Schlagwort-Archiv: Australien

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Krimi-Kritik: „Die Schuld vergangener Tage“ von Peter Temple

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Eine alte Krimi- und eigentlich auch Lebensregel besagt, dass niemand seine Vergangenheit einfach so loswird. Sie prägt einen – und manchmal holt sie einen auch wieder ein. Spätestens „wenn Männer in Polizeiuniformen kamen, um einen am Straßenrand neben dunklen Kartoffelfeldern zu liquidieren, war das ein eindeutiges Zeichen, dass das neue Leben vorbei war“, meint überzeugend MacArthur John Faraday. Eigentlich wollte er einfach nur in Ruhe sein Leben in der alten Schmiede seines Vaters in einem kleinen Ort im Süden von Australien leben. Aber dann wurde sein Nachbar Ned erhängt in der Scheune aufgefunden. Mac glaubte nicht, dass Ned sich selbst getötet hat – und weil er früher einmal als verdeckter Ermittler bei der Drogenfahndung gearbeitet hat, forschte er ein wenig nach. Dadurch entdeckte er, dass Ned einen Zeitungsartikel aufbewahrt hat, in dem von einem Knochenfund zu lesen ist. Ein Mädchen wurde irgendwann 1984 nackt in einen Minenschacht geworfen. Dann erfuhr er von einem weiteren Mädchen, das nackt und mit Spuren von Misshandlungen neben einer einsamen Straße aufgelesen wurde – im Oktober 1985. Und hat damit anscheinend einige Mächtige so aufgeschreckt, dass ihm nachts zwei Polizisten auflauern … Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Hades“ von Candice Fox

Manche Bücher sind ein Höllenschlund, der sich öffnet und einen hineinzieht. Teilweise sogar mit so viel Raffinesse, dass man es beim Lesen gar nicht sofort bemerkt, sondern erst, wenn man das Buch ausgelesen und zugeklappt hat.

(c) Suhrkamp

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„Hades“ beginnt mit einem finster-guten Kapitel, in dem Hades – Herrscher über die Müllkippe und der Mann, an den man sich wendet, wenn man etwas verschwinden lassen will – ein Bündel erhält, in dem eine Kinderleiche zu stecken scheint. Danach wechseln Zeit und Perspektive: „Als ich Eden Archer das erste Mal erblickte, hielt ich mich für einen glücklichen Menschen“, erzählt Cop Frank Bennett, der gerade seiner neuen Partnerin bei der Mordkommission begegnet ist. Bald lernt er ihren Bruder Eric kennen, der dort ebenfalls arbeitet und eindeutig das Sagen auf dem Revier hat. Alle kuschen vor ihm. Aber Frank setzt sich tapfer zur Wehr, versucht Eden besser kennenzulernen, denn immerhin ist sie hübsch und seine Partnerin. Er ist ein hardboiled-Erzähler, der aber schon bald merkt, dass Eden – wie man so schön sagt – nicht seine Liga ist, ohne zu ahnen, wie weit entfernt sie von ihm ist. Oder auch nicht. Denn Candice Fox versteht es, mit Genreregeln zu spielen, sie genau so weit zu treiben, dass sowohl Kenntnis als auch Distanz zu spüren ist. Daher ist Eden nicht einfach unerreichbar, sondern sie lebt nach eigenen Regeln und einer eigenen Moral. Weiterlesen

Alan Carter (c) Megan Lewis

Krimi-Kritik: „Prime Cut“ von Alan Carter

(c) Edition Nautilus

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Drei blutige Taten stehen am Anfang von Alan Carters Krimidebüt „Prime Cut“: In Sunderland, England, werden am 5. Mai 1973 die Leichen der schwangeren Chrissy und ihrem Sohn Stevie gefunden. Sie wurden von ihrem Ehemann bzw. Vater erschlagen und mit Stromschlägen malträtiert. Am 8. Oktober 2008 entdeckt eine Lehrerin in einem kleinen Ort in West Australien am Strand einen Torso, der von einem Hai bearbeitet wurde. Vier Stunden später untersuchen Detective Sergeant Constable Philip „Cato“ Kwong und Sergeant Jim Buckley einen Verdacht auf tödlichen Viehdiebstahl, ebenfalls in West-Australien. Kwong wurde ins Viehdezernat strafversetzt, seit er in einen Korruptionsskandal verwickelt war. Er ist der einzige, dem eine Papierspur nachgewiesen werden konnte, deshalb hadert er genussvoll mit seinem Schicksal. Dann kommen ihm jedoch der Zufall und die dünne Personaldecke zur Hilfe: Kwong und Buckley befinden sich ganz in der Nähe des Küstenstädtchens Hopetown, in dem der Torso gefunden wurde, und sollen deshalb dort für einige Zeit die Ermittlungen unterstützen. Für Kwong ist es eine gute Gelegenheit, sich zu rehabilitieren und vielleicht mit seiner Karriere noch auf einen grünen Zweig zu kommen. Zusammen mit Buckley, der örtlichen Polizistin Tess Maguire und dem Neuling Greg Fisher beginnt er, den Fall zu untersuchen – und wenig später gibt es eine zweite Leiche und noch größere Ermittlungen. Weiterlesen

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„Die Verlobung“ von Chloe Hooper

„Es begann mit einem Brief, den er mir schrieb, abgeschickt in jenem April an die Adresse der Immobilienagentur meines Onkels. Ein dicker elfenbeinfarbener Umschlag mit meinem Namen darauf in eleganten Typen. Seine Annäherungsversuche hatten immer etwas zu Förmliches, als würde dieser Mann seine Absichten sogar vor sich selbst verbergen.“

(c) Liebeskind

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Alexander Colquhoun umgibt etwas Geheimnisvolles, das anziehend und beängstigend wirkt. Bereits seit einigen Monaten trifft sich Liesel – die Erzählerin – mit ihm in wechselnden Wohnungen, zu denen sie als Immobilienmaklerin Zugang hat. Sie lässt ihn in dem Glauben, sie sei eine Prostituierte, es ist für sie Teil ihres erotischen Spiels – und mit dem Geld kann sie ihre Schulden abbezahlen. Vielleicht gelingt ihr dann endlich der Neuanfang, von dem sie bei ihrem Umzug von England nach Melbourne geträumt hat. Dort hat sie im Zuge der Finanzkrise ihren Job verloren, außerdem wollte sie in einer neuen Umgebung alten Schwierigkeiten aus dem Weg gehen. Doch auch in Melbourne wird sie nicht sesshaft und will weiter nach Shanghai ziehen. Als Alexander von ihrer bevorstehenden Abreise erfährt, lädt er sie auf sein verlassenes Landhaus ein. Es grenzt an einen Nationalpark und erinnert mit seinem verfallen-verwunschenen, morbiden Charme an Manderley – und Bates Motel. Auch Alexander hat sowohl Seiten von Maxim de Winter als auch Norman Bates. Je länger Liesel dort bleibt, desto gefangener fühlt sie sich. Sie spürt die Schatten anderer Frauen und von Alexanders Mutter, und ihr dämmert, dass Sex doch nicht so ein guter Weg ist, sich kennenzulernen, wie es nach ihrer Aussage andere Leute glaubten. Schon bald weiß sie nicht mehr, ob sie sich in ihrer Rolle befindet oder das Spiel längst in die Realität übergangen ist.

In „Die Verlobung“ inszeniert Chloe Hooper ein faszinierendes Spiel zwischen zwei Charakteren, in denen der Leser von Anfang an Liesels Perspektive unterworfen ist und sich somit auf ihre Wahrnehmung und Einschätzung verlassen muss. Anfangs erscheint die Ausgangslage klar, jedoch stellen sich bald erste Störungen ein, die zunächst an Alexander, dann an Liesel zweifeln lassen. Mal ist Alexander ein unbeholfener Farmer, dann schlachtet er bestialisch einen Schwan ab. Vielleicht ist er schizophren oder ein Soziopath. Doch lässt sich Liesel sehr bereitwillig immer wieder auf ihn ein, auch ihre Wahrnehmung scheint getrübt. Sie könnte eine Prostituierte oder Nymphomanin sein, die sich ihre Sucht nicht eingesteht. Wohl dosiert sind die Wendungen, die die Handlung nimmt, dadurch gerät zudem aus dem Blickwinkel, dass sich ja alles doch als das Spiel entpuppen könnte als das es einst angefangen hat. Die Frage ist nur – wann genau. Sicher ist daher am Ende dieses raffinierten Romans rein gar nichts.

Chloe Hopper: Die Verlobung. Übersetzt von Michael Kleeberg. Liebeskind 2014.

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„Beraubt“ von Chris Womersly

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Vor Jahren musste Quinn Walker die heimatliche Kleinstadt Flint verlassen, als er für den Mörder seiner jüngeren Schwester gehalten wurde. Die Bewohner, sein Onkel und sogar sein Vater sind seit damals von seiner Schuld überzeugt, weil er blutbesudelt mit dem Messer über ihrer Leiche gefunden wurde. Nun ist er aus dem Großen Krieg zurückgekehrt; zerlumpt, traumatisiert und verwundet. Er hält sich in den Bergen in der Nähe von Flint versteckt und will seiner Mutter die Wahrheit gestehen: Er hat seine Schwester nicht getötet, aber er weiß, wer ihr Mörder ist. Noch immer hegen sein Vater und sein Onkel, der mittlerweile das Gesetz in Flinn vertritt, Rachegelüste und wollen ihn hängen sehen, also muss er sich vorsichtig verhalten. Da seine Mutter an der Spanischen Grippe leidet und unter Quarantäne steht, schleicht er sich heimlich zu ihr hin und erzählt ihr von seinem Leben und seinen Erinnerungen. Ist er nicht bei ihr, streift er durch die Berge. Dort trifft er auf das Waisenmädchen Sadie Fox. Seit ihre Mutter gestorben ist, wartet sie in einer einsam gelegenen Hütte auf die Rückkehr ihr Bruders und hält versteckt sich ebenfalls t vor Quinns Onkel, der sie in Waisenhaus bringen will. Sadie ist ein merkwürdiges Mädchen: Sie spricht mit Tieren und Pflanzen und ist erstaunlich hellsichtig. In ihr findet Quinn – anfangs widerwillig, später willkommen – eine ideale Begleiterin. Es scheint fast, als würde sie seine dunkelsten Geheimnisse kennen.

Australien im Jahr 1919 ist ein ungewöhnlicher Schauplatz für eine packende Rachegeschichte. Chris Womersley nutzt die Nöte und Schrecken des Krieges als Folie für die Traumatisierung eines jungen Mannes und schildert die Folgen des Krieges, der Grippewelle und der allgegenwärtigen Not so eindringlich, dass man beim Lesen die Sehnsucht der Hauptfigur nach einer Orange fast teilt. Dabei spiegelt sich die Grausamkeit eines weltumspannenden Krieges in der Rachsucht und Ignoranz einer kleinen Dorfgemeinschaft, treffen die Schrecken und Tötungen des Krieges auf einen psychopathischen Polizisten, der das Dorf kontrolliert. Es sind verstörte und verunsicherte Gesellschaften in Europa – und in Australien. Weiterlesen