Schlagwort-Archiv: Krimi

Talk.Noir – Altmeister

Am 15. November 2017 geht es weiter mit Noir.Mastul und dieses Mal reden Thomas Wörtche, Wolfgang Franßen und ich über „Altmeister“. Genauer gesagt über „Plan B“ von Chester Himes, „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und „Schwere Körperverletzung“. Mit dabei ist natürlich auch weder Robert Rescue, der einen eigenen Text vorliest.

Ich freue mich, wenn ihr vorbei schaut im: Kunst- und Kulturverein Mastul e.V., Liebenwalder Str. 33. 13347 Berlin.

Krimi-Kritik: „Zwei Leben“ von Tania Chandler

Ach ja, man kennt sie ja, diese psychologischen Thriller mit einer Ehefrau, die sich irgendwie nicht richtig an irgendetwas erinnern kann und dann gerät ihr Leben aus den Fugen. Dachte ich. Aber irgendwann sagte ich mir auch mal, dass ich bei australischen Spannungsromanen nun wirklich einfach mal alles lesen könnte, was übersetzt erscheint und damit hätte ich dann ein weiteres Land, in dem ich mich gut auskenne. Wie Irland. Oder Finnland. Oder irgendwann hoffentlich mal Frankreich. Also nahm ich Tania Chandlers „Zwei Leben“ mit in den Urlaub – und erlebte einen unfassbar aufregenden Spannungstrip. Denn „Zwei Leben“ ist eines jener berühmt-berüchtigten Bücher, die man anfängt und dann in einem Rutsch durchliest.

(c) Suhrkamp

Erzählt wird die Geschichte von Brigitte, die mittlerweile mit einem Polizisten verheiratet ist, zwei Kinder hat und eigentlich ein recht bürgerliches Leben in Melbourne führt. Wären da nicht die Arbeitszeiten ihres Mannes, ihre Neigung zum Alkohol und die Tatsache, dass sie einst einen Unfall überlebt hat, sich aber an vieles, was vorher war, nicht erinnern kann. Sie weiß nur, dass sie etwas mit einem Mord zu tun haben könnte und reagiert daher sehr nervös, als sie erfährt, dass eine Einheit für ungeklärte Fälle die Ermittlungen wieder aufgenommen hat. Weiterlesen

Comic – Maggy Garrisson

Ich bin ein wenig verliebt. In Maggy Garrisson, die neue Heldin einer Comic-Reihe von Stéphane Oiry und Lewis Trondheim. Und ich kann sogar den Anfang dieser Liebe ausmachen: Sie begann bei dem Untertitel des ersten Bandes. „Lach doch mal, Maggy!“. Es gibt einfach Sätze, die bekommt man als Mädchen und Frau viel zu oft zu hören. Und „Lach doch mal“ gehört definitiv dazu, gerade wenn man nicht zu den Menschen gehört, die ständig und ununterbrochen lachen oder lächeln. Und deshalb ist dieses „Lach doch mal, Maggy!“ in genau dem leicht genervten Ton zu verstehen, in dem dieser Satz bei mir – und ich schätze mal sehr vielen anderen – ankommt.

Aber natürlich reicht ein Untertitel alleine nicht aus, vielmehr ist Maggy Garrisson eine hinreißende Hauptfigur. Seit zwei Jahren ist sie arbeitslos, also muss sie die Stelle annehmen, die ihr ihre Nachbarin vermittelt hat. Sie soll Sekretärin für deren Neffe Mr. Wright sein, der als Privatdetektiv arbeitet. Und sie nimmt sich fest vor, dieses Mal ihre große Klappe zu halten. Als sie ankommt, liegt er betrunken schlafend auf dem Schreibtisch und generell macht er auf sie keinen allzu kompetenten Eindruck. Aber Maggy Garrisson erkennt Chancen, wenn sie sich ihr bieten – und 70 Pfund für das aufgeklärte Verschwinden eines Kanarienvogels erscheint ihr als gutes Angebot. Das ist ihr Einstieg in die Welt der Privatdetektive und schon bald sucht sie nach einem gestohlenen Baseball – und ist in eine mysteriöse Geschichte um scheinbar harmlose Tickets verwickelt.

(c) Schreiber und Leser

Maggy Garrisson ist eine clevere Frau, unverblümt und gewitzt. Sie lebt in London, sieht durchschnittlich aus und ist ungemein bodenständig. Sie begeht bei ihren Nachforschungen Fehler (vermutlich), liegt auch mal daneben, trinkt gerne Bier und verfügt über sehr viel Mutterwitz. Lewis Trondheim und Stéphane Oiry reichen wenige Bilder und Sätze, um sie als sehr eigenen Charakter zu etablieren, den es in Comics viel zu selten gibt. Dabei merkt man, dass Maggy auch so manches verbirgt, keine großen Geheimnisse, vielmehr Einsamkeit, vielleicht auch Verlorenheit und Traurigkeit.

(c) Schreiber und Leser

„Lach doch mal, Maggy!“ ist weniger von der Handlung als vielmehr den Charakteren angetrieben. Hier fügen sich pointierte Dialoge und sehr strenge, ausdrucksstarke Bilder, die oft weder Blickwinkel und Einstellung verändern, gut zusammen, so dass man sich auf die Figuren und die Umgebung konzentrieren kann und ein Erzählfluss entsteht, dem ich mich nicht entziehen wollte. Deshalb freue ich mich schon auf Band 2. Er soll im August 2017 erscheinen.

(c) Schreiber & Leser

Maggy Garrisson, 1. Lach doch mal, Maggy! Zeichnung: Stéphane Oiry. Szenario: Lewis Trondheim. Übersetzung: Resel Rebiersch. Schreiber & Leser 2017.

Krimi-Kritik: „Gefrorener Schrei“ von Tana French

„The Trespasser“ heißt der Kriminalroman von Tana French im Original und tatsächlich passt dieser Titel ganz hervorragend: Da ist zunächst die aus Frenchs Romanen bereits bekannte Detective Antoinette Conway, die noch verhältnismäßig neu im Morddezernat in Dublin ist und sich ständig wie ein Eindringling fühlt: sie ist die einzige Frau, nicht irisch-weiß und noch dazu hat sie einen Kollegen gleich zu Anfang recht deutlich in die Schranken gewiesen. Seither – davon ist sie überzeugt – hat es mit Ausnahme ihres ebenfalls bereits aus Vorgängerbüchern bekannten Partners Stephen Moran so gut wieder jeder ihrer Kollegen auf sie abgesehen. Deshalb haben Moran und sie schon wieder Nachtschicht und bekommen kurz vor Feierabend von ihrem Chef einen Fall zugewiesen und noch dazu einen erfahrenen Kollegen zur Seite gestellt. Obwohl es doch mal wieder nach einer Beziehungstat aussieht: Aislinn Murray wurde tot in ihrem Haus aufgefunden, alles am Tatort deutet darauf hin, dass sie einen romantischen Abend geplant hatte und etwas schiefgelaufen ist. Hauptverdächtiger ist ihre Verabredung an diesem Abend. Aber nach Aussage von Aislinns Freundin hatte sie eine Affäre – und somit gibt es noch einen zweiten möglichen ‚Eindringling’, der für die Tat verantwortlich sein könnte. Weiterlesen

Online-Live-Lesung mit Bernhard Aichner

(c) Ursula Aichner

(c) Ursula Aichner

Seit über einem Jahr veranstaltet Random House Online-Live-Lesungen, die gestreamt werden oder nachträglich über YouTube bzw. der Mediathek gesehen werden können. Heute Abend liest Bernhard Aichner ab 19 Uhr in der LitLounge aus Totenhaus und redet anschließend mit dem Online-Publikum über sein Leben und sein Werk. Moderiert wird die Lesung von Günter Keil.

(Politische) Verräter unter uns

Bisher habe ich hier im Blog nur Texte veröffentlicht, die ich für das Zeilenkino geschrieben habe. Aber in den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass ich zwar immer mehr schreibe, aber immer weniger Zeit zum Bloggen habe. Und deshalb werde ich fortan hier auch Texte ‚anteasern‘, die ich für andere Internetseiten geschrieben habe. Momentan überlege ich noch, ob ich hier den ganzen Text oder nur den Anfang mit weiterführendem Link veröffentliche – und über Meinungen dazu freue ich natürlich. Den Auftakt macht nun meine aktuelle Kolumne für kino-zeit.de, dort schreibe ich einmal im Monat über Kriminelles und mehr.


Kim Philby und Edward Snowden sind Verräter. Sie haben Geheimnisse ihres Arbeitgebers weitergegeben – Philby an den KGB, Snowden an die Öffentlichkeit. Ob sie den Verrat wegen eines Gesinnungswandels oder ihrer moralischen Überzeugung begangen haben, ist den Verratenen egal. Sie fühlen sich betrogen und im Stich gelassen. Doch Verrat ist nur aus Sicht des Verratenen eine eindeutige Tat, ansonsten ist er ebenso ambivalent zu beurteilen wie der Verräter selbst.
Der Verrat schafft auch eine Verbindung zwischen dem berühmtesten Doppelagenten der britischen Spionagegeschichte, der John Le Carré, Graham Greene und viele Autoren mehr zu ihren Büchern samt Verfilmungen inspirierte, und dem bekanntesten Whistleblower der Welt, dessen Geschichte bislang lediglich in einem Dokumentarfilm geschildert wurde. Dabei funktionieren die Erzählungen über Spionage und Whistleblower nach vergleichbaren Mustern – nur aus verschiedenen Perspektiven. weiterlesen bei kino-zeit.de

Krimi-Kritik: „Freedom’s Child“ von Jax Miller

„Mein Name ist Freedom Oliver, und ich habe meine Tochter getötet.“ Mit diesem Satz beginnt Jax Millers Debüt „Freedom’s Child“, in dem sie von Vergewaltigungen, Entführungen, Waffenhandel und religiösen Fanatikern erzählt.

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Seit sie gegen ihren Schwager wegen des Mordes an ihrem Mann ausgesagt hat, lebt Freedom Oliver im Zeugenschutzprogramm in Painter, Oregon, einer „Kleinstadt voll Schmutz, Regen und Crystal Meth.“ Die Welt, in der sie sich bewegt, ist sexualisiert und gewalttätig. Sie arbeitet in einer von Bikern und Prostituierten besuchten Bar, wird beständig mit Übergriffen konfrontiert, die sie brutal beendet, und von traumatischen Erinnerungen an ihre Vergangenheit heimgesucht, die sie wegzutrinken versucht. Dann erfährt sie, dass der Mann, den sie einst ins Gefängnis gebracht hat, frei kommt. Sie weiß, dass er sich rächen wird und auch ihre Kinder in Gefahr sind, die bei Adoptiveltern großgeworden sind. Also macht sie sich auf den Weg, ihre Kinder zu retten.

Freedom Olivier ist eine jene Protagonistinnen, die sich aus einer missbräuchlichen Ehe befreit hat und nun mit den Konsequenzen der Tat leben muss. Also raucht, trinkt, flucht und vögelt sie, so viel und mit wem sie will. Sie ist rücksichtslos sich selbst und anderen gegenüber. Aber sie war nicht immer so, erst durch ihre Ehe ist sie so geworden. Wäre es nicht großartig, wenn eine Frauenfigur einfach so wäre, weil sie es will? Weiterlesen

Shots – April 2015

Fluchtpunkt Los Angeles

(c) ars vivendi

(c) ars vivendi

Nach dem er in „Nebenan ein Mädchen“ und „Hemmersmoor“ von kleinen Dörfern in Norddeutschland erzählte, spielt Kiesbyes neuer Roman in einer nicht näher datierten Zukunft in Los Angeles. Der Kritiker Gray Harden ist nicht mehr so angesagt wie einst, deshalb lässt er sich darauf ein, für einen befreundeten Geldgeber einen Deal mit vermeintlichen chinesischen Geldgebern einzufädeln. Aber dann verschwindet der Maler, dessen Bilder verkauft werden sollten – und seine Bilder gleich mit. Nach und nach dämmert Gray, dass er nur eine Figur in einem Spiel ist, das er nicht durchschaut. Leider verwendet Kiesbye sehr viel mehr Sorgfalt darauf, die zukünftige Welt mitsamt an Google Glass erinnernde Brillen und optischen Spielereien als seine Figuren auszugestalten. Außerdem spricht er mit der Kunstwelt, den Folgen des digitalen Wandels und einer kunstpolitischen Verschwörung viele Themen, belässt es aber bei Andeutungen und Verweisen. Immerhin gelingt es ihm aber, mit seiner sperrigen Sprache eine unterkühlte, sterile Atmosphäre zu entwickeln. (Und noch eine kleine Anmerkung zur Gestaltung des Buchs: Ich hätte mir einen etwas breiteren Seiteninnenrand gewünscht, damit ich das Buch beim Lesen nicht so sehr knicken muss.)

Stefan Kiesbye: Fluchtpunkt Los Angeles. ars vivendi, 2015

Dark House

(c) Droemer

(c) Droemer

Zehn Freunde wollen ein Wochenende in einem abgelegenen Landhaus an der englischen Küste verbringen, auch ihr ehemaliger Professor wird anwesend sein. Kurz nach ihrer Ankunft gibt es einen ersten Toten, dem weitere folgen werden. Denn die Freunde und ihren Professor verbindet ein Jahre zurückliegendes Psycho-Experiment, das nicht bei allen den gewünschten Erfolg hatte.
Eine bestimmte Anzahl Charaktere in eine abgeschlossene Situation zu bringen, sorgt auch bei Kastura für Spannung, zumal „Dark House“ kein behaglicher Landhauskrimi, sondern ein ordentlicher Thriller ist. Ingesamt hätten es etwas weniger Wendungen sein können – insbesondere die letzte ist überflüssig –, und er reicht gerne Erklärungen und „Überraschungen“ (ich nenne es die Kaninchen-Methode) nach. Aber seine Figuren sind gut entwickelt, auch wissen sich Frauen bei Kastura selbst zu helfen.

Thomas Kastura: Dark House. Droemer 2015.

Das Verbrechen, Teil 1 bis 3

(c) Zsolnay

(c) Zsolnay

Alle drei Teile von David Hewsons „Das Verbrechen“-Reihe haben dasselbe Muster: Der aus der Serie bekannte Fall und die vertrauten Figuren werden verwendet, zwischendurch werden einige Leerstellen der Serie gefüllt und leichte Änderungen vorgenommen – insbesondere findet er (fast) jedes Mal eine etwas andere Auflösung, was insbesondere im ersten Teil durchaus bemerkenswert ist. Denn somit gibt es hier für einen Fall mit der Serie, deren amerikanischen Remake „The Killing“ und Hewsons Buch drei verschiedene Täter. Allerdings ist Hewsons Version stets in Dramatik abgeschwächt.

David Hewson: Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 1. Fall. Übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein. dtv 2014.
ders.: Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 2. Fall. Übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein. dtv 2015.
ders: Das Verbrechen. Kommissarin Lunds 3. Fall. Übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein. Zsolnay 2015.

Lebt

(c) Scherz

(c) Scherz

Einen interessanten Kriminalroman über Identität und Wahrheitssuche hat Orkun Ertener mit „Lebt“ zweifellos geschrieben: Ghostwriter Can Evinmann sollte eigentlich mit der Schauspielerin Anna Roth an ihrer Autobiographie arbeiten, als sie feststellen, dass ihre Familiengeschichten miteinander zusammenhängen. Etwas zu ausführlich erzählt Ertener nun die Geschichten der sephardischen Juden in Thessaloniki und der jüdischen Gemeinschaft der Dömne, die eng mit der Herkunft Evinmanns verbunden ist. Hier wären einige Kürzungen gut gewesen. Insgesamt ist „Lebt“ aber ein bemerkenswertes Debüt, das auf mehr Bücher von Orkun Ertener hoffen lässt.

Orkun Ertener: Lebt. Scherz Verlag 2014.

Krimi-Kritik: „Dope“ von Sara Gran

Vor drei Jahren hat mich „Die Stadt der Toten“ von Sara Gran sehr begeistert, die Fortsetzung dann etwas weniger. Damals äußerte ich die Vermutung, dass dieser Band einfach noch nicht fertig war, er hätte mehr Zeit und Überarbeitung bedurft. Deshalb war ich nun sehr froh, dass mit „Dope“ kein weiterer Teil mit Claire DeWitt erschienen ist. Nach den ersten zwei Seiten des Buchs blätterte ich jedoch zum Anfang zurück – ich konnte nicht glauben, dass Sara Gran dieses Buch nach den DeWitt-Büchern geschrieben hat. Tatsächlich ist „Dope“ fünf Jahre vor „Stadt der Toten“ erschienen und man merkt es diesem Buch an. Es liest sich über weite Strecken wie die Stilübung einer Autorin, die ihren eigenen Ton noch festigen muss.

(c) Droemer

(c) Droemer

Erzählt wird die Geschichte von dem Ex-Junkie Josephine, die die süchtige Tochter eines vornehmen Ehepaars suchen soll. Joe kann das Geld gut gebrauchen, außerdem möchte sie sich gerne nützlich fühlen und so taucht sie in die Tiefen des New Yorks der 1950er Jahre ein. Die Handlung folgt dabei einer klaren Struktur: Joe klappert Menschen vornehmlich aus ihrer Vergangenheit ab, die ihr helfen sollen, das Mädchen zu finden. Nach ungefähr der Hälfte des Romans erfolgt eine erste große Wendung, der weitere folgen und die nicht alle überraschend sind. Die Fiebrigkeit und Dringlichkeit von „Stadt der Toten“ lässt sich in den besten Passagen erahnen, jedoch überwiegen nostalgische Momente, in denen Sara Gran das New York der 1950er Jahre heraufbeschwört. So isst Joe ein Pastrami-Sandwich, das noch vom alten Abe bei Katz’s zubereitet wurde und in der von ihr aufgesuchten Tanzbar kommen die Hoffnungen all der Figuren Cornell Woolrichs wieder hoch. Jedoch sind diese Passagen bisweilen zu ausführlich, es gibt viele Beschreibungen und Begegnungen, die hätten verdichtet und verkürzt werden müssen, zumal sich vieles an bekannte Noir-Elemente anlehnt. Außerdem liegt Sara Grans Stärke eindeutig in dem Unausgesprochenen, Angedeuteten, bei dem man selbst die Schlüsse ziehen muss.

Wäre dieses Buch zuerst erschienen, wäre ich wohl zu dem Schluss gekommen, dass ich auf weitere Bücher von Sara Gran gespannt bin. Denn bereits bei „Dope“ sind die Frauen entscheidende Charaktere, dürfen sie stark und manipulativ sein, ohne deshalb ihr Herz zu verlieren. Das ist für einen Roman, der sich deutlich an die noir- und hardboiled-Tradition anlehnt, durchaus bemerkenswert. Ohnehin kann Sara Gran Charaktere zeichnen, ihre Nebenfiguren erhalten mit wenigen Wesenszügen Lebendigkeit und werden dadurch haarscharf vom Klischee ferngehalten. Auch Joe ist eine gute Hauptfigur, sie ist widersprüchlich, mutig und zerrissen. Mit ihrer Schlaflosigkeit und ihrem Kampf gegen ihre Dämonen weist sie bereits auf Claire DeWitt hin, die in allem konsequenter sein wird. Das alles sind gute Ansätze. Jedoch hat Sara Gran ihr Meisterstück bereits vorgelegt.

Sara Gran: Dope. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer 2015.

Krimi-Kritik: „Bad Cop“ von Mike Nicol

Nach dem Abschluss seiner großartigen „Rache“-Trilogie widmet sich Mike Nicol in seinem Buch „Bad Cop“ abermals den Banden und Verquickungen von Südafrikas Vergangenheit und Gegenwart. Hauptfigur ist Bartholomeu „Fish“ Pescado, ein surfender Privatdetektiv oder ermittelnder Surfer, der an Don Winslows Boone Daniels erinnert – wenngleich er mit Anfang 20 wesentlich jünger erscheint. Fish lebt am Strand von Surfer’s Corner, genießt die Wellen am liebsten mit seinem Kumpel Daro und schlägt sich mit kleinen Aufträgen durchs Leben. Eigentlich mag er es ruhig, er warnt seine in England lebende Mutter sogar vor einer Investition, die sie mit gefährlichen Männern in Kontakt bringen könnte. (Ich vermute, sie wird in den folgenden Teilen noch eine größere Rolle spielen.) Als er dann jedoch einem ‚bookie‘ – einem Obdachlosen – zu helfen versucht und im Auftrag seiner Freundin, der Anwältin Vicki, einen Autounfall untersucht, gerät er selbst in den Dunstkreis des ehemaligen Polizeipräsidenten Jacob Mkezi – und damit in Gefahr.

(c) btb

(c) btb

Im Gegensatz zu den Protagonisten der „Rache“-Trilogie ist Fish Pescado nicht direkt in Südafrikas Vergangenheit verstrickt, dafür ist er zu jung. Er ist ein Nachfahre, der das Apartheid-Regime nicht bewusst mit erlebt hat, aber dessen Folgen spürt. Außerdem ist die Vergangenheit durch den Tod des Vaters in seinem Leben präsent, und er weiß um die Bündnisse, die neuen und alten Seilschaften, die über Macht und Einfluss in Südafrika bsestimmen. Oftmals erscheint er erstaunlich hellsichtig und erfahren für sein Alter und legt eine Abgebrühtheit an den Tag, die wenig später im Kontrast zu seinem leichtsinnigen, von Eifersucht getriebenen Verhalten gefährlichen Männern gegenüber steht. Der Grund dafür ist meist seine Freundin Vicki, die er sehr liebt. Sie ist clevere, spielsüchtige Anwältin, deren attraktives Äußeres und großen Brüste allzu oft betont werden. Es reicht anscheinend nicht, sie einmal zu erwähnen und diese Figur ansonsten durch ihre Handlungen oder Aussagen bestehen zu lassen. Weiterlesen