Das Grauen als Gesellschaftskritik – „Frauen“ von Steinar Bragi

Die Leser seines Buches hätten nach der Lektüre Angst vor ihm, erzählte Steinar Bragi auf der Buchmesse in Frankfurt. Und es war dieser Satz, der mich vollends überzeugte, dass ich seinen Roman „Frauen“ unbedingt lesen muss. Angst habe ich nun nicht vor ihm, aber ich würde mich sehr gerne mit ihm über dieses Buch unterhalten.

(c) Verlag Antje Kunstmann

Anfangs erscheint „Frauen“ als ganz normaler Thriller: Die junge Dokumentarfilmerin Eva Einárdsdottir lebt in New York und erhält während eines Gesprächs über die Finanzierung ihres nächsten Films von einem isländischen Banker ein verlockendes Angebot. Sie darf in seiner Wohnung in Reykjavik kostenlos wohnen, wenn sie die Wohnung sauber hält, Blumen gießt und die Katze füttert, solange die eigentliche Mieterin verreist ist. Da ihre große Liebe Hrafn nach Island zurückgegangen ist, nimmt sie das Angebot an. Schon bei ihrer Ankunft bemerkt sie, dass mit der Wohnung etwas nicht stimmt: Es gibt keine Blumen, von der Katze fehlt jede Spur und die eigentliche Mieterin hat Selbstmord begangen. Außerdem fühlt sich Eva beobachtet – und die anderen Hausbewohner erscheinen ihr suspekt. Dann masturbiert auch noch der Hausmeister zur vorher angekündigten Zeit vor einer der Kameras, mit denen sich im Haus alles beobachten lässt. Doch Eva nimmt Ungereimtheiten und Merkwürdigkeiten hin, ignoriert warnende Anzeichen und lässt sich einfach passiv durchs Leben treiben. Sie betäubt sich mit Alkohol und ergeht sich in Selbstzweifeln, da sie inmitten einer persönlichen und existenziellen Krise steckt, die sie alleine nicht bewältigen kann. Aber ihre Therapeutin scheint keine Zeit zu haben und sie selbst ist nicht in der Lage, sich wenigstens eine andere Unterkunft zu suchen. Nach einer durchzechten Nacht und einem Tag voller verstörender Erlebnisse erwacht Eva in dem Schlafzimmer der Wohnung. Sie will fortan für „Liebe und Kunst“ leben, aber sie kann die Wohnung nicht mehr verlassen. Die Türen sind verschlossen, sie erhält von einer männlichen Telefonstimme Anweisungen und sieht sich selbst im Fernseher zu. Jede Nacht soll sie ihr Gesicht in eine Maske in der Wand drücken, sollte sie sich weigern, wird sie bestraft.

Steinar Bragi (c) Verlag Antje Kunstmann

Schon bald ahnt man, dass in diesem Buch die Thriller-Konvention einer realistischen Auflösung nicht eingehalten wird. Stattdessen entwirft Steinar Bragi ein alptraumhaftes Szenario, indem er explizite Gewaltszenen neben einen subtilen psychologischen Horror stellt – und eine einfache Erklärung verweigert. Dadurch übt dieser bemerkenswerte Roman eine Faszination des Schrecklichen aus, der man sich kaum entziehen kann. Sobald man sich allerdings gelöst hat, offenbart sich das ganze interpretative Geflecht dieses virtuos gesponnenen Romans. „Frauen“ lässt sich auf vielfältige Weise lesen, allein sein Titel ist schon eine Provokation. Die Frauen in diesem Roman sind manipulierte Wesen, die keine eigene Kraft oder Motivation haben. Sie fügen sich bereitwillig in perverse Situationen, nimmt Gewalt hin und verliert zuletzt und verliert sogar ihren eigenen Willen. Damit demaskiert Steinar Bragi die (männlichen) Machtstrukturen einer Gesellschaft, in der Frauen nur Objekte sind. Des Weiteren ist der Roman ein Beitrag zu der ewig währenden Debatte über die Grenzen der Kunst – und lotet zugleich die Grenzen des Erträglichen und Möglichen aus.

Vor allem aber offenbart der Roman die Kälte der Gesellschaft. Eva hat viele traumatische Ereignisse nicht verarbeitet – den Tod der Mutter und des eigenen Kindes, sexuelle Gewalt –, daher lassen sich ihre Erlebnisse im zweiten Teil des Romans als Projektionen ihres Innenlebens deuten. Dafür spricht insbesondere das Kind, das ebenfalls in der Wohnung eingesperrt wird. Durch die Maske in der Wand erlebt Eva nun die Folgen der Rücksichtslosigkeit, Selbstbezogenheit und Brutalität einer Gesellschaft, die längst sich selbst genügt. Die Menschen sind gesättigt und jeder ist lediglich auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Für Geld scheint alles möglich. Dabei ist aber der Einzelne längst nur noch Teil eines Spiels, dessen Regeln er nicht durchschaut.

„Frauen“ ist fraglos kein Roman für schwache Nerven, aber über das Grauen hinaus regt dieser Roman zum Nachdenken über viele Themen an – über Kapitalismus, die gesättigte Gesellschaft und das Frauenbild. Und das macht ihn zu einem ungemein lesenswerten Gegenwartsroman.

2 Gedanken zu „Das Grauen als Gesellschaftskritik – „Frauen“ von Steinar Bragi

  1. DieLeserin

    Hallo Sonja,
    ich hätte es wissen müssen! Ich darf nicht so oft auf deinen Blog schauen, denn da begegnen mir immer wieder Bücher, die ich absolut interessant finde. So auch das von dir rezensierte Buch „Frauen“ wandert natürlich sofort auf meine WL, denn alleine schon das Thema ist ein Thema für mich. Vielen Dank für die Rezension, auf dieses Buch wäre ich ohne dich wohl nicht aufmerksam geworden (zumindest habe ich es bis jetzt noch nirgends gesehen;)).
    Liebe Grüße, Iris

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    1. Zeilenkino Artikelautor

      Aber, aber, ich freue mich doch über jeden Besucher hier. Deshalb musst Du unbedingt häufiger vorbeischauen. 🙂 Vielen Dank jedenfalls für diese schönen Worte, darüber freue ich mich sehr.

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