„Fenster zum Sommer“ als Literaturverfilmung – Kritik und Verlosung

Eines Morgen wacht Ursula auf und bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Sie befindet sich nicht im Bett ihres Hauses neben ihrem Ehemann Joachim, sondern wieder bei ihrer herrischen Tante Priska. Und es ist auch kein Sommer mehr, sondern der siebte Februar. Was ist passiert? Aus dieser Ausgangssituation entwickelt Hannelore Valencak in ihrem lesenswerten Roman „Das Fenster zum Sommer“ ein eindrucksvolles Porträt einer Frau, die die Möglichkeiten ihres Lebens nicht nutzen kann.

Der Roman „Das Fenster zum Sommer“ von Hannelore Valencak

Hannelore Valencak (c) Gert Schlegel

Zunächst geht Hannelore wie betäubt dem Alltag nach, den sie längst hinter sich gelassen glaubte. Sie hofft, sie würde nur träumen, aber allmählich muss sie erkennen, dass sie tatsächlich die letzten Monate noch einmal leben muss. Sie vermisst Joachim, der ihr Ausweg aus ihrem trostlosen Dasein war. Deshalb ruft sie ihn an, aber er kennt sie nicht – und ist noch mit der hübschen Ingeborg zusammen.

Doch Ursula kann nicht einfach wieder in ihr altes Leben zurück, nachdem sie gemerkt hat, dass es viel mehr sein könnte: „Es ist mir immer zu wenig gewesen, nur habe ich es eben nicht so genau gewußt. Ich habe mir gesagt: So ist es eben. Das heißt, etwas anderes habe ich nicht gekannt“, sagt sie zu ihrer Kollegin Frau Gartner, die in wenigen Monaten tot sein wird. Frau Gartner widerspricht Ursula, sie ist älter und hat sich mit den schönen Kleinigkeiten abgefunden. Aber Ursula scheint dazu nicht in der Lage, dafür hat sie das Leben ihrer Tante zu sehr vor Augen. Diese Tante spiegelt Ursulas Schicksal: Auch sie hatte einst Träume, die sich innerhalb der Grenzen des schwarzen Weges – so nennt Ursula die dunkle Gasse, die zu den Dienstwohnungen führt – bewegten. Sie wollte, dass ihr Mann Meister wird und sie in eine bessere Wohnung ziehen können. Aber nach dessen Tod und einer gescheiterten Liaison musste sie diesen Traum aufgeben und hat sich deshalb ihrer Nachbarin Frau Wurm anvertraut. Frau Wurm hat aber – ihrem Namen gemäß – die Lebenskraft aus der Tante gesaugt. Nun gibt sie vor sich selbst vor, dass sie schon immer so leben wollte. Aber Ursula ist noch nicht so weit, sich selbst zu täuschen. Deshalb unternimmt sie anfangs zaghafte Versuche, sich ein schönes Leben ohne Joachim aufzubauen. Doch dann überlagert ihre Angst, die entscheidende Begegnung mit Joachim zu verpassen, sämtliche Eigeninitiative.

Der Roman ist aus Ursulas Perspektive geschrieben, durch die die Grenzen, die ihr Leben hat, zunehmend deutlich werden. Ihr fehlt der Raum zur Selbstverwirklichung. Durch ihren Mann hat sie ihn bekommen, aber nun wurde ihre diese Möglichkeit wieder genommen. Dadurch ist „Das Fenster zum Sommer“ ein nachdenkliches stimmendes Porträt von dem Leben einer Frau in den beengten Verhältnissen der 1970er Jahre.

Die Verfilmung von Hendrik Handloegten

Juliane (Nina Hoss) auf den Straßen von Berlin (c) 2012 Prokino

Darüber hinaus besticht der Roman durch eine sehr eigene Stimmung, einer Mischung aus Resignation und Melancholie. Diese Atmosphäre nimmt Regisseur und Drehbuchautor Hendrik Handloegten in seiner Verfilmung „Fenster zum Sommer“ durch die gelungene Musik und eindrucksvolle Bildsprache sehr gut auf.

Juliane (Nina Hoss) mit August (Mark Waschke) (c) 2012 Prokino

Von der Handlung hat er lediglich die Grundideen beibehalten: Juliane (Nina Hoss) trifft mit August (Mark Waschke) einen Mann, der ihr Leben verändert. Sie verlieben und reisen glücklich durch Finnland. Aber dann wacht sie eines Morgens in dem Bett ihrer Wohnung in Berlin wieder auf. Hat sie letzten sechs Monate nur geträumt? Anstelle der Tante lebt Hendrik Handloegtens Protagonistin mit ihrem Freund Philipp (Lars Eidinger) zusammen. Sie überlegen gerade, sich eine Wohnung anzuschaffen. Aber Juliane ist schon seit einiger Zeit unglücklich mit ihm. Also begibt sie sich abermals auf die Suche nach August. Dabei entwickelt Hendrik Handloegten ein reizvolles Spiel über die Bedeutung von Zufall und Schicksal – und ein beeindruckendes Porträt von Juliane, die von Nina Hoss sehr gut gespielt wird. Sie ist gleichermaßen zerbrechlich und stark, dabei muss sie vor allem erkennen, dass die Selbsttäuschungen und Ausflüchte beim Wiedererleben nicht mehr funktionieren. Gemäß der unterschiedlichen Handlungszeit von Roman und Film sieht sich Juliane auch mit anderen Schwierigkeiten konfrontiert, aber letztendlich muss auch sie einen Weg finden, ihr Leben zu verwirklichen. Und davon erzählt dieser sehenswerte Film auf gute Weise.

Verlosung

(c) Residenz Verlag

(c) 2012 Prokino

Ab heute gibt es „Fenster zum Sommer“ als DVD und Video on Demand. Zu diesem Anlass verlose ich zwei Exemplare von Hannelore Valencaks lesenwertem Roman „Das Fenster zum Sommer“. Beantwortet dafür einfach bis zum 17. Mai 2012 im Kommentar oder auf Facebookseite des Zeilenkinos folgende Frage: Welchen Roman einer/eines deutschsprachigen Autorin/Autors würdet ihr gerne verfilmt sehen?

20 Gedanken zu „„Fenster zum Sommer“ als Literaturverfilmung – Kritik und Verlosung

  1. Christina

    „So, jetzt sind wir alle mal glücklich“ von Susanne Heinrich. Obwohl ich glaube, dass es da schwierig wäre, die Stimmung vom Buch einzufangen, anstatt in die sich anbietenden Klischees und Stereotypen abzudriften.

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  2. Hannah

    Definitiv „Spieltrieb“ von Juli Zeh, worüber hier ja auch schon ein paar Mal geschrieben wurde. 😉

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  3. Svenja

    Hmm… schwierig ich denke ich würde gerne Gut gegen Nordwind verfilmt sehen, es gab, soweit ich weiß, mal ein Theaterstück davon. Ein Film fände ich klasse, auch wenn ich nicht weiß ob das nicht eventuell zu langweilig wäre, bzw. wie man die Geschichte am besten verfilmen sollte. ;D

    Ansonsten wüsste ich grad kein Buch das unbedingt verfilmt werden müsste, zumindest nicht von einem deutschen Autor.

    Liebe Grüße
    Svenja

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  4. Anke

    Glennkill: Ein Schafskrimi von Leonie Swann. Toller Roman den ich gerne als Film sehen würde. Aber vermutlich in Realität schwer umzusetzen. Wäre als Umsetzung dann eher im Genre von Wallace & Gromit zu sehen, bzw. Shaun das Schaf.

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  5. KleinerVampir

    Hallo Leserizzo,

    ich hab über lovelybooks zu Dir gefunden und möchte auch gleich Deine Frage hier beantworten (ich hab leider kein facebook):
    Welchen Roman einer deutschen Autorin /eines deutschen Autors würde ich gerne verfilmt sehen? Da würde ich mich gleich für „Sternenschimmer“ von Kim Winter entscheiden! Das würde ich gerne als Film sehen.
    Lieber Gruß
    KleinerVampir

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  6. Sinkana

    Hallo

    ich hätte gerne, dass die Karina-und-Tim-Reihe von Sabine Leipert verfilmt wird. Ganz speziell das Buch „Seitenwechsel“.

    Liebe Grüße
    Sinkana

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  7. Maggy

    Ganz klar: „Die Beste zum Schluss“ von Michel Birbaek. Einfach wunderschön Geschichte. Und der Autor ist sowieso große Klasse. Leider hat er ja eine Schaffenspause eingelegt…

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  8. Silvia

    Die Krimis von Nele Neuhaus. Wäre spannend, zu sehen, ob die Atmosphäre und das Lokalkolorit in eine Filmreihe hinüber gerettet werden kann.

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  9. KleinerVampir

    Wurde denn schon verlost? Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende und der Glücksfee ein ruhiges Händchen…. Bin schon seeehr gespannt!
    Lieber Gruß!

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    1. Zeilenkino Artikelautor

      Ui, das hatte ich vergessen mitzuteilen: Die Verlosung wird erst am Dienstag sein. Dann werde ich den Gewinnern eine Nachricht schicken und außerdem die Namen hier veröffentlichen.

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  10. Zeilenkino Artikelautor

    Durch einen Wochenendurlaub in Prag habe ich erst jetzt die Gewinner gezogen – und es sind: PMelittaM und Ashlee. Herzlichen Glückwunsch! Ich habe Euch eine Mail geschickt. Bei allen anderen möchte ich mich für die Teilnahme bedanken.

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