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Krimi-Kritik: „Dope“ von Sara Gran

Vor drei Jahren hat mich „Die Stadt der Toten“ von Sara Gran sehr begeistert, die Fortsetzung dann etwas weniger. Damals äußerte ich die Vermutung, dass dieser Band einfach noch nicht fertig war, er hätte mehr Zeit und Überarbeitung bedurft. Deshalb war ich nun sehr froh, dass mit „Dope“ kein weiterer Teil mit Claire DeWitt erschienen ist. Nach den ersten zwei Seiten des Buchs blätterte ich jedoch zum Anfang zurück – ich konnte nicht glauben, dass Sara Gran dieses Buch nach den DeWitt-Büchern geschrieben hat. Tatsächlich ist „Dope“ fünf Jahre vor „Stadt der Toten“ erschienen und man merkt es diesem Buch an. Es liest sich über weite Strecken wie die Stilübung einer Autorin, die ihren eigenen Ton noch festigen muss.

(c) Droemer

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Erzählt wird die Geschichte von dem Ex-Junkie Josephine, die die süchtige Tochter eines vornehmen Ehepaars suchen soll. Joe kann das Geld gut gebrauchen, außerdem möchte sie sich gerne nützlich fühlen und so taucht sie in die Tiefen des New Yorks der 1950er Jahre ein. Die Handlung folgt dabei einer klaren Struktur: Joe klappert Menschen vornehmlich aus ihrer Vergangenheit ab, die ihr helfen sollen, das Mädchen zu finden. Nach ungefähr der Hälfte des Romans erfolgt eine erste große Wendung, der weitere folgen und die nicht alle überraschend sind. Die Fiebrigkeit und Dringlichkeit von „Stadt der Toten“ lässt sich in den besten Passagen erahnen, jedoch überwiegen nostalgische Momente, in denen Sara Gran das New York der 1950er Jahre heraufbeschwört. So isst Joe ein Pastrami-Sandwich, das noch vom alten Abe bei Katz’s zubereitet wurde und in der von ihr aufgesuchten Tanzbar kommen die Hoffnungen all der Figuren Cornell Woolrichs wieder hoch. Jedoch sind diese Passagen bisweilen zu ausführlich, es gibt viele Beschreibungen und Begegnungen, die hätten verdichtet und verkürzt werden müssen, zumal sich vieles an bekannte Noir-Elemente anlehnt. Außerdem liegt Sara Grans Stärke eindeutig in dem Unausgesprochenen, Angedeuteten, bei dem man selbst die Schlüsse ziehen muss.

Wäre dieses Buch zuerst erschienen, wäre ich wohl zu dem Schluss gekommen, dass ich auf weitere Bücher von Sara Gran gespannt bin. Denn bereits bei „Dope“ sind die Frauen entscheidende Charaktere, dürfen sie stark und manipulativ sein, ohne deshalb ihr Herz zu verlieren. Das ist für einen Roman, der sich deutlich an die noir- und hardboiled-Tradition anlehnt, durchaus bemerkenswert. Ohnehin kann Sara Gran Charaktere zeichnen, ihre Nebenfiguren erhalten mit wenigen Wesenszügen Lebendigkeit und werden dadurch haarscharf vom Klischee ferngehalten. Auch Joe ist eine gute Hauptfigur, sie ist widersprüchlich, mutig und zerrissen. Mit ihrer Schlaflosigkeit und ihrem Kampf gegen ihre Dämonen weist sie bereits auf Claire DeWitt hin, die in allem konsequenter sein wird. Das alles sind gute Ansätze. Jedoch hat Sara Gran ihr Meisterstück bereits vorgelegt.

Sara Gran: Dope. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer 2015.

Amerika und Afrika – Über „Americanah“ und „Nairobi Heat“

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Was bedeutet es, schwarz zu sein? In dem großartigen Roman „Americanah“ erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von der Nigerianerin Ifemelu, die in die USA geht und dort zum ersten Mal erfährt, was es bedeutet, schwarz zu sein, in einer Welt, in der weiße Haut das Ideal und erstrebenswerte Ziel ist. In dem Moment, in dem sie in den USA ankommt, spürt sie, dass fortan nicht mehr wie in Nigeria die Klasse über ihr Fortkommen entscheidet, sondern die Rasse. Ifemelu – und mit ihr der Leser – erlebt die Allgegenwärtigkeit einer Hautfarbe, die jede Fremd- und bald auch schon Selbstwahrnehmung bestimmt – abhängig von dem Land und der Gesellschaft, in der man sich befindet. In „Nairobi Heat“ geht Mukoma wa Ngugis Protagonist Ishmael gewissermaßen den umgekehrten Weg: Er ist ein afroamerikanischer Cop, der das erste Mal nach Afrika reist und dort in einem Fall ermitteln will. Im Gegensatz zu Ifemelu kennt er die Diskriminierungen in den USA, er kennt die sprachlichen und gesellschaftlichen Codes, denen man sich unterwirft oder gegen die man sich auflehnt. In Kenia erlebt er nun andere Reaktionen auf seine Erscheinung: „Die Leute hier waren klein und schlank, und ich fühlte mich maßlos schwer, als hätte ich einige Körperteile zuviel.“ Die Afrikaner rufen ihn, den „afrikanische(n) Amerikaner, (…) schwarze(n) Amerikaner“ „Weißer Mann“. Anfangs macht es ihm nichts aus, je länger er jedoch in Kenia bleibt, desto mehr empfindet er die Geringschätzung, die damit verbunden ist. Während nun Ifemelu in Adiches Roman mit sich selbst hadert und sich selbst (er-)finden muss, scheint sich bei Ishmael eine Sehnsucht zu erfüllen, die er zuvor nicht gekannt hat. Er wollte nie einer der Schwarzen sein, die sich wie Weiße verhalten, zugleich hat er aber kein Problem damit, dass Schwarze ihn für einen Verräter halten, weil er als Polizist andere Schwarze verhaftet. In Afrika findet er daher auch nicht zu selbst, sondern verbringt Tage voller Leidenschaft, Hass, Liebe und Gewalt. Es ist ein „anderes Leben, ein Leben am Limit, wo es immer um alles oder nichts ging, und in dem man vielleicht nebenbei auch noch was Gutes tun konnte“. Auch Ifemelu geht schließlich nach Nigeria zurück, getrieben von großem Heimweh und der Sehnsucht nach ihrer großen Liebe Obinze, „der einzige Mensch, bei dem sie nie das Bedürfnis verspürt hatte, sich zu erklären“.

(c) Transit Verlag

(c) Transit Verlag

„Americanah“ ist ein globaler Gesellschaftsroman, in dem Chimamanda Ngozi Adichie ihre scharfsinnigen Analysen und Überlegungen in eine Liebesgeschichte einbettet und zugleich von dem Leben der Nigerianer in ihrer Heimat, in England (dorthin geht Obinze) und den USA erzählt. Sehr unterhaltsam und gut zu lesen, hat dieser Roman meinen Blick auf die Welt verändert und zählt für mich zu den besten Büchern des Jahres. Die thematischen Parallelen zu „Nairobi Heat“ sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich stilistisch um zwei grundverschiedene Bücher handelt. „Nairobi Heat“ ist ein hardboiled-Roman, in dem Ishmael den Mord an einer hübschen jungen weißen Frau aufgeklärt, die eines Nachts vor dem Haus eines schwarzen Professors gefunden wird. Der Verdächtige ist Joshua Hakizimana, der 1994 beim Massaker in Ruanda tausende Flüchtlinge gerettet hat und als „der schwarze Schindler“ gilt. Er beteuert seine Unschuld, dennoch hat der Fall allein schon aufgrund der Hautfarbe des Opfers sowie des Verdächtigen politische und gesellschaftliche Brisanz. Ein anonymer Tipp führt Ishmael schließlich nach Nairobi und dort beginnt er, mehr über Joshua herauszufinden. Dadurch verbindet Mukoma wa Ngugi die Detektivgeschichte mit Überlegungen zum Leben in den USA und in Kenia, zu den Folgen des Völkermordes in Ruanda und den Umgang mit Schuld. Daneben geht es in diesem rund 180 Seiten langen Roman um die komplexen Beziehungen zwischen Afrika und den USA, um Verrat und Korruption – und inmitten der Kneipenschlägereien und Toten immer auch um Hoffnung. Deshalb ist „Nairobi Heat“ ein sagenhaftes Debüt – und ebenso wie „Americanah“ sehr gute Literatur.

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat. Übersetzt von Rainer Nitsche. Transit Verlag 2014.
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Übersetzt von Anette Grube. S. Fischer 2014.

Über die Autoren

Foto: Africanwriter.com

Foto: Africanwriter.com

„Nairobi Heat“ ist der Debütroman von Mukoma wa Ngugi, der 1971 als Sohn von Ngugi wa Thiong’o in Evanston, Illionis/USA geboren wurde, in Kenia aufgewachsen ist und zum Studium zurück in die USA ging. Er arbeitet als Literaturprofessor an der Cornell University und schreibt als Journalist und Kolumnist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Sein zweiter Roman „Black Star Nairobi“ ist gerade in den USA erschienen.

(c) Beowulf Sheehan/PEN American Center

(c) Beowulf Sheehan/PEN American Center

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren und ging im Alter von 19 Jahren in die USA. „Americanah“ ist ihr dritter Roman, zuvor erschienen „Blauer Hibiskus“ und „Die Hälfte der Sonne“ (beide im Luchterland Literaturverlag), außerdem ist ihre Kurzgeschichtensammlung „Heimsuchungen“ beim S. Fischer Verlag erhältlich. Für „Americanah“ wurde sie mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet. Sie lebt in Lagos und in den USA.

Chimamanda Ngozi Adichie wird im Mai auf Lesereise in Deutschland und in die Schweiz gehen.

12. Mai 2014
Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, 60311 Frankfurt. Beginn 19:30 Uhr
13. Mai 2014
Rautenstrauch-Joest-Museum f.Völkerkunde, Bibliothek 2. OG, Cäcilienstraße 29-33, 50678 Köln
14. Mai 2014
Kaufleuten Restaurants AG, Pelikanplatz, 8001 Zürich
15. Mai 2014
Literaturhaus Basel, Theaterstr. 22, 4001 Basel
16. Mai 2014
Kulturbrauerei Palais, Knaackstr. 97, 10435 Berlin
17. Mai 2014
Universität Hannover, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover

Krimi-Tipp: „Der katholische Bulle“ von Adrian McKinty

(c) Suhrkamp

Als ich vor zwei Jahren „Der sichere Tod“ von Adrian McKinty las, hat mich das Buch nicht überwältigt. Es hat mir gefallen, vor allem aber wurde ich das Gefühl nicht los, dass das ein Autor ist, den ich im Auge behalten muss. Nun ist im Juni bei Suhrkamp mit „Der katholische Bulle“ der Auftakt zu McKintys Sean-Duffy-Trilogie erschienen – und dieses Buch ist der bisher beste Polizeiroman, den ich in diesem Jahr gelesen habe.
Eine Besprechung des Romans ist in der August-Ausgabe des Magazins BÜCHER erschienen, aber auch hier möchte ich dieses Buch allen Lesern von hardboiled-Kriminalliteratur und Polizeiromanen sehr ans Herz lesen. Es toller Protagonist, eine spannende Geschichte und mit Belfast im Jahr 1981 ein unwiderstehliches, melancholisches Setting. Nach der letzten Seite wollte ich vor allem eines: Sofort den zweiten Teil lesen.

Adrian McKinty betreibt regelmäßig einen Blog, in dem er nicht nur Besprechungen seiner Bücher sammelt, sondern auch Beiträge über Kriminalliteratur im Allgemeinen und über sein Leben schreibt. Ich lese ihn jedenfalls gerne.