Schlagwort-Archiv: Krimi

Krimi-Kritik: „Freedom’s Child“ von Jax Miller

„Mein Name ist Freedom Oliver, und ich habe meine Tochter getötet.“ Mit diesem Satz beginnt Jax Millers Debüt „Freedom’s Child“, in dem sie von Vergewaltigungen, Entführungen, Waffenhandel und religiösen Fanatikern erzählt.

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Seit sie gegen ihren Schwager wegen des Mordes an ihrem Mann ausgesagt hat, lebt Freedom Oliver im Zeugenschutzprogramm in Painter, Oregon, einer „Kleinstadt voll Schmutz, Regen und Crystal Meth.“ Die Welt, in der sie sich bewegt, ist sexualisiert und gewalttätig. Sie arbeitet in einer von Bikern und Prostituierten besuchten Bar, wird beständig mit Übergriffen konfrontiert, die sie brutal beendet, und von traumatischen Erinnerungen an ihre Vergangenheit heimgesucht, die sie wegzutrinken versucht. Dann erfährt sie, dass der Mann, den sie einst ins Gefängnis gebracht hat, frei kommt. Sie weiß, dass er sich rächen wird und auch ihre Kinder in Gefahr sind, die bei Adoptiveltern großgeworden sind. Also macht sie sich auf den Weg, ihre Kinder zu retten.

Freedom Olivier ist eine jene Protagonistinnen, die sich aus einer missbräuchlichen Ehe befreit hat und nun mit den Konsequenzen der Tat leben muss. Also raucht, trinkt, flucht und vögelt sie, so viel und mit wem sie will. Sie ist rücksichtslos sich selbst und anderen gegenüber. Aber sie war nicht immer so, erst durch ihre Ehe ist sie so geworden. Wäre es nicht großartig, wenn eine Frauenfigur einfach so wäre, weil sie es will? Weiterlesen

Shots – April 2015

Fluchtpunkt Los Angeles

(c) ars vivendi

(c) ars vivendi

Nach dem er in „Nebenan ein Mädchen“ und „Hemmersmoor“ von kleinen Dörfern in Norddeutschland erzählte, spielt Kiesbyes neuer Roman in einer nicht näher datierten Zukunft in Los Angeles. Der Kritiker Gray Harden ist nicht mehr so angesagt wie einst, deshalb lässt er sich darauf ein, für einen befreundeten Geldgeber einen Deal mit vermeintlichen chinesischen Geldgebern einzufädeln. Aber dann verschwindet der Maler, dessen Bilder verkauft werden sollten – und seine Bilder gleich mit. Nach und nach dämmert Gray, dass er nur eine Figur in einem Spiel ist, das er nicht durchschaut. Leider verwendet Kiesbye sehr viel mehr Sorgfalt darauf, die zukünftige Welt mitsamt an Google Glass erinnernde Brillen und optischen Spielereien als seine Figuren auszugestalten. Außerdem spricht er mit der Kunstwelt, den Folgen des digitalen Wandels und einer kunstpolitischen Verschwörung viele Themen, belässt es aber bei Andeutungen und Verweisen. Immerhin gelingt es ihm aber, mit seiner sperrigen Sprache eine unterkühlte, sterile Atmosphäre zu entwickeln. (Und noch eine kleine Anmerkung zur Gestaltung des Buchs: Ich hätte mir einen etwas breiteren Seiteninnenrand gewünscht, damit ich das Buch beim Lesen nicht so sehr knicken muss.)

Stefan Kiesbye: Fluchtpunkt Los Angeles. ars vivendi, 2015

Dark House

(c) Droemer

(c) Droemer

Zehn Freunde wollen ein Wochenende in einem abgelegenen Landhaus an der englischen Küste verbringen, auch ihr ehemaliger Professor wird anwesend sein. Kurz nach ihrer Ankunft gibt es einen ersten Toten, dem weitere folgen werden. Denn die Freunde und ihren Professor verbindet ein Jahre zurückliegendes Psycho-Experiment, das nicht bei allen den gewünschten Erfolg hatte.
Eine bestimmte Anzahl Charaktere in eine abgeschlossene Situation zu bringen, sorgt auch bei Kastura für Spannung, zumal „Dark House“ kein behaglicher Landhauskrimi, sondern ein ordentlicher Thriller ist. Ingesamt hätten es etwas weniger Wendungen sein können – insbesondere die letzte ist überflüssig –, und er reicht gerne Erklärungen und „Überraschungen“ (ich nenne es die Kaninchen-Methode) nach. Aber seine Figuren sind gut entwickelt, auch wissen sich Frauen bei Kastura selbst zu helfen.

Thomas Kastura: Dark House. Droemer 2015.

Das Verbrechen, Teil 1 bis 3

(c) Zsolnay

(c) Zsolnay

Alle drei Teile von David Hewsons „Das Verbrechen“-Reihe haben dasselbe Muster: Der aus der Serie bekannte Fall und die vertrauten Figuren werden verwendet, zwischendurch werden einige Leerstellen der Serie gefüllt und leichte Änderungen vorgenommen – insbesondere findet er (fast) jedes Mal eine etwas andere Auflösung, was insbesondere im ersten Teil durchaus bemerkenswert ist. Denn somit gibt es hier für einen Fall mit der Serie, deren amerikanischen Remake „The Killing“ und Hewsons Buch drei verschiedene Täter. Allerdings ist Hewsons Version stets in Dramatik abgeschwächt.

David Hewson: Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 1. Fall. Übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein. dtv 2014.
ders.: Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 2. Fall. Übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein. dtv 2015.
ders: Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 3. Fall. Übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein. Zsolnay 2015.

Lebt

(c) Scherz

(c) Scherz

Einen interessanten Kriminalroman über Identität und Wahrheitssuche hat Orkun Ertener mit „Lebt“ zweifellos geschrieben: Ghostwriter Can Evinmann sollte eigentlich mit der Schauspielerin Anna Roth an ihrer Autobiographie arbeiten, als sie feststellen, dass ihre Familiengeschichten miteinander zusammenhängen. Etwas zu ausführlich erzählt Ertener nun die Geschichten der sephardischen Juden in Thessaloniki und der jüdischen Gemeinschaft der Dömne, die eng mit der Herkunft Evinmanns verbunden ist. Hier wären einige Kürzungen gut gewesen. Insgesamt ist „Lebt“ aber ein bemerkenswertes Debüt, das auf mehr Bücher von Orkun Ertener hoffen lässt.

Orkun Ertener: Lebt. Scherz Verlag 2014.

Krimi-Kritik: „Dope“ von Sara Gran

Vor drei Jahren hat mich „Die Stadt der Toten“ von Sara Gran sehr begeistert, die Fortsetzung dann etwas weniger. Damals äußerte ich die Vermutung, dass dieser Band einfach noch nicht fertig war, er hätte mehr Zeit und Überarbeitung bedurft. Deshalb war ich nun sehr froh, dass mit „Dope“ kein weiterer Teil mit Claire DeWitt erschienen ist. Nach den ersten zwei Seiten des Buchs blätterte ich jedoch zum Anfang zurück – ich konnte nicht glauben, dass Sara Gran dieses Buch nach den DeWitt-Büchern geschrieben hat. Tatsächlich ist „Dope“ fünf Jahre vor „Stadt der Toten“ erschienen und man merkt es diesem Buch an. Es liest sich über weite Strecken wie die Stilübung einer Autorin, die ihren eigenen Ton noch festigen muss.

(c) Droemer

(c) Droemer

Erzählt wird die Geschichte von dem Ex-Junkie Josephine, die die süchtige Tochter eines vornehmen Ehepaars suchen soll. Joe kann das Geld gut gebrauchen, außerdem möchte sie sich gerne nützlich fühlen und so taucht sie in die Tiefen des New Yorks der 1950er Jahre ein. Die Handlung folgt dabei einer klaren Struktur: Joe klappert Menschen vornehmlich aus ihrer Vergangenheit ab, die ihr helfen sollen, das Mädchen zu finden. Nach ungefähr der Hälfte des Romans erfolgt eine erste große Wendung, der weitere folgen und die nicht alle überraschend sind. Die Fiebrigkeit und Dringlichkeit von „Stadt der Toten“ lässt sich in den besten Passagen erahnen, jedoch überwiegen nostalgische Momente, in denen Sara Gran das New York der 1950er Jahre heraufbeschwört. So isst Joe ein Pastrami-Sandwich, das noch vom alten Abe bei Katz’s zubereitet wurde und in der von ihr aufgesuchten Tanzbar kommen die Hoffnungen all der Figuren Cornell Woolrichs wieder hoch. Jedoch sind diese Passagen bisweilen zu ausführlich, es gibt viele Beschreibungen und Begegnungen, die hätten verdichtet und verkürzt werden müssen, zumal sich vieles an bekannte Noir-Elemente anlehnt. Außerdem liegt Sara Grans Stärke eindeutig in dem Unausgesprochenen, Angedeuteten, bei dem man selbst die Schlüsse ziehen muss.

Wäre dieses Buch zuerst erschienen, wäre ich wohl zu dem Schluss gekommen, dass ich auf weitere Bücher von Sara Gran gespannt bin. Denn bereits bei „Dope“ sind die Frauen entscheidende Charaktere, dürfen sie stark und manipulativ sein, ohne deshalb ihr Herz zu verlieren. Das ist für einen Roman, der sich deutlich an die noir- und hardboiled-Tradition anlehnt, durchaus bemerkenswert. Ohnehin kann Sara Gran Charaktere zeichnen, ihre Nebenfiguren erhalten mit wenigen Wesenszügen Lebendigkeit und werden dadurch haarscharf vom Klischee ferngehalten. Auch Joe ist eine gute Hauptfigur, sie ist widersprüchlich, mutig und zerrissen. Mit ihrer Schlaflosigkeit und ihrem Kampf gegen ihre Dämonen weist sie bereits auf Claire DeWitt hin, die in allem konsequenter sein wird. Das alles sind gute Ansätze. Jedoch hat Sara Gran ihr Meisterstück bereits vorgelegt.

Sara Gran: Dope. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer 2015.

Krimi-Kritik: „Bad Cop“ von Mike Nicol

Nach dem Abschluss seiner großartigen „Rache“-Trilogie widmet sich Mike Nicol in seinem Buch „Bad Cop“ abermals den Banden und Verquickungen von Südafrikas Vergangenheit und Gegenwart. Hauptfigur ist Bartholomeu „Fish“ Pescado, ein surfender Privatdetektiv oder ermittelnder Surfer, der an Don Winslows Boone Daniels erinnert – wenngleich er mit Anfang 20 wesentlich jünger erscheint. Fish lebt am Strand von Surfer’s Corner, genießt die Wellen am liebsten mit seinem Kumpel Daro und schlägt sich mit kleinen Aufträgen durchs Leben. Eigentlich mag er es ruhig, er warnt seine in England lebende Mutter sogar vor einer Investition, die sie mit gefährlichen Männern in Kontakt bringen könnte. (Ich vermute, sie wird in den folgenden Teilen noch eine größere Rolle spielen.) Als er dann jedoch einem ‚bookie‘ – einem Obdachlosen – zu helfen versucht und im Auftrag seiner Freundin, der Anwältin Vicki, einen Autounfall untersucht, gerät er selbst in den Dunstkreis des ehemaligen Polizeipräsidenten Jacob Mkezi – und damit in Gefahr.

(c) btb

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Im Gegensatz zu den Protagonisten der „Rache“-Trilogie ist Fish Pescado nicht direkt in Südafrikas Vergangenheit verstrickt, dafür ist er zu jung. Er ist ein Nachfahre, der das Apartheid-Regime nicht bewusst mit erlebt hat, aber dessen Folgen spürt. Außerdem ist die Vergangenheit durch den Tod des Vaters in seinem Leben präsent, und er weiß um die Bündnisse, die neuen und alten Seilschaften, die über Macht und Einfluss in Südafrika bsestimmen. Oftmals erscheint er erstaunlich hellsichtig und erfahren für sein Alter und legt eine Abgebrühtheit an den Tag, die wenig später im Kontrast zu seinem leichtsinnigen, von Eifersucht getriebenen Verhalten gefährlichen Männern gegenüber steht. Der Grund dafür ist meist seine Freundin Vicki, die er sehr liebt. Sie ist clevere, spielsüchtige Anwältin, deren attraktives Äußeres und großen Brüste allzu oft betont werden. Es reicht anscheinend nicht, sie einmal zu erwähnen und diese Figur ansonsten durch ihre Handlungen oder Aussagen bestehen zu lassen. Weiterlesen

Getestet: Die Skandinavien-Edition von ebook.de

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Bereits im letzten Jahre habe ich von ebook.de das Angebot erhalten, mir ihre Plattform und skandinavisches Krimi-Angebot anzusehen. Vor zehn Jahren als libri.de gestartet, kann man auf ebook.de gedruckte und elektronische Bücher kaufen, außerdem können mit der Lese-App die E-Books in Sammlungen sortiert und die Angebote von anderen Anbietern der ‚Tolino-Allianz‘ genutzt werden – Thalia, Hugendubel und buecher.de gehen also, Amazon nicht.

Ich hatte die Wahl zwischen Krimi-Länderpaketen (kosten je 9,99 Euro) oder der Skandinavien-Edition mit zehn Kriminalromanen aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland (29,99 Euro) und habe mich für letzteres entschieden. Daraufhin bekam ich einen Gutschein-Code, den ich beim Kauf einlösen konnte.

Der Kaufvorgang verläuft wie bei allen anderen Buchseiten auch: Ich musste ein Konto anlegen, dann habe ich die Edition in den Warenkorb gelegt, bin zur Kasse gegangen, habe den Gutschein eingelöst und konnte die Titel herunterladen – entweder auf einen E-Reader oder in eine der Lese-Apps (dafür habe ich mich entschieden). Die Seite ist sehr übersichtlich und gut zu bedienen, auch der Download klappte ohne Schwierigkeiten. Recht schnell landeten auf diese Weise also zehn Titel auf meinem Handy bzw. Tablet: Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Schwarzblende“ von Zoë Beck

Manchmal ist Kriminalliteratur sehr nah an der Wirklichkeit. Als Zoë Beck ihren Roman „Schwarzblende“ geschrieben hat, waren die Anschläge in Paris noch nicht geschehen. Und doch stellt sie die Frage, die seither viele beschäftigt: Was passiert mit einer westeuropäischen Gesellschaft, wenn der Terror auf einmal vor der eigenen Haustür stattfindet?

(c) Heyne

(c) Heyne

Eigentlich wollte Dokumentarfilmer Niall nur Recherchen für einen Film über die unterirdischen Flüsse Londons betreiben, als ihm auf einer Brücke zwei Männer mit Macheten auffallen. „Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen.“ Niall kann kaum glauben, was er sieht – und da es anscheinend niemandem anders auffällt, zweifelt er schon an seiner Wahrnehmung. Also geht er den jungen Männern hinterher, filmt sie und verfolgt sie bis in einen Park. Gerade als er glaubt, alles sei ganz harmlos und weggehen will, hört er Angstschreie. Niall sieht – und filmt – wie beiden Männer einen anderen jungen Mann mit der Machete malträtieren, schließlich auf ihn einhacken. Sie nehmen es bewusst in Kauf, dass Niall sie dabei filmt, sie sprechen sogar mit ihm und bekennen sich in seinem Film als Angehörige des Islamischen Staats. Schließlich kommen Sicherheitskräfte zum Tatort, überwältigen die beiden Attentäter und Niall. Es dauert über 24 Stunden, bis er wieder frei gelassen wird. In dieser Zeit hat er nicht nur erlebt, wie England Terrorverdächtige behandelt, sondern sein Video hat sich längst im Internet verbreitet. Er kommt zu seinen 15 Minuten Ruhm – und erhält das Angebot, einen Dokumentarfilm über die Attentäter zu drehen. Und bei seinen Recherchen stößt Niall auf unangenehme und gefährliche Wahrheiten.

Gleich drei Themen widmet sich Zoë Beck in ihrem Kriminalroman: den innenpolitischen Folgen der Angst vor dem Terror und den Fragen, wie aus Engländern Islamisten werden bzw. welche Verantwortung ein Einzelner trägt. Dabei findet sie überzeugende Szenarien, in denen die Wirkung von Frustrationen, Desillusionierungen und Angst bis hin zur bloßen Machtgier spürbar werden. Aber sie macht es sich niemals zu einfach: Nicht alle Polizisten in diesem Roman sind böse, nicht alle Medienleute gierig nach Schlagzeilen, nicht alle Gläubige verblendete Radikale. Vielmehr zeigt sie sehr eindringlich, wie schwierig es gerade für die gemäßigten Gläubigen ist, zu ihrer Religion zu stehen, aber beständig Ablehnungen ausgesetzt zu sein; wie schwierig es ist, über die Vergewaltigungen von englischen Mädchen durch pakistanische Männer zu berichten, ohne dass Hass zu schüren oder die Vorfälle zu ignorieren; und wie schwierig es ist, das Richtige zu tun, wenn man selbst von Angst erfüllt ist. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Prime Cut“ von Alan Carter

(c) Edition Nautilus

(c) Edition Nautilus

Drei blutige Taten stehen am Anfang von Alan Carters Krimidebüt „Prime Cut“: In Sunderland, England, werden am 5. Mai 1973 die Leichen der schwangeren Chrissy und ihrem Sohn Stevie gefunden. Sie wurden von ihrem Ehemann bzw. Vater erschlagen und mit Stromschlägen malträtiert. Am 8. Oktober 2008 entdeckt eine Lehrerin in einem kleinen Ort in West Australien am Strand einen Torso, der von einem Hai bearbeitet wurde. Vier Stunden später untersuchen Detective Sergeant Constable Philip „Cato“ Kwong und Sergeant Jim Buckley einen Verdacht auf tödlichen Viehdiebstahl, ebenfalls in West-Australien. Kwong wurde ins Viehdezernat strafversetzt, seit er in einen Korruptionsskandal verwickelt war. Er ist der einzige, dem eine Papierspur nachgewiesen werden konnte, deshalb hadert er genussvoll mit seinem Schicksal. Dann kommen ihm jedoch der Zufall und die dünne Personaldecke zur Hilfe: Kwong und Buckley befinden sich ganz in der Nähe des Küstenstädtchens Hopetown, in dem der Torso gefunden wurde, und sollen deshalb dort für einige Zeit die Ermittlungen unterstützen. Für Kwong ist es eine gute Gelegenheit, sich zu rehabilitieren und vielleicht mit seiner Karriere noch auf einen grünen Zweig zu kommen. Zusammen mit Buckley, der örtlichen Polizistin Tess Maguire und dem Neuling Greg Fisher beginnt er, den Fall zu untersuchen – und wenig später gibt es eine zweite Leiche und noch größere Ermittlungen. Weiterlesen

Fernseh-Tipp: Hochspannungswochen bei ARTE

Heute Abend beginnen bei ARTE die Wochen der Hochspannung: Bis zum 26. März laufen Klassiker des Films noir und Kriminalfilms. Den Auftakt machen „Serpico“ und „Der gläserne Schlüssel“, in den folgenden Wochen werden u.a. der sehr schöne „Who killed Marilyn?“ und „Unter falschem Verdacht“ zu sehen sein. Alle weiteren Informationen gibt es auf der Webseite von ARTE.

Krimi-Kritik: „Ausbruch“ von Dominique Manotti

Zu den Aufgaben des Häftlings Filippo Zuliani gehört das Reinigen des Raums, in dem die Müllcontainer des Gefängnisses stehen. Dann sind eines Tages nicht nur die Container nicht geleert, sondern er sieht auch, dass sein einziger Freund, der politische Gefangene Carlos, sich in den Containern versteckt, um auf diese Weise zu fliehen. Kurz überlegt Filippo, dass ihm erstens vermutlich eine Mitschuld an der Flucht zugeschrieben werden wird und er zweitens ohne Carlos die restlichen 410 Tage seiner Haft nicht durchstehen wird. Also springt er spontan hinterher – und dieser Sprung in die klebrige, breiige, faulige und kratzige Müllmasse ist der Anfang eines neuen Lebens.

(c) Argument Ariadne

(c) Argument Ariadne

Kurze Zeit später lässt Carlos Filippo mit etwas Geld, sauberen Klamotten und der Adresse seiner Freundin Lisa in Frankreich zurück, um mit seinen beiden Komplizen seinen ursprünglichen Plan zu verfolgen. Also Filippo zieht durch die Berge in Richtung Norden, erfährt in der Zeitung von Carlos’ Tod und macht sich schließlich gen Frankreich auf. Hier begegnet er Lisa – und mit ihnen treffen zwei grundverschiedene Bilder von Carlos aufeinander. Für Filippo war er Freund und Vertrauter, sie sind sich in der Haft nähergekommen, dabei hat er stets bewundernd zu dem Revolutionär aufgeblickt. Auch Lisa hat ihn einst bewundert, sich dann in ihn verliebt und glaubt seither, dass sie ihn als einzige wirklich kennt. Verständlicherweise kommen sie also nicht gut miteinander aus. Denn neben dem politischen Thema – die roten Brigaden in Italien und Frankreich sowie das Verhältnis dieser Länder – geht es in diesem eindrucksvollen Roman von Dominique Manotti auch um Selbst- und vor allem Fremdwahrnehmung. Deshalb ist „Ausbruch“ immer noch ein politischer Kriminalroman, aber im Vergleich zu ihren anderen Werken weitaus spielerischer. Es geht um Idole, Verklärung, dem unbeirrbaren Drang nach Mythos und Wahrheit. Nicht von ungefähr erinnert Carlos auch an Ilich Ramírez Sánchez alias Carlos alias „Schakal“, der einst die OPEC-Geiselnahme in Wien durchgeführt haben und mit dessen Legendenbildung sich zuletzt der zweiteilige Film von Olivier Assayas auseinandergesetzt hat.

Dabei stellt Dominique Manotti diesen romantischen Konzepten von Freiheitskämpfern und Brigaden eine Satire auf den Literaturbetrieb an die Seite, in der die Pressereferentin und Anwalt des Verlags noch nicht einmal einen Namen erhalten. Ihr alleiniges Ziel ist, Filippos Buch zu einem Erfolg werden zu lassen – und er ist dankbar für jeden Hinweis, durch den er den kulturbetrieblichen Vorstellungen eines Ex-Terroristen besser entsprechen kann. Denn dann wird sein Buch ein Bestseller und er könnte Literaturpreise einheimsen. Denn schließlich hat seine Karriere als Autor doch so wunderbar romantisch allein im Dunkeln begonnen!

Dominique Manotti: Ausbruch. Übersetzt von Andrea Stephani. Argument Ariadne 2014.

Krimi-Kritik: „Die Farm“ von Max Annas

(c)diaphanes

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Bereits im ersten Absatz fällt der erste Schuss in Max Annas‘ „Die Farm“. Gerade noch stand Franz Muller neben dem Vertreter Kobus Print und sagte den ominösen Satz „Ich bin ja kein Rassist“, (…), „Aber …“ als es „plopp“ machte und der Vertreter auf den Boden sank. Dieser Schuss ist erst der Anfang einer neunstündigen Belagerung von Mullers Farm, die ihn zusammen mit seiner Familie, einer Nachbarin, einem Polizisten sowie seinen Arbeitern im Farmhaus einkesselt. Neun Stunden, in denen einige Menschen sterben. Neun Stunden, in denen sich jeder fragt, welche Gründe es für die Belagerung gibt. Und neun Stunden, bis die Polizei ahnt, dass auf der Farm etwas vorgehen könnte.

Die Ausgangssituation von „Die Farm“ erinnert an John Carpenters „Assault on Precint 13“, der wiederum eine Hommage an Howard Hawkes „Rio Bravo“ ist: Es kommt zu der Belagerung eines Gefängnis („Rio Bravo“), einer Polizeistation („Assault on Precint 13“) oder einer Farm und aufrechte Männer versuchen, die Ordnung aufrechtzuerhalten und Leben zu retten bis Hilfe kommt. Allerdings ist Franz Muller alles andere als aufrecht und unbescholten. Er ist ein weißer Farmbesitzer in Südafrika und schon das im ersten Absatz angefügte „aber“ verweist deutlich darauf, dass er ein Rassist ist. Für ihn gibt es eine gesellschaftliche Ordnung, die seit dem Ende der Apartheid aus den Fugen geraten ist – und wenngleich er es nicht gerne zugibt, fühlt er sich von seinen schwarzen Arbeitern bedroht. Deshalb weigert er sich sogar in der Belagerungssituation lange, ihnen ebenfalls Waffen auszuhändigen.

Lange glaubt Muller, es könnte einen Grund für die Belagerung geben, die mit ihm oder seiner Position als weißer Farmer zusammenhängt. Daneben haben aber auch die im Haus Festsitzenden verschiedene Gründe zu der Annahme, sie hätten diese Situation verursacht. So hat Mullers Sohn die Tochter eines Arbeiters vergewaltigt und Mullers Vorarbeiter half einst bei dem Verscharren einer Leiche. Dadurch gibt es bereits innerhalb des Hauses zwei Spannungsfelder: Was wollen „die da draußen“? Und: Wie sicher sind wir „hier drinnen“? Hinzu kommt die Situation der „da draußen“, die im Gegensatz zu Carpenters Film durchaus geschildert wird. Sie sind überrascht von der Gegenwehr, die aus dem Haus kommt, und bald zeigt sich zudem, dass ihr Vorgehen nicht gut genug geplant ist.

(c) Max Annas

(c) Max Annas

Dennoch ist „Die Farm“ keine Hommage an Carpenters Film. Max Annas nutzt die bekannte Ausgangssituation und erzählt auf 188 Seiten in kurzen, mit Zeitangaben übertitelten Abschnitten zum einen vom Alltag in Südafrika, in dem Farmen überfallen werden – und je entlegener die Farm, desto besser scheint sie sich zu eignen. Zum anderen zeichnet er anhand des Mikrokosmos einer Farm ein Bild von der Schieflage der südafrikanischen Gesellschaft. Dazu gehören Rassismus, der Hass der Schwarzen auf die Weißen und vor allem eine historisch bedingte, strukturelle Ungleichheit, auf die auch Jahrzahnte nach Ende der Apartheid keine Antwort gefunden wurde.

Und daneben ist noch etwas (leider) bemerkenswert: Die mutigste Person in „Die Farm“ ist eine Frau. Bereits Carpenter hat mit der Polizeisekretärin Julie (Nancy Loomis) eine tolle Figur geschaffen, die selbständig und besonnen handelt, aber gelegentlich Unterstützung von dem Gangster braucht und auch als love interest fungiert. Bei Max Annas ist die religiöse Nachbarin Jayne McKenzie schlichtweg die cleverste und vernünftigste Person im Haus, die Entscheidungen trifft und stark ist. Einfach so. Weil sie es kann.

Max Annas: Die Farm. Diaphanes 2014.

Andere:
Wort und Tat