Archiv für den Monat: März 2011

Ein Ereignis: Winter’s Bone

Nachdem ich bereits eine Kritik zu „Winter’s Bone“ und im Blog von LovelyBooks etwas über das Buch von Daniel Woodrell geschrieben habe, bleiben mir für mein Zeilenkino nur noch ein paar weitere Anmerkungen.

Ich habe „Winter’s Bone“ bereits Ende Januar gesehen und war mir sehr sicher, soeben einen der besten Filme des Jahres gesehen zu haben. Von der ersten Szene an hat er mich gepackt und noch heute erzähle ich mit Begeisterung von diesem Film. Er hat mir eine Seite der USA gezeigt, die ich so nicht kannte und die mein Bild über die USA und die amerikanische Bevölkerung dauerhaft verändert hat.

(c) Ascot Elite

Oftmals habe ich mich über die – fast schon sprichwörtliche – Ignoranz der amerikanischen Bevölkerung gegenüber vielen Themen gewundert. Wie kann beispielsweise eine kostenlose Krankenversicherung auf so wenig Widerhall stoßen? Aber nachdem ich diese Geschichte hier gesehen und gelesen habe, verstehe ich es. Diese Menschen führen ein Leben, in dem diese Aspekte keine Rolle spielen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass Buch und Film fiktional sind. Aber ich glaube, sie vermitteln bessere Eindrücke als mancher Dokumentarfilm. Es ist kaum vorstellbar, dass Menschen in einer der reichsten Industrienationen der Welt in dieser Armut leben – und es ist fantastisch, mit welcher Selbstverständlichkeit Debra Garnik diese Wirklichkeit zeigt und Daniel Woodrell von ihr erzählt.


Das Buch „Winters Knochen“ von Daniel Woodrell ist im Liebeskind Verlag erschienen. Der Film „Winter’s Bone“ läuft am 31. März in den Kinos an.

Meryl Streep 2008 (c) Andreas Tai

Ein Ende des Jugendwahn in Hollywood?

Heute Morgen habe ich einen Artikel mit der Überschrift „Hollywood beendet Jugendwahn“ in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post gelesen. Der vermeintliche Beweis: Meryl Streep ist die erfolgreichste Schauspielerin dieser Tage und sie sei ja immerhin schon 61 Jahre alt. Aber reicht das aus?

Meryl Streep 2008 (c) Andreas Tai

Lange Zeit galt sicherlich, dass Frauen ab 40 keine Rollen mehr in Hollywood bekommen, aber wie in fast allen gesellschaftlichen Bereichen hat sich auch hier die Grenze verschoben. Frauen wie Julia Roberts haben die 40 überschritten und spielen weiterhin in Filmen mit. Unter anderem als böse Königin in einer Neuverfilmung von „Schneewittchen“, aber auch in einer romantischen Komödie mit Tom Hanks. Darin ist sicherlich ein Trend erkennbar, Filme für ein älteres Publikum zu drehen – denn diese Zuschauer gehen noch ins Kino und laden die Filme nicht im Internet. Aber auch wenn Meryl Streep erfolgreicher war als „Angelina Jolie, Kristen Stewart oder Keira Knightley“ ist sie doch die einzige Schauspielerin dieser Generation, die derart erfolgreich ist. Klar, Helen Mirren hat einen Oscar gewonnen – für die Darstellung von Königin Elisabeth. Und auch der Oscar für die 50-jährige Melissa Leo ist vor dem Hintergrund, dass sie in „The Fighter“ die Mutter des immerhin fast 40-jährigen Mark Wahlberg spielt, kein Beleg für das Ende des Jugendwahns in Hollywood. Darüber hinaus wurden ältere Frauen schon immer für einen Oscar nominiert, allein sagt die Nominierung nur wenig über den Erfolg aus. Und ältere Schauspielerinnen im Publikum hat man wenigstens bei der diesjährigen Verleihung so gut wie gar nicht gesehen.

Grundsätzlich möchte ich dem Tenor des Artikels ja gar nicht widersprechen: Ja, es gibt mehr Rollen für ältere Frauen als noch vor einigen Jahren. Es ist begrüßenswert, dass die 50-jährige Julianne Moore für Bulgari und die 65-jährige Diane Keaton für L’Oreal werben. Und es ist schön, dass mittlerweile auch Frauen jenseits der 40 in Sex-Szenen zu sehen sein dürfen. Aber diese Veränderungen entsprechen dem Trend einer veränderten Wahrnehmung und hängen meines Erachtens zum großen Teil mit der Erschließung neuer Zielgruppen zusammen. Denn wie weit wenigstens Hollywood ist, zeigt schon ein Blick auf besagte „beispielhafte“ Meryl Streep auf dem Plakat zu „Wenn Liebe so einfach wäre“, deren Gesicht arg retuschiert wurde. Anscheinend sind Falten für die Werbeabteilung doch nicht so sexy. Und abgesehen davon spielt sie in einem ihrer nächsten Projekte die Mutter von Julia Roberts – im wahren Leben zwar möglich, aber auch schwer vorstellbar. Deshalb glaube ich, bei aller positiven Tendenz, dass von einer Beendigung des Jugendwahns noch lange nicht gesprochen werden kann.

„Burn After Reading“ – Memoiren können gefährlich werden

Lange konnte ich mich für die Filme von Joel und Ethan Coen nicht richtig erwärmen, obwohl ich ihre Einzigartigkeit und Originalität durchaus erkannte. Aber sie sprachen mich eher rational an. Erst mit „No Country for Old Men“ habe ich mich in die Reihe ihrer Bewunderer aus vollem Herzen eingereiht und sowohl „A Serious Man“ als auch „True Grit“ mit Begeisterung gesehen. Deshalb will ich mich in diesem Jahr noch einmal durch ihr Werk gucken – unchronologisch und nach Laune.

George Clooney mit Frances McDormand (c) Universum Home

Am Freitag stand daher „Burn After Reading“ auf dem Programm. Auch wenn der Film recht gemächlich startet, habe ich mich sehr gut amüsiert. Die Geschichte ist recht simpel: Der CIA-Analytiker Osborne Cox (John Malkovich) soll wegen seines Alkoholproblems versetzt werden und kündigt kurzerhand. Daraufhin hat seine Frau Katie (Tilda Swinton) Angst, er könne ihr auf der Tasche liegen. Und da sie ohnehin seit Jahren eine Affäre mit Harry Pfarrer (George Clooney) hat, bereitet sie sich auf eine mögliche Scheidung vor. Auf Anraten ihres Anwalts kopiert sie daher die privaten Daten ihres Mannes auf eine CD, darunter finden sich auch seine Memoiren. Diese CD finden nun die Angestellten eines Fitness-Studios, darunter der prollige Chad (Brad Pitt) und Lina Litzke (Frances McDormand), die vier Schönheitsoperationen durchführen lassen will. Dafür braucht sie Geld, also kommen Chad und Lina auf die glorreiche Idee, Osborne Cox zu erpressen. Schließlich scheinen die Daten auf der CD äußerst brisant zu sein …

Brad Pitt als Chad (c) Universum Home

In erster Linie unterhält „Burn After Reading“ dank der guten Schauspieler. Brad Pitt ist als hirnloser Erpresser großartig, über sein „Osbourne Cox“ habe ich sehr gelacht. Schon beim Schreiben haben die Coens nach eigenen Angaben an ihn gedacht. Das macht sich in vielen lustigen Details bemerkbar – beispielsweise erinnert sein Erpressername „Mr. Black“ an „Rendezvous mit Mr. Black“, obwohl er in „Burn After Reading“ alles andere als den Tod spielt. Auch George Clooney haben die Coens seine Rolle auf den Leib geschrieben. Er liefert als paranoider und flacher Herzensbrecher eine perfekte Selbstparodie auf seine oscargerkönte „Syriana“-Rolle und schließt mit „Burn After Reading“ seine – nach eigenen Worten – Idioten-Trilogie ab. Die weiteren Rollen sind ebenfalls hervorragend besetzt: Tilda Swinton ist noch unterkühlter als sonst, John Malkovich ist als diabolischer Ex-CIA-Agent schön böse und J.K. Simmons und David Rasche legen einen unvergesslichen Auftritt als aktive CIA-Agenten hin.

Joel und Ethan Coen spielen aber nicht nur mit den Images ihrer Schauspieler, sondern auch mit den typischen Elementen des Spionage- und Agententhrillers. Alleine schon Linas naive Idee, den Russen die CD anzubieten, sorgt für zahllose Lacher. Ohnehin funktioniert die CD mit den Memoiren wunderbar als MacGuffin. Daneben gibt es kleine Anspielungen auf die Bourne-Trilogie, die Filme von Tony Scott und natürlich Stanley Kubrick. So wohnt Harry Pfarrer in dem Haus mit der Nummer 114, die Zahl, die Kubrick in fast allen seinen Filmen verwendet. Beispielsweise heißt das Funkgerät in „Dr. Seltsam – Oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ CRM-114 und Alex erhält in „Uhrwerk Orange“ das „Experimental Serum 114“. Und weitere Bezüge gibt es zu den eigenen Filmen, allen voran „Fargo“. Diese Mischung und die vor allem im letzten Teil des Films geraffte Erzählweise macht „Burn After Reading“ sehr unterhaltsam. Deshalb ist „Burn After Reading“ ist sicherlich kein Meisterwerk, aber ein sehr amüsanter Film.

In diesem Sinn: „Report back to me when… it makes sense.”

Gunnhild Oyehaug (links) auf der Leipziger Buchmesse (c) Sonja Hartl

Gunnhild Oyehaug und Noomi Rapace – Die letzten Tage auf der Buchmesse

Nun ist sie vorbei, die Buchmesse in Leipzig. Schön war es ja – auch wenn es mir am Wochenende sehr voll vorgekommen ist. Nach dem österreichischen Freitag standen nun am Wochenende die Skandinavierinnen für mich im Vordergrund; genauer gesagt Gunnhild Øyehaug, Susanna Alakoski, Pernilla August und Noomi Rapace.

Gunnhild Oyehaug (links) auf der Leipziger Buchmesse (c) Sonja Hartl

„Ich wär gern wie ich bin“ heißt das Buch von Gunnhild Øyehaug, das ich bereits im September für das Frauenmagazin Ava rezensiert habe. Es ist ein sehr modernes, sehr filmisches Buch, in dem die norwegische Autorin hochspannende Frauenfiguren entwirft. Ohne Klischees und vor allem in einem herrlich unaufgeregten und ganz und gar nicht herablassenden Ton erzählt sie in ihrem Buch davon, wie schwierig es sein kann, einfach so zu sein, wie man ist. Bei der Vorstellung ihres Buches konnte ich nicht nur ein Eindruck von Gunnhild Øyehaug gewinnen, sondern darüber hinaus auch einiges über die norwegische Literaturszene erfahren. Beispielsweise spielen in Norwegen Buchclubs eine große Rolle bei dem Erfolg von Büchern, allerdings schreibt Gunnhild Øyehaug in Neu-Norwegisch, einer Sprache, die gegenüber dem Bokmål weitaus weniger verbreitet ist. (Laut Wikipedia wird Bokmål von 85 bis 90 Prozent der Norweger geschrieben) Daher werden Bücher in Neu-Norwegisch von den Buchclubs seltener eingekauft und setzen sich schwerer durch. In der deutschen Übersetzung stellt sich diese Frage nicht, und ich kann die Lektüre dieses kurzweiligen Buches nur empfehlen. Es spielt mit den Erzählebenen, mit literarischen und filmischen Zitaten, mit den Erwartungen des Lesers und ist dazu noch leicht und unterhaltsam. Und es passt so gut zum „Zeilenkino“, dass ich es in einem eigenen Beitrag noch einmal genauer vorstellen werde.

In diesem Blog sollen sich Film und Literatur treffen, welches in einer Literaturverfilmung nahezu idealtypisch vollzogen wird. Hier gab es während der Buchmesse in der Kinobar Prager Frühling eine Veranstaltungsreihe, die ich am Samstagnachmittag besuchte. Dort wurde das Buch „Svinalängorna“ (dt. „Schweinehäuser“) von Susanna Alakoski vorgestellt, das von Pernilla August verfilmt wurde. In dem Buch erzählt Susanna Alakoski von den Problemen einer finnischen Einwandererfamilie im Schweden der 1970er Jahre aus der Perspektive des Kindes Leena. Das Buch wurde u.a. 2006 mit dem Schwedischen Buchpreis ausgezeichnet und hat weltweit einige Resonanz hervorgerufen. Eine deutsche Übersetzung des Buches liegt bereits vor, allerdings gibt es noch keinen Verlag – was sich natürlich durch die Verfilmung ändern könnte. (Nachtrag: Mittlerweile ist das Buch in der edition fünf erschienen!)

Pernilla August hat „Svinalängorna“ („Bessere Zeiten“) im Jahr 2010 mit Noomi Rapace in der Hauptrolle verfilmt, und der Film war bereits auf einigen Festivals zu sehen. Unter anderem hat er in Venedig den Publikumspreis und beim Filmfest Hamburg den Foreign Press Award erhalten. „Beyond“ ist ein berührendes Drama, das die Geschichte der finnischen Familie rückblickend aus der Perspektive der erwachsenen Leena erzählt. Es geht um kulturelle Unterschiede und Vorurteile, aber auch um Armut, Gewalt in der Familie und eine von Abhängigkeiten geprägte Liebe. Nahezu nebenbei thematisiert Pernilla August darüber hinaus, wie sich Gewalt fortsetzen und das Leben eines Kindes noch im Erwachsenenalter bestimmen kann. Eindrucksvoll verkörpert wird die erwachsene Leena von Noomi Rapace, die für mich schon bei den Stieg-Larsson-Verfilmungen der einzige Grund zum Weitersehen war. Aber auch die Entscheidung von Pernilla August, im Vergleich zum Buch eine weitere Perspektive einzufügen, halte ich – ohne das Buch zu kennen – für klug. Denn gerade im Film ist eine kindliche Erzählhaltung oft allzu niedlich und naiv.

Alles in allem war dieser Nachmittag in der Kinobar Prager Frühling ein guter und für einen Blog namens Zeilenkino auch würdiger Abschluss der Leipziger Buchmesse. Nun freue ich mich schon auf Frankfurt – aber als nächstes Ereignis steht erst einmal das Frauenfilmfestival in Dortmund auf dem Programm …

Heinrich Steinfest im Gespräch mit Denis Scheck (c) Sonja Hartl

Heinrich Steinfest, Thomas Glavinic und die Leipziger Buchmesse

Bislang steht diese Buchmesse für mich im Zeichen der Österreicher. Über Clemens Johann Setz habe ich gestern schon geschrieben, Arno Geiger ist ohnehin allgegenwärtig (und sieht sich stets einem nickenden Publikum gegenüber) und die Höhepunkte meines zweiten Buchmessetages verdanke ich ebenfalls zwei Österreichern: Heinrich Steinfest und Thomas Glavinic.

Heinrich Steinfest im Gespräch mit Denis Scheck (c) Sonja Hartl

Besser als mit einem Gespräch von Denis Scheck und Heinrich Steinfest kann ein Tag kaum starten. Sie sprachen bei der ARD über Steinfests neues Buch „Wo die Löwen weinen“, Stuttgart 21 und Engagement, es war witzig, kurzweilig und unterhaltsam. Darüber hinaus hat Steinfest aber unter Beweis gestellt, dass ein Autor zu politischen Themen Stellung nehmen kann, vielleicht sogar sollte. Über sein Buch, das auch den nächsten Beitrag in der Reihe „Steinfest und der Film“ bilden wird, habe ich bereits in dem Blog von LovelyBooks recht ausführlich geschrieben. Daher will ich mich hier kurz fassen: „Wo die Löwen weinen“ ist ein guter, amüsanter und herrlich parteiischer Roman über das mörderische Vorhaben Stuttgart 21.

Thomas Glavinic in Leipzig über "Das Leben der Wünsche" (c) Sonja Hartl

Wer den Tag mit einem österreichischen Autor beginnt, sollte ihn auch mit einem beenden! Daher habe ich mich gegen die dtv-Lesenacht und für die Lesung von Thomas Glavinic entschieden – und ich glaube, es war eine gute Wahl. Obwohl diese Veranstaltung in den wenig gemütlichen Räumen der Buchhandlung Lehmann stattfand und die Stühle viel zu eng standen, waren Lesung aus und Gespräch über „Lisa“ sehr kurzweilig. Besonders bemerkenswert war, dass mir „Lisa“ beim Hören fast besser gefallen hat als beim Lesen. Ich bin zwar alles andere als ein Hörbuch-Freund, aber bei diesem Roman würde ich eher zu dem Hörbuch raten.

Thomas Glavinic nach der Lesung (c) Sonja Hartl

Die Konzeption von „Lisa“ bietet diese Rezeption eigentlich ideal an: Der Roman ist ein Monolog des Ich-Erzählers, der sich in einer Berghütte vor der vermeintlichen Killerin „Lisa“ versteckt. Dort spricht er jeden Abend seine Internet-Radiosendung, um nicht völlig dem Wahnsinn anheim zu fallen. (Auch wenn man das – wie ich unlängst ausgeführt habe – auch anders deuten könnte.) Beim Hören dieses Monologes fallen sofort die Vorzüge auf: der Witz, die kurzweiligen Beobachtungen, der markante Stil. Kritikpunkte rücken hingegen in den Hintergrund, dazu gehören vor allem die kaum ausgeführten Nebenfiguren und die vielen Blindstellen in der Handlung, die durch den Abbruch der Mikrofon-Verbindung hervorgerufen werden. Beim Hören konzentrierte ich mich aber voll auf den Erzähler, so dass mir diese Aspekte weniger auffielen. Dadurch lag meine Aufmerksamkeit auch weniger auf der Krimihandlung als auf den Ansichten des Erzählers. Das hat Thomas Glavinic nach eigenem Bekunden intendiert, allerdings hatten mich beim Lesen vor allem die Auswirkungen des vermeintlich reinem Bösen, das dem Ich-Erzähler begegnet, interessiert. Dem Willen des Autors, der – so sagte er – in seinen Geschichten die Wirklichkeit abbilden wolle, kommt das Hörbuch also näher.

Für den zweiten Buchmesse-Tag war diese Lesung ein runder Abschluss, der dritte Tag wird dann aber ganz und gar unösterreichisch. Dazu aber morgen mehr …

Clemens J. Setz bei der Vorstellung der Nominierten (Belletristik) (c) Sonja Hartl

Leipziger Buchmesse 2011 – Wie mir Clemens J. Setz den Tag verdarb

Clemens J. Setz bei der Vorstellung der Nominierten (Belletristik) (c) Sonja Hartl

Eigentlich, ja eigentlich war mein erster Tag auf der Leipziger Buchmesse gelungen. Die Lesungen waren interessant, die Stände waren gut besucht und alles hat wunderbar geklappt. Wenn da nur nicht die Verleihung des Buchpreises gewesen wäre! Clemens J. Setz hat die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik bekommen. Ausgerechnet Clemens Johann Setz! Fraglos ist er eine hervorragende Wahl. Aber ich arbeitete doch gerade an einem Artikel-Exposé über ihn, getreu des Mottos „er ist ein junger Autor, der trotz „Die Frequenzen“ nicht die Aufmerksamkeit hat, die ihm zusteht“. Und nun? Nun werden sich alle auf ihn stürzen, von der ZEIT über die FAZ bis zur SZ, und meine Idee ist dahin! Jetzt hat er zwar die Aufmerksamkeit, die er meiner Meinung nach verdient. Nur hat mein Artikel damit nichts zu tun.

Der Preisträger bei der Langen Leipziger Lesenacht (c) Sonja Hartl

Dabei war die Entscheidung im Grunde genommen logisch. Schon in den letzten Jahren wurden bei den Preisen der Buchmessen oft Autoren nominiert, die zu jener Zeit „populär“ waren – letztes Jahr in Frankfurt beispielsweise Judith Zander („Dinge, die wir heute sagten“) oder in Leipzig Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“). In diesem Jahr waren es hier vor allem Karen Duwe („Anständig essen“) in der Sachbuch- und Arno Geiger („Der alte König in seinem Exil“) in der Belletristik-Kategorie. Gewonnen hat dann in Frankfurt das Buch, dem die Jury mehr öffentliche Aufmerksamkeit wünscht: Melinda Nadj Abonjis „Tauben fliegen auf“. Der letztjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“. Und nun wurden eben Clemens J. Setz‘ „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ und Henning Ritters „Notizhefte“ (die mir im Vorfeld der Buchmesse vom Buchhändler meines Vertrauens noch als bestes Sachbuch des Jahres angepriesen wurden) geehrt.

Tolle Lesung: Ulrike Almut Sandig (c) Sonja Hartl

Vor allem Setz‘ Roman wird jetzt ein Verkaufserfolg werden – darauf deuten bereits erste Beobachtungen an, die ich gestern gemacht habe. Am Abend besuchte ich die Lange Leipziger Lesenacht, in der 50 junge Autoren in vier Veranstaltungsräumen der Moritzbastei in Leipzig lesen. Sein Kommen hat auch Clemens J. Setz zugesagt, er wollte (bereits) um 19 Uhr aus seinem Buch lesen – die Wahl dieser Uhrzeit macht sehr deutlich, dass er nicht mit einem Gewinn gerechnet hat. Sehr augenfällig war darüber hinaus das Interesse von Leserschaften, die ich vor dem Gewinn eher nicht zu seinem Zielpublikum zählen würde: das gutsituierte und kulturell interessierte Bürgertum wartete ganz gespannt auf den 28-jährigen Autor, viele hatten „Die Liebe des Mahlstädter Kindes“ bereits vor der Lesung käuflich erworben und die häufigste Frage war, ob er wohl signieren werde. Er hat wohl – nur war ich zu dieser Zeit bereits bei der nächsten Lesung der Langen Leipziger Lesenacht. Denn abgesehen von Buchpreis-Trägern gab es dort noch einige weitere spannende Autoren und Autorinnen zu hören: Lena Gorelik beispielsweise oder auch Ulrike Almut Sandig. Vielleicht sollte ich über eine von ihnen einen Artikel schreiben …

(c) Hanser

Thomas Glavinic – „Shining“, „Lisa“ und das Overlook-Hotel

(c) Hanser

Zur Vorbereitung meines Besuchs bei der Leipziger Buchmesse habe ich unter anderem „Lisa“ von Thomas Glavinic gelesen und bin gleich im Umschlagtext über eine denkwürdige Parallele gestoßen. Dort wird aus dem Buch zitiert, dass sich der Ich-Erzähler „wie Jack Nicholson in diesem Film (fühle), wo er durchdreht, allein im Hotel mit der Frau und dem Kind, nur dass hier heißer Sommer ist und keine Frau und ich nicht durchdrehe.“ Denkwürdig ist dieses Zitat nun in dem Sinne, dass ich vor kurzem erst „Gewitter über Pluto“ las, in dem Heinrich Steinfest eine seiner Figuren in die „Timberline Lodge“ reisen lässt. Jenes Hotel, das Vorbild für das „Overlook Hotel“ in dem King-Roman bzw. Kubrick-Film „Shining“ war. Nun ist „Shining“ sicherlich kein filmischer Geheimtipp und auch das „Overlook Hotel“ zählt eher zu bekannten Orten der Filmgeschichte, daher ist es an sich nicht so verwunderlich, dass sich beide Autoren auf dieses Hotel beziehen. Interessant ist aber, welch unterschiedliche Assoziationen in dem Roman damit verbunden sind – und wie verschiedenen dadurch auch die Interpretationen dieser Anspielung ausfallen.

(c) Piper

Für Steinfest ist das Hotel vor allem ein populärer Ort, an dem schon einmal merkwürdige Dinge geschehen sind – und nun wieder stattfinden. Darüber hinaus erweitert Steinfest mit diesem Ort aber auch die Interpretationen für seinen Roman und den Film, indem er mit dem Wahnsinn der Hauptfigur, dem vermeintlich rationalen Erklärungen und Weltsichten spielt. Dazu habe ich gestern einen Beitrag veröffentlicht, deshalb nun zu Glavinic.

Bei ihm liegt der Fall anders: In „Lisa“ verbindet der Ich-Erzähler mit seinem Vergleich weniger den fiktiven bzw. realen Ort, sondern um das Hotel als Sinnbild der Vereinsamung und daraus resultierendem Wahnsinn. Der Ich-Erzähler hat sich mit seinem Sohn aus Angst vor der Serienmörderin Lisa in eine einsame Berghütte zurückgezogen, sein einziger „Kontakt“ zur Außenwelt besteht in der Sendung, die er per Internet überträgt und deren Zeuge wir werden. Aber der Ich-Erzähler ist nicht nur notorisch unzuverlässig, sondern seine Erzählströme reißen aufgrund eines wackligen Mikrofonkabels ständig ab. Dadurch gibt es viele Lücken und Blindstellen in der Erzählung, die der Leser füllen muss. Die Geschichte wirkt – und nicht nur aufgrund des maßlosen Koks- und Alkoholkonsums des Erzählers – wahnhafter, daher schwebt stets die Frage mit, ob der Ich-Erzähler seinen Verstand verloren hat. Zumal es keinen weiteren Zeugen gibt. Sein Sohn, die einzig angeblich anwesende Nebenfigur, tritt kaum in Erscheinung, bleibt blass und wird nicht weiter ausgeführt. Der Ermittler, mit dem er Lisas Taten verfolgt, ist unauffindbar. Selbst das Schicksal der Frau des Erzählers bleibt ungewiss. Daher bleibt der Leser nach dem abrupten Ende mit seinen Interpretationen zurück.

Auch bei „Shining“ gibt es viele Erklärungen für den Jack Torrances Wahnsinn: Einsamkeit, eine dämonische Macht des Hauses, eine Zeitschleife etc. Ist der Erzähler in „Lisa“ ist nun ebenfalls eine Jack-Torrance-Figur, ergäben sich einige Gemeinsamkeiten: Anstatt immer denselben Satz in die Schreibmaschine zu tippen, verbreitet er fast wahnhaft seine Lebensweisheiten. Um seinen Sohn sorgt er sich anfangs, später wird er zunehmend zu einer Belastung. Auch merkt er, dass ihm seine Einsamkeit nicht gut bekommt, er ist aber nicht gewillt, diese Isolation zu durchbrechen. Der Grund wäre einfacher auszumachen als bei Torrance: Vermutlich hat den Ich-Erzähler sein Wissen um den Verlust der Sicherheit und der Existenz des Bösen in den Wahnsinn getrieben. Vielleicht mache ich es mir aber mit dieser Interpretation auch zu einfach. Wäre der Ich-Erzähler nicht wahnsinnig, müsste ich ja die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es derart abgrundtief Böses überhaupt gibt.

(c) Piper

Heinrich Steinfest und der Film, Teil III

Ein Buch, dessen erster Teil mit einem Zitat von Tigger und Ferkel beginnt, hat bei mir eigentlich schon gewonnen. Auch wenn es aus einem Disney-Streifen und nicht dem grandiosen Buch von Alan Alexander Milne stammt. Darüber sehe ich als Pu-rist vor allem deshalb hinweg, weil das Motto des zweiten Teils von „Gewitter über Pluto“ aus dem Buch stammt – und wunderbar dessen Charme widerspiegelt: „Es gibt einen Südpol“, sagte Christopher Robin, „und ich nehme an, daß es auch einen Ostpol und Westpol gibt, obwohl man allgemein nicht gern über sie spricht.“

(c) Piper

Glaubt man Heinrich Steinfest in diesem Buch, gibt es weit mehr Orte, über die man nicht gern spricht. Und womöglich ist er ein Pluto-ist, denn der degradierte Ex-Planet ist in diesem Roman nicht nur im Titel präsent, sondern Auslöser, Kern und Anker der Handlung. Doch zunächst geht es erst einmal um Lorenz Mohn, der den Film zu seinem Beruf gemacht hat, genauer gesagt: Er ist Pornodarsteller. Aber kurz vor seinem 40-jährigen Geburtstag stellt er fest, dass er seinem Leben eine Wendung geben muss. Durch eine Kollegin kommt er auf die Idee, einen Strickladen namens „Plutos Herz“ zu eröffnen. Für sein Vorhaben braucht er aber Geld, welches er sich von der geheimnisvollen Claire Montbard leiht. Sie knüpft an ihr zinsloses Darlehen nur eine Bedingung: Falls er seine Schulden nicht bezahlen kann, muss er auf den Tag genau sieben Jahre nach Kreditaufnahme einem Menschen das Leben retten. Lorenz ahnt nicht, auf wen er sich da eingelassen hat – und Heinrich Steinfest entführt seine Leser in einen wahrlich fantastischen Roman.

Literarische Anspielungen gibt es haufenweise. Ein Killer trägt einen Gedichtband von Wystan H. Auden bei sich, die Romanfiguren sinnieren, was wäre, wenn sie Romanfiguren wären – und es gibt ein Wiedersehen mit zahlreichen alten Bekannten: der griechische Ermittler Stavros Stirling aus der „feinen Nase der Lilli Steinbeck“ tritt in Erscheinung und führt den Roman sogar fort. Darüber hinaus erfährt man mehr über die Pensionswirtin aus „Mariaschwarz“, selbst auf den Lottogewinn aus „Der Umfang der Hölle“ wird angespielt. Für Steinfest-Leser wie mich ist das höchst amüsant – und verlockt dazu, manche Bücher noch einmal zu lesen.

Filmisch stehen vor allem Science-Fiction- und Mystery-Filme im Vordergrund, namentlich die „Alien“-Streifen oder auch „Der Schrecken der Medusa“. Darüber hinaus spielt aber das Overlook-Hotel aus „Shining“ eine wesentliche Rolle. Von dort aus soll eine Gruppe Außerirdischer – und unter ihnen der als Erzähler fungierende Klaus Soonwald – die Heimreise antreten, obwohl es unvorstellbar erscheint, dass dieser touristische Anziehungspunkt als „Startrampe“ ausgewählt wurde. Dieser vermeintliche Ausgangsort ist aber mehr als eine bloße Referenz an den Film. Als er „Shining“ erneut sieht, fällt Soonwald am Ende des Films ein Foto aus dem Jahr 1921 auf, das einen Mann zeigt, der identisch mit Jack Torrance scheint – also jener gerade dem Wahnsinn verfallenen Hauptfigur. Durch diese Beobachtung erweitern sich die Interpretationsräume sowohl für Kubricks Film als auch Steinfests Roman: In der Gewitter-Pluto-Welt ist es somit möglich, dass alles nur stattfindet, weil jemand den Verstand verliert – und insbesondere am Ende des Romans scheint es nicht mehr ausgeschlossen, dass zumindest eine Figur dem Wahnsinn anheimfällt. Aber auch „Shining“ erhält dadurch eine Science-Fiction-Note: Vielleicht ist ja auch Jack Torrance ein Außerirdischer, der schlichtweg so langsam altert, dass es den Menschen nicht auffällt. Eine amüsante Interpretation des Kubricks-Streifen (der übrigens morgen auf ARTE erneut ausgestrahlt wird) ist es allemal – auch wenn eine Zeitschleife als Erklärung selbstverständlich naheliegender ist.

Im Hinblick auf die Beziehung zwischen Steinfest und dem Film fällt aber vor allem auf, dass die Konnotationen der jeweiligen filmischen Motive eine größere Rolle spielen als noch in seinen früheren Romanen. Noch deutlicher wird es in seinem aktuellen Roman „Wo die Löwen weinen“ – der im vierten Teil vorgestellt wird!

(c) Piper

Heinrich Steinfest und der Film, Teil II

(c) Piper

Müsste ich die Heinrich-Steinfest-Romane in eine Rangliste bringen, gäbe es zwei Spitzenreiter: „Ein dickes Fell“ und „Mariaschwarz“. In beiden Romanen werden Steinfests Vorzüge deutlich: In „Ein dickes Fell“ ist es sein episches, sein ausuferndes Erzählen, ja, seine Blick für die alltäglichen Kleinigkeiten. Bei „Mariaschwarz“ begeistert mich das Gegenteil, er ist für Steinfest ungemein konzentriert. Ohnehin ist Steinfest für mich immer dann am besten, wenn er sich auf die Fixpunkte seines Roman-Kosmos – Stuttgart und Wien – konzentriert.

In „Mariaschwarz“ ist es das österreichische Bergdorf Hiltroff, in dem der mysteriöse Vinzent Olander seit drei Jahren verharrt. Keiner der Dorfbewohner weiß, warum er ausgerechnet an diesem Ort bleibt, aber sie kümmern sich auch nicht weiter um ihn. Olander hat feste Gewohnheiten, so trinkt er jeden Tag in gleicher Reihenfolge zwei Gläser Portwein, Fernet Branca Menta, Quittenschnaps und einen bestimmten Whiskey. Diese Getränke nimmt er immer in der Kneipe von Job Grong zu sich, mit dem er die perfekte Gast-Wirt-Beziehung führt. Bis Grong ihn eines Tages vor dem Ertrinken rettet und daraufhin mehr aus dessen Leben erfährt als ihm lieb ist. Es stellt sich heraus, dass Olander überzeugt ist, seine unter ungeklärten Umständen verschwundene Tochter in Hiltroff zu finden. Wenig später wird im titelgebenden See Mariaschwarz ein Skelett gefunden und Kommissar Lukastik übernimmt die Ermittlungen in diesem Fall. Spätestens dann ist es mit der Idylle endgültig vorbei.

(c) Piper

Die ganze Situation in „Mariaschwarz“ hat Ähnlichkeiten mit Dürrenmatts „Das Versprechen“, wenngleich der Ort ein deutlicher Verweis an Thomas Bernhard ist – dessen Werk folglich einen wichtigen Hinweis liefert. Aber die Tote im See lässt noch eine weitere Parallele deutlich werden: zu Raymond Chandlers „Lady in the Lake“. Die Verfilmung dieses Krimis ist in die Geschichte eingegangen, weil der Regisseur Robert Montgomery versuchte, die Ich-Perspektive des Romans in den Film zu adaptieren. Erzählerisch setzt Steinfest andere Akzente, er lässt seine Figuren über ihr Dasein sinnieren, spielt auf fremde, aber auch auf die „Cheng“-Romane an, auf „Lilli Steinbeck“ und „Nervöse Fische“. Der Chandler-Verweis hängt indes nicht nur mit dem Whiskey-Konsum des Vincent Olander zusammen, sondern deutet auch schon das zukünftige Dasein von Lukastik an.

Einen wichtigen Hinweis für den Fall liefert hingegen der Film „Flight Plan“, den Kommissar Lukastik zufällig sieht. Dort behauptet eine Mutter (Jodie Foster) während eines Fluges, ihre Tochter sei verschwunden. Aber die Anwesenden behaupten, sie hätten kein Kind gesehen. Es geht in dem Film um Spuren, Behauptungen und vermeintlich objektive Beweise. Im Roman ist Olander stattdessen von der Existenz seiner Tochter derart überzeugt, dass er noch nicht einmal einen verschmierten Händeabdruck am Fenster als Bestätigung benötigt. Gerade dieser Glaube an sich beeindruckt Kommissar Lukastik, der ohnehin hat seit „Nervöse Fische“ eine erstaunliche Wandlung vollzogen hat. Mittlerweile glaubt er an Rätsel und fühlt sogar eine „Art Jediritter-Macht“, die ihm indirekt selbst in der Liebe ein Happy End finden lässt.

Auch wenn Lukastik an einer Stelle das zu befürchtende Ende des Romans eher eines Filmes mit Michael Douglasfür würdig hält – was offenkundig alles andere als eine Auszeichnung ist –, hat mich der Ausgang überzeugt. Über Seiten habe ich mit mir spielen lassen, ich habe Indizien gesammelt, nach Erklärungen gesucht und selbst auf Kleinigkeiten geachtet. Letztendlich aber habe ich wie vermutlich fast alle anderen Leser dieser Romans festgestellt, dass in einem Roman von Heinrich Steinfest – und auch wenn diese Anspielung für alle, die den Roman nicht kennen, äußerst kryptisch ist – meist die Löcher entscheidend sind.

Im dritten Teil folgt Steinfests „Gewitter über Pluto“!

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Heinrich Steinfest und der Film, Teil I

Halte ich Heinrich Steinfest für einen der besten deutschsprachigen Kriminalschriftsteller? Ja! Schätze ich sein Sprachtalent, seine Vergleiche und Abwägungen? Klar! Aber das alles hat wenig mit einem Blog zu tun, der im Untertitel den Satz „Wo Film und Literatur sich treffen“ trägt. Hier gehört etwas ganz anderes hin, nämlich: Heinrich Steinfest und der Film.

Als ich jetzt einige seiner Bücher in Vorbereitung eines Artikel-Exposés nochmals las, hat sich mir dieses Thema geradezu aufgedrängt. Seine Romane sind voller Anspielungen und Bezüge zu Filmen – das ist mir vorher gar nicht so stark aufgefallen. Zumal sich diese Anspielungen nach meinen Empfindungen in den neuen Büchern häufen.

(c) Piper

Grundsätzlich ist bei Heinrich Steinfest eine „filmische Sozialisation“ zu erkennen, ein Roman wie „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ scheint mir ohne James Bond – und natürlich Star Trek – kaum vorstellbar. Ebenso selbstverständlich wie er Zitate aus der Literatur in das Geschehen einflicht, spielt er auf Filme an. Sehr schön wird dieses Verfahren in „Nervöse Fische“ deutlich. Hier wird ein Mann im Pool auf dem Dach eines Wiener Hochhauses von einem Haifisch tot gebissen aufgefunden. Das Mordmotiv hängt aber – ohne zuviel zu verraten – sowohl mit Hölderlin als auch mit Luc Bessons „Im Rausch der Tiefe“ zusammen. Und wenn Kommissar Lukastik seinen Chef in einem völlig unvermuteten Zusammenhang sieht und dies als eine „Szene wie aus einem Hitchcock-Film, wenn der Meister höchstpersönlich auf der Leinwand erscheint“ empfindet, dann ist es deshalb komisch, weil Major Alberich alles andere als meisterhaft ist. Wie auch der Erzähler unmittelbar danach feststellt. Aber zunächst wirkt es alleine auf den Leser.

In dem ein Jahr später erschienenen Roman mit dem programmatischen Titel „Der Umfang der Hölle“ erinnert nicht nur mich der wahnwitzig tollkühne Eingriff von Leo Reisiger an Mr. Moto (und damit an Peter Lorre, mir als Kindermörder aus „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ noch bestens in Erinnerung). Alleine die Fahrt des „Connery-Typs“ Reisiger zu dem Schloss des Verhaltensforschers Bobeck, dessen Frau er gerettet hat, ist voller Anspielungen auf Filme: Gedanken über einen durchlässigen Stoff führen zum Duschvorhang aus „Psycho“, die Begegnung mit dem hollywoodmäßigen Schutzengel und die geheimnisvollen Vorgänge im Zug erinnern gleich an eine Vielzahl von Agenten- und Spionagefilmen. Dabei sind diese Anspielungen aber alles andere als platt, sondern Reisigers Überlegungen entsprechend, dass ein „gewiefter Erzengel (…) nicht wie Robert de Niro oder Gustav Gründgens durch die Gegend lief und die Intelligenz der Leute beleidigte, indem er Deals anbot, von denen man ja annehmen konnte, daß sie über einen beträchtlichen Haken verfügten.“ Und dabei ist noch nicht einmal Reisiger der Filmfreund, sondern seine Frau ist Cineastin und Kinokritikerin, gleichwohl tritt sie erst spät im Roman direkt in Erscheinung.

(c) Piper

Auch andere Motive sind offensichtlich: Allein die Sternwarte ist nicht nur Reisigers Leidenschaft für den Mond geschuldet, sondern auch ein beliebter Drehort in Filmen von „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ bis hin zu „Goldeneye“. Und wenn sich Reisiger wie eine Figur aus einer „Zauberberg-Verfilmung“ fühlt, die sich vor dem „Hintergrund einer Die-Hard-Episode“ bewegt, dann ist das eine schöne Ironie, dass John McLane bislang auf keiner Ölbohrinsel war – im Gegensatz zu dem Bruce-Willis-Ersatz Steven Segal. Aber jeder Leser weiß, warum die Romanfigur diesen Vergleich zieht, der zudem trefflich mit den verschiedensten Genres spielt – und hervorragend zu dem sehr Steinfestschen Ende des Romans passt.

Im zweiten Teil: „Mariaschwarz“