Krimi-Kritik: „Zwei Leben“ von Tania Chandler

Ach ja, man kennt sie ja, diese psychologischen Thriller mit einer Ehefrau, die sich irgendwie nicht richtig an irgendetwas erinnern kann und dann gerät ihr Leben aus den Fugen. Dachte ich. Aber irgendwann sagte ich mir auch mal, dass ich bei australischen Spannungsromanen nun wirklich einfach mal alles lesen könnte, was übersetzt erscheint und damit hätte ich dann ein weiteres Land, in dem ich mich gut auskenne. Wie Irland. Oder Finnland. Oder irgendwann hoffentlich mal Frankreich. Also nahm ich Tania Chandlers „Zwei Leben“ mit in den Urlaub – und erlebte einen unfassbar aufregenden Spannungstrip. Denn „Zwei Leben“ ist eines jener berühmt-berüchtigten Bücher, die man anfängt und dann in einem Rutsch durchliest.

(c) Suhrkamp

Erzählt wird die Geschichte von Brigitte, die mittlerweile mit einem Polizisten verheiratet ist, zwei Kinder hat und eigentlich ein recht bürgerliches Leben in Melbourne führt. Wären da nicht die Arbeitszeiten ihres Mannes, ihre Neigung zum Alkohol und die Tatsache, dass sie einst einen Unfall überlebt hat, sich aber an vieles, was vorher war, nicht erinnern kann. Sie weiß nur, dass sie etwas mit einem Mord zu tun haben könnte und reagiert daher sehr nervös, als sie erfährt, dass eine Einheit für ungeklärte Fälle die Ermittlungen wieder aufgenommen hat.

In der Folge schaut man in „Zwei Leben“ gewissermaßen dabei zu, wie die Hauptfigur ihr neues Leben nach und nach und mit gnadenloser Konsequenz an die Wand fährt. Sie trinkt immer mehr und immer häufiger, irgendwann beginnt sie auch noch Pillen zu nehmen und verliert zunehmend die Kontrolle über sich. Dabei hat sie doch eigentlich ein schönes Dasein mit zwei bemerkenswert netten kleinen Kindern. Aber die Erinnerung, die sie nicht hat bzw. – wie nach und nach herausklingt – der sie sich nicht stellen will, ist zu übermächtig. Außerdem kriselt es in ihrer Ehe. Und sie bekommt immer wieder zu hören, ja, ahnt es wohl selbst, dass sie ziemlich kaputt sei. Dabei ist Brigitte eigentlich nur bemerkenswert jung und hat viel zu viel erlebt.

Von der ersten Seite an entwickelt Tania Chandler dank des knappen Erzählstils, den kurz eingestreuten Flashbacks und des konstanten Misstrauens gegenüber allen Figuren außer Brigitte einen starken, spannungstreiben Sog. Dabei ist eine kluge Entscheidung, den Roman in Teile zu gliedern – einzig der dritte Teil ist in seiner Ausführlichkeit überflüssig. Hier hätte ich mir ein wenig mehr Offenheit gewünscht, ein wenig dringlicheres Sehnen nach einer Art Happy End. Aber „Zwei Leben“ ist ein Debüt – und da sind drei überflüssige Seiten leicht zu verzeihen. Denn alles in allem zeigt dieses Buch, was in einer vermeintlich bekannten Formel stecken kann, wenn man sich ihr mit Mut und Konsequenz widmet.

Tania Chandler: Zwei Leben. Übersetzt von Karen Witthuhn. Hrsg. von Thomas Wörtche. Suhrkamp 2017.

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