Schlagwort-Archiv: Donald Ray Pollock

Shots 01/2016

Nachdem ich in den letzten Monaten nur sehr wenig zum Bloggen gekommen bin, arbeite ich doch erst einmal einige angefangene Kritiken ab – und belebe endlich meine Shots wieder.

Der Schriftsteller Latimer erfährt durch Zufall von einem Bösewicht namens Dimitrios und versucht herauszufinden, was diesen Mann dazu getrieben hat, Attentate auf den bulgarischen Ministerpräsidenten zu begehen und schließlich tot im Mittelmeer zu landen. Also begibt er auf den Spuren dieses gefährlichen Mannes auf eine Recherchereise durch Europa. Dabei erweist sich in dem Klassiker des Spionagethrillers aus dem Jahr 1939 schon Dimitrios als hochaktuelle Figur: er ist ein Flüchtling, der über das Mittelmeer von der Türkei nach Griechenland kam, dort Zeuge des Massakers an den Armeniern wurde und es gibt Durcheinander bei dem Ausstellen von Dimitrios’ Papieren. Später wird es um Menschenhandel, Drogenhandel und Geldwäsche gehen, die alle mit wirtschaftlichen Interessen, Politik und Spionage verknüpft sind. Sehr lesenswert.

Eric Ambler: Die Maske des Dimitrios. Übersetzt von Matthias Fienbork. Hoffman und Campe 2016.

Zum zweiten Mal ermittelt Christian v. Ditfurths Serienfigur Eugen de Bodt vom LKA in Berlin. Ein Bombenanschlag wurde auf die Wagenkolonne verübt, die die Kanzlerin und den russischen Präsidenten von Tegel nach Mitte bringen soll. Um die titelgebenden „Zwei Sekunden“ wurde dieser Wagen verpasst, stattdessen starben ein Assistent der Kanzlerin und Sicherheitsleute. Eine Taskforce wird eingerichtet, aber auf Wunsch der Kanzlerin soll de Bodt mit seinem Team selbst ermittelt. Aber auch er tappt lange Zeit im Dunkeln, da die äußerst professionell agierenden Attentäter scheinbar einen Fehler bei der Auslösung des Zünders gemacht haben. Daher findet de Bodt trotz der üblichen Verdächtigen – Tschetschenen, Ukrainer usw. – kein tragfähiges Motiv samt Tätergruppe. „Zwei Sekunden“ ist ein wenig zu lang geraten, die ein oder andere falsche Fährte ist überflüssig, auch ist de Bodt den anderen Ermittlern schon sehr überlegen. Aber die Auflösung ist interessant und die Actionsequenzen sind rasant.

Christian v. Ditfurth: Zwei Sekunden. carl’s books 2016

Ein großer Spaß ist Ken Bruens „Füchsin“, in dem die Southeast London Police Squad von Bombenattentätern erpresst wird. Aber Detective Sergeant Brant – aus „Kaliber“ bekannt – ist ein harter Hund mit eigenem Gerechtigkeitssinn und so treffen hier eine raffinierte Gangsterin und ein verdorbener Polizist aufeinander, die beide gleichermaßen verrückt sind. Genüsslich nimmt Ken Bruen den Polizeiroman auseinander, zerstört die Illusion, dass die Polizei aufrecht sei, streut viele Zitate und Verweise ein und schafft es, mit knapp 200 Seiten blendend zu unterhalten.

Ken Bruen: Füchsin. Übersetzt von Karen Witthuhn. Polar Verlag 2016. (Disclaimer: Mit dem Polar Verlag stehe ich in geschäftlichen Verbindungen.)

Donald Ray Pollocks „Die himmlische Tafel“ ist ganz anders als seine beiden vorigen Bücher: Es ist epischer angelegt, es erinnert an Jim Thompson und „Das Böse im Blut“. Angesiedelt im ländlichen Süden der USA im Jahr 1917 sind fast alle Menschen bitterarm, ungebildet und rassistisch, viele sind zudem brutal und bösartig. Nach dem Tod ihres Vaters müssen drei Brüder nun ohne dessen knüppelharte Hand zurechtkommen und ziehen schon bald in Anlehnung an den Pulp-Roman „Das Leben des Bloody Bill Bucket“, Banken ausraubend durch die Gegend und führen ein Outlaw-Leben. Dabei kreuzen sich ihre Wege mit einem herzensguten Sanitätsinspektor, einen schwulen todessehnsüchtigen Offizier, einem Serienmörder und vielen Figuren mehr. Pollock schafft ein Bild von USA voller Träumer, Verlierer und Psychopathen, durchzieht es mit Verkommenheit und sehr derben Humor.

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel. Übersetzt von Peter Torberg. Liebeskind 2016.

Krimi-Kritik: „Cold Hard Love“ von Frank Bill

(c) Suhrkamp

Wenn auf der Rückseite eines Buches Donald Ray Pollock mit den Worten zitiert wird: „Einer der wildesten Trips, auf die man beim Lesen eines Buches überhaupt gehen kann“, dann werden Erwartungen geweckt. Immerhin hat Donald Ray Pollock mit „Das Handwerk des Teufels“ einen harten, brutalen und tieftraurigen noir-Roman geschrieben, der für mich weiterhin zu den besten Büchern des Jahres gehört. Auch „Cold Hard Love“ von Frank Bill ist ein düsterer Southern Noir. Dennoch – gerade im Vergleich zu Pollocks großartigem Buch – ist Frank Bills Geschichtensammlung nicht von dieser düsteren Aussichtslosigkeit geprägt, die diese Stilrichtung ausmacht.

In seinem Buch versammelt Frank Bill 17 Geschichten mit teils wiederkehrenden Charakteren. Alle spielen im Süden von Indiana in der Nähe des Blue River. Sie erzählen von einem Großvater, der seine Enkelin in die Prostitution verkauft, von Chrystal-Meth-Junkies, Kriegsveteranen, untreuen Ehefrauen und Cops. Getreu des Originaltitels „Crimes in Southern Indiana“ handeln sie von Gewalt und Verbrechen. Weiterlesen