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TV-Tipp: „Verfluchte Liebe deutscher Film“

Update: Bereits am 14. Februar 2018 zeigt ARTE „Offene Wunde deutscher Film“.

Am 19. Februar und 5. März 2018 zeigt das WDR die Essays von Dominik Graf und Johannes F. Sievert zum deutschen Film der 1960er und 1970er Jahre. Es sind kenntnisreiche und hoch interessante Filme zur deutschen Filmgeschichte, bei denen es sehr viel zu entdecken gibt – und die vor allem die Frage aufwerfen, wie die Genre-Seite der deutschen Filmtradition so in Vergessenheit geraten konnte.

Parallel dazu zeigt das WDR einige dieser Filme – darunter bspw. „Mädchen mit Gewalt“ von Roger Fritz, der noch nie im Fernsehen zu sehen war. Die Zeiten sind natürlich abenteuerlich, aber es gibt ja diverse Aufnahmegeräte!

© WDR/Augustinfilm

Die Termine im Überblick:

19.02.2018, 23.15 Uhr: „Verfluchte Liebe deutscher Film“ (Dominik Graf);
anschl. um 0.45 Uhr „Brandstifter“ (Klaus Lemke)

20.02.2018, 23.40 Uhr: „Mädchen mit Gewalt“ (Roger Fritz/Erstaufführung)

26.02.2018, 0.00 Uhr: „Smog“ (Wolfgang Petersen)

27.02.2018, 23.40 Uhr: „Aufforderung zum Tanz“ (Peter F. Bringmann)

05.03.2018, 23.15 Uhr „Offene Wunde deutscher Film“ (Dominik Graf),
anschl. um 0.45 Uhr „Gambit“ (Peter F. Bringmann)

06.03.2018, 23.40 Uhr: „Vier gegen die Bank“ (Wolfgang Petersen)

Neues bei Kino-Zeit

Zu den Konstanten meines beruflichen Daseins zählt seit einigen Jahren Kino-Zeit – und in den vergangenen Monaten wurde dort im Hintergrund viel gearbeitet und geändert. Nun ist die größte Veränderung auch zu sehen: Am Donnerstag haben wir Relaunch gefeiert. Mit neuem Logo, neuen Farben, neuer Seite, vielen verbesserten Funktionen und wir können nun auch ganz neue Formate ausprobieren.

Eine neue Reihe, an der ich beteiligt bin und die ebenfalls diese Woche gestartet ist, heißt „Frauen wählen“. Aus Anlass 100 Jahre Frauenwahlrecht wird es einmal im Monat einen Beitrag geben, in dem wir mit interessanten Filmfrauen sprechen oder sie porträtieren oder uns mit Themen beschäftigen, die mit Frau und Film zu tun haben. Der erste Teil ist mein Interview mit Barbara Albert, deren Film „Licht“ vorige Woche im Kino angelaufen ist.

Schaut doch mal vorbei, es gibt wirklich so einiges zu entdecken: Zu Kino-Zeit

Krimi-Kritik: „Schleierwolken“ von Regina Nössler

„Schleierwolken“ von Regina Nössler ist ein kleines, feines, gemeines Buch. Im Mittelpunkt steht Elisabeth Ebel, sie lebt in Berlin und arbeitet für ein Schreibbüro als Korrektorin. Eigentlich ist sie mit ihrem Leben auch ganz zufrieden, sie hatte in paar Beziehungen, kann aber auch ganz gut alleine sein. Ihre einzige Plage sind die Besuche bei ihrer 84-jährigen Mutter in Wattenscheid. Mittlerweile verwitwet, wäre es eigentlich an der Zeit, dass sie in ein Heim zieht. Aber Elisabeths Mutter weigert sich beharrlich, daher fährt ihre Tochter alle paar Wochen ins Ruhrgebiet – und sie hasst diese Fahrt, wenn die „Porta Westfalica auf der schlechten Seite, der rechten liegt. Dann ging es unaufhaltsam Richtung Westen und zwar nicht ins gelobte Land, sondern in die kleine Hölle.“

(c) konkursbuch Verlag

Doch dann kommt zu dieser bekannten Hölle eine weitere: Als sie in Berlin unterwegs ist, hat sie das Gefühl, dass sie verfolgt wird. Vielleicht weil sie einen Mord beobachtet hat. Vielleicht versucht aber auch jemand, sie zu ermorden, indem er sie vor den Bus schubst. Sie kann es nicht belegen, sie kann es nicht wirklich scharf fassen. Denn Elisabeth ist eine Meisterin des Verdrängens und Vergessens. Während sie sich aber nun mit diesem Gefühl des Verfolgtwerdens beschäftigt, drängen Erinnerungen hoch an damals, als sie noch in Wattenscheid lebte und immer eine Gartenlaube besuchte, obwohl die anderen Kinder dort sie gehänselt und gedemütigt haben. Immer wieder blendet die Erinnerungen ins Unscharfe, aber nach und nach kommen verschleierte Andeutungen hoch: sie hatte eine Affäre mit der Ehefrau eines Kunden, es gab einen „Zwischenfall“ als sie ihre Mutter gebadet hat, auch in ihrer Jugend ist etwas passiert, in dieser Gartenlaube. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Aisha“ von Jesper Stein

(c) Kiepenheuer & Witsch

Nachdem es mit Vizekommissar Axel Steen in den vorherigen drei Romanen „Unruhe“, „Weißglut“ und „Bedrängnis“ konstant bergab ging, ist er – man mag es kaum glauben – zu Beginn von Jesper Steins „Aisha“ auf dem Weg der Besserung. Clean, in Therapie und erfüllt von dem Versuch, ein besserer Mensch zu werden. Er hält die Verabredungen mit seiner Tochter Emma ein, kontrolliert sein Temperament, versucht, kollegial zu sein und hat eine neue Freundin. Allerdings wartet nun seit erster Mordfall seit über einem Jahr auf ihn und der hat es gleich in sich: Ein ehemaliger Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET wurde gefoltert und getötet, Axel soll herausfinden, wer dahintersteckt, aber der PET ist nur vordergründig hilfsbereit. Und so stößt Axel bald auf einen Anti-Terroreinsatz, der vor einigen Jahren äußerst schiefgelaufen ist.

Jesper Stein hat sich in den vorherigen Bänden redlich bemüht, den kaputtesten aller kaputten skandinavischen Ermittler zu schaffen und verschafft seiner Hauptfigur – und auch dem Lesepublikum – mit „Aisha“ anfangs eine kleine Auszeit. Weiter bergab ging es kaum mehr, daher tut dieser Rehabilitierungsversuch sowohl der Glaubwürdigkeit seiner Figur als auch der Reihe gut. Zumal er allerhand Anlass zu einigen wohlgesetzten Spitzen gegen die Kultur des positiven Denkens und Selbstoptimierung gibt. Aber natürlich wird Axel Steen kein anderer Mensch und deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles wieder bergab geht – und leider ist es auch dieses Ende, an dem Jesper Stein dann wieder in allzu bekannte Muster verfällt. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Untiefen“ von Sheena Kamal

(c) Ullstein

Eine interessante Protagonistin hat Sheena Kamal für ihr Debüt „Untiefen“ entwickelt: Nora Watts ist trockene Alkoholikerin und lebt mit ihrer Hündin Whisper in dem Keller des Bürogebäudes, in dem sie als Sekretärin und „hauseigener Lügendetektor“ eines Journalisten und Privatdetektivs arbeitet. Ihr Vater gehört vielleicht zu „einer der dreiundsechzig First Nations“, „vielleicht war er aber auch ein Métis“. Er starb, als sie noch klein war und so hat sie mit ihrer Schwester ihre Kindheit vor allem in Heimen und Pflegefamilien verbracht. Deshalb teilt sie mit den Kindern der indigenen Bevölkerung das Gefühl der Entwurzelung, aber ihr Leben verlief doch anders. Immer wieder übernimmt sie kleinere Privatdetektiv-Aufträge, nun wendet sich ein wohlhabendes Paar an sie, deren Tochter Bonnie entführt wurde. Die Eltern glauben, das Mädchen auf der Suche nach der leiblichen Mutter sei – und ahnen scheinbar nicht, dass ausgerechnet Nora die Mutter ist. Sie hat das Mädchen vor 15 Jahren nach einer Vergewaltigung auf die Welt gebracht. Weiterlesen

Women in Crime: Mississippi von J.M. Redmann

Es ist ein klassischer hardboiled-Beginn: Eine hübsche Frau sucht einen Privatdetektiv auf, um ihm einen Auftrag zu geben, der ihn in die Bredouille bringen wird. Denn natürlich ist diese Frau ebenso hübsch wie falsch. Bei J.M. Redmann ist der Privatdetektiv allerdings eine Frau – und lesbisch noch dazu. Michele Knight ist ihr Name, an der Tür steht nur M. Knight, ihre Freundinnen nennen sie Micky. Sie lebt und arbeitet in New Orleans, kommt aus den Bayous und ist gerade noch hell genug, um als weiß durchzugehen. Der Auftrag, den sie von der hübschen Fremden erhält, bringt sie in Kontakt mit einer reichen Familie, auf deren Grundstück mit Drogen gehandelt werden soll – und natürlich in große Gefahr.

(c) Ariadne

Nicht nur im Plot, auch im Stil lehnt sich J.M. Redmann an Chandler an: Klare, knappe Sätze, lakonische Bemerkungen und Sprüche. Dabei wirken die fiebrigen, sumpfigen, genauen Beschreibungen zugleich fast wie Vorläufer von Sara Grans Bild von New Orleans in „Die Stadt der Toten“. Auch in ihrem Verhalten, lieber zu trinke als sich den Problemen zu stellen, passt Redmanns Mick gut zu den Marlowes und Spades dieser Krimi-Welt. Jedoch stellt sich schnell heraus, dass sie weitaus mehr psychologisches Potential hat – und ohne dass es allzu sehr ausgestellt wird, zeigt sich nach und nach, wie sehr sie in ihrer Vergangenheit traumatisiert wurde und von ihr zu der gemacht wurde, die sie heute ist. Mit all den Fehlern und Vorzügen. Weiterlesen

Save the Date: Talk Noir Berlin 1/2018

Am 6. Februar legen Wolfgang Franßen, Thomas Wörtche und ich wieder eine Runde Talk Noir aufs Parkett. An einem neuen Ort – dem Froschkönig in Neukölln -, aber mit altbekannter Diskutierfreude. Reden werden wir unter dem Motto „Es wird eng“ über „Sleeping Beauties“ von Stephen und Owen King, „Gravesend“ von William Boyle und „Schleierwolken“ von Regina Nössler. Los geht es um 20 Uhr.

Women in Crime: „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi

(c) Unionsverlag

„Dies ist die Geschichte von Bella, die eines Morgens beim Erwachen merkte, daß sie es satt hatte.“ Ein Satz brauchte „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und schon hatte mich das Buch. Ein Satz, er mag schlicht erscheinen, aber er trifft das genau das Gefühl, dass ich an manchen Morgen habe. Und hier geht es nicht um eine identifikatorische Lesart, hier geht es darum, dass mit diesem Satz ein Buch anfängt, das stark, provokativ und kompromisslos das Leben einer Frau in der Gesellschaft einfangen wird. Eine Gesellschaft, die sie ständig sexualisiert und bewertet, eine Gesellschaft, in der sie verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt ist. Deshalb ist der Titel auch eine fiese Abwandlung dessen, was er verspricht: Ein ‚schmutziges Wochenende’ meint für viele zwei Tage voller Sex. Hier aber umfasst es 48 Stunden, in denen sich eine Frau gegen die Gewalt zur Wehr setzt, die ihr angetan wird. Weiterlesen

Krimibestenliste – November 2017

Und hier ist sie, die Tabelle für November:

(c) Ullstein

1 (-) John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (Ullstein)
2 (3) Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha (Suhrkamp)
3 (2) Friedrich Ani: Ermordung des Glücks (Suhrkamp)
4 (-) Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen (Cass)
5 (-) Norbert Horst. Kaltes Land (Goldmann)
6 (-) Dave Zeltserman: Small Crimes (Pulpmaster)
7 (-) Andreas Pflüger: Niemals (Suhrkamp)
8 (9) David Whish-Wilson: Die Ratten von Perth (Suhrkamp)
9 (-) Tanguy Viel: Selbstjustiz (Wagenbach)
10 (-) Liza Cody: Krokodie und edle Ziele (Ariadne)

Die Preisträger der Nordischen Filmtage 2017

(c) Jason Alami

Gestern Abend wurden in Lübeck die Preise vergeben. Den NDR-Spielfilmpreis hat „Der Charmeur“ („Charmøren“) von Milad Alami gewonnen. Mein Favorit „Was werden die Leute sagen“ („Hva vil folk si“) erhielt eine lobende Erwähnung sowie den Publikumspreis. Die Jury des Baltischen Filmpreises entschied sich für Joachim Triers „Thelma“. Der Kirchliche Filmpreis INTERFILM gibt an „Das Entschwinden“ von Boudewijn Koole. Der Dokumentarfilmpreis an „Siedepunkt“ (Kiehumispiste“) von Elina Hirvonen.

Mit dem Preis der Kinder- und Jugendfilmjury wurde der schwedische Filme „Ab in den Himmel“ (Upp I det blå) von Petter Lennstrand ausgezeichnet, der Preis der Kinderjury ging an „Kidnapping“ von Frederik Meldal Nørgaard.