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Anmerkungen zu der dritten Staffel von „Sherlock“

Hinweis: Dieser Artikel behandelt die komplette dritte Staffel von „Sherlock“ und enthält daher viele Spoiler!

Wie weit darf man es mit dem Zuschauer treiben? Diese Frage habe ich mir während der dritten Staffel von „Sherlock“ einige Male gestellt. Ich mag „mindfucking“ Filme und Serien, ich liebe es, in die Irre und auf falsche Fährten gelockt zu werden. Jedoch gibt es auch innerhalb der Serienfiktion Grenzen und die Gefahr, dass alles nur noch zum Spiel wird.

Folge 1 – Der leere Sarg

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Die erste Folge beginnt mit der erwarteten Wiederkehr von Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch), im Mittelpunkt steht daher das Wiedersehen mit seinen Mitstreitern und insbesondere John Watson (Martin Freeman). Insbesondere die erste halbe Stunde ist sehr unterhaltsam: Es werden mögliche Szenarien abgehandelt, wie Sherlock sein Ableben inszeniert haben könnte, immerhin gibt es nach seiner eigenen Sherlocks Aussage 16 Varianten – allein, wie er es letztlich getan hat, wird nicht aufgelöst, vielmehr reichen die verschiedenen Möglichkeiten. Hier reflektiert die Serie sehr schön die vielen Spekulationen, die es nach dem Ende der zweiten Staffel gab, außerdem vereint diese erste Folge alle Qualitäten der ersten beiden Staffeln: Sie ist temporeich, steckt voller Anspielungen und unterhält sehr gut.

Die offensichtlichste Quelle für diese Folge, auf die auch der Titel anspielt, ist die Kurzgeschichte „Das leere Haus“, in der Sir Arthur Conan Doyle die Umstände von Sherlocks vorgetäuschtem Tod enthüllt und er nach London zurückkehrt, um Moriartys Kompagnon zu überführen. Johns Verlobung mit Mary Morstan findet bei Doyle indes in dem Roman „The Sign of the Four“ statt (in dieser Folge Mary zu sehen, wie sie in Johns Blog eine Geschichte liest, die ein Auszug aus diesem Buch ist), der in der nächsten Episode aufgegriffen wird. Daneben gibt es weitere kleinere Anspielungen auf Geschichten von Arthur Conan Doyle, insgesamt deutet sich aber an, dass die ‚bromance‘ zwischen Sherlock und John größeren Raum einnehmen wird.

Folge 2: Im Zeichen der Drei

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bereits der Titel verweist auf die offensichtliche Inspiration der Folge – „The Sign of the Four“ – und im Mittelpunkt steht Marys (Amanda Abbington) und Johns Hochzeit. Nun hätte ich kaum gedacht, dass ich jemals über eine „Sherlock“-Folge sagen werden, dass sie langweilig ist. Aber in dieser Episode wird sehr viel Zeit darauf verwendet, abermals Sherlocks und Johns Verhältnis zu beschreiben, bekannte Charakterzüge noch einmal deutlich zu machen, es gibt viele Anekdoten und kleine Witzeleien, die mit einem letztlich wenig interessanten Fall und vielen kleineren Fällen kombiniert werden. Vielleicht hätte mir diese Folge besser gefallen, wenn ich eine große Sherlock/Cumberbatch-Aficionada wäre. Fraglos spielt er diese Rolle großartig, harmoniert mit Martin Freeman nahezu perfekt und ist seine Rede auf der Hochzeit wirklich amüsant – aber die Figuren und Schauspieler allein tragen nicht eine ganze Folge. Dass es zu einem Vorfall auf der Hochzeit kommt, ist natürlich klar, einzig überraschend sind hier abermals Marys Qualitäten, die energisch zur Tat schreitet. Jedoch stimmt insgesamt das Erzähltempo nicht, außerdem wird auf die Ereignisse der vorgehenden Episode nicht Bezug genommen. Weder Johns Kidnapping wird erwähnt, noch gibt es weitere Entwicklungen mit Charles Magnusson, der anscheinend in dieser Staffel der große Bösewicht sein soll. Stattdessen werden weiterhin Sherlocks Seelenleben und Persönlichkeit erkundet, auch wird sein Bruder Mycroft – der ohnehin immer breiteren Raum einnimmt – immer mehr zu einem Verbündeten und zugleich einem Widersacher. In Verbindung mit einer stärkeren Handlung wäre es eine sehr interessante Entwicklung gewesen, aber so bleibt doch der fade Nachgeschmack, dass in einer Serie, die pro Staffel aus drei Folgen besteht, viel Zeit verschwendet wurde.

Folge 3: Sein letzter Schwur

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Der Plot der Folge basierten im Wesentlichen auf Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Adventure of Charles August Milverton“, auf die bereits der Name Charles August Magnussen (Lars Mikkelsen) anspielt. Er ist hier ein Zeitungsmogul, der über ein umfangreiches Archiv voller belastender Materialien verfügt (die Verweise auf Rupert Murdoch sind mehr als deutlich). Sherlock und John Watson wollen einige der Briefe zurückholen, zumal Magnussen auch Mary erpresst. Und was bereits für John Watson galt, trifft auch auf seine Frau zu: Wer sich mit dem Ehepaar Watson anlegt, bekommt es mit Sherlock Holmes zu tu!

Die Anspielungen auf Sherlocks Heroinsucht und andere Fälle sind gelungen, auch ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, dass er mit Charles August Magnussen wieder einen ebenbürtigen Gegenspieler hat. Allerdings wird diese Figur nahezu verheizt: In der ersten Folge der Staffel erwähnt, in der zweiten vergessen, wird er nun innerhalb einer Folge zu dem Mann, der Sherlock am meisten hasst, stilisiert, dann wird aber seine Überlegenheit dramaturgisch nicht ausgenutzt, sondern er verschwindet dank eines soziopathischen Anfalls von Sherlock von der Bildfläche. Dafür bleiben viele Fragen offen: Magnussons „mind-palace“ ist eine raffinierte Idee, wie konnte er aber so viele Menschen erpressen, ohne physische Beweise zu haben? Reicht tatsächlich eine Behauptung schon aus? Falls ja: Warum sollte ich mich auf die Glaubwürdigkeit der Behauptung verlassen? Ohnehin verlangt Drehbuchautor Steven Moffat, dass man vieles hinnimmt – allein weil es eine weitere Wendung verspricht. Es gibt so viele abgerissene und wieder aufgegriffene Erzählstränge, dass es fast schon wahllos wirkt. Und dass Mary sich plötzlich als Auftragsmörderin entpuppt, mag sicher zum Teil mit Johns Faible für gebrochene Menschen zusammenhängen, ist aber selbst für John schwer zu glauben. Und wie konnte sie anfangs auch Sherlock täuschen? Sogar bei der überraschenden Wiederkehr von Moriarty zumindest der schale Nachgeschmack, dass er ein wenig zu früh zurückkehrt. Gerade wenn ich mich auf die Tendenz einlasse, dass es mehr im Sherlocks Seelenleben geht, wäre es doch spannender, wenn Moriarty noch eine Staffel einfach nur in Sherlocks Kopf weitergelebt hätte. Zumal er mit Magnussen einen vielversprechenden Nachfolger gehabt hätte. Abgesehen davon halte ich es durchaus für möglich, dass das Video bereits vor seinem Tod entstanden ist und nun einem Masterplan folgend von einem seiner Schergen benutzt wird. Schließlich ist ein Kopfschuss nicht so leicht vorzutäuschen – es sei denn, wir erfahren nun, dass Sherlock damit die ganze Zeit gerechnet hat, schließlich war er der einzige, der den Selbstmord mit angesehen hat.

Fazit

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Insgesamt steht in dieser Staffel der Charakter von Sherlock viel mehr im Mittelpunkt als die Fälle, die Jagd nach den Bösewichtern. Indem die Serie zunehmend die soziopathische Seite des Detektivs erkundet, bleibt weniger Zeit für die Einführung von Gegenspielern und Ermittlungen, so dass die Aufklärung allein Sherlocks ‚Superkräften‘ anzulasten ist. Außerdem wird seine Involvierung in die Geheimdiensttätigkeiten seines Bruders beständig betont, daher wird er immer mehr zum ‚Agenten seiner Majestät’, wird zu einem Helden, der gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss. Vom Detektiv aus der Baker Street bleibt somit immer weniger übrig und ich frage mich, ob er durch die ständige Betonung seiner Genialität sowie Exzentrik nicht auch seine Individualität einbüßt. Es mag zunächst widersprüchlich klingen: Aber ist dieser Sherlock, der insbesondere durch die Fähigkeiten seines Gehirns beeindruckte, nicht längst eine so entrückte Figur geworden, dass diese Talente nicht mehr besonders gefragt sind? Ist er mehr Geheimagent denn Privatdetektiv? Mir hat jedenfalls das Geheimnisvolle gefehlt, die Neugier und die Spannung. Sicher war „Sherlock“ niemals eine „detective show“, sondern eine Serie über einen Detektiv (so hat es Mark Gatiss selbst einmal formuliert), aber auch eine Serie über einen Detektiv braucht mehr als immer noch eine Wendung, noch eine Drehung und noch ein überraschendes Moment. Und hier läuft die Serie meiner Meinung nach trotz der guten Schauspieler, der vielen tollen und originellen Szenen Gefahr, den Bogen schlichtweg zu überspannen.

„Im Zeichen der Drei“ und „Sein letzter Schwur“ werden am 8. und 9. Juni um 21:45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Die BBC-Serie „Call the Midwife – Ruf des Lebens“

Jenny Lee mit den Nonnen (c) UPHE

Eigentlich dachte die 22-jährige Krankenschwester und Hebamme Jenny Lee (Jessica Raine), sie würde im Londoner East End der 1950er Jahre eine Stelle in einem kleinen privaten Krankenhaus antreten. Stattdessen landet sie in einem Kloster, in dem die Frauen des Viertels Geburtshilfe und Unterstützung bekommen. Da sie selbst vom Land kommt, ist das Leben dort anfangs ein Schock für sie: kleine beengte Wohnungen, mit teilweise erschreckenden hygienischen Verhältnissen, und bei den meisten Frauen folgt eine Schwangerschaft auf die andere. Aber Jenny Lee beißt sich durch – und entdeckt die liebenswerten Seiten ihres neuen Lebens.

Beengte Wohnungen im East End (c) UPHE

Basierend auf den Erinnerungen von Jennifer Worth erzählt die BBC-Serie „Call the Midwife – Ruf des Lebens“ von dem Leben im Londoner East End Ende der 1950er Jahren und überzeugt vor allem mit ihrem Produktionsdesign. Die Kulissen, die Kleidung und jedes Detail passen perfekt und lassen die Atmosphäre jener Jahre sehr spürbar werden. Hinzu kommt die Handlung: In jeder Episode der Serie wird eine in der Regel abgeschlossene Geschichte erzählt, die ein Schlaglicht auf die Probleme der damaligen Zeit wirft. Dazu gehören dicht aufeinanderfolgende Schwangerschaften, die Gefahr einer Schwangerschaftsvergiftung, Prostitution und falsche Vaterschaften. Aber es werden auch die Errungenschaften des National Health System herausgestellt, die vielen Frauen das Leben retteten. Zumeist sind die erzählten Geschichten rührend und entlarven eher nebenbei die Zustände der Zeit. Dabei ragt insbesondere die Episode „We are Family“ („Geschwisterliebe“) heraus, die von der Liebe zwischen einem Bruder und seiner Schwester handelt. Anstatt einer standardisierten Inzest-Story wird hier von dem Leben zweier Waisenkinder erzählt, die immer nur sich selbst hatten. Bei aller Dramatik im Plot behält die Serie aber stets einen leichten Erzählton bei, der sie unterhaltsam macht – und zudem verhindert, dass sie allzu sehr in Kitsch abdriftet. Weiterlesen

Media Monday #66

Trotz Grippe beantworten ich tapfer die Fragen des Media Monday. 😉

1. Dan Aykroyd gefiel mir am besten in „Blues Brothers“.

2. Lucio Fulci hat mit „Jeder Dieb braucht ein Alibi“ seine beste Regiearbeit abgelegt, weil ich keinen anderen seiner Filme gesehen habe – und mich auch an diesen nur Aufgrund des Titels erinnern konnte.

3. Angelina Jolie gefiel mir am besten in „Girl, Interrupted“, da sie hier noch völlig unbeschwert von irgendwelchen Erwartungen gezeigt hat, dass sie schauspielern kann. Außerdem ist sie mir noch sehr von „Gia – Preis der Schönheit“ in Erinnerung. Weiterlesen

Sherlock – Ein Skandal in Belgravia

Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, li.) und Dr. John Watson (Martin Freeman) © ARD Degeto/BBC/Hartswood Films/Colin Hutton

Nahtlos knüpft die erste Folge der zweiten Staffel von der sehenswerten BBC-Reihe „Sherlock“ an das spannende Ende von „Das große Spiel“ an: Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und John Watson (Martin Freeman) stehen im Schwimmbad Moriarty (Andrew Scott) gegenüber, der scheinbar alle Vorteile auf seiner Seite hat. Aber dann erklingt sein Telefon – und dieser Anruf scheint ihm eine interessantere Alternative zu eröffnen.

Mit viel Spannung wurde die Fortsetzung der bei Kritikern und Zuschauern gleichermaßen erfolgreichen Serie erwartet. Und „Ein Skandal in Belgravia“ (Drehbuch: Steven Moffat, Regie: Paul McGuigan) erfüllt alle Erwartungen mühelos, übertrifft sie sogar. Vorbild der Handlung dieser Episode ist die Geschichte „Ein Skandal in Böhmen“ von Arthur Conan Doyle. Dort hat die gerissene Irene Adler eine Affäre mit dem König von Böhmen und ist im Besitz eines Nacktfotos, das Sherlock ihr abnehmen soll. In der modernen Adaption ist Irene Adler (gespielt Lara Pulver, auch bekannt als Claudine Crane in „True Blood“) eine nicht minder clevere Domina, die kompromittierende Fotos eines weiblichen Mitglieds des britischen Königshauses hat. Sherlocks Bruder Mycroft (Mark Gattis) möchte nun, dass Sherlock diese Bilder besorgt und das Königshaus vor Schaden bewahrt. Weiterlesen

Neulich im Fernsehen – „Sherlock – Der blinde Banker“

Holmes und Watson © ARD Degeto/BBC/Hartswood Film

Sehr unterhaltsam war gestern Abend die zweite Folge der „Sherlock“-Reihe, die in der ARD zu sehen war. Nachdem die Hauptcharaktere Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und John Watson (Martin Freeman) im ersten Teil („Ein Fall von Pink“) eingeführt wurden, agieren sie in „Der blinde Banker“ schon routiniert miteinander. Watson kennt Holmes‘ Macken, ist ob ihrer Ausgeprägtheit dennoch überrascht und versteigt sich sogar in eine Imitation des Meisterdetektivs. Das Zusammenspiel von Cumberbatch und Freeman funktioniert wunderbar, es sorgt für Spannung und Komik – zumal beide Figuren ihr im ersten Teil angedeutetes Profil schärfen. Dabei hat mir besonders gefallen, dass vorhandende Eigenschaften weiter entwickelt und nicht weitere Fertigkeiten hinzugefügt wurden. In dem in der Folge untersuchten Fall ist Holmes‘ Kombinationsgabe besonders gefragt, also konzentrieren sich die Drehbuchautoren auf diesen Aspekt – und führen nahezu nebenbei seine Kampffähigkeiten ein. Auch die Eigenheiten der Beziehung von Holmes und Watson, die im ersten Teil angelegt wurden, werden erneut aufgegriffen, so wird Watson im Verlauf der Ermittlungen hungriger und müder, weil Essen und Schlaf für Holmes nicht wichtig sind. Und mir ist aufgefallen, dass ich mich an Benedict Cumberbatch in der Rolle des Sherlock Holmes schon sehr gewöhnt habe. Weiterlesen

Neulich im Fernsehen: Sherlock Holmes ermittelt im 21. Jahrhundert

© ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

Gestern lief in der ARD die erste Folge der im Vorfeld hochgelobten BBC-Serie „Sherlock“, die Anfang Juni in Großbritannien als beste Drama-Serie von der BAFTA ausgezeichnet wurde. Und tatsächlich ist „Sherlock Holmes“ eine gelungene und innovative Serie mit vielen interessanten Einfällen und hochwertiger Produktion.

Insbesondere hat mir die Umsetzung der Idee gefallen, die Handlung in die Gegenwart zu verlagern. Hier ist es den Drehbuchautoren Steven Moffat und Mark Gatiss wunderbar gelungen, dem Charme und den Besonderheiten der originalen Figur nahezubleiben und eine zeitgenössische Adaption zu schaffen. In den Doyle-Büchern ist Sherlock Holmes ein zunehmend düsterer Exzentriker, heutzutage wird er als „Psychopath“ (von dem missgünstigen Tatortermittler Anderson) oder als „hochfunktionaler Soziopath“ (Selbstbeschreibung) gesehen. Seine mögliche Homosexualität wird gerade in der ersten Folge häufig angesprochen, er gibt selbst zu, dass er mit Frauen Schwierigkeiten hat. Und Dr. Watson lernt er kennen, weil er einen Mitbewohner sucht – die Wohnungen inmitten von London sind schließlich teuer. Die obligatorische Pfeife raucht er nicht mehr, sondern er greift auf Nikotinpflaster zurück, da kein Raucher mehr in London ein anständiges Leben führen könne. Diese Kleinigkeiten haben mich sehr begeistert, obwohl ich Benedict Cumberbatch als Schauspieler etwas zwiespältig gegenüberstehe. Allzu manieriert erscheint mir sein Gesichtsausdruck, zu exaltiert sein Spiel. Allerdings verleiht er auf dieser Weise seiner Figur auch den Charme des imperialen Zeitalters – und einen durchaus liebenswürdig-exzentrischen Zug.

Dr. Watson mit seiner neuen Vermieterin © ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

Entscheidend ist bei dieser Serie aber nicht die Leistung eines Hauptdarstellers, sondern das Zusammenspiel mit Martin Freeman in der Rolle des Dr. Watsons. Und hier stimmt die Chemie voll und ganz. Ebenfalls kürzlich mit einem BAFTA-Award geehrt, bringt Freeman einen Watson auf den Bildschirm, der nicht als armes Opfer von Sherlock Holmes (und dessen Autor) erscheint. Die Transponierung ins 21. Jahrhundert hat Dr. Watson ein klares, ebenfalls leicht abgründis Profil verschafft. Anstatt aus dem Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg kehrt er aus Afghanistan zurück und muss sich selbst eingestehen, dass er den Nervenkitzel vermisst. Daher treibt weniger die Neugier oder das intellektuelle Spiel an als vielmehr seine Sucht nach Gefahr. Zugleich lässt er Sherlock Holmes menschlicher erscheinen und liefert sich mit ihm zahllose witzige Dialoge.

Auch die traditionelle Erzählperspektive wurde mit den Möglichkeiten der heutigen Technik kombiniert. Der Zuschauer ist der Polizei stets einen Schritt voraus, dabei fand ich den Einfall, die SMS-Nachrichten und Holmes‘ Gedanken im Bild zu zeigen, sehr effektiv. Die Handlung erhält dadurch mehr Tempo, zudem wird eine Nähe zur Gedankenschnelle des Meisterdetektivs erzeugt.

Auf Mörderjagd © ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

„Sherlock“ ist fraglos eine der besten Serien, die seit langem in der ARD zu sehen waren. Die Einschaltquoten der ersten Folge waren sehr gut, daher bleibt zu hoffen, dass sich die Programmverantwortlichen endlich ein Herz fassen und mehr dieser qualitativ hochwertigen Fernsehstoffe zeigen. Und auch der Plot der nächsten „Sherlock“-Folgen klingt vielversprechend: im zweiten Teil geht es um eine Reihe von Morden, die mittels Graffiti angekündigt werden, im hochgelobten dritten Teil muss Holmes verhindern, dass unschuldige Menschen in die Luft fliegen, indem er bestimmte Verbrechen aufklärt. Ich werde nächsten Sonntag jedenfalls wieder dabei sein.