Archiv für den Autor: Zeilenkino

Women in Crime: „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi

(c) Unionsverlag

„Dies ist die Geschichte von Bella, die eines Morgens beim Erwachen merkte, daß sie es satt hatte.“ Ein Satz brauchte „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und schon hatte mich das Buch. Ein Satz, er mag schlicht erscheinen, aber er trifft das genau das Gefühl, dass ich an manchen Morgen habe. Und hier geht es nicht um eine identifikatorische Lesart, hier geht es darum, dass mit diesem Satz ein Buch anfängt, das stark, provokativ und kompromisslos das Leben einer Frau in der Gesellschaft einfangen wird. Eine Gesellschaft, die sie ständig sexualisiert und bewertet, eine Gesellschaft, in der sie verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt ist. Deshalb ist der Titel auch eine fiese Abwandlung dessen, was er verspricht: Ein ‚schmutziges Wochenende’ meint für viele zwei Tage voller Sex. Hier aber umfasst es 48 Stunden, in denen sich eine Frau gegen die Gewalt zur Wehr setzt, die ihr angetan wird. Weiterlesen

Krimibestenliste – November 2017

Und hier ist sie, die Tabelle für November:

(c) Ullstein

1 (-) John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (Ullstein)
2 (3) Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha (Suhrkamp)
3 (2) Friedrich Ani: Ermordung des Glücks (Suhrkamp)
4 (-) Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen (Cass)
5 (-) Norbert Horst. Kaltes Land (Goldmann)
6 (-) Dave Zeltserman: Small Crimes (Pulpmaster)
7 (-) Andreas Pflüger: Niemals (Suhrkamp)
8 (9) David Whish-Wilson: Die Ratten von Perth (Suhrkamp)
9 (-) Tanguy Viel: Selbstjustiz (Wagenbach)
10 (-) Liza Cody: Krokodie und edle Ziele (Ariadne)

Die Preisträger der Nordischen Filmtage 2017

(c) Jason Alami

Gestern Abend wurden in Lübeck die Preise vergeben. Den NDR-Spielfilmpreis hat „Der Charmeur“ („Charmøren“) von Milad Alami gewonnen. Mein Favorit „Was werden die Leute sagen“ („Hva vil folk si“) erhielt eine lobende Erwähnung sowie den Publikumspreis. Die Jury des Baltischen Filmpreises entschied sich für Joachim Triers „Thelma“. Der Kirchliche Filmpreis INTERFILM gibt an „Das Entschwinden“ von Boudewijn Koole. Der Dokumentarfilmpreis an „Siedepunkt“ (Kiehumispiste“) von Elina Hirvonen.

Mit dem Preis der Kinder- und Jugendfilmjury wurde der schwedische Filme „Ab in den Himmel“ (Upp I det blå) von Petter Lennstrand ausgezeichnet, der Preis der Kinderjury ging an „Kidnapping“ von Frederik Meldal Nørgaard.

Skandinavische Filmperlen im Nachtprogramm

Die Nordischen Filmtage in Lübeck werden jedes Jahr vom NDR im Fernsehen mit einigen Filmen begleitet. Oft sind das Titel, die schon häufiger ausgestrahlt werden oder zu einer Reihe gehören, in diesem Jahr aber verstecken sich dort die drei sehr tolle Filme.

(c) Salzgeber

Dazu gehören die zwei Filme, die mir vom vorigen Jahr bei den Nordischen Filmtagen am nachdrücklichsten in Erinnerung geblieben sind. Zum einen „Hevn“ („Rache“) von Kjersti Steinsbø. Der norwegischen Regisseurin gelingt tatsächlich, was sehr viele Filme nur von sich behaupten: ein feministischer Rachethriller. Nicht alles ist in diesem Debüt perfekt, aber der Film ist klug aufgebaut, hat eine starke Protagonistin und endlich mal eine wirklich perfide, knallharte Rache. Zu sehen ist er am 4. November um 23:25 Uhr.

Zum anderen ist es „Hjartasteinn“ („Herzstein“) von Gudmundur Arnar Gudmundsson, bei dem ich bis heute nicht verstehen, warum er keine regulären Kinostart hatte. Es laufen so viele Coming-of-Age/Coming-out-Filme im Kino und ausgerechnet diese isländische Perle, die noch dazu voriges Jahres völlig zurecht den Hauptpreis bei den Nordischen Filmtagen gewonnen hat, wird im Spätprogramm des NDR an einem Montagabend versteckt. Dabei gehört er eigentlich auf die große Leinwand. Oder wenigstens auf einen Hauptsender zu einer guten Uhrzeit. Deshalb meine Bitte: Nehmt ihn auf, schaut ihn euch an. Er ist wirklich toll. Ausgestrahlt wird er am 6. November um 23 Uhr.

Außerdem ist am 20. November um 23:15 Uhr „Vonarstræti“ („Straße der Hoffnung“, besser bekannt als „Life in Fish Bowl“) zu sehen, für mich weiterhin einer besten isländischen Filme überhaupt.

Die skandinavische Filmreihe im NDR Fernsehen im Überblick: Weiterlesen

Talk.Noir – Altmeister

Am 15. November 2017 geht es weiter mit Noir.Mastul und dieses Mal reden Thomas Wörtche, Wolfgang Franßen und ich über „Altmeister“. Genauer gesagt über „Plan B“ von Chester Himes, „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und „Schwere Körperverletzung“. Mit dabei ist natürlich auch weder Robert Rescue, der einen eigenen Text vorliest.

Ich freue mich, wenn ihr vorbei schaut im: Kunst- und Kulturverein Mastul e.V., Liebenwalder Str. 33. 13347 Berlin.

Keinen Sonntag ohne Krimi – Über die Stuttgart-Tatorte von Dietrich Brüggemann und Dominik Graf

Der Tatort. Das alte Lieblingskind, das alte Sorgenkind. Nachdem Axel Ranisch und David Wnendt im Frühjahr jeweils eine Tatort-Folge inszenierten, folgten nun Dietrich Brüggemann und Dominik Graf. Tatort-Neuling und Tatort-Altmeister sozusagen, die interessanterweise beide mit demselben Ermittlungsteam zu Werke gingen – den Stuttgarter Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) – und die als Folgen nacheinander ausgestrahlt wurden. Dabei könnten sie von Stimmung und Tonfall unterschiedlicher kaum sein, aber sie verbindet, dass hier endlich mal wieder zu erkennen, was und wie der Tatort sein kann. Weiterlesen

Buchmesse 2017 – Verlage gegen rechts

Auch auf der Frankfurter Buchmesse werden wieder rechtsradikale und rechtspopulistische Verlage sein – und es gibt eine Initiative dagegen.

Zeichen setzen – Verlage gegen rechts

Unter dem Hashtag #verlagegegenrechts können sich auf der Messe Verlage, Autor*innen und Besucher*innen virtuell vernetzen. Zusätzlich holt die Autorin und Verlegerin Zoë Beck dieses Hashtag aus dem virtuellen Raum in die kohlenstoffliche Welt und verteilt, zusammen mit Kolleg*innen anderer unabhängiger Verlage, Lesezeichen mit starken Botschaften wie „#publishersagainstracism“, „Ein Lesezeichen für Gutmenschen“ und „Ein Lesezeichen für Respekt“: „Unsere Verlagsprogramme stehen für Vielfalt und Respekt, mit unseren Büchern, die wir hier auf der Messe vorstellen, setzen wir auch ein Zeichen für ein solidarisches Miteinander“, so Zoë Beck.

Das Hashtag wurde bereits auf der Leipziger Buchmesse verwendet. Dort richtet sich der Protest vor allem gegen das Magazin Compact, das u.a. als Sprachrohr von PEGIDA und insbesondere des rechten Flügels der AfD agiert.

„Wir stehen für eine offene Debatte und treten für die Beteiligung und Teilhabe möglichst vieler Menschen an Kultur und Literatur ein. Auf der Buchmesse stellen sich immer mehr Verlage und Autor*innen vor, die offen rassistisch, frauenverachtend und homofeindlich sind. Wir beobachten besorgt, dass u.a. der rechtsradikale Antaios Verlag auf der Buchmesse vertreten ist, Mitglieder der Identitären an seinen Stand einlädt und ein Forum der Buchmesse für seine menschenverachtende und antidemokratische Propaganda nutzt.“ Lisa Mangold, Argument Verlag und Mitinitiatorin der Kampagne #verlagegegenrechts

Also: Macht mit!

Über „Utopia“ von Ahmed Khaled Towfik

Ägypten nach Revolution. Ägypten im Jahr 2023. Die Mittelklasse ist verschwunden, die Gesellschaft klar aufgeteilt: Die Reichen wohnen im Norden des Landes einer bewachten Kolonie an der Küste namens Utopia, die „Anderen“, die Armen hausen in selbstgebauten Siedlungen, umgeben von Elektrozäunen und Mauern. Degeneration ist auf beiden Seiten zu spüren: Die Reichen langweilen sich: „schlafen, Drogen konsumieren, essen bis zum Umfallen, kotzen, bis man wieder Lust auf Essen hat, Sex haben“ beschreibt ein junger Mann seinen Alltag. Er ist die eine Perspektive des Romans „Utopia“ von Ahmed Khaled Towfik. Die Anderen streiten sich um Hühnerreste und durch ihre Armut sind alle moralischen Grenzen gefallen, daher ist „nichts einfacher zu haben als Sex. Sex gegen einen geringen Preis, ansonsten Vergewaltigung“. Aber letztlich gibt es nur eine Sache, die Arme und Reiche gemeinsam haben: Phlogostin. Eine Droge, von der man sich einfach ein paar winzige Tropfen auf die Haut träufelt. Dann verschafft sie einem für einen gewissen Zeitraum einen Rausch, der die Realität vergessen lässt. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Ein Job für Delpha“ von Lisa Sandlin

(c) Suhrkamp

Scheinbar harmlos kommt „Ein Job für Delpha“ am Anfang daher: Delpha Wade wurde nach vierzehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen und sucht nun im texanischen Beaumont des Jahres 1973 einen Job und eine Unterkunft. Ihr Bewährungshelfer hat ihr die beiden Ratschläge mit auf den Weg gegeben, sie solle so tun, als sei sie ruhig und entspannt – und sie solle fragen und bitten. Daran hält sich Delpha bei ihren anfangs erfolgslosen Versuchen, wieder Fuß zu fassen. Dann vermittelt ihr ihr Bewährungshelfer ein Bewerbungsgespräch bei Tom Phelan. Der Vietnam-Veteran hat bei einem Unfall auf der Bohrinsel den Mittelfinger an seiner linken Hand verloren und das Geld aus der Versicherung dafür genutzt, ein Privatdetektivbüro aufzumachen. Nun sucht er eine Sekretärin und ehe er sich für eine der aufreizenden Mitbewerberinnen entscheiden kann, hat Delpha den Job. Denn Delpha hat eine wichtige Eigenschaft: Sie erkennt Chancen und nutzt sie. Auf diese Weise hat sie auch schon ein Zimmer bekommen und genießt nun die Dinge, die sie lange Zeit nicht hatte: einen Raum für sich und die Möglichkeit zu entscheiden, was sie tun will.

Wir folgen Delphas weiteren Schritten, tagsüber arbeitet sie als Sekretärin, abends kümmert sie sich um die pflegebedürftige Tante ihrer Vermieterin. Im Hintergrund schwelen die Anhörungen zum Watergate-Skandal, der Vietnamkrieg geht zu Ende, Nixons Rücktritt steht bevor. Die Fälle, mit denen es Delpha und Tom zu tun bekommen, sind alltäglich: ein Junge kehrt nicht nach Hause zurück, ein untreuer Ehemann, ein potentielles tierisches Vergiftungsopfer und so weiter. Dennoch kann von Ruhe kaum die Rede sein, vielmehr schleichen sich immer mehr Unruhen und dunkle Ahnungen ein. Tom entdeckt Ungereimtheiten in einem Fall – und Delpha trifft auf den Mann, der sie einst in Gefängnis brachte. Damals arbeitete sie als Kellnerin und wurde von einem Mann und dessen Sohn überwältigt und vergewaltigt. Sie tötete den Sohn, der Vater aber konnte entkommen und hat sie mit einer falschen Aussage ins Gefängnis gebracht. Nach diesem Wiedersehen kann Delpha nicht anders als sich zu fragen, ob sie sich an ihm rächen will. Aber sie weiß, sie wäre die erste Verdächtige. Und sie weiß auch, dass sie sich unbedingt an das Gesetz halten muss, wenn sie nicht wieder ins Gefängnis will. Weiterlesen

Über „Twin Peaks“

Die dritte Staffel von „Twin Peaks“ ist vor zwei Wochen zu Ende gegangen und gestern ist nun auch mein Text zu dem Finale im CrimeMag erschienen:

(c) Showtime

Es ist zu Ende gegangen. Das Abenteuer, die atemberaubende Reise, die mir „Twin Peaks“ einen Sommer lang ermöglicht hat. Und es sie hatte einen großartig melancholisch-mysteriösen Abschluss!
An ihrem Anfang stand mein Entschluss, dass ich David Lynch und Mark Frost vertrauen werden. Dass ich darauf baue, dass diese Reise irgendwohin führen wird, wohlwissend, dass niemals alle Rätsel gelöst werden. Und genauso war es auch. (Hinweis: Der folgende Text beschäftigt sich ausführlich mit dem Ende der dritten Staffel und enthält daher Spoiler.)

In den letzten drei Folgen führen Lynch und Frost sehr viele Handlungsstränge in sehr kurzer Zeit zusammen. Früh stand fest, dass der Weg aller Beteiligten letztlich nach Twin Peaks führen muss, nun treffen in der ersten Hälfte der 17. Folge fast alle wichtigen Charaktere im Sheriff-Büro in Twin Peaks ein: Agent Cooper (Kyle MacLachlan) lässt sich von den Mitchum-Brothers (James Belushi, Robert Knepper) fahren und hat zuvor Gordon Cole (David Lynch) eine Nachricht hinterlassen, so dass dieser sich mit den Agents Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) und Tammy Preston (Chrysta Bell) ebenfalls auf den Weg gemacht hat. Bereits angekommen ist Mr. C (Kyle MacLachlan). Weiterlesen …