Schlagwort-Archiv: Interview

Gastspiel: Interview mit James Grady

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp


Für die BÜCHER-Ausgabe Juli/August habe ich einen größeren Beitrag über Politthriller geschrieben und dafür ein Interview mit James Grady über „Die letzten Tage des Condor“ geführt. Und wie es im Print nun einmal so ist, habe ich nur eine begrenzte Zeichenzahl zur Verfügung. Das Interview in voller Länger gibt es daher beim CrimeMag zu lesen.

Im Gespräch mit Wallace Stroby

STROBY1-Kopie

Eigentlich sollte das Geschlecht des Schreibenden keine große Rolle spielen. Aber einige Jahre der Leseerfahrung sorgen dafür, dass ich erst einmal skeptisch bin, wenn ein männlicher Autor eine „starke“ Frauenfigur schreibt. Oftmals tritt dann nämlich das „Lisbeth-Salander-Syndrom“ ein, bei dem eine möglich brutal misshandelte und vergewaltigte Frau zu einer Rächerin wird (Autorinnen sind dagegen natürlich auch nicht immun). Aber mit Crissa Stone hat mich Wallace Stroby durchaus positiv überrascht. Sie hätte nicht unbedingt eine Tochter haben müssen, insgesamt aber hat mir seine Hauptfigur insbesondere durch ihre selbstverständliche Weiblichkeit gefallen. Das Buch habe ich mein CrimeMag besprochen, außerdem habe ich Wallace Stroby für Polar Noir interviewt.

Im Gespräch mit Malla Nunn

MallaNunn

Im Südafrika der 1950er Jahre spielen die Kriminalromane von Malla Nunn, die mit „Tal des Schweigens“ ihre Hauptfigur Emmanuel Cooper zum dritten Mal ermitteln lässt. Nachdem er sich mit dem südafrikanischen Geheimdienst angelegt hat („Kein schöner Ort zu sterben“) und in weltweite Geheimdienstverwicklungen geraten ist („Lass die Toten ruhen“) bekommt er es nun mit dem Mord an der 17-jährigen Tochter eines Zulu-Chiefs zu tun. Und wie bei den vorhergehenden Büchern besticht weniger Fall als vielmehr die Beschreibung des Lebens in Südafrika als der Rassismus noch staatliches System war. Für die Polar Noir habe ich mich mit ihr unterhalten

Im Gespräch mit Jörg Juretzka

Anlässlich des Erscheinens seines neuen Kryszinski-Romans „Taxibar“ habe ich ein wenig mit Jörg Juretzka gemailt und konnte ihm einige Fragen stellen. Einiges habe ich davon in meinem Beitrag über die Reihe in dem Magazin BÜCHER verwendet, aber es gab viele Aspekte, die ich leider außen vor lassen musste. Daher folgt nun in meiner Juretzka-Reihe das ‚Interview‘ in voller Länge.

Warum haben Sie Mülheim als Handlungsort Ihrer Kryszinski-Reihe gewählt? Und für Folkmar Windell Köln?

Für den Ruhrpolen Kryszinski wollte ich ein Ruhrpott-Setting, also warum nicht Mülheim? Die Stadt stellt je eh nur so etwas wie einen Ankerplatz für den Herumtreiber Kryszinski dar. Und für Folkmar Windell brauchte ich eine reale deutsche Stadt, die bekannt genug ist, um in Windells fiktivem New York eine Kneipe nach ihr benennen zu können. Hört sich ein bisschen weit hergeholt an, war aber wirklich so.

Wie sind Sie auf die Figur Kryszinski gekommen – und was ermöglicht Ihnen Folkmar Windell, was Kryszinski nicht kann?

Zu Anfang hatte ich die klare Intention, den verlottertsten Privatdetektiv in der Geschichte der Kriminalliteratur zu erschaffen – keine Ahnung, obs mir geglückt ist, aber versucht habe ich es jedenfalls. Und Folkmar Windell erlaubt mir den gelegentlichen Ausbruch aus sowohl dem Krimigenre (schwer zu glauben, aber selbst das Verfassen von Spannungsliteratur kann irgendwann langweilig werden) wie der von mir manchmal als scheuklappenartig empfundenen Ich-Erzähler-Perspektive. Ich liebe nunmal auch das multiperspektivische Erzählen, wie man jetzt wieder beim gerade als e-book erschienenen ‚Los Bandidos‘ sehen kann.

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Der erste Kryszinski-Roman erschien 1998 – wie hat sich seither Ihr Verhältnis zu Kryszinski verändert? Und wie hat er sich Ihrer Meinung nach verändert?

Ich habe ihn ausgenüchtert – man kann nur so und so viele Alkohol- und Drogeneskapaden schildern, ohne das es irgendwann anfängt, im Getriebe zu knirschen. Und im Zuge dieser neuen Nüchternheit ist Kryszinski in mancher Hinsicht konsequenter geworden, fast schon radikal.

Haben die Entwicklungen im Bereich Kriminalroman (z.B. mehr Morde, mehr Serienkiller, mehr Regionalkrimis usw.) Ihr Schreiben bzw. die Entwicklung innerhalb der Kryszinski-Romane beeinflusst?

Da ich kaum Krimis lese (oder anschaue, doch das nur nebenbei), muss ich die Frage wohl mit ‚nein‘ beantworten. Die Kryszinski-Reihe entwickelt sich, weil mir mein Gefühl sagt, dass andernfalls das Interesse erlahmt – beim Autoren genauso wie beim Publikum.

In den Romanen steht am Anfang immer ein Dank an eine Band für ein bestimmtes Lied. Was hat es damit auf sich?

Da besteht kein Bezug zum Text, falls Sie das meinen. Es ist einfach nur eine Geste, eine kleine Verbeugung, ein Dankeschön für einen Song, der mich aus welchem Grund auch immer vom Hocker gehauen hat.

Wie finden Sie die Themen, die Sie in Ihren Kriminalromanen behandeln?

‚Alles total groovy hier‘ ist da vielleicht ein ganz gutes Beispiel. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die Sklaverei keinesfalls so ausgerottet ist, wie man annimmt, noch nichtmal in Europa. Damit hatte ich ein Verbrechen, mit dem ich mich und meinen Detektiv beschäftigen konnte, auch wenn er anfangs eigentlich nach etwas ganz anderem suchte. Neben dem vordergründigen gibt es aber meist noch ein übergeordnetes Thema, in diesem Fall ‚Ausgrenzung‘. Im Grossen (‚Festung Europa‘) wie im Kleinen (Hippiekommune gegen den aus dem Biker-Milieu stammenden Eindringling). Das Zusammenwirken dieser beiden Leitmotive hilft mir, eine gewisse erzählerische Stringenz beizubehalten.

In den Romanen gibt es neben regelmäßigen Nebenfiguren wie Scuzzi und Menden auch Charaktere, die wieder auftauchen – beispielsweise Alfred aus „Fallera“ in „Freakshow“ oder Roman aus „Alles total groovy hier“ nun in „Taxibar“. Warum kehren diese Figuren zurück? Und wie behalten Sie den Überblick über all die Charaktere?

Mein Überblick tendiert gegen null. Diese Figuren kommen einfach reingeschneit und verlangen lautstark einen Part. Ich bin da bloss ausführendes Organ.

Ein wichtiger Handlungsstrang in „Taxibar“ ist die Situation der Roma in Deutschland. Dieses Thema kenne ich – abgesehen von Merle Krögers „Grenzfall“ – bisher hauptsächlich aus britisch-irischer Kriminalliteratur (beispielsweise von Peace, Bruen und McKinty). Wieso haben Sie es aufgegriffen?

Der Kerngedanke von ‚TaxiBar‘ ist Selbstjustiz und ihre Entstehung. Die letzten Jahre haben uns Politik und Justiz immer wieder vorgebetet, gegen die herumreisenden Roma-Banden praktisch machtlos zu sein. Die Bürger sollten sich bitteschön selber schützen. Damit legt man eine Saat aus, ermutigt die Leute, das Recht selber in die Hand zu nehmen. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung. Es gibt mittlerweile die ersten Bürgerwehren, dazu mehren sich Übergriffe gegen Roma und in ganz Europa haben reaktionäre Parteien besorgniserregenden Zulauf. So etwas treibt mich selbstverständlich um. Ich wünschte, ich hätte eine Antwort auf das Problem einer zugereisten Minderheit, für die in weiten Teilen der Bevölkerung keinerlei Integrationsbereitschaft besteht, habe ich aber nicht. Nur: Totschweigen macht es nicht besser.

In „Taxibar“ muss Kryszinski noch mehr als üblich einstecken, ihm wird sogar eine Heroinspritze ins Bein gejagt, außerdem will er zum ersten Mal einen Menschen töten. Zusammen mit dem Ende muss ich daher die unvermeidliche Frage stellen: Wie wird es mit Kryszinski weitergehen?

Nach jeder Honorarabrechnung sage ich mir: Jetzt ist Schluss. Aber das sage ich nun schon seit sechzehn Jahren und mache dann doch weiter. Wie lange noch? Keine Ahnung. Solange es mich amüsiert, wahrscheinlich. Solange Leute meine Bücher kaufen, zu meinen Lesungen kommen. Wie es weitergeht? Sagen wir so: Ich habe da seit ein paar Tagen ein Thema, das mir ganz interessant erscheint …

Dann noch kurz zu den oft wiederholten biographischen Angaben: Ist es richtig, dass Sie weiterhin auf dem Bau arbeiten? Außerdem habe ich wiederholt gelesen, dass Sie niemals Bücher von Frauen lesen. Stimmt das? Und wenn ja: warum?

Ich hab mal – einmal – nach einem Interview auf die Frage ‚Du, wie findste denn die oder die Kollegin?‘ geantwortet: ‚Kann ich nix zu sagen. Ich lese kaum Bücher von Frauen.‘ Nächsten Tag stands in der Zeitung, dann im Netz und seither verfolgt mich das. Auch wenn etwas Wahres dran ist. Bei vielen Autorinnen merkt man deutlich, dass die in erster Linie für Leserinnen schreiben, die sie dann obendrein häufig wie Idiotinnen behandeln. Ich fühle mich da schlicht und einfach nicht angesprochen. Und ja, ich arbeite nach wie vor so rund die Hälfte des Jahres auf dem Bau. Ich mag den Ton, der da herrscht. Die Arbeit hält mich fit, die Kontakte halten mich auf dem Laufenden. All das erdet mich. Und es ermöglicht mir, zwei Leben zu leben. Wer kann das schon?

Vielen Dank für das Gespräch.

Eigenwerbung: Mein Interview mit James Ellroy

Normalerweise verweise ich im Blog nicht mit einem eigenen Beitrag auf die Dinge, die ich auf anderen Seiten schreibe. Aber James Ellroy ist einer meiner Fixpunkte in der Kriminalliteratur und ich habe gestern Interview mit ihm geführt, das in der aktuellen Ausgabe von Polar Noir unter diesem Link nachzulesen ist.

Finnland – Im Gespräch mit Seppo Jokinen

Sakari Koskinen ist die Hauptfigur in Seppo Jokinens Krimi-Reihe, die in Finnland sehr popular ist. Hierzulande ist mit „Gefallene Engel” der erste Band bei arsVivendi erschienen.

Seppo Jokinen (c) crimetime

Seppo Jokinen (c) crimetime

Welches sind die Eigenheiten von finnischer Kriminalliteratur?
Ein finnischer Kriminalroman ist oft sozialkritisch und aktuell, normalerweise wird er von einer starken psychologischen Spannung bestimmt. Die meisten Bücher sind Polizeiromane, die von gewöhnlichen Verbrechen und Verbrechern handeln. Die Erzählweise ist realistisch und die Polizisten sind keine Superhelden. Ihre eigenen Beziehungen mit Höhen und Tiefen sind üblicherweise Teil der Erzählung. Typische Whodunit-Geschichten werden hingegen weniger in Finnland publiziert.

Und was ist der Unterschied zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?
Die finnische Kriminalliteratur ist ‘weicher” als die anderer nordischer Länder, die Gewalt wird weniger brutal beschrieben. Die Kriminellen rutschen meist ins Verbrechen und sind oft selbst Opfer der Umstände. Auch organisiertes Verbrechen spielt in finnischer Kriminalliteratur eine geringere Rolle.

Warum ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht sind finnische Kriminalromane immer noch ein wenig „home-made”. Vielleicht ist das Milieu immer noch ein wenig zu exotisch für die Europäer.

„Gefallene Engel” ist Ihr sechster Roman über Sakari Koskinen, aber für deutschsprachige Leser ist es der erste. Können Sie mir etwas über seinen Hintergrund erzählen?
Sakari Koskinen ist geschieden und lebt alleine. Er hat einen erwachsenen Sohn und einen vierjährigen Enkel. Seine Hobbies sind Radfahren und Marathonläufe.
In den ersten beiden Büchern war er Sergeant. Er hat seine Arbeit so gut gemacht, dass ich entschieden habe, ihn zum Inspektor zu befördern. Aber dieser sture Mann hat Schwierigkeiten mit seiner neuen Position. Inspektoren sind übergeordnete Beamte, ihre Aufgaben sind administrativ, und normalerweise ermitteln sie nicht mehr vor Ort. Aber Sakari Koskinen ist hier eine Ausnahme: Er will die Verbrechen selbst lösen. Zwar vertraut er seinen Kollegen, aber er verabscheut Papierarbeit und Computer. Gelegentlich sagt er sich deshalb, dass ein Polizist nicht hinter einem Schreibtisch sitzen soll.

Warum lebt Sakari Koskinen in Tampere?
Tampere ist ein guter Ort für Kriminalromane: Tampere ist einerseits groß genug, um alle Elemente für eine realistische, alltägliche Storyline zu bieten, andererseits ist es nicht zu groß, um es beim Schreiben nicht unter Kontrolle halten zu können. Außerdem ist wichtig, ein Umfeld zu wählen, in dem sich der Autor auskennt. Ich bin in Tampere geboren und lebe fast mein ganzes Leben hier.

Ihre Reihe ist in Finnland sehr erfolgreich – was glauben Sie, welche Gründe hat es?
Vielleicht liegt es daran, dass meine Polizisten und Verbrecher so gewöhnliche Menschen mit Freuden und Sorgen sind, dass sich die Leser leicht mit ihnen identifizieren können. Außerdem spielt die Handlung auch in einer alltäglichen Umgebung, die leicht wiederzuerkennen ist.

In einigen finnischen Kriminalromanen geht eine Figur nicht zur Armee, sondern macht Zivildienst – und darüber machen sich immer alle lustig. Woher kommt das?
Viele Finnen sind argwöhnisch und haben Vorurteile gegen Zivildienstleistende. “Sind das überhaupt Männer? Sind sie nicht bereit, unser Land zu verteidigen?”. Das hängt vielleicht mit unserer Geschichte zusammen. Ich wollte mich über diese Vorurteile lustig machen.

Finnland – Im Gespräch mit Matti Rönkä

Mit seiner Hauptfigur Viktor Kärpää hat Matti Rönkä ein neues Themengebiet in die finnische Kriminalliteratur gebracht: Viktor stammt aus Karelien, einer Landschaft in Nordosteuropa, die mittlerweile zwischen Finnland und Russland geteilt ist. Anlässlich der Buchmesse ist bei Bastei Lübbe der Sammelband „Finnische Freunde“ mit drei Viktor-Kärpää-Krimis erschienen.

Matti Rönkä (c) Olivier Favre

Matti Rönkä (c) Olivier Favre

Welche Eigenheiten hat finnische Kriminalliteratur?
Ich schätze, einige skandinavische Merkmale: Die Personen haben meist einen sozialen Hintergrund, ihre Handlungen geschehen aufgrund oder basieren auf ihrer Familie, ihrer Arbeit, ihrem sozialen Status, ihrer Rolle in der Gesellschaft – sie sind keine Individuen, die alleine handeln.

Und was unterscheidet finnische von skandinavischer Kriminalliteratur?
Der Mangel an Humor erscheint mir bei den anderen Skandinaviern unrealistisch. Insbesondre die Schweden haben eine Tendenz zum Predigen, sie weisen auf Fehlfunktionen in der Gesellschaft hin und warten, dass etwas passiert – sofort. Zumindest ein Komitee sollte eingerichtet werden.
Die finnische Literatur ist nicht so politisch und wir nehmen uns selbst und das Leben nicht so ernst. Oder wir wissen, dass das Leben so oder so miserabel enden wird. Wir sind fatalistischer und verbundener mit der Natur, heidnischer Geschichte, dem Zweiten Weltkrieg usw. Die Schweden, Norwegen und Dänen haben eine zivilisierte Geschichte für Jahrhunderte – wir nicht.

Warum ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie bspw. die schwedische?
Die Schweden haben ihren Stil und Weg in den 1960er und 1970er Jahren gefunden. Wir hatten zu dieser Zeit noch keine ernstzunehmende Kriminalliteratur. Wir sind ihnen gefolgt, und mittlerweile wird Kriminalliteratur hier in Finnland geschätzt. Auch der europäische Markt hat erkannt, dass es in anderen nordischen Ländern interessante Bücher gibt. Aber wir sind später gestartet und hängen deshalb noch ein wenig hinterher.

Privatdetektive sind in finnischer Kriminalliteratur eher selten. Warum?
Privatdetektive sind in Finnland sehr ungewöhnlich und sie machen nichts raffiniertes – vielleicht arbeiten sie für eine Versicherungsgesellschaft oder einen eifersüchtigen Ehemann. Also ist es die Polizei – oder eine Gruppe von Polizisten- die die Verbrechen aufklärt.

Dennoch erinnert Ihre Hauptfigur Viktor Kärpää an einen Privatdetektiv.
Als Charakter verhält sich Viktor wie ein amerikanischer Detektiv: Er arbeitet alleine, außerhalb des offiziellen Systems und Gesetzes, er folgt seiner eigenen Moral, versucht am Leben zu bleiben und hilft den Menschen, denen er helfen muss – oder dessen Hilfe er nicht ablehnen kann. Viktor ist eine Art “Pastiche” eines Marlowe-Typs.

Für einige Zeit arbeitet Viktor als Bauunternehmer. Warum haben Sie sich für diesen Sektor entschieden?
Es ist eine Branche, in dem Fremde Arbeit bekommen, Männer, die aus anderen Ländern stammen. Außerdem ist die Baubranche der Bereich, in dem es die meiste Schwarzarbeit gibt, nicht immer Steuern gezahlt werden und auf allen Ebenen größere und kleinere illegale Dinge getan werden. Auf dieser Weise vermittelt die Branche ein Bild der Wirtschaftsverbrechen – und was Verbrechen in der Wirtschaft bedeuten kann.

Viktor kommt aus Karelien. Wie beeinflusst ihn das?
Vor allem ist es ein Paradigma, das ich beschreiben möchte: Viktor ist immer ein Außenseiter. In der Sowjetunion war er ein Finne – in Finnland wird er als Russe gesehen. Außerdem gibt mir sein ostfinnischer Hintergrund die romantische Möglichkeit, all die mythischen Dinge zu benutzen, die wir mit Karelien verbinden – die Natur, die Verbindung aus Melancholie und warmen Humor, aus Lachen und Tränen zur gleichen Zeit.

Ist das schwierige Thema Karelien, Russland und Finnland ein gängiger Topos in finnischer Literatur?
Wirklich nicht! Obwohl es jeder kennt. Aber ich denke, es ist ein gutes Beispiel für die Vergangenheit vieler Menschen und Familien. Kriege haben Grenzen verändert, man musste fliehen und ein neues Leben in einem anderen Land oder einer Gesellschaft finden, welche denkt, dass Du nicht einer von ihnen bist.

Viktor kämpft zudem mit den typischen Problemen eines Kleinkriminellen: Er will legal bleiben und ein guter Mensch sein, aber leider ist es nicht einfach, weil er von Verbrechen umgeben ist. Wird er einen Weg finden?
Er versucht es sehr, und sein Leben wird immer legaler. Aber man kann alles kaufen oder loswerden – außer seiner Vergangenheit. Und das ist etwas, womit Viktor leben muss.

Wie würden Sie Viktors’ Sidekick Korhonen beschreiben?
Korhonen ein wichtiger Charakter, er und Viktor sind wie Brüder – oder wie verschiedene Seiten, die zusammen einen Menschen ergeben.

In Deutschland wurde der fünfte Teil mit Viktor Kärppä veröffentlicht, also sind wir nicht auf dem Laufenden. Können Sie mir einen kleinen Ausblick auf Viktors Zukunft geben?
Ich habe die Reihe mit dem siebten Buch (im letzten Jahr veröffentlicht) beendet. Viktor bleibt am Leben und ich habe versucht, ihm eine Chance zu geben, dass er mit sich selbst gnädiger umgehen kann. Andersfalls hätte er einen Herzanfall bekommen!

Bei Nicole von My Crime Time finden derzeit ebenfalls finnische Krimiwochen statt – und zufälligerweise hat sie heute ihre lesenswerten Anmerkungen zu Rönkäs „Russische Freunde“ veröffentlicht.

Finnland – Im Gespräch mit Marko Leino

Mit „In der Falle“ hat Marko Leino einen der besten finnischen Kriminalromane der letzten Jahre geschrieben. In verschiedenen Perspektiven erzählt er von dem Polizisten Juha Viitasalo, der einst eine korrupte Tat begang, seiner depressiven Frau Sari und einem jungen Mann, der aufgrund der Entscheidung seines Vater in eine schwierige Situation gerät. Dabei setzt Leino auf psychologische Spannung und komplexe Figuren – außerdem wirft sein Roman auch interessante Fragen über Schuld auf. Und noch dazu ist Marko Leino ein äußerst angenehmer Gesprächspartner.

Marko Leino (c) Heini Lehväslaiho

Marko Leino (c) Heini Lehväslaiho

Was ist für finnische Kriminalliteratur charakteristisch?

Ich bin eigentlich kein Experte für die finnische oder überhaupt für die Kriminalliteratur irgendeines Landes, denn ich lese kaum Prosa, die eindeutig als Kriminalliteratur klassifiziert ist. Aber mit meinen beschränkten Kenntnisse würde ich sagen, dass die typische finnische Kriminalliteratur durch Alltäglichkeit, Schäbigkeit, Klüngelhaftigkeit und Ernst geprägt ist. Diese vier Merkmale gelten für die aufzuklärenden Verbrechen ebenso wie für die Protagonisten – ob Gauner oder Polizisten. Kurz und gut, der finnische Krimi ist eine Art Miniatur Finnlands und des finnischen Wesens.

Und wo liegen die Unterschiede zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?

Ich glaube, dass gerade die oben genannten Merkmale die finnische Kriminalliteratur vom Rest der skandinavischen Krimifamilie unterscheiden. Dazu kommt noch, dass man in finnischen Krimis häufig nach Osten blickt, d.h. vor allem nach Russland oder in die ehemaligen Sowjetstaaten, wenn man in einem Buch Verbrecher der sog. internationalen Ebene braucht. Dagegen holen z.B. die schwedischen Krimiautoren ihre schweren Jungs lieber aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien.
Zum Teil erklären sich die Schwerpunkte natürlich aus der speziellen Migrationspolitik Finnlands und aus der Einstellung zu Migranten. In Finnland steht man der Multikulturalität und den Migranten seit jeher abweisend gegenüber, man betrachtet sie nicht, wie in den anderen skandinavischen Ländern, als wirtschaftliche und kulturelle Bereicherung. Die unfreundliche, ablehnende Haltung Finnlands hat dazu geführt, dass man, überspitzt ausgedrückt, als Migrant nach Finnland gerät, während man nach Schweden gelangt.

Warum ist finnische Kriminalliteratur weniger erfolgreich als die schwedische?

Der geringe internationale Erfolg der finnischen Kriminalliteratur im Vergleich zum unleugbaren Siegeszug der schwedischen Krimiautoren erklärt sich zum Teil sicher aus den bereits erwähnten Besonderheiten des finnischen Wesens, aus der Einwanderungspolitik und daraus, dass die schwedischen Krimiautoren von vornherein gefälliger und mit Blick auf den internationalen Markt schreiben.
Auch sind die schwedischen Verlage unverkennbar bestrebt, neue schwedische Autoren zu finden, die im gleichen flüssigen Stil schreiben wie die bereits international erfolgreichen schwedischen Krimiautoren. Dass man in dieser Hinsicht auf Nummer sicher geht, hat bereits dazu geführt, dass in Schweden eigentlich seit langem kein neuer Name mehr aufgetaucht ist, der dem Erscheinungsbild des schwedischen Krimis wirklich etwas Neues hinzugefügt hätte.
Ich glaube, dass der internationale Markt allmählich von der vertrauten, sicheren und salonfähigen Kriminalliteratur unseres westlichen Nachbarlandes übersättigt ist. Vielleicht sind die knorrige Rauheit, das Alltagsgrau und die Wortkargheit der finnischen Kriminalliteratur der nächste heiße Trend weltweit, wer weiß. Hoffentlich.

Ich habe in einem Essay über finnische Kriminalliteratur gelesen, dass Ihr Buch „Epäilys“ eines der ehrgeizigsten Krimiprojekte der letzten Jahre war. Das hat mich natürlich sehr neugierig gemacht, aber leider wurde es weder ins Englische noch Deutsche übersetzt – und ich verstehe unglücklicherweise kein Finnisch. Können Sie mir etwas darüber erzählen? Hat es Ähnlichkeiten mit „In der Falle“?

Ja, mein Buch „Epäilys“ („Der Zweifel“) hat hervorragende Kritiken erhalten, aber es ist tatsächlich, zumindest bisher, in keine Sprache übersetzt worden. Es hat eigentlich keine Ähnlichkeit mit dem Roman „Ansa“ („In der Falle“). Ich finde es überhaupt nicht sinnvoll, „dasselbe” Buch mehrmals zu lesen, geschweige denn zu schreiben. „Epäilys“ ist der erste Teil meiner aus selbstständigen Bänden bestehenden Krimi-Trilogie; eine Trilogie bilden die Bände vor allem auf thematischer Ebene, nicht durch ihre Plots. Einige konkrete Einzelheiten habe ich zwar von einem Buch zum anderen mitgeführt, z.B. tritt eine der Hauptfiguren von „Epäilys“, der Kommissar Markus Falck von der Mordkommission, sowohl in „Ansa“ als auch in „Saasta“ („Dreck“), dem letzten Band der Trilogie, in einer Nebenrolle auf, aber ansonsten handelt es sich sozusagen um drei Tranchen derselben thematischen Welt.
Dieser Dreiteilung begegnet man auch in der Erzählweise der einzelnen Bücher der Trilogie. „Epäilys“ ist ein mehrschichtiger Kriminalroman, in dem die Ereignisse aus drei verschiedenen Perspektiven dargestellt werden, aus der Sicht von drei sehr unterschiedlichen Menschen. Aber vor allem erzählt „Epäilys“ die Geschichte einer Frau, die als Kind in einer religiösen Sekte namens „Kreuz von Golgatha” missbraucht wurde. Diese Frau hat die Missbrauchssituationen damals durchgestanden, indem sie sich zwang, sich auf die Lampe zu konzentrieren, die im Zimmer brannte. Allmählich hat sie aus dem Licht ihren eigenen Gott erschaffen, Haalo (vgl. Halo), der ihr Leben zunehmend beherrscht. Diese Frau ist also ein von der Sekte verstoßenes Opfer der Religion und wird in ihrer eigenen, von Sinnestäuschungen erfüllten Wirklichkeit zur Mörderin. Der Titel des Romans bezieht sich also speziell auf religiösen Zweifel, aber auch auf den Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Vorstellungen und Erinnerungen. Das Hauptthema des Buches ist die Frage, in welchem Maß vergangene Ereignisse, nicht verarbeitete Traumata, uns formen, in Fesseln legen und daran hindern, zu sehen, was wir in Wirklichkeit sind.
In allen meinen Werken gibt es einen starken Subtext, einen ungeschriebenen Teil, dessen Existenz eine andersartige Lektüre ermöglicht: Wer will, kann die Romane so lesen, wie sie geschrieben sind, aber für manche Leser ist die Ebene zwischen den Zeilen, unter der Oberfläche vielleicht ein größerer Genuss.

Wie sieht Ihre Arbeitsweise aus?
Das Buch „In der Falle“ habe ich nicht eigentlich geplant, so wenig wie meine anderen Werke. Ich bin als Autor der Typ, der zuerst ein Thema sucht oder eher zufällig findet, das ihn interessiert, und sich die für die Behandlung dieses Themas passenden zentralen Figuren, ihre Welt und die Anfangsszene ausdenkt. Dann lasse ich die Protagonisten einfach die Geschichte vorantragen. Bei dieser Krimi-Trilogie z.B. habe ich insgesamt 12 Jahre gebraucht, um die Ideen reifen zu lassen, zu recherchieren und zu schreiben. Diese Arbeitsweise ist natürlich unvernünftig, vor allem in finanzieller Hinsicht, aber mir ist es wichtiger, das zu genießen, was ich tue, und mich gründlich mit dem Thema vertraut zu machen, als um jeden Preis jährlich ein Buch auf den Markt zu werfen. Das würde anspruchsvolles Schreiben verhindern und wäre für mich wie ein Gefängnis.

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Wie würden Sie „In der Falle“ charakterisieren?
„In der Falle“ beschreibt die kriminelle Unterwelt als gesellschaftliches Phänomen und untersucht zugleich die perspektivischen Unterschiede der Begriffe Richtig und Falsch, Gut und Böse auf der Ebene des Individuums. Der Ausgangspunkt dieses Buches war mein Wunsch, eine Reihe von Menschen zu schildern, die sich aus dem einen oder anderen Grund mit dem Rücken an die Wand, in die Falle, manövriert haben, aber weiterhin glauben, dass ihr Leben sich noch zum Besseren wendet.

Wird der dritte Teil auch in deutscher Übersetzung erscheinen?
Hoffentlich werden nach „In der Falle“ auch der Abschluss der Trilogie und der erste Band , auf Deutsch erscheinen. Warten wir es ab.

Ich habe in letzter Zeit viele finnische Kriminalromane gelesen und dabei haben einige illegale Beschäftigung insbesondere in der Baubranche thematisiert. Woher kommt das Interesse für dieses Thema?
Ich wusste gar nicht, dass dieses Thema in ist. Vielleicht gab es in den Medien im Zusammenhang mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit Berichte darüber, und es wurde deshalb als interessant und aktuell empfunden. Zumal eine Ministerin zurücktreten musste, als sie dabei ertappt wurde, dass sie eine illegale ausländische Putzkraft und einen ebensolchen Handwerker beschäftigte. In dem Buch „In der Falle“ wird das Thema vor allem deshalb gestreift, weil ich durch die Situation der illegalen ausländischen Arbeiter die gesellschaftliche Kasteneinteilung in ihrer elendsten Form zeigen konnte.

Eine zweite Konstante ist – natürlich – die russische Mafia. Wie würden Sie diesen Einfluss beschreiben?
In Finnland ist es fast unmöglich, die russische Mafia zu vermeiden, wenn man über Drogen, Schmuggel, Menschenhandel schreibt. Der Größenunterschied zwischen Russland und Finnland als Staaten wie auch hinsichtlich der organisierten Kriminalität wird zwangsläufig sichtbar. In gewisser Weise gelten hier dieselben Bedingungen wie in der finnischen Außenpolitik: Bei der Beschlussfassung kann man Russland nie vergessen oder außer Acht lassen.

Sie sind auch ein Drehbuchautor, deshalb muss ich diese Frage stellen: Gibt es Pläne, ihre Kriminalromane zu verfilmen?
Für das Buch „Epäilys“ gab es bereits einen Filmvertrag, aber es ist leider nie in Produktion gegangen. Bisher jedenfalls nicht. Die Geschichte von „In der Falle“ war mit etwas anderen Akzentuierungen und mit leicht abgewandeltem Plot unter dem Titel „Vanki“ („Der Gefangene“) Teil der Fernsehserie „Unterwelt-Trilogie“.
Die Romane „Joulutarina“ („Wunder einer Winternacht“) und „Kotirauha“ („Life for sale“) wurden ja verfilmt. Ich wäre unbedingt daran interessiert, vor allem zu dem Roman „Saasta“, der die Trilogie abschließt, selbst eine Film-Adaptation zu erarbeiten, aber nicht sofort. Auf meinem Schreibtisch warten zwei andere Filmdrehbücher und ein ungeschriebener Roman.

Finnland – Im Gespräch mit Pekka Hiltunen

Nachdem ich am Freitag bereits über das Debüt von Pekka Hiltunen geschrieben habe, folgt hier nun das Interview mit ihm. Pekka Hiltunen, Jahrgang 1966, ist Autor und Journalist. Er schreibt für das Mondo Magazin. „Die Frau ohne Gesicht“ ist der Auftakt der Thriller-Reihe um das Studio, einer Gruppe von engagierten Leuten verschiedener Nationalitäten, die die Welt zu einem besseren Ort machen will.

Pekka Hiltunen (c) Pertti Nisonen

Pekka Hiltunen (c) Pertti Nisonen

Was ist typisch für finnische Kriminalliteratur?
Es geschehen interessante Dinge: wir bekommen historische Kriminalromane, Finanz-Thriller, ‘cozy crimes’ und Kriminalroman-Parodien. Das ganze Genre wird nun abwechslungsreicher. Üblicherweise waren es geradlinige Geschichten, die durch unsere dunklen Winter, Kleinstadtkriminelle und Opfer sowie Stereotypen wie depressive Alkoholiker und russische Mafia-Rüpel beherrscht waren. Heute können Kriminalromane nahezu alles sein.

Und wo liegen die spezifischen Unterschiede zwischen finnischer und sonstiger skandinavischer Kriminalliteratur?
Die Kriminalliteratur in anderen skandinavischen Ländern geht bewusster auf soziale und politische Themen ein. Dort wird oft recht starke Kritik an der Gesellschaft geübt, während sich Geschichten in Finnland eher auf Individuen konzentrieren. Zum Beispiel war der populärste Autor des Genres, Stieg Larsson, als Journalist politisch und auch in gewissem Ausmaß auch in seinen Thrillern; in Finnland ist das recht selten.

Weshalb ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Das ist durch die Geschichte geprägt. Schweden ist ein größeres Land mit einem größeren Literaturheimatmarkt und einer langen Tradition beim Schaffen internationaler Erfolgsgeschichten in vielen Beziehungen: Musik, Mode, Sport, Filme und so weiter. Sie sind es gewohnt, größer zu denken und an höheres Ziel anzustreben.
Seit Jahrzehnten haben sie mehr Krimiautoren als Finnland, und deren Bestseller-Autoren können ihre Zeit voll dem Schreiben widmen, denn sie verkaufen sich schon in Schweden gut. In Finnland können nur wenige Autoren von ihren Büchern leben. Vielleicht nur fünf bis zehn Krimiautoren genießen diesen Luxus, andere müssen sich mit einem Alltagsjob über Wasser halten.

(c) Berlinverlag

(c) Berlinverlag

Weshalb haben Sie zwei Protagonistinnen in Ihren Thrillern? (Was mir sehr gefällt)
Weil ich die Stärke finnischer Frauen liebe. Für mich war von Anfang an klar, dass es in dieser Serie besonders um die Freundschaft zwischen diesen beiden Frau geht, und die Verbrechen, in die sie verwickelt werden.

Warum haben Sie sich für London als Ort der Handlung entschieden?
Das ware eine andere instinktive Entscheidung: Es musste London sein, meine Lieblingsstadt außerhalb Finnlands. London ist groß genug, dass dort ernsthafte Verbrechen und geheime Operationen stattfinden können, über die ich schreibe. Und ich wollte über Leute schreiben, die ihre Wurzeln in einer anderen originalen Kultur wie Finnland haben, aber ein globales Leben führen. So ist mein Leben. Ich denke, viele von uns fühlen genau so: Wir sind zwar Bürger eines bestimmten Landes, aber doch Geschöpfe mit globalem Lebensstil.

Im ersten Teil unterhalten sich Lia und Mari über finnische Frauen. Was ist an ihnen so besonders?
Finnische Frauen sind sehr unabhängig, aber nicht in einer lauten oder oberflächlich-glamourösen Weise. Sie sind tüchtig. Sie sind klug und gebildet, und sie mögen es, mit ihren Fähigkeiten anderen zu helfen und nicht nur an ihre eigene Karriere zu denken. Und sie verstehen es, zu trinken und Spaß zu haben. Kein Wunder, dass Finnland, eigentlich ein sehr männerorientiertes Land, zunehmend von Frauen geführt wird.

Ich habe jüngst eine Menge finnischer Kriminalliteratur gelesen, und eine Sache, die mir auffiel, ist, dass die Figuren in vielen Romanen großes Vertrauen in die Polizei haben. Aber in ihren Büchern sorgt ein “privates Unternehmen” für Gerechtigkeit. Gibt es einen generellen Meinungsumschwung bei dem Vertrauen in Polizeibehörden?
Nein, das denke ich nicht. Der Polizei wird in Finnland immer noch sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Was sich aber definitiv wandelt sind die Erwartungen an den Wohlfahrtsstaat und die Regierung im Allgemeinen. Den Menschen wird mehr und mehr klar, dass die globale Wirtschaft sie verändert. Viele wollen dabei nicht tatenlos zu sehen, sondern etwas Gutes tun, anderen Empathie entgegenbringen, zuweilen auch grenzüberschreitend. Wir leben in einer Zeit, in der hedonistische und eigensinnige Trends gedeihen, und gleichzeitig viele Menschen nach Wegen suchen, bessere Menschen zu werden und sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Dies kann in sozialen Netzwerken oder alltäglichen Aktivitäten geschehen, und meine Studio-Reihe greift dieses moderne, grundlegende Streben, Gutes zu tun, auf.

(c) Berlinverlag

(c) Berlinverlag

Woher stammt die Idee für das “Studio”?
Ich wollte über kluge Leute mit Herz, humanistischen Werten und kreativen Fähigkeiten schreiben und diese zu Helden und Heldinnen für eine Wandel machen, und nicht die Typen mit den dicksten Muskeln und Knarren. Ich mag wirklich die Vorstellung, mit dem Kopf kleine Veränderungen anzustoßen. Und offensichtlich ist das “Studio” ziemlich cool; würden Sie nicht wollen, dass diese Leute im Herzen von London mit all ihren Fähigkeiten auf Ihrer Seite stehen, oder sogar Teil von ihnen sein?

Sie behandeln in ihren Thrillern aktuelle soziale Themen wie Menschenhandel. Warum?
Ich bin ein Softie! Ich glaube daran, dass über die Probleme der Welt zu sprechen und davon zu wissen gut für einen ist. Und ich hasse Action-Thriller, bei denen man den Kopf abschalten kann. Schwierige Fragen und politische Themen, diese machen Thriller interessanter und vielschichtig.

Ihre Bücher wurden dafür gerühmt, eine neue Phase finnischer Kriminalliteratur eingeläutet zu haben. Wie sehen Sie dies?
Viele Leute sagen das, und ich denke das ist so, weil ich Teile der finnischen Mentalität mit einem globalen Handlungsrahmen und urbanem Lifestyle verbunden habe. Meine “Studio”-Thriller sind manchmal näher an internationalen Dramen- und Thriller-Fernsehserien als andere finnische Thriller. Darauf habe ich es gar nicht planvoll angelegt, es ist einfach das, was mich interessiert, und ich fühlte mich in der richtigen Stimmung für diese Art Bücher.

Wissen Sie schon, wie viele Teile die “Studio”-Reihe haben wird?
Ich habe immer gedacht, es braucht mindestens vier bis fünf Bücher, um die Geschichten mit Lia und Mari und dem “Studio” zu erzählen. Nun, da ich das dritte Buch schreibe, wird mir klar, dass ich mich nicht auf eine Anzahl festlegen kann. Die Handlung entwickelt sich weiter und wächst, während ich sie schreibe, und so sollte es auch sein. Also, ich versuche, jedenfalls vier bis fünf Bücher über das “Studio” zu schreiben, aber: Dinge geschehen! Abwarten, was passiert.

Haben Sie irgendwelche Vorbilder in der Kriminalliteratur?
Nein, nicht wirklich. Ich versuche bewusst zu vermeiden, anderen Stilen zu folgen. Ich habe überwiegend gute fiktive und nicht-fiktive Bücher gelesen, Krimis eher nicht.
Aber natürlich mag ich verschiedene Krimis. Mein Lieblings-Thriller aller Zeiten ist “Frau Smillas Gespür für Schnee” von Peter Hoeg. Es ist ein ziemlich einzigartiges Buch, und ich mag auch seine andere Bücher sehr. Die französische Autorin Fred Vargas ist auch eine meiner Favouriten in diesem Genre. Und verschiedene andere.
Der Großteil der Kriminalliteratur ist Mist, und ich habe an diesen Büchern kein Vergnügen. Ich bin mit all den großen Hit-Thriller-Büchern, -Filmen und –Fernsehserien aufgewachsen, habe gesehen, wie sie eine bestimmende Form der Unterhaltung wurden, und einige haben mich beeinflusst wie viele andere Autoren. Ich sehe mich aber nicht als einen Krimi-Autoren: Ich bin ein Autor, der unter anderem Kriminalliteratur schreibt. Ich habe auch andere Erzählungen recht erfolgreich veröffentlicht.

Zum DVD-Start von „Mandela“ – Fünf Blogs, ein Interview

(c) Senator Home Entertainment

(c) Senator Home Entertainment

Seit „The Wire” schätze ich Idris Elba sehr. Als ich jedoch das erste Mal hörte, dass er Nelson Mandela spielen sollte, war ich skeptisch – er erschien mir schlichtweg zu groß und zu muskulös. Aber diese Skepsis war unbegründet, er spielt diese Rolle mit Bravour, auch der Film hat mir – trotz einiger Kritikpunkte – gut gefallen.

Anlässlich des DVD-Starts von „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ bekamen BloggerInnen die Möglichkeit, Regisseur Justin Chadwick eine Frage zu stellen, so dass im Ergebnis ein kurzes Interview entstehen sollte. Die Idee fand ich interessant, außerdem war ich sehr gespannt, welche Fragen letztlich zustande kommen. Hier ist nun das Ergebnis:

Die Antworten auf die ersten beiden Fragen findet ihr bei leselink.de und kino.tv, und hier ist meine Frage:

Ein Porträt von Nelson Mandela muss sehr viele Aspekte berücksichtigen – es gibt die Person Mandela, sein Leben als Politiker und den Mythos, der er geworden ist. Wie hast Du Dich dem überlebensgroßen Nelson Mandela genähert?

Justin Chadwick: Drehbuchautor William Nicholson und ich haben uns sorgsam einem ganzheitlichen Porträt genähert. Ich habe ein Storyboard von dem Film entwickelt, und wir haben sehr sorgfältig ausgewählt, was in den Film kommt und gedreht wird. Dabei haben wir versucht, so ökonomisch wie möglich vorzugehen und Entscheidungen vorab zu treffen.
Jeder weiß, dass Mandelas Leben sehr schnell war und eine Dynamik hatte, die ich in dem Film haben wollte. Aber letztendlich sollte es eine Verfilmung von seiner Autobiographie “A long walk the freedom” werden, die sich mit seinem privaten und politischen Leben von der Zeit seiner Präsidentschaft ist.

Weiter geht es mit Teil 4 bei Filmfutter und Teil 5 bei Die Nacht der lebenden Texte.