ist für einen Roman, der sich deutlich an die noir- und hardboiled-Tradition anlehnt, durchaus bemerkenswert. Ohnehin kann Sara Gran Charaktere zeichnen, ihre Nebenfiguren erhalten mit wenigen Wesenszügen Lebendigkeit und werden dadurch haarscharf vom Klischee ferngehalten. Auch Joe ist eine gute Hauptfigur, sie ist widersprüchlich, mutig und zerrissen. Mit ihrer Schlaflosigkeit und ihrem Kampf gegen ihre Dämonen weist sie bereits auf Claire DeWitt hin, die in allem konsequenter sein wird. Das alles sind gute Ansätze. Jedoch hat Sara Gran ihr Meisterstück bereits vorgelegt.

Sara Gran: Dope. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer 2015.

Skandinavische Filmtage Bonn 2015

Vom 7. bis 15. Mai 2015 finden in Bonn wieder die Skandinavischen Filmtage statt – leider ohne mich, dafür aber mit einem sehr guten Programm.

(c) NFI

(c) NFI

Den Auftakt macht am 7. Mai um 21 Uhr im Kino in der Brotfabrik der norwegische Film „Blind“, in dem Eskil Vogt – vor allem aufgrund seiner Drehbücher zu den Joachim Trier Filmen „Reprise“ und „Oslo, 31. August“ bekannt – kunstvoll von einer Frau erzählt, die erblindet ist und nun mit ihrer neuen Situation zurechtkommen muss.

Am 8. Mai folgt ebenfalls um 21 Uhr im Kino in der Brotfabrik der Film „I lossens time“ („In der Stunde des Luchses“) aus Dänemark, in dem Søren Kragh-Jacobsen von dem Jungen Drengen (Frederik Christian Johansen) erzählt, der scheinbar grundlos ein älteres Ehepaar erschlagen hat. Seither sitzt er in der Psychiatrie und wird dort Teil eines Versuchs, bei dem die Psychologin Lisbeth (Signe Egholm-Olsen) den Patienten Haustiere gibt, um ihre Kompetenzen zu stärken. Drengen glaubt jedoch, von seiner Katze die Stimme Gottes zu vernehme, die ihm befiehlt, sich selbst zu töten. Deshalb zieht Lisbeth Pastorin Helen (Sofie Gråbøl) hinzu – und nach und nach erfahren sie die ganze Geschichte des Jungen. Ein gut gespieltes, beklemmendes Drama.

(c) Meteor Film

(c) Meteor Film

Mit „Málmhaus“ („Metalhead“) wird am Samstag um 21 Uhr im Kino in der Brotfabrik einer meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre gezeigt. Der isländische Regisseur und Drehbuchautor Ragnar Bragason erzählt mit Humor und Sensibilität die Geschichte von Hera (Thora Bjorg Helga), die sich in der Trauer um ihren Bruder in die Welt des Black Metal flüchtet – und liefert zugleich ein mitreißendes Plädoyer für die Außenseiter dieser Welt. Zu meiner Kritik.

Am Sonntag und Montag laufen jeweils um 19 Uhr im Kino in der Brotfabrik die beiden Filme, die ich nicht kenne: Der finnische Film „Oppipoika/Lärjungen“ („Der Lehrjunge“) und der schwedische Film „Nåntin måste gå sönder“ („Something must break“).

Am Dienstag, den 12. Mai ist um 19:30 Uhr im LVR-LandesMuseum „En chance til“ („Zweite Chance“) von Susanne Bier zu sehen. Gehofft hatte ich, dass sich Susanne Bier mit ihrer Rückkehr nach Skandinavien auch wieder auf ihre Tugenden besinnt, der Film ist indes ein schön ausgestattet und warm ausgeleuchtetes Drama, in dem das Handeln der Figuren kaum nachzuvollziehen ist. Zu meiner Kritik.

(c) NFI

(c) NFI

Seit zwei Jahren sage ich jedem, der es nicht hören will, dass „Jeg er din“ („Ich bin Dein“) einer der besten norwegischen Filme der letzte Jahre ist und unbedingt hier im Kino laufen sollte. Aber ein norwegischer Film, der keine Komödie ist und nicht in das verschneite Skandinavienbild passt, hat es schwer. Dank der „Nordlichter“-Kinotournee ist dieses beeindruckende und komplexe Porträt einer jungen Frau immerhin auf Kinotour durch Deutschland und am Mittwoch, den 13. Mai um 21 Uhr auch im Kino in der Brotfabrik zu sehen. Zu meiner Kritik.

Am Donnerstag ist Kurzfilmabend, am Freitag läuft dann um 21 Uhr im Kino in der Brotfabrik mit „Vi är bäst“ der Abschlussfilm von Lukas Moodysson. International wurde dieser Coming-of-Age-Film über eine Mädchen-Punkrockband gefeiert, mir hat er ebenfalls gut gefallen – aber von Moodysson hatte ich ein wenig mehr erwartet. Dennoch eine gute Wahl für einen Abschlussfilm. Zu meiner Kritik.

Eine Übersicht über das Programm ist hier zu finden.

Ach, Onno

Im Frühjahr 2012 verfiel ich dem legendären „Charisma für Arme“ des Noppensocken tragenden Privatdetektivs Onno Viets, den Frank Schulz in „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ auf ein brutales Abenteuer mit eben diesem Irren schickte. Seither hoffte ich auf ein Wiedersehen. Nun hat sich diese Hoffnung erfüllt, aber – wie soll ich es anders sagen – mein Herz wurde gebrochen. Nicht etwa, weil „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ ein schlechtes Buch sei, nein, es ist sogar ein sehr gutes Buch. Aber ausgerechnet Onnos Seele baumelt weniger als sie taumelte, geradewegs in ein düsteres Nichts.

(c) Galiani

(c) Galiani

Seit seiner Begegnung mit dem „Irren vom Kiez“ sind sechs Jahre vergangen, die damaligen Erlebnisse haben indes Spuren bei Onno hinterlassen. Er leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung und hat die für ihn lebensnotwendige Ruhe verloren. Sein zweitbester Freund und Erzähler des Romans, Christoph Dannewitz, fühlt sich dafür mitverantwortlich, immerhin hat er Onno diesen ersten Auftrag vermittelt. Also will er ihm helfen und beschafft ihm abermals einen Auftrag, dieses Mal als Leibwächter seines Vetters Donald Jochemsen, der auf dem Kreuzfahrtschiff Flipper IV die von ihm verehrte Bordsängerin überraschen will. Aber Donald plagt – neben vielen anderen Erkrankungen – eine ausgeprägte Viktimophobie, er hat Angst, Opfer einer Straftat zu werden, und deshalb soll Onno ihn beschützen.
Diese zwei Kauze gehen also auf eine Kreuzfahrt – und damit hat Frank Schulz eine grundkomische Situation geschaffen. Onno und Donald sind beide fehl am Platze inmitten dieser feierwütigen Meute. Wenigstens ist der eine anpassungsfähig, freundlich und selbstlos, der andere jedoch misanthropisch, hypochondrisch und paranoid. Deshalb gibt es lustige Situationen und großartige Dialoge, in denen sich Frank Schuz bitterböse mit der Konsumkultur und Maßlosigkeit auseinandersetzt. Kaum Ort eignet sich besser zu einer bitterbösen Gesellschaftskritik als ein Kreuzfahrtschiff. Hier wird der Zwang zum Konsum, Erlebnis und Rausch, zur Party und Unterhaltung auf kleinen Raum gepresst, passend untermalt vom Sommerhit des Jahres „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“. Darüber hinaus steht am Ende eines jeden Aktes ein Nachspiel mit Kasper Spackennacken, einer satirischen Figur in bester Hanswurst-Tradition, die für derbe Witze und Wahrheiten sorgt und zugleich erneut auf die Bedeutung von Vulgarität, Exhibitionismus und Voyeurismus aufmerksam macht. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Die Farm“ von Max Annas

(c)diaphanes

(c)diaphanes

Bereits im ersten Absatz fällt der erste Schuss in Max Annas‘ „Die Farm“. Gerade noch stand Franz Muller neben dem Vertreter Kobus Print und sagte den ominösen Satz „Ich bin ja kein Rassist“, (…), „Aber …“ als es „plopp“ machte und der Vertreter auf den Boden sank. Dieser Schuss ist erst der Anfang einer neunstündigen Belagerung von Mullers Farm, die ihn zusammen mit seiner Familie, einer Nachbarin, einem Polizisten sowie seinen Arbeitern im Farmhaus einkesselt. Neun Stunden, in denen einige Menschen sterben. Neun Stunden, in denen sich jeder fragt, welche Gründe es für die Belagerung gibt. Und neun Stunden, bis die Polizei ahnt, dass auf der Farm etwas vorgehen könnte.

Die Ausgangssituation von „Die Farm“ erinnert an John Carpenters „Assault on Precint 13“, der wiederum eine Hommage an Howard Hawkes „Rio Bravo“ ist: Es kommt zu der Belagerung eines Gefängnis („Rio Bravo“), einer Polizeistation („Assault on Precint 13“) oder einer Farm und aufrechte Männer versuchen, die Ordnung aufrechtzuerhalten und Leben zu retten bis Hilfe kommt. Allerdings ist Franz Muller alles andere als aufrecht und unbescholten. Er ist ein weißer Farmbesitzer in Südafrika und schon das im ersten Absatz angefügte „aber“ verweist deutlich darauf, dass er ein Rassist ist. Für ihn gibt es eine gesellschaftliche Ordnung, die seit dem Ende der Apartheid aus den Fugen geraten ist – und wenngleich er es nicht gerne zugibt, fühlt er sich von seinen schwarzen Arbeitern bedroht. Deshalb weigert er sich sogar in der Belagerungssituation lange, ihnen ebenfalls Waffen auszuhändigen.

Lange glaubt Muller, es könnte einen Grund für die Belagerung geben, die mit ihm oder seiner Position als weißer Farmer zusammenhängt. Daneben haben aber auch die im Haus Festsitzenden verschiedene Gründe zu der Annahme, sie hätten diese Situation verursacht. So hat Mullers Sohn die Tochter eines Arbeiters vergewaltigt und Mullers Vorarbeiter half einst bei dem Verscharren einer Leiche. Dadurch gibt es bereits innerhalb des Hauses zwei Spannungsfelder: Was wollen „die da draußen“? Und: Wie sicher sind wir „hier drinnen“? Hinzu kommt die Situation der „da draußen“, die im Gegensatz zu Carpenters Film durchaus geschildert wird. Sie sind überrascht von der Gegenwehr, die aus dem Haus kommt, und bald zeigt sich zudem, dass ihr Vorgehen nicht gut genug geplant ist.

(c) Max Annas

(c) Max Annas

Dennoch ist „Die Farm“ keine Hommage an Carpenters Film. Max Annas nutzt die bekannte Ausgangssituation und erzählt auf 188 Seiten in kurzen, mit Zeitangaben übertitelten Abschnitten zum einen vom Alltag in Südafrika, in dem Farmen überfallen werden – und je entlegener die Farm, desto besser scheint sie sich zu eignen. Zum anderen zeichnet er anhand des Mikrokosmos einer Farm ein Bild von der Schieflage der südafrikanischen Gesellschaft. Dazu gehören Rassismus, der Hass der Schwarzen auf die Weißen und vor allem eine historisch bedingte, strukturelle Ungleichheit, auf die auch Jahrzahnte nach Ende der Apartheid keine Antwort gefunden wurde.

Und daneben ist noch etwas (leider) bemerkenswert: Die mutigste Person in „Die Farm“ ist eine Frau. Bereits Carpenter hat mit der Polizeisekretärin Julie (Nancy Loomis) eine tolle Figur geschaffen, die selbständig und besonnen handelt, aber gelegentlich Unterstützung von dem Gangster braucht und auch als love interest fungiert. Bei Max Annas ist die religiöse Nachbarin Jayne McKenzie schlichtweg die cleverste und vernünftigste Person im Haus, die Entscheidungen trifft und stark ist. Einfach so. Weil sie es kann.

Max Annas: Die Farm. Diaphanes 2014.

Andere:
Wort und Tat