Schlagwort-Archiv: Buch

Finnland – Eine Verlosung

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Nachdem sich in den letzten Wochen im Zeilenkino fast alles um finnische Kriminalliteratur gedreht hat, möchte ich meine Finnland-Reihe passenderweise mit der Verlosung eines finnischen Kriminalromans beenden. „Das Begräbnis des Paten“ ist ein Buch aus der Hämelinna-Noir-Reihe des Autors Tapani Bagge, aus der bisher erst zwei Bände in deutscher Übersetzung erschienen sind. Sie spielen alle in der Kleinstadt Hämelinna und ihre Hauptfiguren sind meist Kleinkriminelle – und die Polizistin Leila, die von dem Gelegenheitsgauner Allu schwanger ist. Nun soll Leilas Patenonkel verschwunden sein und sie begibt sich auf die Suche nach ihm.

„Das Begräbnis das Paten“ bietet einigen schrägen Humor und viel Action. Um das Buch zu gewinnen, hinterlasst einfach einen Kommentar. Wie immer gilt: Der Gewinner wird ausgelost, nur eine Teilnahme pro Haushalt.

Und noch ein Linktipp: Hier geht es zu meinem Interview mit Tapani Bagge.

„Philomena“ – Vom Buch zum Film

Bereits vor einigen Wochen habe ich in einer Pressevorführung Stephen Frys Film „Philomena“ gesehen, der mir nicht nur wegen Hauptdarstellerin Judi Dench, sondern vor allem aufgrund des Drehbuchs gut gefallen hat: Steve Coogan und Jeff Pope ist es nämlich gelungen, die wahre Geschichte einer jungen Frau, die ungewollt schwanger wird und aufgrund der schmutzigen Aktivitäten der katholischen Kirche in Irland ihr Kind verliert, ohne falsche Melodramatik und Kitsch zu erzählen. Ihr Drehbuch basiert auf dem Buch des Journalisten Martin Sixsmith (im Film gespielt von Steve Coogan), deshalb habe ich mich sehr gefreut, als mir der Ullstein Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches geschickt hat.

Über Martin Sixsmith‘ Buch

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Schon das Cover erinnert an den Film, das wenig aussagekräftige Vorwort stammt von Dame Judi Dench und auch der Titel „Philomena. Eine Mutter sucht ihren Sohn“ passt auf den ersten Blick zu der Geschichte, die ich im Film gesehen hatte. Schnell zeigt sich jedoch, dass Martin Sixsmith aus einer anderen Perspektive auf die Ereignisse blickt. Schon im ersten Teil wird die politische Dimension der Adoptionspraxis der katholischen Kirche deutlich gemacht. Nachdem herausgekommen war, dass die Schauspielerin Jane Russell ohne weiteres ein Kind aus Irland mit in die USA nehmen konnte, kamen in der Öffentlichkeit Fragen auf. Der übermächtige Einfluss der katholischen Kirche, von deren Wohlwollen und Unterstützung sogar die Regierung abhängig war, sorgte indes dafür, dass die Nachforschungen vorerst keine Veränderungen bewirkten und kritisches Nachfragen unterdrückt bzw. ausgesessen wurde. Stattdessen konnten wohlhabende Amerikaner weiterhin Kinder aus Irland adoptieren, die von unehelichen, jungen Müttern in einem Kloster zur Welt gebracht wurden. Einer Prüfung wurden diese Eltern nicht unterzogen, sondern sie mussten lediglich nachweisen, dass sie katholisch seien und die Kinder in diesem Glauben erziehen werden. Gegen eine Spende konnten sie das Kind dann mitnehmen, während die leiblichen Mütter – als Sünderinnen in Ungnade gefallen – drei Jahre lang ihre Schulden für die Aufnahme im Kloster abarbeiten und ein Formular unterschreiben musste, dass sie das Sorgerecht freiwillig der Kirche übertragen. Die politische Dimension des Falles wird in dem Film zwar angesprochen und insbesondere durch die Texttafeln am Ende deutlich, ist jedoch insgesamt weit weniger präsent.

Die andere Seite der Geschichte Weiterlesen

„Tage am Strand“ – Ein Vergleich von Buch und Film

Es ist ein idyllischer Anblick, der sich der Kellnerin Theresa zu Beginn von Doris Lessings Novelle „Großmütter“ am Strand offenbart: Eine Gruppe gutaussehender Menschen, zwei Frauen um die Sechzig, ihre Söhne und deren kleinen Töchter, sitzen zusammen und „Seligkeit und Glück“ scheinen in der „heißen blauen Luft zu schimmern“. Doch dann taucht eine der Ehefrauen der Söhne auf und zerstört dieses Idyll. Sie hat etwas herausgefunden – und es folgt ein Rückblick, der von den Hauptfiguren Lil und Roz erzählt. Von Kindesbeinen an sind sie beste Freundinnen und verbringen am Strand glückliche Tage miteinander. Sie heiraten zur gleichen Zeit, bekommen jeweils einen Sohn und als Lils Mann stirbt, scheint es endgültig keinen Platz mehr für Roz‘ Ehemann zu geben. Fortan verbringen die Frauen mit ihren Söhnen die Tage allein. Eines Tages beginnen sie eine Beziehung mit dem Sohn der jeweils anderen, die über Jahre geht und schließlich von ihnen beendet wird. Lil und Roz sind diejenigen, die den Ton angeben – und schließlich wollen sie, dass ihre Söhne heiraten und sie zu den titelgebenden Großmüttern machen. Ihre Söhne haben ihnen diese Entscheidung jedoch niemals verziehen und als nun die Ehefrauen Briefe entdecken, in denen diese Beziehung aufgedeckt werden, zerbricht auch der Lebensentwurf der Großmütter Lil und Roz.

Die Gefahr des privilegierten Narzissmus

Roz und Lil am Strand (c) Concorde

Roz und Lil am Strand (c) Concorde

In oftmals schwülstigen und kitschigen Tönen erzählt Doris Lessings Novelle weniger von älteren Frauen, die sich mit jüngeren Männern einlassen, als vielmehr von dem Leben privilegierter Figuren, die völlig in ihrem selbst erschaffenen und selbstgenügsamen Idyll aufgehen. Für die Frauen gibt es nur ihre Freundschaft, ihr ordnen sie letztlich alles unter. Ihre Söhne sind ein Teil dieser Welt geworden, so dass sie ihre Rolle erfüllen. Auch die Enkeltöchter scheinen perfekt hineinzupassen, fast könnte es eine Wiederkehr dieser Freundschaft geben. Jedoch zerstören die Ehefrauen mit einem Blick von außen und der Wahrheit diese heile Abgeschiedenheit. Weiterlesen

Ingrid Bergman – Ein Leben in Bildern

courtesy Schirmer/Mosel

courtesy Schirmer/Mosel

Am 2. Oktober 2013 erscheint bei Schirmer/Mosel das Buch „Ingrid Bergman – Ein Leben in Bildern“, mit dem Lothar Schirmer in Zusammenarbeit mit Isabella Rossellini eine große autorisierte visuelle Biographie der Schauspielerin vorlegt.

Das Buch widmet sich den beruflichen und privaten Stationen des Lebens von Ingrid Bergman: ihren Freundschaften mit Ernest Hemingway, Jean Renoir und Alfred Hitchcock, ihre Romanze mit Robert Capa; dem Skandal, als sie ihren Ehemann und ihre Tochter in Schweden verließ, um mit Roberto Rossellini zu leben; ihre Rückkehr nach Hollywood und Schweden und ihre Theaterkarriere.

Erstmals hat die Familie Ingrid Bergmans der Veröffentlichung von Bildern zugestimmt, daher versammelt der Band Privatfotos, Portraits und Schnappschüsse sowie Texte von Roberto Rossellini, John Updike, Curd Jürgens und anderen.

„The Paperboy“ oder: Wie aus einem famosen Roman ein schwüles B-Movie wurde

Was hat sich Lee Daniels nur dabei gedacht? Diese Frage habe ich mir im Verlauf dieses Films mehr als einmal gestellt – und eine eindeutige Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Lee Daniels‘ Adaption von Pete Dexters „Paperboy“ ist ein schwüler, hitziger Southern-Gothic-Film geworden, in dem vor allem die unterdrückten sexuellen Leidenschaften der Figuren dargelegt werden. Von dem Geflecht aus Journalismus, Wahrheit und Rassismus aus Pete Dexters Roman ist dabei aber nur wenig übriggeblieben.

Ward Jensen und Yadley Archman (c) Planet Media Home Entertainment

Roman wie Film spielen im Jahre 1969 in der Kleinstadt Lately im Moat County, Florida. Vor vier Jahren wurde Sheriff Thurmond Call ermordet und Hillary van Wetter (John Cusack) als Täter zum Tode verurteilt. Nun tauchen die Journalisten Yardley Acheman (David Oyelowo) und Ward Jansen (Matthew McConaughey) auf, um einigen Ungereimtheiten des Falls nachzugehen. Ward kommt aus Lately, sein Vater W.W. (Scott Glenn) und sein jüngerer Bruder Jack (Zac Efron) wohnen dort noch. Also kann er sich zumindest auf Jacks Hilfe verlassen. Zu den Journalisten stößt außerdem noch Charlotte Bless (Nicole Kidman), eine verblassende Südstaaten-Schönheit mit einer Vorliebe für Häftlinge, die mit Hillary verlobt ist und an seine Unschuld glaubt. Im Vergleich zum Roman gibt es nun im Film eine Reihe Umdeutungen, die sich letztlich auf die gesamte Rezeption auswirkt. Weiterlesen

Von der Serie zum Buch – „Raylan“ von Elmore Leonard

Timothy Olyphant als Raylan Givens (c) SPHE

Ausführlich habe ich mich bisher hier im Zeilenkino mit der Figur Raylan Givens beschäftigt, da sie ein hervorragendes Beispiel für die wechselseitigen Beeinflussungen von Literatur und Film/Fernsehen darstellt. Und in diesem Fall geht die Zusammenarbeit sogar weit über eine bloße Verfilmung hinaus. In Interviews haben die Macher von „Justified“ mehrfach erklärt, dass sie bei den Drehbüchern zu der Serie immer wieder eine Frage weiter gebracht habe: „What would Elmore do?“. Deshalb bleibt die Serie mit ihren Perspektivwechseln und der Konzentration auf die Charaktere sowie dem Dialog dem Stil Leonards treu. Für heutige Sehgewohnheiten ist das ungewöhnlich und oft etwas langatmig. Einigen Folgen fehlen Höhepunkte und auch die Handlung ist mitunter für eine Episode etwas dünn. Dadurch wird „Justified“ aber auch zu einem sehr guten Bespiel für eine Serie, die von ihren Charakteren vorangebracht wird. Allein die Entwicklung von Boyd, den die Serienmacher glücklicherweise nicht sterben ließen, ist ein gutes Beispiel. (Vergleiche Teil 1). Deshalb wird „Justified“ zudem von den Beziehungen stark beeinflusst, die Raylan Givens zu den anderen Figuren hat. In der ersten Staffel ist es – neben Boyd – vor allem das Verhältnis zu Ava und seiner Ex-Frau Helen sowie zu seinem weitgehend abwesenden Vater. In der zweiten Staffel rückt dann seine Beziehung zu Mags Bennet in den Mittelpunkt. Hier drücken sich verschiedene Facetten seines Charakters aus, spiegeln sich seine Vergangenheit und seine Entscheidungen wider. Die Idee zu der Figur Mags Bennett stammt indes von Elmore Leonard selbst. Weiterlesen

Von „Pronto“ zu „Justified“ – Die Figur Raylan Givens

Er zieht seinen Revolver nur, um zu töten. Dieser Maxime folgt US Marshal Raylan Givens, geschaffen von Elmore Leonard in seinem Roman „Pronto“, verfeinert in „Riding the Rap“ und der Erzählung „Fire in the Hole“, Hauptfigur der Fernsehserie „Justified“ und nun abermals Titelfigur in Elmore Leonards 45. Werk „Raylan“. An dieser Figur lässt sich nicht nur Elmore Leonards Talent zur Charakterisierung zeigen, sondern auch die Flexibilität des Autors hinsichtlich seiner Figuren – und die Schwierigkeiten, die bisher jede Adaption eines Werks von Elmore Leonard begleitet haben.

Rückblick: Raylan in „Pronto und „Riding the Rap“

Bei seinem ersten Auftritt in „Pronto“ versucht Raylan Givens, den Buchmacher Harry Arno vor der Mafia zu schützen und zugleich einen eigenen Patzer auszugleichen: Genau dieser Harry Arno ist ihm bereits zweimal entwischt. Dabei erweist sich der US Marshal als eine geradlinige Figur, die tut, was getan werden muss. Ist er gezwungen, einen Mann zu töten, quälen ihn hinterher keine Gewissensbisse, aber er ist auch kein Revolverheld. Stattdessen hat er die Lage stets unter Kontrolle, wenngleich sein mitunter trotteliges Verhalten etwas anderes aussagen könnte. Doch das ist ein Trugschluss. Außerdem steht Raylan zu seinem Wort. Daher meint er auch das Ultimatum an den Killer „The Zip“ ernst: Wenn er innerhalb von 24 Stunden nicht die Stadt verlässt, wird er ihn töten. In „Riding the Rap“ konfrontiert ihn nun vor allem seine neue Freundin Joyce mit Gewissensfragen. Sie kann nicht verwinden, dass er einfach einen Mann erschossen hat – und zweifelt daran, dass Raylan die Situation tatsächlich im Griff hatte. Raylan irritieren, ja, nerven diese Zweifel, allerdings stellt Joyce diese Fragen zurecht. Vor allem aber wird Raylan durch dieses Buch immer mehr zu einem Westernhelden, der mit seinem Hut und seinen Schießkünsten in einer Kriminalgeschichte steckt.

Der Serienauftakt: „Fire in the Hole“

Timothy Olyphant als Raylan Givens (c) SPHE

Es ist die Kurzgeschichte „Fire in the Hole“, die letztlich dazu geführt hat, dass Raylan Givens als Fernsehfigur geschaffen wurde. Elmore Leonard hat diese Geschichte dem Produzenten Graham Yost angeboten, der daraus eine Pilotfolge entwickelt hat. Dabei folgt die erste Episode der Serie „Justified“ der Geschichte eng: Raylan Givens wurde in seine alte Heimat Kentucky strafversetzt und muss nun in Harlan County seinen Dienst versehen. Dabei stößt er durch einen Mordfall und einen Anschlag auf eine Kirche auf seinen alten Bergwerkkumpel Boyd Cowder, der sich Neo-Nazi-Gruppe angeschlossen hat. Letztendlich ist Raylan nahezu gezwungen, Boyd Cowder zu töten. Damit schließt diese Kurzgeschichte an die bisherigen Geschichten über Raylan Givens an, aber für die Serie entschloss sich Graham Yost zu einigen klugen Abweichungen. Weiterlesen

„Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ – Vom Buch zum Film

(c) S. Fischer

Piscine Molitor Patel, benannt nach einem französischen Schwimmbad, lebt mit seinen Eltern und seinem Bruder in der ehemals französischen Kolonie Pondicherry in Indien. Sein Vater ist Zoodirektor und Pi – so nennt er sich, um den Hänseleien seiner Klassenkameraden zu entgehen – wächst weitgehend unbeschwert auf. Während sich sein Bruder ganz dem Cricket verschrieben hat, findet Pi in der Religion und Biologie sein Zuhause. Er ist zugleich Moslem, Christ und Hindu und interessiert sich sehr für Zoologie. Unzufrieden mit den politischen Entwicklungen in Indien und aus Angst, das bisherige Leben nicht aufrechterhalten zu können, beschließt Pis Vater, nach Kanada zu gehen. Er verkauft die Zootiere, und die Familie reist mit ihnen auf einem japanischen Frachter. Eines Nachts kommt es zu einem Zwischenfall – und das Schiff sinkt. Pi findet sich mit einem Zebra, einer Hyäne, einem Orang Utan auf einem Rettungsboot wieder. Nach einigen Tagen sind nur noch der Tiger namens Richard Parker und Pi am Leben. Pi erkennt, dass er sich mit dem Tiger arrangieren muss. Hierfür muss er zum einen seine Angst überwinden, denn sein Vater lehrte ihn in einer grausamen Lektion die Gefahr dieses Tieres – und zum anderen einen Weg finden, mit Richard Parker zurechtzukommen. Außerdem warten weitere Herausforderungen auf ihn: Er braucht Nahrung und Wasser, muss Stürmen und Haien trotzen, vor allem aber darf er nicht die Hoffnung verlieren.

Erzählweise und Deutungsmöglichkeiten

Patel (Suraj Sharma) mit dem Tiger Richard Parker (c) 2012 Twentieth Century Fox

Vom Anfang des Buches „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel an steht fest, dass Pi diese Reise überleben wird, da er in Kanada einem Schriftsteller diese Geschichte erzählt. Der Schriftsteller wurde von Pis altem Freund Adirubasamy nach Kanada geschickt wurde, der ihm prophezeit hatte, durch Pis Geschichte werde er an Gott glauben. Diese Rahmenerzählung bedeutet aber noch etwas anderes: Wenn es nicht um Pis Überlebenskampf geht, dann muss die Geschichte eine weitere Bedeutung haben Weiterlesen

Die Schwierigkeiten bei einer Literaturverfilmung – Über „Die Wand“

Wie verfilmt man einen inneren Bericht? Mit dieser Frage sieht sich jeder konfrontiert, der Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ auf die Leinwand adaptieren will. Völlig aus der Sicht der namenlosen Hauptfigur erzählt, mit wenigen Ereignissen und vielen Seelenzustanden ist „Die Wand“ ein grandioser Roman – als Film aber schwer vorzustellen. Denn dazu sind gleich zwei literarische Hürden zu überwinden: die Ich-Erzählperspektive und die Inneneinsichten der Erzählerin

Über den Roman „Die Wand“

(c) List

Bereits 1963 entstanden ist „Die Wand“ Marlen Haushofers erfolgreichster Roman. Die namenlose Ich-Erzählerin schreibt einen Bericht über die Ereignisse der letzten Jahre, um in einem einsamen Winter in den Bergen nicht in eine Depression zu verfallen. Vor gut zwei Jahren ist sie mit ihrer Cousine und deren hypochondrischen Ehemann zu deren Jagdhütte in die Berge gefahren. Am Nachmittag brach das Ehepaar zu einem Besuch im nahegelegenen Dorf auf, war aber am nächsten Morgen noch nicht zurückgekehrt. Also machte sich die Frau mit dem Hund Luchs ebenfalls auf den Weg ins Dorf. Sie ging eine menschenleere Straße entlang, als sie plötzlich mit der Stirn an etwas stieß. „Verdutzt streckte ich die Hand aus und berührte etwas Glattes und Kühles: einen glatten, kühlen Widerstand an einer Stelle, an der doch gar nicht sein konnte als Luft. Zögernd versuchte ich es noch einmal, und wieder ruhte meine Hand wie auf der Scheibe eines Fensters.“ Anfangs ist sie irritiert, dann bemerkt sie, dass sie tatsächlich allein auf der Straße ist. Sie geht weiter zu einem kleinen Gehöft, entdeckt dort aber nur einen Mann, der bewegungslos an einem Brunnen verharrt. Sie kann zu ihm nicht vordringen, sondern wird abermals von der unsichtbaren Wand zurückgehalten. Weiterlesen

Der erste Auftritt von Raylan Givens – „Pronto“ von Elmore Leonard

Harry Arno hat ein Problem: Er kann sich einfach nicht zur Ruhe setzen. Seit Jahrzehnten arbeitet er als Buchmacherfür die Mafia, hat die Gangster kommen und gehen sehen und seinen Ausstieg geplant. Mit dem Geld, das er seit eben dieser Zeit von den Gewinnen abschöpft, will er sich in Italien zur Ruhe setzen. In dem Haus, in dem einst Ezra Pound lebte. Aber an seinem 65. Geburtstag hat er entschieden, doch noch ein weiteres Jahr weiterzumachen. Und genau diese Entscheidung erweist sich als verhängnisvoll. Der ehrgeizige FBI-Agent McCormick hat sich in den Kopf gesetzt, Harrys momentanen Boss „Jimmy Cap“ Capotorto ins Gefängnis zu bringen. Dafür braucht er Harry. Um ihn zur Kooperation zu zwingen, wollte er ihm eine Straftat anhängen – und bei Jimmy Cap den Verdacht erregen, Harry betrüge ihm um große Summen. Dann – so McCormicks Plan – würde sich Harry hilfesuchend an die Polizei wenden. Aber er hat die Rechnung ohne Harrys Ausstiegsplan gemacht. Als Harry überzeugt ist, dass Jimmy Cap ihn von dem Killer Zip aus dem Weg räumen will, bereitet er seinen Abgang aus dem Süden Floridas vor. Zum zweiten Mal in seinem Leben übertölpelt er den US-Marshal Raylan Givens und setzt sich nach Italien ab. Allerdings weiß Raylan, dass Harry zwar clever, aber nicht sonderlich vorsichtig ist – und begibt sich auf die Suche nach ihm.

Scharfe Dialoge und knappe Charaktisierungen
„Pronto“ (dt. Titel „Jede Wette“) ist ein sehr unterhaltsamer Elmore-Leonard-Roman, der einmal mehr beweist, wie spannend ein von Dialogen und Charakteren vorangebrachter Roman sein kann. Seine Kunstfertigkeit zeigt sich schon zu Anfang des Romans, an dem er auf knapp eineinhalb Seiten nicht nur Harry Arno, sondern auch seine Beziehung zu der Ex-Stripperin Joyce Patton charakterisiert. Weiterlesen