Krimi-Kritik: „Untiefen“ von Sheena Kamal

(c) Ullstein

Eine interessante Protagonistin hat Sheena Kamal für ihr Debüt „Untiefen“ entwickelt: Nora Watts ist trockene Alkoholikerin und lebt mit ihrer Hündin Whisper in dem Keller des Bürogebäudes, in dem sie als Sekretärin und „hauseigener Lügendetektor“ eines Journalisten und Privatdetektivs arbeitet. Ihr Vater gehört vielleicht zu „einer der dreiundsechzig First Nations“, „vielleicht war er aber auch ein Métis“. Er starb, als sie noch klein war und so hat sie mit ihrer Schwester ihre Kindheit vor allem in Heimen und Pflegefamilien verbracht. Deshalb teilt sie mit den Kindern der indigenen Bevölkerung das Gefühl der Entwurzelung, aber ihr Leben verlief doch anders. Immer wieder übernimmt sie kleinere Privatdetektiv-Aufträge, nun wendet sich ein wohlhabendes Paar an sie, deren Tochter Bonnie entführt wurde. Die Eltern glauben, das Mädchen auf der Suche nach der leiblichen Mutter sei – und ahnen scheinbar nicht, dass ausgerechnet Nora die Mutter ist. Sie hat das Mädchen vor 15 Jahren nach einer Vergewaltigung auf die Welt gebracht.

Fortan begibt sich Nora auf die Suche nach der Verschwundenen und damit zugleich auf eine schmerzhafte Reise in ihre Vergangenheit, die dann doch nicht so schematisch verläuft wie es sich anhört. Dabei verhandelt Sheena Kamal spannend die Rolle der Herkunft und der Anpassung sowie den Umgang mit Traumata. Außerdem erfährt man einiges über Kanada, den Umgang des Landes mit den Rohstoffressourcen und der indigenen Bevölkerung, alles aus der Perspektive von Nora Watts, der egal ist, ob man sie mag. Daher landet man mit ihr in der Gosse, suhlt sich im Leid und stürzt immer wieder ab. Das ist natürlich längst alles nicht so radikal und bissig wie bei Liza Codys Lady Bag, doch hin und wieder blinzt ein grimmiger Humor auf, der sehr gut zu Nora Watts‘ Tendenz zur grausamen Selbstzerstörung passt. Leider entscheidet sich Sheena Kamal dann für eine Auflösung, die ein weiteres Thema in den Krimi einbringt, das ihn unnötig aufbläht. Hier stecken gewissermaßen zwei Bücher in einem – und in dem Versuch, beides zu verhandeln, macht es sich die Autorin unnötig schwer. Aber „Untiefen“ ist ein Debüt und der Auftakt zu einer Trilogie, bei der man hoffen darf, dass sie in dem zweiten Teil stärker auf den dreckigen Humor setzt, der hervorragend zu der Protagonistin passt.

Sheena Kamal: Untiefen. Übersetzt von Sybille Uplegger. Ullstein 2017.

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