Krimi-Kritik: „Danach“ von Koethi Zan

(c) S. Fischer

„In den ersten zweiunddreißig Monaten und elf Tagen unserer Gefangenschaft waren wir dort unten zu viert. Und dann, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, waren wir nur noch drei.“ Sarah Farber hat Unfassbares überlebt: Über drei Jahre war sie mit drei anderen Mädchen in einem Verlies eingesperrt, sie wurde gefangen gehalten und gefoltert. Sie verlor ihre beste Freundin Jennifer. Dann gelang ihr die Flucht – und seither führt sie ein Leben in Angst. Ihre Wohnung in New York wagt sie kaum zu verlassen, sie arbeitet von zu Hause aus und ist zehn Jahre später weiterhin in Therapie. Zu ihren Mitgefangenen Tracy und Christine hat sie keinen Kontakt. Nun muss Sarah ihre Routine verlassen: Zwar wurde der Täter damals gefasst und verurteilt, doch seine Bewährungsanhörung steht bevor. Er hat gute Chancen, freigelassen zu werden, da ihm die Ermordung von Sarahs bester Freundin niemals nachgewiesen werden konnte und er eine Verlobte hat, die ihm ein stabiles Umfeld bieten wird. Deshalb bittet FBI-Agent McCordy Sarah, erneut gegen ihren Peiniger auszusagen. Anfangs kann sie es sich kaum vorstellen, ihm abermals gegenüberzutreten. Aber dann begibt sie sich auf die Suche nach der Frau, die ihren Entführer nun heiraten will. Dabei führen sie ihre Nachforschungen unweigerlich zurück in die Vergangenheit – und auf die Spur weiterer Verbrechen.

Nach dem Verbrechen
„Danach“ beginnt mit einem spannenden Ausgangspunkt: Sarah hat eine Entführung überlebt und muss nun mit dem Folgen kämpfen. Dabei enthüllt Koethi Zan sukzessive, was Sarah, ihre beste Freundin Jennifer und die beiden anderen Mädchen in dem Keller durchmachen mussten. Hier setzt sie vor allem auf die psychologische Folter, der die Mädchen ausgesetzt sind, und unter deren Folgen sie heute noch leiden. Ihr Entführer schreibt ihnen weiterhin Briefe, um die Kontrolle zu behalten – und tatsächlich fürchtet sich Sarah davor, dass er in ihren Kopf eindringen kann. Das ist anfangs spannend, allerdings werden ihre Ängste so stereotyp wiederholt, dass auch der letzte Leser mitbekommen haben sollte, wie schwer es ihr fällt, wieder aktiv zu werden und ihre Wohnung sowie New York zu verlassen. Dafür wird sie dann aber in kurzer Zeit erstaunlich mutig – und diese rapide Entwicklung ist wenig plausibel. Glücklicherweise erhält Sarah dann Unterstützung von ihrer damaligen Mitgefangenen Tracy, die zugleich ein guter Gegenpart für sie ist. Tracy ist mit dem damaligen Erlebnissen weitaus konfrontativer umgegangen, außerdem wirft sie Sarah weiterhin ihr damaliges Verhalten vor. Genaueres ist darüber erst am Ende zu erfahren, so dass hierdurch einige Spannung entsteht. Leider bleiben dann auch bei der großen Auflösung einige Plausibilitätsprobleme, die zu vermeiden gewesen wären.

Fallende Handys und Rettungen in letzter Sekunde
Weitaus ärgerlicher sind indes kleine logische Fehler. So verliert die kontrollsüchtige Sarah ihr Handy im Auto, aus dem prompt der Akku fällt. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass sie mit ihren Ängsten und Zwängen nur ein Handy dabei hat und in diesem der Akku so locker sitzt, dass er durch bloßes Fallen herausfällt. Dennoch bricht sie mitten in Nacht in der Lagerhaus ein, in dem sie Männer vermutet, die äußerst brutal und gefährlich sind. Und als Tracy und sie richtig in Schwierigkeiten stecken, bleibt Sarah nicht nur gefasst, sondern stets tauchen wie durch Zauberhand Personen auf, die ihr das Leben retten. Hier übertreibt es Koethi Zan mit den Wendungen und auch mit den traumatischen Erfahrungen. Wirklich spannend wird es dann erst am Ende – wenngleich einige vermeintliche Überraschungen vorherzusehen sind. Daher wäre bei diesem Buch insgesamt weniger mehr gewesen: Eine psychologisch dichte Entführungsstory beispielsweise, der Umgang mit Traumata oder aber Sekten und Menschenhandel. Alles in einem Thriller ist aber zu viel.

Koethi Zan: Danach. Übersetzt von Verena Kilchling. Scherz 2013.

Andere:
Die Leserin über „Danach“
Bei Fischer ist ein Interview mit Koethi Zan zu lesen.

Ein Gedanke zu „Krimi-Kritik: „Danach“ von Koethi Zan

  1. Marcel

    Sehe es genauso! Den Einstieg finde ich ganz interessant und es hätte eine absolut spannende Geschichte werden können aber leider hab auch ich mich mehr über Ungereimtheiten geärgert als tatsächlich die Story „gelebt“.

    Antworten

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