Schlagwort-Archiv: Film

Über „Innen Leben“

Dass der Mensch fähig ist, sich an die ungeheuerlichsten Umstände so weit anzupassen, dass er überlebt, ist zwar eine Binse, aber sie zeigt sich immer wieder. In jedem Krieg. In jedem Verbrechen. In jeder Ausnahmesituation. Nach Unfällen und Unglücken. Es ist der Überlebensinstinkt, der dafür sorgt, dass man durchhält, sich durchkämpft. Dieser Willen zum Überleben zeichnet alle Figuren in „Innen Leben“ (Originaltitel: Insyriated) aus: Nur eine Wohnung in dem Wohnblock in Syrien steht noch und dort versammelt sich Oum Yazan (Hiam Abbas) mit ihrem Schwiegervater, ihren drei Kindern, einem Freund der Tochter, dem jungen Nachbarspaar mit seinem Baby und der Hausangestellten. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft, die der Krieg zusammengeführt hat. 24 Stunden verweilt der Film in dieser Wohnung. 24 Stunden, in denen Menschen sterben und gequält werden. 24 Stunden, in denen die Bomben explodieren und die Scharfschützen allgegenwärtig sind.

(c) Weltkino

Es gibt das berühmt-umstrittene Beispiel von Kevin Carters Fotos zu der Hungersnot im Sudan. Es zeigt ein Kind und einen Geier. Die Umstände dieses Fotos sind widersprüchlich und zwei Monate nach der Pulitzerpreisauszeichnung beging Kevin Carter Selbstmord. Aber dieses sorgte auch dafür, dass die Situation im Sudan ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit rückte und die Hilfsbereitschaft stieg. Im Krieg in Syrien war es wieder ein Foto eines Kindes. Es zeigte einen kleinen Jungen in Aleppo, der mit Staub bedecktem Gesicht im Krankenwagen sitzt und apathisch in die Leere starrt. Wieder sorgte das Foto eines Kindes dafür, dass der Krieg ins Bewusstsein gerückt wurde. Denn ebenso wie der Mensch fähig ist, sich an die ungeheuerlichsten Umstände anzupassen, ist er fähig, manche Wahrheiten nicht an sich heranzulassen. Und eine diese Wahrheit ist, dass seit sechs Jahren in Syrien Krieg herrscht. Dass auf den einen Tag, der in „Innen Leben“ zu sehen ist, ein weiterer folgt, der neue Gräuel und Angst mit sich bringt, dass auf diesen Tag wieder einer folgt und so weiter und so weiter. Bis dieser Krieg irgendwann vorbei ist. Man vielleicht doch noch eine Fluchtmöglichkeit findet. Oder man stirbt. Weiterlesen

Ausgerechnet „The D-Train“

Beim Filmfest München 2015 habe ich zufällig kurz hintereinander drei amerikanische Komödien gesehen: „The Overnight“, „Dope“ und „The D-Train“ und schließlich mit Erstaunen festgestellt, dass weder die wunderbare Paar-Beziehungs-Sex-Komödie „The Overnight“ noch der wirklich gelungene Coming-of-Age-Ghettokid-Streifen „Dope“ einen Starttermin in Deutschland hat, sondern die unsympathische, menschenverachtende Looser-Komödie „The D-Train“. Vermutlich hängt damit zusammen, dass Jack Black die Hauptrolle spielt, eine andere Erklärung habe ich dafür jedenfalls nicht.

(c) Sony Pictures

(c) Sony Pictures

Jack Black spielt Dan Landsman, einen Typen, der schon in der High School ignoriert wurde, obwohl er sich stets um Aufmerksamkeit bemühte und zu den coolen Leuten gehören wollte. Mittlerweile ist er erwachsen, hat eine tolle Frau und einen fantastischen Sohn, aber das bedeutet ihm nichts. Er will immer noch beliebt und beneidet werden – insbesondere von den Leuten, mit denen er zur Schule gegangen ist. Also trumpft er bei der Organisation der 20-jährigen Highschool Reunion richtig auf und behauptet, er sei mit Oliver Lawless (James Marsden) befreundet und könne ihn zum Klassentreffen mitbringen. Lawless war nämlich der coole Außenseiter, in den alle irgendwie verliebt waren, der die Highschool abbrach und nach Los Angeles ging, um Schauspieler zu werden. Nun hat Oliver ihn in einer landesweiten Werbung gesehen und glaubt, mit Lawless an seiner Seite wird er endlich der coole Typ sein, der er immer sein wollte. Also betrügt und belügt er seinen sympathischen Chef und seine Familie, reist nach Los Angeles und drängt sich Lawless auf. Dabei ist für alle offensichtlich, dass Lawless den Durchbruch eben nicht geschafft hat, sondern einer der vielen gut aussehenden Kleindarsteller in Hollywood ist. Aber sie bieten einander dankbar die Projektionsfläche, die sie brauchen: Lawless kann sich bewundert und erfolgreich, Oliver beliebt und cool fühlen. Daher ziehen sie durch die Clubs, feiern und erleben die Nacht ihres Lebens, der schließlich in einem „One-Night-Stand“ mündet – zwischen Oliver und Lawless. Weiterlesen

Leider nicht sehr böse – „Die Kleinen und die Bösen“

Schwarze Komödien sind sicher nicht jedermanns Sache – so kann ich durchaus verstehen, dass manche Anders Thomas Jensens „Men & Chicken“ als geschmacklos empfinden, während ich mich königlich amüsiert haben. Deshalb lässt sich über Grenzen des Komischen wunderbar diskutieren, aber eines sollten schwarze Komödien auf jeden Fall sein: konsequent. Und ausgerecht daran fehlt es bei Markus Sehrs „Die Kleinen und die Bösen“.

(c) movienet

(c) movienet

Erzählt wird die Geschichte des erfahrenen Bewährungshelfers Benno Meurer (Christoph Maria Herbst), der seine Arbeit routiniert, aber gut erledigt und sich auch nach all den Jahren für seine Klienten interessiert. Zu ihnen gehört notorische Einbrecher Hotte Mazocha (Peter Kurth), der sich plötzlich um seine Kinder kümmern soll, die bisher bei der Großmutter aufwuchsen. Meurer ist entsetzt, Hotte allein schon wegen des Kindergeldes begeistert. Nun will Meurer ihm nachweisen, dass er ein schlechter Vater ist – aber Hotte gefällt seine neue Rolle eigentlich ganz gut.

Meurer und Hotte sind zwei gute Charaktere, die von zwei guten Schauspielern verkörpert werden: Herbst überzeugt als weicher Bewährungshelfer und drängt Stromberg schnell in den Hintergrund, Kurth lässt mit seinen knallbunten Hemden und schnoddrigen Auftreten keinen Zweifel daran, dass er zunächst an sich denkt. Doch zwei gute Charaktere machen noch keinen guten Film. Denn es ist in „Die Kleinen und die Bösen“ nicht zu viele lahme Gags, zu viele unnötige Nebenhandlungen und zu wenig Überraschungen. Es wäre nicht nötig, dass Bennos Frau besessen von ihrem Kinderwunsch ist und sich Benno in eine Kellnerin verliebt, zumal hier alles in vorhersehbaren Bahnen verläuft. Dadurch entsteht keine Bindung zu den Charakteren, so dass sogar nach einem plötzlichen Todesfall außer einem kurzen Schock kaum Emotionen bleiben. Und das ist schade, weil immer wieder aufblitzt, dass in dem Film gute Ideen und Szenen stecken – bspw. der Wiener, den man wirklich nicht versteht –, aber der Film aus ihnen nichts macht. Vielmehr entsteht dadurch der Eindruck, dass hier eine gute böse Ausgangsidee nach und nach aufgeweicht wurde, um den Film fernsehtauglich zu machen. Denn letztlich erinnert „Die Kleinen und die Bösen“ vor allem an standardisierte, mutlose Fernsehware.

Skandinavische Filme auf dem Filmfest München

München, ich komme! In diesem Jahr fahre ich zum ersten Mal zum Filmfest nach München und freue mich schon auf tolle Filme und das Wiedersehen und Kennenlernen von Kollegen. Aus Skandinavien – genauer gesagt aus Schweden, Norwegen und Dänemark – sind insgesamt fünf Filme zu sehen:


(c) Prokino

(c) Prokino

„Når dyrene drømmer“ („When Animals Dream“) aus Dänemark lief bereits in Cannes und wird mit „Låt den rätte komma in“ von Tomas Alfredson verglichen. Regisseur Jonas Alexander Arnby erzählt die Geschichte der Außenseiterin Marie, die mit ihrem Eltern in einem kleinen Küstenort lebt. Sie spürt, dass ihr Körper sich verändert, auch will sie herausfinden, warum ihre Familie nicht über ihre Vergangenheit spricht – und gerät dadurch auf Kollisionskurs mit allen um sie herum. Der Film startet auch regulär am 21. August 2018 in den deutschen Kinos. Zum Trailer. Eine Kritik folgt.



(c) NFI

(c) NFI

„Doktor Proktors Prompepulver“ („Doktor Proktors Pupspulver“) ist ein norwegischer Kinderfilm – und der skandinavische Film, den ich nicht sehen werde. Dabei ist die Geschichte durchaus ansprechend: Lise freundet sich mit dem frechen Bulle an und gemeinsam besuchen sie den schrägen Doktor Proktor, der ein Pupspulver erfunden hat, das nicht nur lautes Furzen hervorruft, sondern einen auch fliegen lässt. Zum Trailer. Zur Kritik von Rochus Wolff.



(c) Paradox

(c) Paradox

Im Mittelpunkt von „Tusen Ganger God Natt“ („A Thousand Times Good Night“) steht die Kriegsfotografin Rebecca, die eines Tages eine Selbstmordattentäterin in Kabul aufnimmt und bei dem Anschlag schwer verletzt wird. Zurück in ihrer Heimat stellt sie ihr Mann daher vor die Wahl zwischen Beruf und Familie. Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat selbst als Kriegsfotograf gearbeitet, daher bin ich sehr gespannt, wie er von diesem Beruf erzählt. Zum Trailer. Zur Kritik.



Im Wasser

Im Wasser

Die norwegisch-schwedische Ko-Produktion „The Quiet Roar“ von Henrik Hellström erzählt von der sterbenskranken Marianne, die mithilfe psychoaktiver Drogen eine wichtige Episode in ihrer Vergangenheit noch einmal erleben möchte. Mit wenig Dialogen und teilweise beeindrucken Bildern ist dieser Film, den ich vorab bereits sehen konnte, eine berührende Meditation über das Leben und die Lieben. Zum Trailer. Zur Kritik.



Bergmans Fernsehzimmer

Bergmans Fernsehzimmer

Und schließlich ist in München noch die schwedische Dokumentation „Trespassing Bergman“ zu sehen, in dem unter anderem Claire Denis, Martin Scorsese, Woody Allen, Lars von Trier, Michael Haneke und Ang Lee erzählen, wie Ingmar Bergman sie beeinflusst hat. Da ich gerade selbst mitten in einer kleinen Bergman-Werkschau stecke, freue mich schon sehr auf diesen Film. Zum Trailer. Zur Kritik.

Das Filmfest geht vom 27.06. bis 05.07.2014 und alle weiteren Informationen über Filme, Kinos und mehr sind hier zu finden.

Die Liebe im Lichte Dänemarks – Über „Marie Krøyer“ von Bille August

(c) Rolf Konow; DFI

(c) Rolf Konow; DFI

Das Licht soll einzigartig sein in Skagen im Norden Dänemarks. Deshalb zieht es seit Jahrzehnten Künstler in den kleinen Fischerort. Zur Jahrhundertwende ist der berühmteste Maler des Ortes Peder Severin Krøyer (Søren Saetter-Lassen), genannt Søren. Er lebt hier mit seiner Frau Marie (Birgitte Hjort Sørensen), die von vielen als die schönste Frau Dänemarks gesehen wird, und seiner Tochter Vibeke. Auf den ersten Blick scheint ihr Leben einer Künstler-Idylle zu gleichen: Während Søren und Marie im Atelier malen, sitzt Vibeke zwischen ihnen und freut sich über die alberne Aufmerksamkeit ihres Vaters. Marie und Søren wirken glücklich, sie ist ihrem Mann Model, kümmert sich um den Haushalt und ihre Tochter. Aber schnell zeichnen sich erste Risse ab: Søren ist launisch, dominant und impotent. Er ordnet alles seiner Kunst unter, jedoch hält Marie das Verhalten ihres Mannes duldsam aus. Anscheinend will sie den Traum vom Leben an der Seite eines berühmten Malers nicht aufgeben, jedoch fürchtet nun bereits ihre Tochter, dass sich ihr Vater mal wieder „komisch“ benehme. Und ihre Befürchtungen werden bestätigt: Søren leidet unter manischen Anfällen, in denen er seine Frau malträtiert und eines Tages beinahe tötet. Zum wiederholten Mal kommt er daher in eine psychiatrische Klinik – und Marie wartet auf ihn. Zunehmend leidet sie unter ihrer Selbstaufopferung und der harschen Kritik ihres Mannes an ihrer eigenen Malerei, verzweifelt sucht sie nach einem Weg zu sich – und glaubt ihn in einer Affäre mit dem schwedischen Komponisten Hugo Alfvén (Sverrir Gudnason) zu finden.

(c) Rolf Konow; DFI

(c) Rolf Konow; DFI

Langsam führt Regisseur Bille August in seinem ersten dänischen Film seit über 20 Jahren in die Handlung ein, die einen zu erwartenden Verlauf nimmt. Dabei nutzt das Drehbuch von Peter Asmussen das tatsächliche Leben von Marie Krøyer als Rahmen und füllt ihn mit fiktiven Ereignissen. Historisch bestätigt ist ihre Ehe und ihre Affäre, ausgespart wird aber ihre Wandlung zu einer Innenausstatterin – und eine zweite Ehe. Vielmehr stellen Bille August und Peter Asmussen Marie als eine Frau dar, die sich letztlich durch die Begegnungen mit Männern formt. Ihrem selbstsüchtigen Ehemann – gut gespielt von Søren Saetter-Lassen – folgt ein oberflächlicher Komponist, Hilfe bekommt sie außerdem von einem Arzt und einem Anwalt, während es ihre Freundin bei einer kryptischen Warnung vor Hugo belässt. Die Verführungskraft dieses Mannes ist indes nur schwer nachzuvollziehen, da Sverrir Gudnason blass und ohne Charisma bleibt. Daher wirkt Hugo nicht wie Maries große Liebe, sondern wie ein Mann, dem Marie begegnet und der ihr einen scheinbaren Ausweg bietet. Außerdem gibt er wenigstens vor, sie – im Gegensatz zu allen anderen – nicht auf ihr Äußeres zu reduzieren. Erst am Ende des Films wird dann durch ein ergreifendes Gespräch mit ihrer Tochter deutlich, warum sie so gehandelt hat. Aber auch daran knüpft der Film nicht an, sondern setzt lieber auf eine emblematische Schlussszene.

(c) Rolf Konow; DFI

(c) Rolf Konow; DFI

Sicher ist Bille August erfahren genug, um die vorhersehbare Handlung unterhaltsam zu entfalten. Das ruhige Erzähltempo lässt dem Zuschauer viel Zeit, die sorgfältige Ausstattung wahrzunehmen, die mit viel Liebe zum Detail die Epoche der Jahrhundertwende lebendig werden lässt. Auch Kameramann Dirk Brüel sind sehr schöne Bilder gelungen, in denen er das berühmte Licht am Skagen hervorragend einfängt. Somit ist „Marie Krøyer“ alles in allem ein altmodisches Kostümdrama – gut ausgestattet, schön fotografiert und langsam erzählt.

Spinnen die Finnen?

Aki Kaurismäki behauptet, der Tango komme gar nicht aus Argentinien, sondern aus Finnland. © Björn Knechtel

Aki Kaurismäki behauptet, der Tango komme gar nicht aus Argentinien, sondern aus Finnland. © Björn Knechtel

Normalerweise heißt es ja, dass der Tango aus Argentinien stamme. Das stimmt jedoch gar nicht. Vielmehr wurde der Tango im Osten Finnlands erfunden, in einem Teil des Landes, der mittlerweile zu Russland gehört. Dort ist folgendes geschehen: Um 1850 herum gingen die Menschen mit dieser Musik gegen Wölfe und Einsamkeit vor, bis 1880 verbreitete sich der Tango dann in den Westen des Landes und wurde von dort von finnischen Seeleuten über Uruguay nach Buenos Aires gebracht. Diese Geschichte erzählt zumindest am Anfang von Viviane Blumenscheins Film „Mittsommernachtstango“ der finnische Regisseur Ari Kaurismäki – und fügt hinzu, dass die Finnen es gewohnt seien, in der Weltgeschichte übergangen zu werden. Schließlich hätten sie auch den Walzer erfunden, obwohl alle Welt glaubt, das wären die Österreicher gewesen.

Suomi meets Argentina: Die drei Argentinier Pablo, Chino und Dipi dürfen mit der finnischen Tangolegende Reijo Taipale musizieren. © Björn Knechtel

Suomi meets Argentina: Die drei Argentinier Pablo, Chino und Dipi dürfen mit der finnischen Tangolegende Reijo Taipale musizieren. © Björn Knechtel

Als die drei argentinischen Tango-Musiker Walter „Chino“ Laborde“, Diego „Dipi“ Fvitko und Pablo Greco hören, dass ihre Musik angeblich aus Finnland stammt, wollen sie es nicht glauben. Deshalb machen sie sich von Buenos Aires aus auf den Weg nach Finnland, diese Geschichte zu widerlegen. In einem alten Auto reisen sie quer durch Finnland bis nach Lappland – doch selbst im entlegensten Winkel dieses voller entlegener Winkel steckenden Landes finden sie noch den Tango. Je weiter ihre Reise geht, desto mehr gerät ihr eigentlich Ziel ins Wanken. Sind sie anfangs noch überzeugt, dass die Finne spinnen würden und der finnische Tango kein richtiger Tango sei, entdecken sie schon bald die Schönheit und Stärke dieser Musik. Sie vergessen den Widerstreit der musikalischer Traditionen, sondern konzentrieren sich auf ihre Symbiose. Das zeigt sich sehr schön in der Szene, in der Chino von der finnischen Sängerin und Bauersfrau Sanna Pietäinen Gesangsunterricht erbittet.

Die Vorliebe der Finnen für ihre Schwitzhütten werden die drei Argentinier wohl nie verstehen. © Björn Knechtel

Die Vorliebe der Finnen für ihre Schwitzhütten werden die drei Argentinier wohl nie verstehen. Aber gesund soll es ja sein. © Björn Knechtel

Schon die Ausgangssituation des Films steckt voller Skurrilität, die Viviane Blumenschein mit ihrer Inszenierung noch verstärkt: Die drei Argentinier sind mit einem alten, an einen Lada erinnernden Wagen unterwegs, der gelegentlich liegen bleibt und der Gegenwart entrückt scheint. Sie staunen über eine mobile Sauna und die damit verbundenen Rituale, beständig werden nationale Eigenheiten betont. So sorgt sich jeder Finne, das er zu schweigsam sei – im Gegensatz zu den Argentiniern, die befürchten, sie seien zu leidenschaftlich. Mitunter wirkt es aufgesetzt, allerdings erlauben diese Szenen Viviane Blumenschein auch, mit den jeweiligen Klischees zu spielen. Außerdem werden sie in einer schönen Unterhaltung über die Rolle der Stille für die Musik aufgegriffen, die die Poesie und Melancholie des Tangos in den verschiedenen Ländern einfängt. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass letztlich die Quintessenz des Films lautet, dass die geographische Herkunft von Musik keine Rolle spielt. Entscheidend sei vielmehr, dass sie aus der Seele komme.

„Mittsommernachtstango“ ist somit weniger eine Dokumentation als ein Road Movie über den Tango in Finnland, in dem viel über das Land zu erfahren ist – und Finnland in wunderschönen Bildern gezeigt wird.

Zur Website des Films

Dogma: „Open Hearts“ von Susanne Bier

(c) Arsenal Filmverleih

(c) Arsenal Filmverleih

Susanne Bier ist bekannt dafür, dass sie in ihren Filmen dem Zwischenmenschlichen nachspürt, indem sie in zwar dramatischen, aber alltäglichen Situationen genau hinschaut und das Verhalten ihrer Figuren ergründet. Diesen Ruf hat sie sich neben „Brødre“ (2004) vor allem durch „Elsker dig for evigt“ („Open Hearts“;„Für immer und ewig“) erworben. Bei beiden Filmen stammt das Drehbuch von Anders Thomas Jensen.

Cecilie (Sonja Richter) und Joakim (Nikolaj Lie Kaas) sind glücklich miteinander und wollen heiraten. Eines Morgens geschieht jedoch ein folgenschwerer Unfall: Sie verabschieden sich voneinander im Auto, Joakim steigt aus, schaut noch einmal ins Auto zu Cecilie und wird angefahren. Unfallfahrerin Marie (Paprika Steen) hat sich gerade mit ihrer Tochter Stine (Stine Bjerregaard) gestritten, ist vor Wut zu schnell gefahren, hat den zur Fahrbahn aussteigenden Joakim nicht gesehen und erfasst. Es ist ein Unfall, an niemand oder alle schuldig sind, der aber das Leben aller Beteiligten und auch ihre Beziehungen zueinander verändert. Marie wird von Schuldgefühlen geplagt, ihre Tochter Stine glaubt sich ebenso verantwortlich, ist aber gefangen in den Ausbrüchen der Pubertät. Joakim überlebt, ist fortan aber vom Hals abwärts gelähmt und weigert sich, an der Verlobung mit Marie festzuhalten. Marie wiederum wird völlig aus der Bahn geworfen, sie ist allein, will Joakim unterstützen, er stößt sie jedoch ständig weg. Halt findet sie indes bei Maries Ehemann Niels (Mads Mikkelsen, der sich auf Bitten seiner Ehefrau um Cecilie kümmert.

Cecilie und Niels (c) Arsenal Filmverleih

Cecilie und Niels (c) Arsenal Filmverleih

Nach und nach brechen unterdrückte Konflikte und Sehnsüchte auf, zugleich aber sehen sich die Figuren mit der Frage konfrontiert, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen. Dabei gelingt es Susanne Bier und Anders Thomas Jensen, das Verhalten der jeweiligen Figuren in ihrem Charakter zu begründen, so dass es zwar irritiert, aber stets innerhalb der Figur schlüssig ist. So will anfangs ihr schlechtes Gewissen beruhigen, indem sie Niels bittet, nach Cecilie zu sehen. Cecilie ist hingegen mit der Situation überfordert und gänzlich allein, deshalb nimmt sie Niels Unterstützungsangebot gerne an. Niels gefällt sich wiederum anfangs in der Rolle des selbstlosen Helfers, allerdings muss er sich schon bald eingestehen, dass er sich in Cecilie verliebt hat. Bereits zuvor haben sich in Niels Ehe in Gesprächen und Schweigen erste Risse gezeigt, deshalb ist Cecilie auch niemals die Verführerin, sondern lediglich diejenige, die ihn letztlich schmerzlich auf das Fehlende in seinem Leben aufmerksam werden lässt. Hierin zeigt sich Susanne Biers und Anders Thomas Jensens Gespür für das Alltägliche. Deshalb verhalten sich die Erwachsenen auch erwachsen: Sie reden über die Dinge – sei es das Verhalten der Tochter oder die Affäre –, sie streiten, weinen und schreiben, am Ende jedoch sind die Figuren mehr oder weniger bei sich selbst angekommen.

Cecilie (c) Arsenal Filmverleih

Cecilie (c) Arsenal Filmverleih

„Open Hearts“ ist Susanne Biers erster Dogma-Film, jedoch ist es weniger die Handkamera oder das Licht, das diesen Film auszeichnet. Diese Regeln verleihen ihm einen reduzierten, alltäglichen Stil, der gut zu der Geschichte passt und Anfang der 1990er Jahre im Gegensatz zu den oftmals glatt gebügelten Bildern ähnlicher Filme steht. Aus heutiger Sicht bemerkenswerter ist indes die Erzählweise, die sehr viel Nähe zu den Figuren ermöglicht, ohne Identifikation einzufordern. Ähnliches gelang zuletzt auch der norwegischen Regisseurin Iram Haq in ihrem Film „Jeg er din“, in dem eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst und einem Leben für sich ebenso Fehler machen durfte wie Cecilie.

„Tage am Strand“ – Ein Vergleich von Buch und Film

Es ist ein idyllischer Anblick, der sich der Kellnerin Theresa zu Beginn von Doris Lessings Novelle „Großmütter“ am Strand offenbart: Eine Gruppe gutaussehender Menschen, zwei Frauen um die Sechzig, ihre Söhne und deren kleinen Töchter, sitzen zusammen und „Seligkeit und Glück“ scheinen in der „heißen blauen Luft zu schimmern“. Doch dann taucht eine der Ehefrauen der Söhne auf und zerstört dieses Idyll. Sie hat etwas herausgefunden – und es folgt ein Rückblick, der von den Hauptfiguren Lil und Roz erzählt. Von Kindesbeinen an sind sie beste Freundinnen und verbringen am Strand glückliche Tage miteinander. Sie heiraten zur gleichen Zeit, bekommen jeweils einen Sohn und als Lils Mann stirbt, scheint es endgültig keinen Platz mehr für Roz‘ Ehemann zu geben. Fortan verbringen die Frauen mit ihren Söhnen die Tage allein. Eines Tages beginnen sie eine Beziehung mit dem Sohn der jeweils anderen, die über Jahre geht und schließlich von ihnen beendet wird. Lil und Roz sind diejenigen, die den Ton angeben – und schließlich wollen sie, dass ihre Söhne heiraten und sie zu den titelgebenden Großmüttern machen. Ihre Söhne haben ihnen diese Entscheidung jedoch niemals verziehen und als nun die Ehefrauen Briefe entdecken, in denen diese Beziehung aufgedeckt werden, zerbricht auch der Lebensentwurf der Großmütter Lil und Roz.

Die Gefahr des privilegierten Narzissmus

Roz und Lil am Strand (c) Concorde

Roz und Lil am Strand (c) Concorde

In oftmals schwülstigen und kitschigen Tönen erzählt Doris Lessings Novelle weniger von älteren Frauen, die sich mit jüngeren Männern einlassen, als vielmehr von dem Leben privilegierter Figuren, die völlig in ihrem selbst erschaffenen und selbstgenügsamen Idyll aufgehen. Für die Frauen gibt es nur ihre Freundschaft, ihr ordnen sie letztlich alles unter. Ihre Söhne sind ein Teil dieser Welt geworden, so dass sie ihre Rolle erfüllen. Auch die Enkeltöchter scheinen perfekt hineinzupassen, fast könnte es eine Wiederkehr dieser Freundschaft geben. Jedoch zerstören die Ehefrauen mit einem Blick von außen und der Wahrheit diese heile Abgeschiedenheit. Weiterlesen

Dänisches Kino: „Das Erbe“ von Per Fly

Der plötzliche Tod seines Vaters stellt Christoffer (Ulrich Thomsen, „Das Fest“) vor ein lebensentscheidendes Dilemma: Soll er dem Wunsch seiner Mutter folgen und sein bisheriges, äußerst glückliches Leben in Stockholm zurücklassen, um das familieneigene Stahlunternehmen durch eine Fusion zu retten, obwohl er weiß, welche Belastung es für ihn ist? Oder soll er auf seine Ehefrau Maria (Lisa Werlinder) hören und mit ihr in Stockholm bleiben, obwohl er weiß, dass seine Familie ihm das kaum verzeihen wird? Weiterlesen

Geiselnahme auf hoher See: „Kapringen“ von Tobias Lindholm

(c) TrustNordisk

(c) TrustNordisk

Anscheinend sind zwei Filme über somalische Piraten den meisten Filmverleiher zu viel, daher startet Paul Greengrass’ „Captain Phillips“ hierzulande in den Kinos, während der eindringliche „Kapringen“ von dem dänischen Regisseur und Drehbuchautor („Jagten“) Tobias Lindholm leider nicht zu sehen ist. Das ist bedauerlich, da Tobias Lindholm eine psychologisch dichte und packende Geschichte über eine Geiselnahme auf hoher See erzählt, die weitaus näher an der Realität sein dürfte – und außerdem die Frage beantwortet, wie die Geschichte von Captain Phillips ausgegangen wäre, wenn er kein US-Amerikaner auf einem us-amerikanischen Schiff gewesen wäre.

Die Geiselnahme

Mikkel und ein somalischer Pirat (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

Mikkel und ein somalischer Pirat (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

Kein einziges Mal verlässt die Kamera von Magnus Nordenhof Jønck die zwei Handlungsorte des Films: das gekaperte Schiff und den Sitz der dänischen Reederei. Dadurch fehlen sämtliche Action-Elemente, das Kapern ist nicht zu sehen, auch die Abwehrversuche des Schiffes sind lediglich durch einen Ausdruck des Satellitenbildes zu erkennen. Vielmehr lernt der Zuschauer erst den Schiffskoch Mikkel Hartmann (Pilou Asbæk) durch eine Telefonat mit seiner Frau kennen, das er von der Schiffsbrücke aus führt, dann den CEO Peter C. Ludvigsen (Søren Malling), der im Hauptsitz der Reederei gerade eine Verhandlung für seine Firma erfolgreich zu Ende geführt hat und nun ein Interview gibt. Dann wird er von seinem Mitarbeiter Lars Vestergaard (Dar Salim) unterrichtet, dass ein Schiff vermutlich von Piraten gekapert wurde.

Die Verhandlungen

Peter bei den Verhandlungen (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

Peter bei den Verhandlungen (c) Magnus Nordenhof Jøhnk/TrustNordisk

In der Folge wechseln die Sequenzen zwischen dem Schiff und der Konzernzentrale, so dass die Dynamik in dieser Beziehung sehr deutlich wird. Während die Piraten anfangs Schiffskoch Mikkel, den Kapitän (Keith Pearson) sowie Maschinisten Jan (Roland Møller) von den vier übrigen Besatzungsmitgliedern separieren, engagiert Peter den Berater Connor Julian (Gary Skjoldmose Porter, der diesen Job auch im wahren Leben macht) und richtet eine Verhandlungszentrale ein. Connors erster Rat ist es, einen Berater für die Verhandlungen zu engagieren, da jegliche Emotionen schädlich sein könnten. Doch der kontrollierte Peter lehnt ab, er will die Verhandlungen selbst führen, ja, er sieht es als seine Aufgabe an. Die Piraten haben hingegen den Verhandlungsführer Omar (Abdihakin Asgar) mit an Bord gebracht, der darauf besteht, nicht als Pirat gesehen zu werden.

Schleppend gehen die Verhandlungen voran, anfangs fordern die Piraten 20 Millionen Dollar, Peter bietet 250.000 Dollar. Geschickt nutzt Omardie zunehmende Verzweiflung der Besatzung sowie Mikkels Familie, um den Druck zu erhöhen. Pete hält diesen Manipulationsversuchen weitgehend stand, obwohl es ihm zusehends schlecht damit geht. Schließlich hätte seine Firma das Geld, das die Geiselnehmer fordern. Es geht lediglich darum, nicht zu schnell einzulenken, um die Forderungen nicht noch weiter in die Höhe zu treiben.

Klaustrophobische Spannung

Tobias Lindholm (c) Lærke Posselt/TrustNordisk

Tobias Lindholm (c) Lærke Posselt/TrustNordisk

Monatelang sitzen Mikkel, der Kapitän und Jan daher in der Kabine fest, während sich Peter immer mehr vor der Umwelt verschanzt. Er isoliert sich, wie die Gefangenen isoliert werden. Doch Zeit – so betont Connor – spielt für die Piraten keine Rolle, während sie im Westen umso wichtiger ist. Dabei macht Tobias Engholm durch die fast schon dokumentarische Bildsprache und Handkamera die klaustrophobische Anspannung während dieser andauernden Verhandlungen deutlich. Daneben zeigt Hauptdarsteller Pilou Asbæk eine beeindruckende Wandlung, die die psychischen Auswirkungen dieser Situation sehr deutlich macht. Er magert ab, sein Blick wird starr und er wird schließlich völlig apathisch. Das ist schmerzhaft mit anzusehen. Auch Peter leidet unter dem Druck, wird unbeherrscht – und mit kleinen Nuancen in Mimik und Gestik lässt Søren Malling erkennen, welche Veränderungen sein Charakter durchlebt.

Wenn dann nach erfolgter Einigung Musik erklingt, wird die Stille, die in diesem Film geherrscht hat, um so lauter. Wenn die Kamera schließlich am Ende des Films die Welt außerhalb des Gebäudes zeigt, wird erst klar, wie sehr man beim Zusehen ebenfalls gefangen war. „Kapringen“ ist ein sehr sehenswerter Film!